Freitag, 30. März 2018

Musik! Dystopie! Charts!

Ich war gestern mutig und habe mich durch die Top 20 der deutschen Charts gehört. Das erste Mal seit gefühlt 10 Jahren. Es ist natürlich leicht, gerade wenn man ein kleines winziges bisschen älter ist und lange in der Musikbranche gearbeitet hat, über aktuelle Musik zu lästern. Weil früher ja alles besser war. Das ist natürlich Quatsch. Die Sachen aus den 80er und 90er Jahren, die es in die Charts geschafft haben, waren oft genauso schrottig. Ganz speziell in den 90er Jahren. Von wegen Krimestechno usw. Aufgefallen ist mir allerdings, dass von 20 Stücken vielleicht drei musikalisch etwas anderes machen. Den Rest kann man nicht voneinander unterscheiden.

Natürlich werden Erfolgsrezepte immer kopiert. Natürlich gibt es Phasen, in denen Musiker einen bestimmten Sound produzieren müssen, damit sie in die Charts kommen. Das war schon immer so. Siehe Rock ’n Roll in den 50er, Beatles-Sound in den 60ern, Glam Rock in den 70ern usw. Aber das die Eintönigkeit sich derart verbreitet, ist zumindest mir neu. Auch in den tieferen Position der Charts findet sich eigentlich nichts, was irgendwie dramatisch anders klingen würde. Erstaunlich. Ach ja, ich fand R’nB schon Ende der 90er öde. Nur so zur Info.

1. Olexesh - Magisch
Die erste Frage: Wie spricht man den Namen aus? Olegsch? Oh lecksch? Ansonsten: keine Überraschung. Ein Schlager. Also vom Text her. Natürlich nicht von der Musik her. Das ist der übliche 2000er R’n B Müll. Aber Roland Kaiser oder Howard Carpendale hätten daraus einen 1a Schlager gemacht. Und nix gegen Howie, den habe ich mal mit seiner 20köpfigen Band live gesehen. Nicht meine Musik, aber fantastische Show für Zielgruppe. Wo war ich? Ach ja. Olexesh. Ne, dann lieber Howie. Der hatte ein zweistündiges Konzert hingebrettert und seine Fans nass nach Hause geschickt und dann kam er 15 Minuten nach dem Konzert noch mal raus und hat 20 Minuten lang Autogramme geschrieben. Profi.

2. Marshmellow - Friends
Netter Rhythmus, die Stimme der Dame ist ebenfalls nicht schlecht. Schöne Anleihen aus den 80ern beim Grundbeat, ein bisschen 90er, ansonsten ein bisschen der übliche 2000er R’n B Müll. Erträglich.

3. Drake - Gods Plan
Ja. Ne. Ich kann die zu hochsitzende Unterhose schon sehen wenn ich nur das Stück höre. Nicht mal erträglich nach zwei bis acht Joints. Oder vielleicht dann schon. Keine Ahnung, was der junge Mann da singt. Bad Things erwähnt er. Ansonsten: der übliche 2000er R’n B Müll. Schnell vergessen.

4. Rudimental - These Days
Klingt so ein bisschen, als hätte die Kelly Family eine Beatmaschine entdeckt, einen Gospel Chor entführt und das alles auf einem Schiff eingekerkert. Gospel ist ja eigentlich toll, aber hier leider nicht.

5. The Chainsmokers - Sick Boy
Soweit ist es also. Wenn man sich einen Bandnamen ausdenkt, mit dem die Kinder zu Hause die Eltern so richtig schocken können, dann nennt man sich „Chainsmokers“. Was war so schlecht an „Peace, Love & Pitbulls“ oder „Eisenpimmel“? Und was kommt dieser Tage als nächstes? „The Gluten Lovers“? Ach so, das Lied. Ja. Klingt eigentlich wie die anderen vier davor. Der übliche 2000er R’n B Müll

6. Ramz - Barking
Mir fällt dazu überhaupt nichts ein, so schlecht ist es. Also erwähne ich an der Stelle mal, dass ich wegen Shaun Ryder (Charlatans) in Hamburg aus einer Strip-Bar geflogen bin? Weil Ryder (den ich zu betreuen hatte) quer über den Tisch und die Kellnerin gekotzt hatte.

7. Dua Lipa - IDGAF
Oh, da steht „Explicit“ als Warnung dran. Da bin ich mal gespannt. Und ja, der übliche 2000er R’n B Müll. Warte noch auf das explizite. Hah! Da war es. „Don’t give a fuck“ wurde gesungen. Das fasst ziemlich genau meine Einstellung zu diesem Stück zusammen.

8. Post Malone - Psycho
Nettes Intro. Für 5 Sekunden. Weckte kurz mein Interesse. Dann: der übliche 2000er R’n B Müll. Kann das sein? Die gesamten Top Ten der übliche 2000er R’n B Müll? Irgendwie entwickelt sich dieses Experiment zu einer schrecklich wahr gewordenen Dystopie.

9. Zedd - The Middle
Aha. Mal ein bisschen was anderes. Also natürlich der übliche 2000er R’n B Müll samt Autotune Stimme. Aber irgendwie besser produziert, netter Sound, nette Breaks. Ganz netter Popsong. Kann man machen, auch wenn ich jetzt persönlich nicht mag. Aber verstehe, warum der Song in den Charts ist.

10. Bausa - Was Du Liebe nennst
Schlager. Habe ich schon vermisst. Natürlich nennt das heute keiner Schlager. Immerhin wird hier von gemischten Gin Tonic gesprochen. Man trinkt also noch, das ist beruhigend. Und der junge Mann disst im Song Drake (siehe oben). Das macht ihn sympathisch. Der Song ist natürlich der übliche 2000er R’n B Müll. Aber auch hier nachvollziehbar, warum der mit dem Text (Liebe usw.) in den Charts ist.

11. Sean Paul - Mad Love
Oha. Ragga. Lange nicht mehr gehört, muss ich sagen. Ich mochte diesen Deep Root Ranga Was das natürlich bei weitem nicht ist. Das ist Ragga wie ihn sich ein Sparkassen Angestellter aus Lüdenscheid vorstellt. Aber brauchbarer Song. Nix neues, hat es alles schon drölfzig mal gegeben. Aber nach dem ich gerade 10 mal den üblichen 2000er R’n B Müll gehört habe, freuen sich meine Ohren über was anderes.

12. Tom Walker - Leave a light on
Ein Brite? Ich vermute. Ein Liebeslied, ziemlich sicher. Der junge Mann lässt auf jeden Fall das Licht an. Also im Song. Das ist ja schon mal nett. Ebenso seine Stimme. Bin sogar leicht beeindruckt. Da steckt Potenzial drin. Nicht im dem Song, 08/15 Ware, hört man pro Jahr mindestens einmal. Aber die Stimme halt.

13. David Guetta - Like I do
Den kenne ich! Also den Namen. Der erste Künstler, dessen Name ich schon mal gehört habe. Natürlich ist Guetta totaler Schrott. Ein Musik gewordener Kindergeburtstag auf Kokain aus den 90ern.

14. Azet - Kriminell
Aha. Jungs aus der Hood. Klinge am Hals der Bitch, und so. Angedeuteter Ragga. Ich weiß nicht, ob mir schlecht ist, oder ob ich lachen soll. Das hat man ja auch selten, dass man gleichzeitig kotzen und lachen muss. Geht das überhaupt? Wenn ich das Ding noch 10 Sekunden weiter höre, könnte ich rausfinden, verzichte aber.

15. Jax Jones - Breathe
Ach ja, gar nicht so schlecht. Eingängiger Popsong. Kann man schön zu putzen, nehme ich an. Kann ich nichts schlechtes zu sagen. Einfach ein klassischer Song für die Charts. Guter Sound, nette Hookline.

16. Ed Sheeran & Eminem
Kenne ich auch! Beide! Das ist aber ungefähr die unerwarteteste Kombination zweier Künstler, seit dem Freddie Mercury mit Monserrat Caballé zusammen „Barceloooooonaaaaaa“ gesungen hat. Song - naja. Nicht schlecht. Ein bisschen wie ein geschmackloser Tee, den man sofort wieder vergisst, nachdem man ihn getrunken hat.

17. Niki Jam - X
Ist das Spanisch? Ich glaube ja. Raggamuffin, again. Auf spanisch. Macht es auch nicht besser. Aber klingt immerhin mal anders. Erinnert mich ganz, ganz am Rande an Manu Chao. Jetzt nicht mal unbedingt schlechter, so von der Stimme her. Vom Song allerdings schon. Klingt so wie eine schlechte Band, die auf Hochzeiten spielt und sich vorgenommen hat jetzt mal was eigenes zu machen.

18. Shawn Mendes - In my blood
Oh, eine elektrische Gitarre. Die man hört. Na sowas. Und ganz okayer Song. Baut sich schön auf, netter Refrain. Und halt eine Gitarre. Kann man aushalten. Ist halt Pop. Mir sagte Ian Broudie von Lightning Seeds mal, dass ein guter Popsong vor allem einen guten Refrain braucht. Damit könne mal alles verkaufen. Stimmt offenbar immer noch.

19. Rooz - Immer wieder
Musste ich mir das Video anschauen, weil es auf Spotify nicht vorhanden war. Mensch am Swimming Pool. Vermutlich Mallorca. Im Hintergrund sitzen Menschen rum, wobei unklar ist, ob die jetzt dazu gehören, oder einfach nur Staffage sind. Ach ja. Die Musik. Keine Überraschung, wenn ich jetzt "der übliche 2000er R’n B Mül“ schreibe.

20. Justin Timberlake - Say something
Den kenne ich natürlich auch. Der hatte sogar mal einen Song, den ich ganz gut fand. Produktion dieses Liedes ist natürlich 1a, kann man nicht meckern. Ansonsten bedient er halt das, was man im Moment offenbar gerne hört. Etwas komplexer, da hat sich einer beim komponieren auch Gedanken gemacht. Nicht zwingend mein Geschmack, aber beleidigt einen auch nicht. Und der einzige Song, der über 4 Minuten ist. Auch selten sowas.

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Dienstag, 27. März 2018

Hamburg vs. Berlin (mit Video)

Ich habe ja sechs Jahre in Hamburg gelebt und bin da nicht wirklich heimisch geworden. Weil mir alles zu distanziert war. Die Menschen vor allem. Das war ich, als als geborener Rheinländer, nicht so richtig gewöhnt.

Es gab in den 90ern eine Zeit, in der Hamburg "die" Stadt war. So in Sachen Musik und Kunst. Damals war ich kaum 30 und ich war heiss auf Hamburg. Mitte der 90er war Hamburg die Stadt "to be". Weit vor Berlin. Ich habe damals einen Job als Leiter des Büros von Sony/Columbia gehabt und ich habe es geliebt. Einerseits. Anderseits habe ich habe damals für einen Moment das Gefühl gehabt, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben und die Trennung von ihr was bisher die einer der schwereren Momente meines Lebens. Das gilt bis heute. Alles in allem war Hamburg also eher Scheiße. Insgesamt. Weil die Leute scheisse waren.

Ich habe immer gesagt, dass ich Hamburg super finde, wenn es die Hamburger nicht geben würde. Weil die mit ihrem Sein als "Hamburger" alles kaputt machen. Weil die Reeperbahn und die Schanze nur eine Fassade sind für die eigentlich extrem konservative und fürchterlich inklusive Grundhaltung. Wenn man nicht gebürtig aus Hamburg ist oder das gebürtige angenommen hat, ist man draussen. Deswegen mögen sich die Hamburger und die Menschen aus München auch so. Schein statt sein ist beiden Städten eher wichtig.

Weil sie eine kompatibele Lebens- und Denkweise haben ist München so nahe. Und deswegen mögen Hamburger und Münchner die Leute in Berlin nicht. Weil Berlin für das krasse Gegenteil steht. Selbst heute noch. Dafür sind sich die Kölner und Berliner emotional nahe weil sie gleiche "Leck mich am Arsch" Einstellung zu vielen Dingen im Leben haben. Vor allem, wenn es um ihr eigenes Leben geht. Weil es in Berlin egal ist woher du kommst, wie alt Du bist und was Du machst. In Hamburg wird das alles bewertet und wenn Du aus dem Raster rausfällst, dann ignoriert man dich. Das würde in Berlin oder Köln nie passieren. Wo Hamburg einen nach dem gesellschaftlichen Status bewertet, gilt in Berlin und in Köln einfache Frage. "Bist du ein Arschloch, oder nicht". Egal wie alt Du bist, egal was du beruflich machst. Wenn du ein 60jähriger Lebenskünstler bist, kannst Du in Berlin auf jede Party gehen und Spaß haben. In Hamburg bist du dann entweder ein Künstler (für diese Bewertung muss man allerdings 20 Jahre im Underground gearbeitet haben) oder du bist ein arbeitsloser Penner, der nichts erreicht hat.

Unbenommen von all diesen Dingen gibt es ein Stück, dass vermutlich in 100 Jahren immer noch eine Hymne für die Stadt Hamburg ist. Weil sie in allen Einzelheiten stimmt. Kaum ein Lied hat Hamburg und Sehnsucht nach dieser Stadt, die ich, trotz all der Scheisse, manchmal immer noch habe, so genau beschrieben. Und manchmal singe ich leise den Refrain, wenn ich meiner Lieblingsstadt Berlin in der U-Bahn sitze.

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Sonntag, 4. Februar 2018

Athen

"Athen ist natürlich ganz anders, aber im Moment gerade so ein bisschen das Gegenteil von Berlin", sagte mir Y., zwischen zwei Schluck Rotwein. „Hier kann man halt superbillig und gut leben, Mietwohnungen kosten quasi nichts und Vermieter laufen einem hinterher, wenn man was sucht. Dafür bekommt man keinen Job und wenn man einen hat, verdient man kein Geld damit.“ Y. pendelt, wie viele Kreative, zwischen Athen und Berlin hin und her. Je nach dem, wo der freie Autor gerade einen Job hat. Und damit hat er Athen schon ganz gut zusammen gefasst.

Athen befindet sich in einem nur langsam abklingenden Schockzustand. Seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise um 2009 rum hat sich das Land nicht wirklich erholt. Ein kurzer Spaziergang durch die Stadt macht das deutlich. Etliche geschlossene und verfallene Geschäfte, einige leerstehende und verwahrloste Mietshäuser, selbst in der Innenstadt. Die Infrastruktur hat bessere Tage gesehen. Altbauten verfallen, Plätze werden nur minimal gepflegt. Ein bisschen wirkt Athen auf den ersten Blick wie der auf die schiefe Bahn gekommene Bruder von Barcelona.

Aber das ist natürlich nur eine Seite Medaille. Unter der vermeintlich etwas mitgenommen Oberfläche breitet sich dafür eine interessante und vielfältige Kreativität aus. Ich habe selten so viele interessante und gute Graffiti in einer Stadt gesehen. Die bleiben teilweise auch deswegen, weil die Stadt einfach kein Geld hat, sie wieder weg zu machen, dafür breitet sich in der Stadt ein ganz eigener Style aus. Es gibt es viele kleine Kneipen, in denen sich Künstler treffen, lustigerweise gerade in so Vierteln wie Psyri. Das liegt am Fuß der Akropolis, nahe der „Flohmarkt“ titulierten Touristenfalle an der U-Bahn Station Monstiraki. Tagsüber sind hier auch viele Touristen, Abends übernehmen die Griechen Psyri, das vollgestopft ist mit Kneipen. Die sind nicht gerade billig (großes Bier 0,4l = 5 Euro), aber das stört hier auch keinen.

„Warum sollte man aufhören Spaß haben?“, meinte meine Gastgeberin. „Die Athener haben eine Menge durchgemacht und sich an die Lage gewöhnt. Irgendwann hat man keine Lust mehr jeden Cent für Rechnungen auszugeben, also geht man was trinken. Wird schon gut gehen.“

Wenn man ausgeht spürt man die Lust der Menschen am Leben. Man spürt die Kreativität, die die Krise herausgefordert hat. Denn ohne kann man hier nur schlecht überleben. Man spürt auch, dass die Künstler und Kreativen (meine Gastgeberin ist Kamerafrau und dreht Kinofilme) durch die massiven Kürzungen des Kulturbudget arge Probleme haben. Andererseits stimmt halt auch der alte Spruch, dass die Not wiederum andere kreative Kräfte freisetzt. Die Kunstszene lebt, vibriert und macht halt einfach viel in Eigenregie. Eintritt zahlt man selten, dafür säuft man halt ein bisschen mehr an der Bar.

In den vollen und lauten Kneipen und Pop-Up Galerien in irgendwelchen Abbruchhäusern merkt man nichts von der Krise. Wohl aber, wenn man in ruhigeren Läden mal mit ein paar Athener in der Ecke sitzt. Die Themen Job, Geld, Europa und Deutschland (bzw. Merkel/Schäuble) tauchen unwiderruflich auf. Wenn man sich daran abgearbeitet hat, dann folgt meist ein „Ach, wird schon“. Die Athener haben ein dickes Fell. Zwangsweise.

Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass sich der Schock über die Wirtschaftskrise und deren Folgen immer noch auf das Gemüt der Griechen legt. Was verständlich ist. Die Auswirkungen der Krise ziehen sich durch alle Schichten. So berichtete mir jemand von einer Bekannten, die von ihrem Vater etliche Wohnungen gerbt hatte. Vor der Krise kam sie durch die Mieteinnahmen auf ein Einkommen von mehr als 7.000 Euro. Jetzt seien es nur noch 1.500 Euro. „Die Wohnungen stehen leer, weil keiner Geld hat,“ so der Erzähler. Man kann sich vorstellen, was die Krise mit jenen gemacht hat, die schon vor 2010 gerade so über die Runden kamen.

Das hat aber überhaupt nichts an der Herzlichkeit der Menschen verändert. Im Gegenteil. Es scheint fast so, als haben die Griechen der strengen Austeritäts-Politk der EU und des IWF einen fast trotzigen Sozialismus entgegen gestellt. „Wenn Dein Leben von neoliberalen Kapitalisten bestimmt wird, dann muss man sich wehren“, sagte mir ein Freund meiner Gastgeberin. Gegenseitige Hilfe, Selbstorganisation und ein bisschen Beschiss dem Staat gegenüber sind drei sehr wirkungsvolle Waffen der Griechen. Als ich in Athen war machte gerade die Geschichte von Arbeitern aus Thessaloniki die Runde, die seit Jahren ihre alte Fabrik mehr oder weniger besetzt haben und dort in Eigenregie Seife produzieren. Der Besitzer der Anlage will das nun beenden, was zu großer Empörung geführt hat.

In den paar Tagen, in denen ich da war, habe ich mich nie als Tourist gefühlt, den man etwas mehr abluchsen kann. Ein Beispiel: Ich hatte meinen Barttimmer vergessen und wollte einen neuen kaufen. In einem Geschäft nahe des Athener Marktes sah ich einen im Schaufenster eines kleinen Elektromarktes. Der Inhaber sprach ein bisschen Englisch und fragte, ob ich lange bleiben würde. „Nur ein paar Tage,“ antwortete ich, worauf er meinte „Ach, dann ist der viel zu teuer. Ich habe hier irgendwo einen einfachen, kleinen Trimmer, der reicht doch auch. Kostet 8 Euro.“

Egal, wo ich war. Ob ich mit Händen und Füssen versuchte zu erklären, was ich in einem Laden wollte, oder ob ich ratlos irgendwo rum stand - jederzeit reagierte man zutiefst freundlich und herzlich. Da ich ja nun ein bisschen in der Welt rumkomme und einiges erlebt habe, kann ich wohl sagen, dass ich das in der Art wirklich selten erlebt habe.

Athen mag einem von außen laut, chaotisch, ruppig und ein bisschen runtergekommen erscheinen. Aber dahinter verbirgt sich eine grandiose Offen- und Herzlichkeit. Der Stolz der Griechen mag angeknackst sein, aber er ist nicht gebrochen. Und wenn sich das Land sukzessive in den nächsten Jahren erholt, dann wird Athen eine der spannendsten Städte in Europa sein.

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Donnerstag, 8. Juni 2017

Roger Waters - Is This the Life We Really Want?

Fear, fear drives the mills of modern man
Fear keeps us all in line
Fear of all those foreigners
Fear of all their crimes
Is this the life we really want?

Roger Waters ist ein Besessener. Klar. Jemand, der seine Kindheit, seine Therapien und seine Ängste 16 Jahre lang innerhalb einer Band ausgelebt und bombastisch in Alben öffentlich gemacht hat, ist besessen. Nach dem Bruch mit Pink Floyd hat seine Besessenheit nicht nach gelassen, wohl aber sein musikalischer Output. Aus parallel zum „The Wall“ Album entwickelten Material bastelte Waters 1983 "The Pros and Cons of Hitch Hiking“. 1987 folgte das stark vom Thatcherismus der 80er geprägte "Radio K.A.O.S.“.

1992 folgte dann „Amused to Death“, sein bisher vielleicht bestes Solo-Album. Er packt seine Gesellschaftskritik rund um die Geschichte von Billy Hubbard, einem Soldaten des Ersten Weltkriegs, der im Kampf fiel. Das ganze Thema Krieg (erster Irak-Krieg) TV und Demokratie arbeitet Waters in einer musikalischen Orgie auf, perfekt aufgenommen mit einer ganzen Armada von Stars als Gastmusikern. „Amused to Death“ ist auch 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein Statement, eines der besten Alben der 90er Jahre und bis heute sind die meisten Texte, trotz Internet und den veränderten sozialen wie politischen Umständen, zeitlos geblieben.

Und dann - 25 Jahre nix, außer einer Oper. Und natürlich unzähligen „The Wall“ Touren. Von irgendwas muss der Mann ja leben.

Roger Waters wird dieses Jahr 74 Jahre alt. Das ist jetzt nicht gerade jung. In dem Alter verzettelt sich so mancher Star in sein Alterswerk. Um so erstaunlicher ist dann dieses neue Album, weil es genauso von seiner Besessenheit und seinem Zorn lebt, wie bei „Animals“ oder wie beim sehr politischen „Final Cut“ vor 34 Jahren. Vielleicht hat sein Alter ein bisschen was abgemildert, aber viel war es nicht. Waters nimmt sich in dem 60minütigen Album alle und alles vor. Die Imperialisten, die Neoliberalen, die Lügner, die Klimavergifter, die Reichen, den Krieg der Dronen, die Terroristen und die gesamte Menschheit.

And every time a student is run over by a tank
And every time a pirate’s dog is forced to walk the plank
Every time a Russian bride is advertised for sale
And every time a journalist is left to rot in jail
Every time a young girl’s life is casually spent
And every time a nincompoop becomes the president
Every time somebody dies reaching for their keys
And every time that Greenland falls in the fucking sea is because
All of us, the blacks and whites […]
(er zählt da noch weitere auf)

Wie immer, wenn man ein Album von ihm hört, schwingt da eine Menge Pathos mit. Waters gibt es nicht ohne Pathos, ohne den „Da, schau hin“ Anspruch. Der ist etwas aus der Mode gekommen. Vermutlich, weil Roger Waters und viele andere recht damit haben, wenn sie sagen, dass man es nichts mehr sieht, nichts mehr sehen will, weil man nichts mehr sehen kann. Weil die Bilder von verhungernden Menschen, an Stränden angeschwemmten Kinderleichen und plattgewalzten oder in die Luft gesprengten Gliedmaßen uns einfach nicht mehr erreichen können. Weil wir abgeschaltet haben. Um selber weiterleben zu können. Aber anklagender Pathos ist unbequem, weil er daran erinnert, dass man ja selber auch nicht immer viel besser ist.

And if I were a drone
Patrolling foreign skies
With my electronic eyes for guidance
And the element of surprise
I would be afraid to find someone home
Maybe a woman at a stove

Einfach macht es einem Roger Waters mit dem Album inhaltlich also schon mal nicht. Und musikalisch?

Waters bleibt auch hier seiner Linie treu. "Is This the Life We Really Want?“ vereint die Pink Floyd der späten 70er und die letzten beiden Solo-Alben von ihm selber. Manche Stücke klingen nach „Oh, das könnte jetzt auch von „Dark Side…“ kommen, manche von „Amused to Death“. Und „Bird in a Gale“ könnte ein Stück von „Animals“ sein. Langweilig werden die Zitate nie. Vielleicht, weil sich Waters hier und da auch woanders bedient. Ein bisschen Jeff Beck, ein bisschen Thom Yorke, aber das ist auch kein Wunder, produziert wurde das Album von Nigel Godrich, der wiederum etliche Alben von Radiohead produziert hat.

Das klingt also alles irgendwie ein bisschen bekannt, vor allem das Piano von Waters, manche Riffs und hier und da meint man sogar doch den Einfluss von Gilmore zu hören, auch wenn der gar nicht bei der Aufnahme mitgewirkt hat. Aber Waters verzichtet, anders als bei Pink Floyd oder „Amused to Death“ auf zu viel Bombast. Doch, ja, den kann man hier und da auch hören, aber nur als Andeutung. Wo er früher sich und seine Zuhörer in lange Soli entführte, bricht er heute mit leisen Tönen ab. Fast so, als ob die Musik nicht ablenken soll von den Texten, die vor Metaphern und Andeutungen nur so platzen. Musik und Text erschlagen sich nicht gegenseitig. Es ist fast ein bisschen so, als würde Roger Waters eine Stunde lang vor einem am Tisch sitzen und eine Geschichte erzählen.

Was ein großer Unterschied zu „Amused to Death“ ist, wo er sich quasi das Herz rausreisst, untermalt von sehr vielen Streichern, wimmernden Gitarrensoli und dann anklagend fragt, warum man denn immer noch nicht zuhört. "Is This the Life We Really Want?“ ist anders. Die Fragestellung gibt das schon vor. Eine fast sanfte musikalische Untermalung für eine rhetorische Frage.

We cannot turn back the clock
Cannot go back in time
But we can say "fuck you"

Nein, das ist kein leichtes Album. Und nein, auch keins, das gute Laune macht. Es ist ein böses, ein teilweise frustrierendes und trauriges Album, weil man ja weiß, dass Roger Waters ja Recht mit fast allem hat. Der leicht reduzierte musikalische Pathos umschliesst Texte, die zwischen Metaphern und direkter Sprache hin und her pendeln. Wo er irgendwann die Frage stellt, was uns eigentlich von Ameisen unterscheidet. Eine Frage, die schon den Quantenphysiker Werner Heisenberg mal beschäftigt hat. Und keine zufrieden stellende Antwort gefunden hat. Waters findet die auch nicht. Aber untermalt sie in den letzten drei Stücke mit einem zuckersüßen, tragenden, sehr traurigen Klavier neben dem er den Text fast resignierend vorträgt.

Das Album ist also eine gute Mischung aus allem, was Waters in den letzten 40 Jahren gemacht hat. Keine Quintessenz, kein Alterswerk, eher eine konsequente Fortführung dessen, was an ihn immer angetrieben habt. Musikalisch vielleicht nicht heranreichend an seine Pink Floyd Zeiten oder an „Amused to Death“, dafür aufgeräumter, klarer, dichter und das, ohne langweilig zu wirken. Es ist ein großes Album.

Und das ist vor allem auch deswegen, weil es erstaunlich ist, dass es der 73jährige Roger Waters ist, der überhaupt mal wieder ein großes Konzeptalbum auf den Markt bringt. Und es dem Nachwuchs um die Ohren haut. Man das ist ja nicht mehr gewohnt, dass es sowas überhaupt gibt, ein Album, dass eine Stunde lang eine Geschichte erzählt.

Man erfreut sich ja heute schon daran, dass M.I.A. ein vierminütiges Video über Flüchtlinge rausbringt. Geradezu ekstatisch reagieren andere, wenn Kendrick Lamar sich mal einen 7 Minuten Song zusammen sampelt. Das ist alles an sich nicht schlecht, aber weit, weit weg von dem, was Roger Waters kann und leistet. Und das macht das Album so groß. Und so traurig, denn Waters zerlegt mit 73 Jahren und in 60 Minuten einen großen Teil des musikalischen Nachwuchs.

Note: Auf Genius Lyrics gibt es die Texte mit Interpretationen (auf die grau unterlegten Felder klicken)

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Dienstag, 2. Mai 2017

Entscheidungen kommen wenn sie es wollen

Ich wohne jetzt seit 13 Jahren in ein und derselben Wohnung. Das ist ein Rekord für mich. Habe ich noch nie geschafft. Selbst nicht, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, weil die auch die Angewohnheit hatte, alle paar Jahre umzuziehen. Jetzt also 13 Jahre hier und es fühlt sich gar nicht so lange an. Einer der Gründe, warum ich so lange hier wohne ist die Gegend. Ich mag den Helmholtzplatz und auch wenn alle über den Prenzlauer Berg lästern und ich selber sage, dass das hier eine weiße Mittelstandsblase ist, die nicht gestört werden will - ich hänge an der Ecke. Ein weiterer Grund: alter Mietvertrag, netter Vermieter, nur eine Mieterhöhung über sage und schreibe 5 Euro in alle den Jahren. Angesichts der Mietwohnungslage in Berlin gibt es keinen Grund umzuziehen.

Aber neulich passierte dann das: die gute Freundin S. hatte die Chance die deutlich größere Wohnung neben ihr anzumieten. "Lass uns zusammen mit Freundin V. eine 'Erwachsenen-WG' gründen" sagte sie. Warum nicht, dachte ich. Die Miete würde günstig bleiben, ich hätte immer jemanden da, der sich um die Katzen kümmert. Und sind wir doch mal ehrlich - man wird kauzig, wenn man so lange allein lebt. Nicht besser wird die Situation, wenn man wie ich seit 5 Jahren Single ist. Da fängt man dann an mit den Katzen zu reden, als seien es Mitbewohner und machmal auch mit sich selber, wenn man vor dem Vorratsschrank steht oder Glühbirnen wechselt.

Man plante also so rum, wer will welches Zimmer, brauchen wir neben der Küche noch einen Gemeinschaftsraum, eine Putzfrau auf jeden Fall, wer kauft eigentlich das Klopapier. Sachen, die man klären muss, wenn man zusammenzieht, so will es das Gesetz.

Aber je näher die Entscheidung der Hausverwaltung rückte, desto unsicherer wurde ich mir. Will ich hier wirklich weg und in den Süden von Berlin ziehen? Will ich meine wirklich sehr günstige und durchaus hübsche Wohnung aufgeben? Will ich mich überhaupt verändern?

Und je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich mir. Einerseits weiß ich, dass mir Veränderung meist immer gut tut. Man verändert Rituale, lernt neue Umgebungen kennen, bewegt Kopf, Körper und Seele, die neue Strukturen aufsaugen, wie ein Schwamm das Wasser. Andererseits: will ich mich verändern?

Wie die meisten schweren Entscheidungen, wurde sie mir dann abgenommen. Die Hausverwaltung hat dann erstmal abgesagt. "Angenehm," dachte ich. Auf der anderen Seite war ich dann aber doch darüber erschrocken, wie schwer mir die Entscheidung gefallen wäre, wie sehr die Lebenssituation an mir klebt. Ein bisschen fühlt sich die Angst vor Veränderung an, als sein man gefesselt. Von der Scheu vor der Veränderung, von der Angst sich zu bewegen. Man lebt in einem feingewobenen Kokon aus Ritualen und lieb gewonnen Gewohnheiten, die man auch deswegen lieb gewonnen hat, weil es keine anderen gibt. Es ist warm und bequem in dem Kokon und im Sommer schallt die Musik der Strassenmusikanten durchs Fenster rein.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich im letzten Jahr mein Leben ziemlich umgekrempelt habe. Beruflich, persönlich. Vielleicht stöhnte meine Seele beim Gedanken an einem Umzug innerlich auf und denkt "Ach du große Güte, jetzt das auch noch." Aber dennoch überraschte mich meine Unentschlossenheit in Sachen Umzug. Und sie hat dann was in Bewegung gebracht.

Denn auch wenn die erste Idee nicht geklappt hat, wir suchen jetzt nach einer WG-tauglichen Wohnung in Berlin. Ganz in Ruhe, ohne Stress, denn wie gesagt, die großen Entscheidungen fallen ja irgendwann ganz von selbst.

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