Dienstag, 29. Januar 2019

Laudatio für Robert Basic, Goldene Blogger Verleihung, 28.01.2019

Liebe Freunde, liebe Gäste des „goldenen Blogger“, liebe Blogger,

Lebenswerk Auszeichnungen - das geht jetzt so langsam los, dachte ich neulich, rund um meinen eigenen 52. Geburtstag. Dabei sind wir doch noch gar nicht alt, dachte ich gleichzeitig auch, Milde empört.

Aber dummerweise wird man halt älter und wenn man älter wird, dann macht man Sachen, die man halt so macht in seinem Leben, immer länger. Man bloggt zum Beispiel schon ganz schön länge. Ich habe zum Beispiel vor 18 Jahren damit angefangen, da war ich gerade mal Mitte 30.

Wenn man eine Sache länger macht, dann lernt man natürlich auch eine Menge Leute kennen. Manche verschwinden wieder, weil sie nach ein paar Monaten die Lust an einer Sache verlieren. Aber mit manchen Menschen kreuzen sich die Wege immer wieder. Und manchmal stellt man nach all den Jahren und vielen Begegnungen, dass man einen Freund oder eine Freundin gefunden hat.

So ging es mir mit Robert Basic, den Menschen, dem wir heute für sein Lebenswerk auszeichnen wollen. Robert tauchte mit seinem Blog „Basic Thinking“ 2003 auf der Bildfläche auf. Robert schaffte es innerhalb von wenigen Monaten sein Blog zu den meist gelesenen und meist zitierten Blog in Deutschland zu machen. Wie hat er das damals geschafft?

Wenn man ihn das gefragt hat, bekam man eine Antwort, die jeden Business Developer und Produkt Manager zur Verzweiflung treibt, denn die Antwort war immer „Keine Ahnung, ich hatte keinen Plan, ich habe einfach gemacht.“

Seine Art zu kommunizieren, und in seinem Fall über Technik zu schreiben, hat er selber in einem Satz mal zusammen gefasst „Es werde Mensch, nicht Technik!“ Über all die Jahre war das sein Credo, über all die Jahre war dies sein Geheimnis: als Mensch schreiben, nicht als Autor. Keine Eitelkeiten, keine romanhaften Reportagen. Einfach so schreiben, wie man ist. Ihm ging es dabei um die Frage, was die Technik mit den Menschen macht. Wie wichtig sie für den Menschen ist, was sie verändert. Wie sie Menschen verändert. Robert hatte ein außerordentlich gutes Gespür für Veränderungen und welche Veränderungen wichtig sind.

Dieses Gespür lies ihn von 2003 bis 2009 sein Blog führen. Und das mit einer Wucht, die unglaublich war. 12.500 Artikel in sechs Jahren - das sind 5 Artikel pro Tag! Pro Tag! Robert war ein absoluter Schnellschreiber.

Aber er war kein oberflächlicher Autor. Er blieb in all dem, was er machte, immer er selber. Auch dann, als er zu Überraschung aller, sein Blog 2009 auf Ebay versteigerte. Auf die Frage, warum er das gemacht habe, sagte er mir mal „Ach, ich hatte keine Lust mehr und wollte was Neues machen“. Und da war sie wieder, diese nicht vorhandene Eitelkeit. Andere hätten weiter gemacht, die Marke gepflegt, Geld raus geholt. Robert hatte keine Lust mehr, also hat er es gelassen.

Dass er mit Basic Thinking sehr viele Menschen überhaupt erst zum Bloggen gebracht hat, wollte er im Übrigen nie so richtig glauben. Aber vermutlich ist Robert zu einem nicht unerheblichen Teil daran Schuld, dass es überhaupt eine nennenswerte Blogszene in Deutschland gibt. Und ein bisschen auch daran, dass wir alle hier sitzen.

Robert und ich sind uns vor allem in den letzten zehn Jahren oft begegnet. Das hatte vor allem was mit der Autoindustrie zu tun, die vor 10 Jahren die Blogger entdeckte und anfing auf Veranstaltungen einzuladen. Wir teilten uns meist die Autos, die man uns zum testen gegeben hatte, oder saßen bei den Veranstaltungen zusammen. Über die Jahre entwickelte sich so eine immer enger werdende Freundschaft.

Die entwickelte sich vor allem auch deswegen, weil wir eben nicht immer einer Meinung waren. Wir waren oft und vielen Dingen sehr unterschiedlicher Meinung und haben das teilweise über Stunden ausdiskutiert. Aber das war nie langweilig oder gar anstrengend. Denn das tolle an den Diskussionen mit Robert war immer: Er konnte zu hören. Richtig aktiv zuhören. Nicht nur zuhören, weil man höflich ist, sondern weil er hören wollte, was der andere Mensch zu sagen hat. Und das war, neben seiner blitzschnellen Auffassungsgabe, seinem scharfen Geist und seinem einzigartigen Schreibstil die vielleicht herausragendste Eigenschaft von Robert. Er konnte mit einer selten erlebten Empathie zuhören.

Der Schnellschreiber, der Analyst, der Journalist, der, das habe ich selber live oft zu meinem Vergnügen miterleben dürfen, PR Mitarbeiter mit seinen bohrenden Nachfragen an den Rand der Verzweiflung brachte, dieser Robert hatte auf der anderen Seite einem sehr weichen Kern, ein großes Herz. Und da war sie wieder, die Eitelkeit, die ihn nicht interessierte. Es ging ihm nie ums Recht haben in einer Diskussion, es ging ihm darum etwas zu lernen.

Denn bei allem Erfolg, den Robert immer wieder hatte - er hatte das, was man so altmodisch als Haltung bezeichnet. Weder ließ er sich durch duftende PR Sprüche einschläfern, noch wollte er seine Leser verarschen. Kam einfach nicht Frage, nicht mit ihm. Was ihm viel Ärger mit manchem Unternehmen eingebracht hatte - aber eben auch viel Respekt. Denn am Ende, das muss man wissen, setzt sich im Journalismus immer die Haltung und nicht die Lüge durch.

Es gibt keinen Tag, an dem ich Robert nicht vermisse. Wir hatten vor einigen Monaten, ich glaube, es war in San Francisco mal über das Thema Tod gesprochen. In seiner ihm üblichen Art zuckte er nur mit den Schultern und meinte „Wenn es vorbei ist - wir hatten doch ein tolles Leben, wir können uns nicht beklagen“ Da hat er natürlich mal wieder recht gehabt.

Robert Basic hat eine Menge in seinem Leben erlebt und vor allem gemacht. Sein Vermächtnis an uns lautet, dass wir es ihm nachmachen sollen. Das wir neugierig bleiben, das wir kritisch bleiben und immer wieder die Dinge hinterfragen. Das wir sagen „Erst der Mensch, dann die Technik“ und das wir vor allem dem Gegenüber zuhören und von ihm lernen.

Ich danke dem Team der „Goldenen Blogger“ dass sie Robert posthum für sein Lebenswerk auszeichnen und ich freue mich sehr, dass ich diesen Preis nun dem ältesten Sohn von Robert, Maurice, übergeben kann.

Permalink (4 Kommentare)   Kommentieren

 


Freitag, 27. April 2018

China

Ich habe Respekt vor der über 3500 Jahre alten Geschichte Chinas, die mit großen technischen und soziologischen Entdeckungen verbunden ist. Ich habe ebenso großen Respekt vor der Leistung Chinas in den letzten Jahren, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Vor 35 Jahren war China noch ein maoistischer-kommunistischer Staat ohne jede Wirtschaftskraft, heute haben es die Chinesen geschafft, fast überall die Nummer Eins zu sein. Gleichzeitig gibt es etliches an China, das im völligen Gegensatz zu den Dingen steht, die mir wichtig sind.

Ich war in den letzten acht Jahren fünf Mal in China, drei Mal in Shanghai, zwei Mal in Peking. Vor allem Shanghai hat mich immer wieder fasziniert. Die ehemalige Wirtschaftssonderzone war dem Rest des Landes schon immer einen Schritt voraus. Auf der anderen Seite kann man in Peking besser erkennen, wie das Land eigentlich funktioniert.

Nach Außen hin gibt sich Peking offen, geradezu kapitalistisch ohne die eigenen historischen Wurzeln zu verleugnen. Peking wirkt wie jede andere westliche Großstadt. Die Einreise, wenn man die knapp sechswöchige Prüfung und Wartezeit auf das Journalistenvisum überstanden hat, ist auch nicht schlimmer, als in manch andere Staaten. Danach erwartet einen dieser kapitalistisch-asiatischer Mix. Westliche Marken sind in Peking an jeder Ecke zur finden. Egal, ob Gucci, Adidas, Starbucks oder McDonalds. Sicherheitskräfte sieht man selbst in Peking in den Einkaufszonen oder auf den wirklich ständig verstopften Strassen kaum oder selten. Vor allem junge Chinesen haben den westlichen Lebensstil nach außen hin komplett absorbiert. Je teurer, desto besser.

Dass das Internet in China ein in sich geschlossenes System ist, kennt man ja. Google, Facebook und deren Angebote gibt es in China nicht. Die Entscheidung des Staates, diese Unternehmen in China nicht zuzulassen und viele westliche Nachrichtenseiten zu sperren, ist bekannt. Aber dabei ging es nicht nur um das Thema Meinungsfreiheit und die Angst vor zu großer Einflussnahme des Westens über diese Unternehmen. Gleichzeitig war es ein Akt des Protektionismus, der dazu geführt hat, dass Unternehmen wie Baidu, Alibaba oder Tencent mittlerweile teilweise größer und umsatzstärker sind, als die westlichen Pendants.

Der Grad und die Geschwindigkeit der Digitalisierung in China ist atemberaubend. Allein das Programm „WeChat“ dient als gutes Beispiel. Es ist eine Art zentraler Hub für das gesamte On- wie Offline Leben. Zum einen ist ein Chat, zum anderen aber auch einer wichtigsten Verbreitungswege für journalistische Inhalte. Auf der Autoshow kam ich kurz mit einem chinesischen Autojournalisten in Kontakt. Der berichtete mir, dass sein Magazin die Artikel einzig über WeChat pusht. Andere Kanäle würden keinen Sinn machen.

Gleichzeitig ist integrierte Bezahlfunktion von WeChat ist ein zentraler Bestandteil für das gesamte Leben. Man kann wirklich alles damit bezahlen. Egal ob eine Flasche Wasser für 10 Cent, das Auto oder die Stromrechnung. Fliegende Händler nehmen teilweise gar kein Bargeld oder westliche Kreditkarten mehr an. Wer etwas haben will, scannt den QR-Code, bestätigt den Kauf und das war es schon. Wirklich jeder bezahlt damit überall.

Also alles schick in China? Nicht so ganz. Das äußere Erscheinungsbild ist eine Sache. Dass China kein freier Staat ist, eine andere. Man merkt es im Alltag als Ausländer in China. Offene Gespräche über gewisse Themen führt man weder im Taxi, im Hotel oder in einem Restaurant. Die Angst, dass jemand mithört, ist allgegenwärtig. Meine Frage an den Manager eines großen deutschen Herstellers, ob die nachwachsende, mit westlichen Werten sich umgebende Jugend denn auch staatskritischer sei, wollte der Mann im Auto nicht beantworten. Wenn er etwas dazu sagen würde, könnte das Auswirkungen auf sein Visum haben, meinte er. Die Chinesen werfen einen nicht mehr direkt raus, sie verlängern dann halt das Aufenthaltsvisum beim nächsten Mal nicht mehr. Es wäre übertrieben zu sagen, dass ein Klima der Angst herrscht, aber man bewegt sich in manchen Bereichen sehr, sehr vorsichtig. Ein ungewohntes und mehr als unangenehmes Gefühl.

Das nach außen sich offen gebende China hat eine dünne Firniss-Schicht unter der sich dann schnell etwas anderes finden lässt. Wie schnell man Probleme bekommen kann, habe ich diese Woche am eigenen Leib erfahren. Beim Securityscan am Flughafen meinte man ein Feuerzeug in meinem Rucksack im Scanner gesehen zu haben. Es ist verboten dieses fürchterlich gefährliche Werkzeug mit ins Flugzeug zu nehmen. Das Problem an der Sache: ich hatte kein Feuerzeug dabei, dass hatte ich vorher schon entsorgt. Der Scanner zeigte aber angeblich eins.

Es entwickelte ein sich über 45 Minuten dauernder, fast kafkaesker Moment. Man leerte alles aus, taste mich mehrfach ab und scannte alles insgesamt sechs Mal. Da ich mich während der Prozedur mit einem Kollegen unterhielt, wurde der gleich mit einbezogen, wohl weil man vermutete, dass ich ihm heimlich mein Feuerzeug in quasi konterrevolutionärer Absicht gegeben haben könnte. Mehrere Vorgesetzte wurden hinzugezogen, die ihn und mich sehr nachdrücklich nach dem nicht vorhandenen Feuerzeug befragten. Als dann eine weitere, offensichtlich sehr, sehr wichtige Vorgesetzte geholte wurde, erledigte sich das Problem plötzlich innerhalb von zehn Sekunden. Dass der Kollege ein kleines Schweizer Taschenmesser an seinem Schlüsselbund hatte, interessierte im übrigen niemanden. So was stand halt nicht auf der Liste der verbotenen Gegenstände.

China ist eine wilde Mischung aus Staatskapitalismus, Zentralismus, Autorität, Militarismus, Oppression aber auch Freiheit in vielen Lebensbereichen, so lange man sich an die Regeln hält. Man liebt einen oberflächlichen, westlichen Lebensstil, aber der ist eben nicht allein Teil der Lebensphilosophie. Das ist für einen Europäer machmal schwer zu verstehen und man neigt zu vorschnellen Urteilen, weil das eigene Weltbild nicht passt. Dass aber es keine freie Presse gibt, das Kritik und Kritiker unterdrückt werden, dass das Internet kastriert ist, dies sind deutliche Zeiten dafür, dass die kulturellen Unterschiede und das Verständnis von Freiheit zwischen Europa und China noch sehr deutlich ausgeprägt sind.

Permalink (2 Kommentare)   Kommentieren

 


Samstag, 14. April 2018

Moralisches Echo

Dies las ich heute im Zuge der Echo Verleihung. Es handelt sich um ein offizielles Statement des Bundesverband Musikindustrie (BVMI) "Kollegah & Farid Bang treten als zwei außerordentlich erfolgreiche Repräsentanten des Genres HipHop auf, das seit über einem Jahrzehnt von sehr vielen Menschen hierzulande gehört wird. Das ist der Grund, weshalb sie im Vorfeld für einen Auftritt angefragt wurden und nun live performen werden.”

Das ist moralisch und ethisch zu tiefst erbärmlich. Wenn ich jetzt ein "Best of..." der nicht verbotenen Lieblingslieder des Nationalsozialismus neu vertone und irrsinnig viel davon verkaufe, bekomme ich dann auch einen Echo? Sagt der BVMI dann auch "Ist halt erfolgreich, lebt damit, und jetzt nerv nicht?"
Die Stellungnahme des BVMI offenbart, was so alles falsch läuft beim Echo und der Branche (und anderen). Dass niemand mehr moralische Verantwortung übernehmen und dokumentieren möchte. Das Moral egal ist, wenn es ums Geld geht und man sich schön abfeiern kann. Draussen werden jüdische Kinder beschimpft, aber hey, Geschäft läuft super.

Mich kotzt diese Ignoranz vor der historischen wie moralischen Verantwortung zutiefst an. Und es betrifft nicht nur den BVMI. Auch Musikmagazine und Radiosender müssen sich fragen lassen, es ob in Ordnung ist, solchen "Künstlern" ein Schaufenster zu bieten. Denn durch sie und so Aktionen wie beim Echo werden geistige Nulllösungen wie diese überhaupt erst breit getreten und zu einer normativen Kraft. "Wieso ist das schlimm, läuft doch im Radio und Fernsehen".

Es ist genau diese widerliche Haltung, das Schweigen, die wir schon mal hatten. Als man alles so verdrehte und nachher nichts gewusst haben wollte. Und Verantwortung? Wofür denn? Die anderen waren es, da konnte man leider nichts machen.

Es geht um verschiedene Ebenen. Die erste ist die der Musikindustrie. Dass der BVMI sich jetzt hinstellt und sagt "Haben die Leute halt gekauft, können wir auch nicht ändern" ist whitewashing. Wer hat denn den Deal mit denen gemacht? Wer hat denn das Angebot, diese Texte zu vertreiben, angenommen? Wer hat denn die eigene Marketing Abteilung und den Vertrieb zur Verfügung gestellt? Wer hat denn die Promotion gemacht, die Sachen in die Magazine gedrückt, ins Radio und sonstige Kanäle? Sich danach hinzustellen und zu sagen "Wir haben auch keine Schuld daran, wenn die Leute das mögen" ist einfach abartig und eine Lüge. Mehr als das sogar, weil es die Abweisung jedweder moralischer Verantwortung für ein Geschäftsmodell ist, was einfach pervers ist. Weil die Industrie ohne jeden moralischen Skrupel arbeitet. Die haben sich das vorher angehört und gedacht "Uh, kritisch. Aber bringt Kohle, weil provokativ. Den Rest fangen wir schon mit Berichten über einen CSR-Report ab".

Das zweite ist der in Sachen Hip Hop. "Battle Rap" kann keine Entschuldigung für diese Wörter sein. Zu sagen "Ich rappe schneller als deine Mutter fickt" mag ja vielleicht ganz lustig sein, wenn man ein sehr, sehr niedriges Level von Humor hat. Aber bei Sätze wie:

"Mache mit der Nutte Cash - und es wird immer mehr wie von allein, Kid, ich habe 'nen Lauf wie meine Tec [Pistole]
Gebe keinen Fick auf deine Gang, komm' an und zücke meine Gun, baller' dir Kugeln in den Head und du verreckst"

hört es dann auch wieder auf. Ich könnte jetzt noch viele sexistische Beispiele zitieren. Wenn das mit "Ist halt Battle Rap" entschuldigt wird kann man auch jeden versuchten ungewollten sexuellen Übergriff als "Boys will be boys" entschuldigen.

Und auch der Spruch "Ist halt nur ironisch gemeint", ist eine manipulative Verdrehung. Denn die generelle Aussage im gesamten Kontext des "Oeuvre" ist menschenverachtend, sexistisch, homophob, antisemtisch und rechtsradikal. Das lässt sich nicht mit dem Schlagwort "Satire" umschreiben, weil Satire die Grenzen kennt. Dann kann man auch sagen, dass "Jud Süß" nur eine Satire war. Natürlich kann man hingehen und sagen, dass das nur ein Marketing Gag ist. Aber auch Marketing hat moralische Grenzen. Wenn man dem Erfolg jede Form der Moral opfert, dann ist diese Grenze überschritten.

Das Argument: "Das war schon immer da, heute findet es halt Verbreitung, weil es eine skrupellose Industrie gibt, die jeden Cent der moralischen Verantwortung opfert" sticht da aber auch nicht. Weil eben diese Industrie die normative Kraft des Faktischen schafft. Es gibt keinen pacta sunt servanda zwischen der Musik Industrie und der Gesellschaft, der das vorschreibt.

Und das beste Beispiel sind eben die Vergleiche zu den 70er und 80er Jahren, wo die Industrie die ebenso teilweise antisemtischen und radikalen Texte von linksextremen Bands nicht verwertet hat. Heute das alles mit einem "Der Markt ist halt so" zu entschuldigen zeugt eben gerade von der Opferung der Moral und des klassischen Humanismus auf dem Altar der Monetarisierung.

Permalink (1 Kommentar)   Kommentieren

 


Freitag, 6. April 2018

Die Sache mit der Frontpage

Jemand erinnerte mich auf Facebook gerade an das Magazin Frontpage und deren Motto "Raving Society" Und das erinnerte mich daran, das ich damals einen wütenden Artikel zum Thema Raving Society geschrieben habe. Von wegen Quatsch, weil das alles nur "Wir haben uns alle lieb" usw. war, und keinerlei philosophischen Unterbau hatte. Nicht mal ansatzweise einen Bezug zur Gesellschaft hatte das oder wie man sie verändern kann. Es war nur ein Schlagwort für die PR in eigener Sache. Überlege gerade, wo der Artikel damals erschienen ist. Entweder Intro oder in irgendeinem Konkurrenzblättchen der Frontpage. Jedenfalls bekam ich ein bisschen Gegenwind von Westbam und anderen, vor allem aus der Kölner Szene.

Um so überraschter war ich, als ich kurz danach vom Chefredakteur Jürgen Laarmann himself angesprochen wurde, ob ich nicht für die FP schreiben wolle. (Ich hatte damals einen ganz guten Namen als Autor für die Intro, einem Jugendableger der WAZ, dem Kölner Stadtanzeiger und meiner sporadisch erscheinenden Kolumne zu obskuren Ambient in der Spex) Das muss 94 oder 95 gewesen sein.

Jedenfalls saßen sie da schon in der Tauentzienstrasse in Berlin. Zweiter oder dritter Stock, hochherrschaftlicher Altbau. Super chaotische Redaktion, sah aus, als ob man gerade eingezogen war. Riesige Räume in denen riesige Röhrenmonitore standen, vor denen leicht gebückt blasse, dünne Gestalten saßen und rauchten.

Laarmann empfing mich, sehr voluminös, sehr aufgekratzt, sehr beeindruckend. Bot mir dann sogar sowas wie eine Ressortleitung bei der FP an, wenn ich mich recht erinnere. Jedenfalls stürzte mich das Angebot in arge Konflikte, weil ich die FP echt mochte. Sie war DIE Zeitung nicht nur für Techno, sondern vor allem für alles drumherum. Design und vor allem Politik und Philosophie. Die Platten und CD-Kritiken hatten immer etwas Diedrich Diederichsen-haftes, nur dass das keiner sagen wollte. Jedenfalls gab es tonnenweise Artikel, die mit dem Namen eines Musikers anfingen um sich dann in etwas völlig anderen verloren. Marxismus, Foucault, Adorno, das hübsche Mädchen auf dem letzten Rave, Drogen, Fleischwurst. Was auch immer. Jedenfalls war neben der Musik halt die Aussage wichtig. Also was der Musiker und man als Autor so mitteilen wollte. Vor allem politisch-philosophisch. Daher kam dann auch die dämliche Idee der Raving Society.

Wir haben damals sehr, sehr ernsthaft daran geglaubt, dass Techno die Welt wirklich verändern würde. So wie der Rock n Roll in den 50er, der im Grunde zu den 68er geführt hatte. Und so dachte man in 90er über Techno. Dass er die Welt zusammenführt und alle sich lieb haben. Oder so. Ja, es waren Drogen im Spiel.

Die FP war Ausdruck dieses Gefühls. Aber auf höchst intellektueller Ebene natürlich. Das Design des Magazins war ebenfalls Ausdruck davon. Ich erinnere mich gut daran, dass ich häufig das Blatt dreimal durchblättern musste, ich bis meinen eigenen Artikel gefunden habe. Den ich dann auch oft nur schwer lesen konnte, weil er in 7pt gedruckt war um ihn auf die Seite zu pressen. Oder weil es aussah, als habe ein gleichzeitig auf Koks, Speed und Tranquilizer druff seiender Designer eine kreative Phase hatte. Meist war es letzteres.

Jedenfalls bot mir Laarmann diesen Job an. Ich habe ein paar Tage überlegt und abgesagt. Nicht, weil ich nicht nach Berlin wollte. Jeder wollte nach Berlin. Ich habe abgesagt, weil im Hinterkopf mein aus einem alten katholischen Kaufmanns-Haus stammendes berufliches Gewissen die ganze Zeit geraunt hat "Das ist eine ganz windige Geschichte hier, aber so was von." Anderthalb oder zwei Jahre später wurde das Magazin dann auch eingestellt.

Was wirklich schade war, denn die FP war vielleicht, neben der aus den Trümmern der FP entstandenen de:bug, das letzte Magazin, dass sich einen Scheiss darum geschert hat, was die Leser eventuell lesen wollen. So kurios das heute klingen mag, damals konnte man sich inhaltlich, und damit auch am Kiosk, damit profilieren, dass man anders war. Das „anders sein“ manifestierte sich vor allem aus den Autoren, die wiederum einfach das geschrieben haben, was sie sagen wollten. Nicht das, was eventuell einen Leser interessieren könnte.

Man ging arroganterweise einfach davon aus, dass das, was man geschrieben hat, auch jemanden interessierte. Erstaunlicherweise fand man auf dem Weg eine ziemlich große Leserschaft und wenn man etwas persistent war und ein bisschen Gefühl für die richtig gesetzte Provokation in seiner Arbeit hatte, landete man halt irgendwann mit Glück bei einer der großen Magazine. Das war halt vor der auf Klicks basierenden Schreiberei von heute.

Bin ich traurig, dass ich damals das Angebot damals abgelehnt habe? Ein bisschen habe ich dass damals schon mit schweren Herzens gemacht. Denn ich wusste, dass ich bei der FP Freiheiten haben würde, wie bei keinem anderen Blatt. Sie war, Mitte der 90er, so ein bisschen wie die „Tempo“ aus den 80ern in der ich damals zum ersten Mal Peter Glasergelesen und verehrt habe. Auf der anderen Seite hatte ich damals Angst davor, dass die Techno-Blase platzen würde. Ein richtiges Gefühl, wie sich dann rausstellte. Ich habe dann die Seiten gewechselt, vom Musik Journalist zur PR und bin erst zu Edel und dann zu Sony Music und nach Hamburg gegangen. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Permalink

 


Freitag, 30. März 2018

Musik! Dystopie! Charts!

Ich war gestern mutig und habe mich durch die Top 20 der deutschen Charts gehört. Das erste Mal seit gefühlt 10 Jahren. Es ist natürlich leicht, gerade wenn man ein kleines winziges bisschen älter ist und lange in der Musikbranche gearbeitet hat, über aktuelle Musik zu lästern. Weil früher ja alles besser war. Das ist natürlich Quatsch. Die Sachen aus den 80er und 90er Jahren, die es in die Charts geschafft haben, waren oft genauso schrottig. Ganz speziell in den 90er Jahren. Von wegen Krimestechno usw. Aufgefallen ist mir allerdings, dass von 20 Stücken vielleicht drei musikalisch etwas anderes machen. Den Rest kann man nicht voneinander unterscheiden.

Natürlich werden Erfolgsrezepte immer kopiert. Natürlich gibt es Phasen, in denen Musiker einen bestimmten Sound produzieren müssen, damit sie in die Charts kommen. Das war schon immer so. Siehe Rock ’n Roll in den 50er, Beatles-Sound in den 60ern, Glam Rock in den 70ern usw. Aber das die Eintönigkeit sich derart verbreitet, ist zumindest mir neu. Auch in den tieferen Position der Charts findet sich eigentlich nichts, was irgendwie dramatisch anders klingen würde. Erstaunlich. Ach ja, ich fand R’nB schon Ende der 90er öde. Nur so zur Info.

1. Olexesh - Magisch
Die erste Frage: Wie spricht man den Namen aus? Olegsch? Oh lecksch? Ansonsten: keine Überraschung. Ein Schlager. Also vom Text her. Natürlich nicht von der Musik her. Das ist der übliche 2000er R’n B Müll. Aber Roland Kaiser oder Howard Carpendale hätten daraus einen 1a Schlager gemacht. Und nix gegen Howie, den habe ich mal mit seiner 20köpfigen Band live gesehen. Nicht meine Musik, aber fantastische Show für Zielgruppe. Wo war ich? Ach ja. Olexesh. Ne, dann lieber Howie. Der hatte ein zweistündiges Konzert hingebrettert und seine Fans nass nach Hause geschickt und dann kam er 15 Minuten nach dem Konzert noch mal raus und hat 20 Minuten lang Autogramme geschrieben. Profi.

2. Marshmellow - Friends
Netter Rhythmus, die Stimme der Dame ist ebenfalls nicht schlecht. Schöne Anleihen aus den 80ern beim Grundbeat, ein bisschen 90er, ansonsten ein bisschen der übliche 2000er R’n B Müll. Erträglich.

3. Drake - Gods Plan
Ja. Ne. Ich kann die zu hochsitzende Unterhose schon sehen wenn ich nur das Stück höre. Nicht mal erträglich nach zwei bis acht Joints. Oder vielleicht dann schon. Keine Ahnung, was der junge Mann da singt. Bad Things erwähnt er. Ansonsten: der übliche 2000er R’n B Müll. Schnell vergessen.

4. Rudimental - These Days
Klingt so ein bisschen, als hätte die Kelly Family eine Beatmaschine entdeckt, einen Gospel Chor entführt und das alles auf einem Schiff eingekerkert. Gospel ist ja eigentlich toll, aber hier leider nicht.

5. The Chainsmokers - Sick Boy
Soweit ist es also. Wenn man sich einen Bandnamen ausdenkt, mit dem die Kinder zu Hause die Eltern so richtig schocken können, dann nennt man sich „Chainsmokers“. Was war so schlecht an „Peace, Love & Pitbulls“ oder „Eisenpimmel“? Und was kommt dieser Tage als nächstes? „The Gluten Lovers“? Ach so, das Lied. Ja. Klingt eigentlich wie die anderen vier davor. Der übliche 2000er R’n B Müll

6. Ramz - Barking
Mir fällt dazu überhaupt nichts ein, so schlecht ist es. Also erwähne ich an der Stelle mal, dass ich wegen Shaun Ryder (Charlatans) in Hamburg aus einer Strip-Bar geflogen bin? Weil Ryder (den ich zu betreuen hatte) quer über den Tisch und die Kellnerin gekotzt hatte.

7. Dua Lipa - IDGAF
Oh, da steht „Explicit“ als Warnung dran. Da bin ich mal gespannt. Und ja, der übliche 2000er R’n B Müll. Warte noch auf das explizite. Hah! Da war es. „Don’t give a fuck“ wurde gesungen. Das fasst ziemlich genau meine Einstellung zu diesem Stück zusammen.

8. Post Malone - Psycho
Nettes Intro. Für 5 Sekunden. Weckte kurz mein Interesse. Dann: der übliche 2000er R’n B Müll. Kann das sein? Die gesamten Top Ten der übliche 2000er R’n B Müll? Irgendwie entwickelt sich dieses Experiment zu einer schrecklich wahr gewordenen Dystopie.

9. Zedd - The Middle
Aha. Mal ein bisschen was anderes. Also natürlich der übliche 2000er R’n B Müll samt Autotune Stimme. Aber irgendwie besser produziert, netter Sound, nette Breaks. Ganz netter Popsong. Kann man machen, auch wenn ich jetzt persönlich nicht mag. Aber verstehe, warum der Song in den Charts ist.

10. Bausa - Was Du Liebe nennst
Schlager. Habe ich schon vermisst. Natürlich nennt das heute keiner Schlager. Immerhin wird hier von gemischten Gin Tonic gesprochen. Man trinkt also noch, das ist beruhigend. Und der junge Mann disst im Song Drake (siehe oben). Das macht ihn sympathisch. Der Song ist natürlich der übliche 2000er R’n B Müll. Aber auch hier nachvollziehbar, warum der mit dem Text (Liebe usw.) in den Charts ist.

11. Sean Paul - Mad Love
Oha. Ragga. Lange nicht mehr gehört, muss ich sagen. Ich mochte diesen Deep Root Ranga Was das natürlich bei weitem nicht ist. Das ist Ragga wie ihn sich ein Sparkassen Angestellter aus Lüdenscheid vorstellt. Aber brauchbarer Song. Nix neues, hat es alles schon drölfzig mal gegeben. Aber nach dem ich gerade 10 mal den üblichen 2000er R’n B Müll gehört habe, freuen sich meine Ohren über was anderes.

12. Tom Walker - Leave a light on
Ein Brite? Ich vermute. Ein Liebeslied, ziemlich sicher. Der junge Mann lässt auf jeden Fall das Licht an. Also im Song. Das ist ja schon mal nett. Ebenso seine Stimme. Bin sogar leicht beeindruckt. Da steckt Potenzial drin. Nicht im dem Song, 08/15 Ware, hört man pro Jahr mindestens einmal. Aber die Stimme halt.

13. David Guetta - Like I do
Den kenne ich! Also den Namen. Der erste Künstler, dessen Name ich schon mal gehört habe. Natürlich ist Guetta totaler Schrott. Ein Musik gewordener Kindergeburtstag auf Kokain aus den 90ern.

14. Azet - Kriminell
Aha. Jungs aus der Hood. Klinge am Hals der Bitch, und so. Angedeuteter Ragga. Ich weiß nicht, ob mir schlecht ist, oder ob ich lachen soll. Das hat man ja auch selten, dass man gleichzeitig kotzen und lachen muss. Geht das überhaupt? Wenn ich das Ding noch 10 Sekunden weiter höre, könnte ich rausfinden, verzichte aber.

15. Jax Jones - Breathe
Ach ja, gar nicht so schlecht. Eingängiger Popsong. Kann man schön zu putzen, nehme ich an. Kann ich nichts schlechtes zu sagen. Einfach ein klassischer Song für die Charts. Guter Sound, nette Hookline.

16. Ed Sheeran & Eminem
Kenne ich auch! Beide! Das ist aber ungefähr die unerwarteteste Kombination zweier Künstler, seit dem Freddie Mercury mit Monserrat Caballé zusammen „Barceloooooonaaaaaa“ gesungen hat. Song - naja. Nicht schlecht. Ein bisschen wie ein geschmackloser Tee, den man sofort wieder vergisst, nachdem man ihn getrunken hat.

17. Niki Jam - X
Ist das Spanisch? Ich glaube ja. Raggamuffin, again. Auf spanisch. Macht es auch nicht besser. Aber klingt immerhin mal anders. Erinnert mich ganz, ganz am Rande an Manu Chao. Jetzt nicht mal unbedingt schlechter, so von der Stimme her. Vom Song allerdings schon. Klingt so wie eine schlechte Band, die auf Hochzeiten spielt und sich vorgenommen hat jetzt mal was eigenes zu machen.

18. Shawn Mendes - In my blood
Oh, eine elektrische Gitarre. Die man hört. Na sowas. Und ganz okayer Song. Baut sich schön auf, netter Refrain. Und halt eine Gitarre. Kann man aushalten. Ist halt Pop. Mir sagte Ian Broudie von Lightning Seeds mal, dass ein guter Popsong vor allem einen guten Refrain braucht. Damit könne mal alles verkaufen. Stimmt offenbar immer noch.

19. Rooz - Immer wieder
Musste ich mir das Video anschauen, weil es auf Spotify nicht vorhanden war. Mensch am Swimming Pool. Vermutlich Mallorca. Im Hintergrund sitzen Menschen rum, wobei unklar ist, ob die jetzt dazu gehören, oder einfach nur Staffage sind. Ach ja. Die Musik. Keine Überraschung, wenn ich jetzt "der übliche 2000er R’n B Mül“ schreibe.

20. Justin Timberlake - Say something
Den kenne ich natürlich auch. Der hatte sogar mal einen Song, den ich ganz gut fand. Produktion dieses Liedes ist natürlich 1a, kann man nicht meckern. Ansonsten bedient er halt das, was man im Moment offenbar gerne hört. Etwas komplexer, da hat sich einer beim komponieren auch Gedanken gemacht. Nicht zwingend mein Geschmack, aber beleidigt einen auch nicht. Und der einzige Song, der über 4 Minuten ist. Auch selten sowas.

Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren

 


Nächste Seite