Einkaufen war früher besser. Da gab es in der als Denkmal geschützten Markthalle noch alles zwischen Antipasti und Zwetschgen. Jetzt steht die Hälfte der Flächen leer, die Biobäckerin und der Schokoladenhändler werden wohl auch bald aufgeben, und wie lange der Fischmann noch durchhält, bleibt abzuwarten. Vom Fischmann erzählen sie sich hier immer noch andächtig, wie der damals immer die Gattin des Bundespräsidenten („welcher dit nu wieder war..., ooch ejal...“) beraten und bedient hat.

Ich weiß nicht viel über Legendenbildung, hoffe aber, dass das mit dem blühenden Geschäftsleben und der stetig steigenden Lebensqualität (ein Versprechen, mit dem sie hier in den 90ern mengenweise runtergerockte Mietshäuser an Westdeutsche verkauft hatten; hey, ho, Nähe zum Regierungsviertel und Hauptbahnhof und Tegel, Spitzeninfrastruktur, das kommt, das kommt ...) hier im Viertel doch noch hinhaut. Sonst hat der Fischmann mittelfristig schlechte Karten, so oder so.

Der massenhafte Zuzug von betuchter Boheme, Politikern oder wenigstens Lehrerfamilien lässt nämlich auf sich warten. Stattdessen Horden unterbeschäftigter Halbwüchsiger der zweiten oder dritten Einwanderergenerationen sowie Rudel einheimischer Alkoholiker und Durchgeknallter. Die eignen sich zur Erhaltung des Feinkosthandels ebenso wenig wie für die Pflege lokaler Legenden. Dafür sind sie überall und man kommt ihnen einfach nicht aus, egal welchen Weg man zum Bäcker/Gemüsehändler/Postamt man nimmt. Max Goldt hat die Gegend hier mal als „Hölle“ bezeichnet. Da hat er natürlich übertrieben der Herr Goldt, und lange her ist es auch, aber schön ist tatsächlich anders:

Vorhin, auf dem Rückweg von Einkaufen. Das übliche Spießrutenlaufen durch die Jungtürkengang (die den Gehsteig vor der Zockbude annektiert hat und immer nur soviel beiseite geht, dass man gerade mal´so an ihnen vorbei kommt und das Zischen und Raunen voll ins Ohr kriegt) ist lässig heute. Die Jungs sind müde und bei Nieselregen stehen sie sowieso lieber enger an den Schaufensterscheiben und im Eingang. Bin schon fast an meiner Haustür, als ich diesen Mann am Boden liegen sehe, vor einer Bank. Hier stehen zwischen den Parkbuchten überall Bäume mit Bänken darunter. Könnte nett sein, ist es aber nicht. Wer länger hier wohnt, greift nicht mehr automatisch zum Mobiltelefon und wählt den Notruf, wenn er auf den Bänken mal wieder einen Menschen im Schnaps-Stupor herum liegen sieht.

Dieser hier sieht schon von hinten überhaupt nicht gut aus, jedenfalls nicht wie die übliche Schnapsleiche. Dieser Ist offenbar von der Bank gefallen und liegt jetzt verkrümmt auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Könnte was richtig Ernstes sein. Während ich das Handy rauskrame, trete ich näher an ihn heran. Der Körper krampft und zuckt. Jetzt stehe ich direkt vor ihm. Okay, der Kerl hat zwar alle möglichen Probleme im Leben, aber Epilepsie ist wohl keines davon ist. Breche den Notruf ab. Was hätte ich auch sagen sollen? Hier liegt ein Penner im Regen vor meiner Haustür und masturbiert wie ein Weltmeister.

Klaus Wowereit hat neulich mal gesagt „Berlin ist arm, aber sexy“. Das mit dem sexy kann ich gerade so nicht sehen. Echt nicht, Herr Wowereit.

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Endlich wieder zuhause. Erst Messe in Düsseldorf, dann über eine Woche Projektarbeit in München. Jetzt also wieder Berlin und das volle Kontrastprogramm. Laut, dreckig, ungelackt . Und gegenüber sammeln sich schon die Obdachlosen, obwohl die Sozialstation das kostenlose Essen erst in einer halben Stunde ausgeben wird.

Pause also von diesen breitbeinig-selbstgefälligen Junggeschäftsmännern mit Genie-Anspruch und ihren strohdummen Marketing- und/oder PR-Tussen. Die, die immer fast ohnmächtig werden, wenn statt üblichem Tandaradei mal Tacheles geredet wird und die schon ein „Warum eigentlich...?“ aus dem Konzept bringt. Herrje, was bin ich meine Vorurteile leid! Rechthaben kann so langweilig sein.

Unrecht haben hingegen kann richtig Spass machen. So wie neulich, am zweiten Messetag: Ich hektike durch die Halle und frage am Stand nach Herrn Z., dem Geschäftsführer. Den gibt es hier nicht, Herr Z. ist nämlich „der Feind", erfahre ich. Beim schnellen Blick in den Terminkalender bin ich wohl in der Zeile verrutscht. Klar, der Geschäftsführer hier heisst X. und ihn soll ich heute zum ersten Mal treffen. Peinlich das, aber nicht zu ändern. Der verständnisvolle Vertriebsmitarbeiter parkt mich an einer etwa 12-sitzigen Bar. Diese Firma leistet sich offensichtlich ein deutlich größeres Messebudget als ihr Feind

„Herr X. ist noch im Gespräch. Sehen Sie, da drüben auf dem Sofa, der mit der albernen Gesichtsbehaarung...“, meint die plötzlich neben mir stehende PR Frau leise und grinst. Mit ihr habe ich hier nicht gerechnet. Gestern hatten wir uns beim Bier noch über die Legionen von ‚Visionären’ lustig gemacht, die in diesem Geschäft auch schon mal reich und berühmt werden wollten, nicht jedoch über unsere aktuellen Missionen gesprochen. Frau Y. ist einer der wenigen mir bekannten PR Frauen, die Grips, Humor, eine Konfektionsgröße deutlich über 36 und eine Wellenlänge haben, bei der ich mich nicht verbiegen muss. Kleine Despektierlichkeiten, wie die über ihren Kunden gerade, gehen also völlig in Ordnung.

Herr X. winkt kurz vom Sofa rüber. Auf die Entfernung hin sieht er ein bisschen aus wie einer dieser Berlin-Mitte-Jungs, die sich ihre „Ich bin ein Kreativer und bald komm ich ganz groß raus“ Attitüde genauso gut als Spruch auf die Stirn tätowieren könnten. Strähnig gegelte Haare, dazu ein schnurdünner Backenbart hart am Gesichtsrand entlang, mit Kinneinfassung, Linie über der Oberlippe und einem etwas dickeren Strich, der mittig von der Unterlippe zum Kinnende verläuft. Jesses. Das wird garantiert eins dieser Gespräche, in dem mich ein bis zum Erbrechen selbstreferenzielles Gegenüber davon überzeugen will, was für ein prächtiges Alphatier es ist und zu welchen Höhen es seine Firma noch führen wird. Heute die Welt, morgen das Sonnensystem. Bescheidenheit können Solche kaum buchstabieren. Das lehrt die Erfahrung.

Herr X. ist durch mit seinem letzten Gespräch und kommt an die Bar. Von Nahem hat er zwar immer noch einen albernen Bart, aber wie ein Mittehüpfer sieht er nicht mehr aus. Eher so knapp mittelaltes Kreuzberg mit eigenem Mietshaus, Solarzellen auf dem Dach und kleiner, mäßig interessanter Kunstsammlung . Nicht wirklich besser also. Den Junggenie-Bonus, wenn er so was je gehabt haben sollte, hat er wahrscheinlich vor mindestens 10 Jahren aufgebraucht. Ende 30, Anfang 40 wird er sein, es sei denn er hat viel rumgesumpft im Leben oder kommt einfach aus einem der schlechteren Genpools.

Knappe, freundliche Begrüßung, verbindlicher Handschlag. „Och nö, bitte nicht wieder auf dieses rote Sofa,“ meint er zur PR Frau, die uns vorstellt. „Lassen Sie uns mal in Ruhe hier an der Theke sitzen. Die Scheinwerfer dahinten machen mich völlig fertig...“. Frau Y. zwinkert mir zu. „Wasser, ich brauch erst mal Wasser“ sagt der Herr Geschäftsführer Richtung Tresenkraft, ignoriert das eilig hingestellte Glas, greift sich die kleine, grüne Flasche und leert sie auf einen Zug. „So, jetzt ist’s besser“, meint er, bestellt sich noch ein Pellegrino und dreht sich mir zum ersten Mal ganz frontal zu. Mit offenem, neugierigem Blick; selbstbewusst aber erstaunlicherweise ohne Selbstgefälligkeitskomponente. Ich bin ein bisschen irritiert, weil er im Gesicht zu den Haarstrichen noch einen dicken, dunkellilafarbenen Punkt zwischen dem rechten Augeninnenrand und Nase hat. Schön anzuschauen ist das alles nicht. Aber egal, der Blick ist gut, die Stimme nicht unangenehm; ein ganz typischer Bluffspacke scheint er nicht zu sein. Und selbst wenn, ich bin schließlich Profi.

Abschätzen und Aufwärmen dauern keine zwei Minuten. Die PR Frau grinst süffisant und zieht sich zurück. Herr X. und ich sind im Gespräch. In einem richtigen. Statt über seine Großartigkeit und die seiner Firma reden wir über überforderte Agenturen, aufgeblasene Berater, wundergläubige Marketingmanager, den „Web 2.0“- Wahn, Wasweißich. Viel, schnell und ziemlich einer Meinung. Irgendwann zwischendrin, ich denke nebenbei gerade über diesen lila Punkt nach und kategorisiere ihn spekulativ mal als schlecht verheiltes Relikt einer Geschwürentfernung, klickt plötzlich etwas im Kopf. Hoppla, hier findet ja gerade eine echte Begegnung statt. Mit fest verschränkten Blicken, vergnügtem Interesse aneinander und einem Wohlwollen, das mit schlichter Libido wenig bis nichts gemein hat. Spontane, nicht herbeigeredete Anziehung. Spontanmögen war lange nicht.

Klar sehe ich ab und an appetitliche Objekte. Auch mal Anwärter für Ernsthafteres, die man sich mit etwas Bastelei am eigenen Überbau mögicherweise ausreichend spannend und passend hinzimmern könnte, und die so vielleicht sogar ein bisschen durch die Romantikmaschine drehbar wären. Aber das hier ist was anderes, ganz was anderes. Das ist spritzig, komplett unaffektiert und fühlt sich sehr lebendig. Echt und lebendig war lange nicht.

Und dann ist er auch schon wieder vorbei, der Moment. Die nächsten Termine rufen. Schade, ja find ich auch; hat wirklich Spass gemacht mit Ihnen, dito; klar Geschäft geht nun mal vor, ist eben so; aber Anknüpfen wär schön, ja. Bei Gelegenheit halt. Irgendwann.

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OMD, Freigelände. Die welkende Rothaarige im grünen T-Shirt, auf dem „Fischmarkt“ steht, kommt zum achten Mal mit ihrer riesigen Mülltüte vorbei und lehnt sich weit über den Tisch, um zu sehen ob in den letzten zwei Minuten nicht vielleicht doch jemand seine Cola ausgetrunken hat. „Muss doch alles schön sauber aussehen“ meint sie, als ihr jemand am Tisch sagt, sie solle doch nicht so ungemütlich sein. „Wenn ich einen Job mache, dann auch richtig.“
Irgendwer am langen Tisch wirft ihr einen Blick zu, den sie wohl für arrogant oder mitleidig hält. Solche Regungen kann sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie holt tief Luft und beginnt laut und hektisch zu erzählen. Dass sie nicht immer in den untersten Chargen der Messegastronomie gearbeitet hätte und im Grunde mit an den Tisch gehöre. Früher hätte sie nämlich eigene Firmen „mehrere, hören Sie, mehrere“, und vier bis fünf Fremdsprachen könne sie auch. Und das Geld, ja das hätte sie früher bündelweise ausgegeben. „Bün-del-weise, rechts und links,“ ruft sie und zieht imaginäre Scheine aus den beiden Seitentaschen ihrer Billig-Jeans.
„Meine erste Firma hatte ich schon mit 20, die hab ich mit Profit verkauft, dann noch zwei,“ erzählt sie „ich hab das ganz große Rad gedreht.“ Irgendwann aber sei sie von der Bank schlecht beraten worden und dann kam der Absturz. Ganz schnell. Keine weiteren Kredite, kein Mann, keine Familie, keine Rücklagen. „Aber man muss ja flexibel sein. Ich arbeite alles, jetzt. Lieber Scheiss-Jobs als Sozialamt.“
Also Mülleinsammeln auf Messen und Events, Busbetreuung von Wochenendtouristen auf Polenfahrt, Parkplätze bewachen, „eben so wie’s kommt, weil einen richtigen Job krieg ich nicht mehr. Die finden mich alle zu alt.“
Ein Suchmaschinenoptimierer am Tisch unterbricht ihren Redefluß und weisst sie in herrischem Ton plus vertraulichem ‚Du’ darauf hin, dass hier „mehrere separate aber allesamt wichtige Besprechungen“ stattfänden und sie jetzt wirklich genug gestört habe. „Ach, blas Du Dich mal nicht so auf,“ herrscht sie ihn an und fährt sich energisch durch Haare, „Du bist vielleicht schneller pleite als Du glaubst. Und alt sowieso. Richtig frisch siehst Du ja jetzt schon nicht mehr aus.“
Dann macht sie eine ausholende, halbkreisförmige Bewegung mit den Armen, so als wolle sie uns in ihre Mülltüte schieben. „Passt Ihr mal alle schön auf Euch, denn das mit dem arm und alt werden geht ganz schnell. Ruckzuck und raus aus dem Spiel seid ihr!“ Bevor jemand reagieren kann, säuselt sie „ Schönen Tag dann noch“, dreht sich um und schlendert mit ihrer Mülltüte zum übernächsten Tisch. Mit der aufrechten und gleichzeitig gut gelaunt-geschmeidigen Körperhaltung derer die wissen, dass sie wirklich recht haben...

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Frust beim Arbeiten. Ist uncool, hat trotzdem fast Jeder. Ich auch. Vor allem heute. Stunde um Stunde recherchieren und überall dasselbe hören ist einfach zum Erbrechen langweilig...

Als zwangsläufig zukunftsorientierter Marketing-Mensch muß man viel Gegenwärtiges lesen. Das weiß kaum jemand besser als der Merlin des Mainstream, Mathias Horx. Auf den berufen sich deutsche Medien seit Jahren immer dann an, wenn irgendwas bereits deutlich nach „Trend“ riecht.
Statt ihre Hausaufgaben selbst zu machen, sprich zu recherchieren, zitiert die Journaille den Zukunftsforscher Horx, wie er anderleuts Studienergebnisse, etwa von Price Waterhouse Coopers oder BITKOM zitiert, und dazu vielleicht noch (ohne Quellenangabe) einen Artikel aus dem Harvard Business Manager und/oder Fortune interpretiert. Beispielsweise zum Thema Community Marketing und In-Game Advertising.

Ein bisschen Geraune über gesellschaftlichen Wandel, Paradigmenwechsel usw. dazu und schon reicht's nicht nur für FT und Handelsblatt, sondern auch für Zeit, Spiegel usw. . Dann kommen die ersten TV Magazine, basteln ein wenig human touch dazu (16-jährige Mädels im Buzz-Fieber oder so) und ein paar Wochen später erkennen ihn dann wirklich Alle, den „Trend“. Eine knappe MInute bevor Mutter Beimer darüber nachdenkt, ein Video bei YouTube reinzustellen und/oder ein Reisebüro-Blog zu schreiben, während Hansemann über eine T-Online-Werbung im Computerspiels seines Sohns wettert...

Nichts gegen Herrn Horx persönlich. Der ist ein fleißiger Mann, Soziologe, und hält sich breitflächig auf dem Laufenden. Und weil er seine Pappenheimer bei der Presse und vor allem die in den Marketingabteilungen der Top 500 Firmen kennt, schaut er öffentlich selten mehr als maximal 4 Minuten in die Zukunft und das stets abgefedert durch frühere Erkenntnisse aus anerkannteren Quellen. Das ist klug und pragmatisch dazu. Eigentlich könnte man Horx auch offiziell zum Rollenmodell ernennen. Denn das isser. Für eher lahm daher kommende Prognosten genauso wie für den nächstbesten selbsternannten Berliner Advantgardisten. Merke: Zweieinhalb Minuten Vorsprung reichen. Fast immer.

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Mal auf Kinder, Katzen, Kanarienvögel usw. aufzupassen ist normal. Als freundlicher Mensch macht man so was. Vertretungsweise red ich auch ein bisschen mit anderleuts Zimmerpflanzen, wenn’s denn sein soll. 'Blog Gießen' ist allerdings neu im Programm. Da kenn ich mich bisher weder mit der Dosierung noch der Frequenz aus.
Aber Herr Dahlmann meint das mache nichts. Hier müsse man sich keine Sorgen machen, wie im gemeinsamen Heimatdorf für ‚Erlebnisschrott’ oder ‚Befindlichkeitskram’ gegeißelt zu werden. Inzwischen herrscht da drüben zwar eher aufregungslose Altersmilde, aber hey, was waren wir streng damals.. Vor gefühlten 1000 Jahren, als das Internet für die Meisten noch eine ziemlich neue, sattgrüne Spielwiese war und von Blogs weit und breit nix zu sehen. Immerhin wirken einige der seinerzeit gesetzten Maßstäbe – auch in energisch Richtung echter feuilletonistischer Berühmtheit weiterdrehenden Welten – noch immer nach. Und so outet man sich mit einer kleinen Reverenz nicht automatisch als Vorgestriger.
Ich jedenfalls schau gerne mal nach, was aus Leuten und Orten geworden ist, die ich aus Gründen mal mochte. Schon erstaunlich, auf wie viele Fleisch- bzw. Beton-gewordene Klischees man dabei stößt und beim Aufschreiben nichts, aber auch gar nichts dazu erfinden muss:

Herr H. und die Zufriedenheit
Sven-Erik hat endlich Ordnung im Leben. Das liegt an Siri, die eigentlich ganz anders heißt, aber ihren richtigen Vornamen kann Sven-Erik ebenso wenig aussprechen wie sie den seinen. Wohl auch der Einfachheit halber nennen sie sich gegenseitig nur 'honey'.

Viel miteinander reden können sie ohnehin nicht. Er spricht kein Thai, sie kein Deutsch, und sein Englisch ist nur ein bis zwei Tick weniger rudimentär als ihres. Aber das ist nicht schlimm, sagt Sven-Erik. Sie verstehen sich auch ohne nennenswerten Wortschatz und Grammatik. Wenn sie kurz vor Mittag fragt "honey, I cook you?“ antwortet er "yes honey, i have hungry" und 15 Minuten später stellt sie mit strahlendem Lächeln köstliches Essen auf den Tisch.

Honey putzt, wäscht, bügelt, kocht, flickt, dreht die Joints vor und tut auch ansonsten alles um Honey zu erfreuen. Wer die beiden übers Wochenende besucht, fühlt sich ein bisschen wie in einer Endlosschleife der ‚Mai Ling’ Episode von Polt.

Trotzdem sieht es so aus als seien die rund 25.000 Euro, die Sven-Erik letztes Jahr für Auslöse und Eheschließung zu zahlen hatte, vernünftig angelegt. Nach zwei gescheiterten Ehen mit Deutschen und etlichen ruhmlosen Versuchen mit taiwanesischen Frauen war er irgendwann auf Brautschau nach Phuket geflogen, wo er die Bar- und Bordellangebote systematisch durchkämmte und dabei auf Siri traf. Anfang 30, keine Schönheit, aber nett und lustig und im wettbewerbsgetriebenen Sexdienstleistungsgewerbe erfolglos genug, um sich von Sven-Eriks Ganzkörperverfettung und miserablen Umgangsformen ebenso wenig abschrecken zu lassen wie von Neurodermitis-Schorf an sehr sichtbaren Stellen.

Nach einigen „Überprüfungstestläufen, Du weißt schon...“ mit weiteren Thai-Damen, die sich ebenfalls nicht leisten konnten in Sachen Kunde wählerisch zu sein, stand fest: Siri wird’s. Tschaptschap und ab dafür. Obwohl sie rein finanziell kein wirklich guter Deal war, aber "Loyalität, gute Versorgung und sexuelle Kompatibilität, darauf kommt’s doch an,“ meint Sven-Erik und dass man sich das ruhig was kosten lassen darf.

Wie Siri das sieht, weiß man nicht genau. Jedenfalls scheint sie entschlossen, diese Ehe harmonisch zu führen. „I happy. Can do…”, sagt sie und brät sich eine eigene Portion Phat Thai, weil Sven-Erik immer schimpft wenn nur ein Hauch zuviel Chili und/oder Knoblauch in seinem Essen ist.

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