Athen

"Athen ist natürlich ganz anders, aber im Moment gerade so ein bisschen das Gegenteil von Berlin", sagte mir Y., zwischen zwei Schluck Rotwein. „Hier kann man halt superbillig und gut leben, Mietwohnungen kosten quasi nichts und Vermieter laufen einem hinterher, wenn man was sucht. Dafür bekommt man keinen Job und wenn man einen hat, verdient man kein Geld damit.“ Y. pendelt, wie viele Kreative, zwischen Athen und Berlin hin und her. Je nach dem, wo der freie Autor gerade einen Job hat. Und damit hat er Athen schon ganz gut zusammen gefasst.

Athen befindet sich in einem nur langsam abklingenden Schockzustand. Seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise um 2009 rum hat sich das Land nicht wirklich erholt. Ein kurzer Spaziergang durch die Stadt macht das deutlich. Etliche geschlossene und verfallene Geschäfte, einige leerstehende und verwahrloste Mietshäuser, selbst in der Innenstadt. Die Infrastruktur hat bessere Tage gesehen. Altbauten verfallen, Plätze werden nur minimal gepflegt. Ein bisschen wirkt Athen auf den ersten Blick wie der auf die schiefe Bahn gekommene Bruder von Barcelona.

Aber das ist natürlich nur eine Seite Medaille. Unter der vermeintlich etwas mitgenommen Oberfläche breitet sich dafür eine interessante und vielfältige Kreativität aus. Ich habe selten so viele interessante und gute Graffiti in einer Stadt gesehen. Die bleiben teilweise auch deswegen, weil die Stadt einfach kein Geld hat, sie wieder weg zu machen, dafür breitet sich in der Stadt ein ganz eigener Style aus. Es gibt es viele kleine Kneipen, in denen sich Künstler treffen, lustigerweise gerade in so Vierteln wie Psyri. Das liegt am Fuß der Akropolis, nahe der „Flohmarkt“ titulierten Touristenfalle an der U-Bahn Station Monstiraki. Tagsüber sind hier auch viele Touristen, Abends übernehmen die Griechen Psyri, das vollgestopft ist mit Kneipen. Die sind nicht gerade billig (großes Bier 0,4l = 5 Euro), aber das stört hier auch keinen.

„Warum sollte man aufhören Spaß haben?“, meinte meine Gastgeberin. „Die Athener haben eine Menge durchgemacht und sich an die Lage gewöhnt. Irgendwann hat man keine Lust mehr jeden Cent für Rechnungen auszugeben, also geht man was trinken. Wird schon gut gehen.“

Wenn man ausgeht spürt man die Lust der Menschen am Leben. Man spürt die Kreativität, die die Krise herausgefordert hat. Denn ohne kann man hier nur schlecht überleben. Man spürt auch, dass die Künstler und Kreativen (meine Gastgeberin ist Kamerafrau und dreht Kinofilme) durch die massiven Kürzungen des Kulturbudget arge Probleme haben. Andererseits stimmt halt auch der alte Spruch, dass die Not wiederum andere kreative Kräfte freisetzt. Die Kunstszene lebt, vibriert und macht halt einfach viel in Eigenregie. Eintritt zahlt man selten, dafür säuft man halt ein bisschen mehr an der Bar.

In den vollen und lauten Kneipen und Pop-Up Galerien in irgendwelchen Abbruchhäusern merkt man nichts von der Krise. Wohl aber, wenn man in ruhigeren Läden mal mit ein paar Athener in der Ecke sitzt. Die Themen Job, Geld, Europa und Deutschland (bzw. Merkel/Schäuble) tauchen unwiderruflich auf. Wenn man sich daran abgearbeitet hat, dann folgt meist ein „Ach, wird schon“. Die Athener haben ein dickes Fell. Zwangsweise.

Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass sich der Schock über die Wirtschaftskrise und deren Folgen immer noch auf das Gemüt der Griechen legt. Was verständlich ist. Die Auswirkungen der Krise ziehen sich durch alle Schichten. So berichtete mir jemand von einer Bekannten, die von ihrem Vater etliche Wohnungen gerbt hatte. Vor der Krise kam sie durch die Mieteinnahmen auf ein Einkommen von mehr als 7.000 Euro. Jetzt seien es nur noch 1.500 Euro. „Die Wohnungen stehen leer, weil keiner Geld hat,“ so der Erzähler. Man kann sich vorstellen, was die Krise mit jenen gemacht hat, die schon vor 2010 gerade so über die Runden kamen.

Das hat aber überhaupt nichts an der Herzlichkeit der Menschen verändert. Im Gegenteil. Es scheint fast so, als haben die Griechen der strengen Austeritäts-Politk der EU und des IWF einen fast trotzigen Sozialismus entgegen gestellt. „Wenn Dein Leben von neoliberalen Kapitalisten bestimmt wird, dann muss man sich wehren“, sagte mir ein Freund meiner Gastgeberin. Gegenseitige Hilfe, Selbstorganisation und ein bisschen Beschiss dem Staat gegenüber sind drei sehr wirkungsvolle Waffen der Griechen. Als ich in Athen war machte gerade die Geschichte von Arbeitern aus Thessaloniki die Runde, die seit Jahren ihre alte Fabrik mehr oder weniger besetzt haben und dort in Eigenregie Seife produzieren. Der Besitzer der Anlage will das nun beenden, was zu großer Empörung geführt hat.

In den paar Tagen, in denen ich da war, habe ich mich nie als Tourist gefühlt, den man etwas mehr abluchsen kann. Ein Beispiel: Ich hatte meinen Barttimmer vergessen und wollte einen neuen kaufen. In einem Geschäft nahe des Athener Marktes sah ich einen im Schaufenster eines kleinen Elektromarktes. Der Inhaber sprach ein bisschen Englisch und fragte, ob ich lange bleiben würde. „Nur ein paar Tage,“ antwortete ich, worauf er meinte „Ach, dann ist der viel zu teuer. Ich habe hier irgendwo einen einfachen, kleinen Trimmer, der reicht doch auch. Kostet 8 Euro.“

Egal, wo ich war. Ob ich mit Händen und Füssen versuchte zu erklären, was ich in einem Laden wollte, oder ob ich ratlos irgendwo rum stand - jederzeit reagierte man zutiefst freundlich und herzlich. Da ich ja nun ein bisschen in der Welt rumkomme und einiges erlebt habe, kann ich wohl sagen, dass ich das in der Art wirklich selten erlebt habe.

Athen mag einem von außen laut, chaotisch, ruppig und ein bisschen runtergekommen erscheinen. Aber dahinter verbirgt sich eine grandiose Offen- und Herzlichkeit. Der Stolz der Griechen mag angeknackst sein, aber er ist nicht gebrochen. Und wenn sich das Land sukzessive in den nächsten Jahren erholt, dann wird Athen eine der spannendsten Städte in Europa sein.

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Eine der Sachen, die mir in Paris aufgefallen sind, ist die Tatsache, dass alleine in der Ecke (11. Arrondissement), in der wir untergekommen waren, es im Umkreis von 50 Meter drei Bäckereien gegeben hat, die offensichtlich ihr Brot noch selbst hergestellt haben. Das konnte man alleine daran erkennen, dass auch die Brote einer gleichen Sorte immer eine leicht unterschiedliche Form hatten und mal etwas dunkler und mal was heller waren. Da wurde also richtig mit der Hand gearbeitet, auch wenn ich natürlich nicht weiß, wo die den Teig her hatten. In Berlin herrscht dagegen Brot Notstand. Jedenfalls in meiner Ecke. Kamps, Kamps, Kamps, dazu ein paar kleine "Back-Shops" in denen die Brötchen alle gleich aussehen und schmecken: Schlecht. Fast alle Brötchen und Brote sehen wie mechanisch hergestellte Laibe aus und es macht keinen Unterschied, ob ich in der Bäckerei A oder B einkaufe. Was mich auch nicht wundert, denn ein paar mal die Woche fährt hier ein Kühllaster die Strasse rauf und runter und liefert den Teig ab. Die vorgeformten und gefertigten Teigrohlinge wandern dann in einen Ofen, der auf die Sekunde genau arbeitet und Brote rauswirft, die alle wie geklont aussehen und schmecken. Mittlerweile habe ich manchmal das Gefühl, dass in den Aufbackbrötchen aus dem Supermarkt mehr Teig steckt, als in den chemisch hochgetunten Dinger, die man um die Ecke kaufen kann.

Als ich in den Boulangerien in Paris anstand, habe ich Gerüche in die Nase bekommen, die ich seit Jahren nicht mehr gerochen hatte. Ganz viele unterschiedliche Brotsorten, deren Gerüche sich vermischten, dazu frische Croissants die den Namen auch verdienten und viele, viele süße Sachen. So wie damals, in der winzigen Backstube in meiner Heimatstadt, die so klein war, dass man auf der Strasse anstehen musste, wenn mehr als vier Leute im Laden waren. Drinnen war es immer mollig warm und die Brötchen waren fest und bestanden aus Teig und nicht aus Luft. Wenn man früh genug da war, dann waren sie noch warm und wenn man sie ans Ohr gehalten hat, dann konnte man es noch knistern hören. Und dann das dunkle Brot, dass vor allem noch eine harte Kruste hatte. So eine, die knackte, wenn man reingebissen hat und keine, die entweder zäh wie Leder, oder so ausgetrocknet ist, dass man sie nicht mehr kauen kann. Ich vermisse das sehr und ich hab mich diebisch gefreut, als ich an unserem letzten Tag in Paris mit zwei warmen Baguettestangen und einem Brot, dass aussen fast schwarz, aber innen butterweich war unter dem Arm zum Frühstückstisch eilen konnte.

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Ich kannte die Webseite bisher nicht, aber der Text über die Nebenwirkungen einer Diätpille brachte mich gerade sehr zum lachen.

But here’s the most important thing the drug does: it makes you shit oil. Worse, it makes you shit your pants. With oil. This is not the ravings of some fringe conspiracy group, this is what the company tells you itself on its website. Buy our drug if you want to lose weight. Oh, by the way, you’ll end up shitting your pants.

Ich wollte es ja nicht glauben, aber es steht tatsächlich so auf der Webseite der Firma. Naja, nicht mit den Worten "You will spray oil when you fart", aber so ähnlich. Sehr ähnlich.

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Isabo muss noch kämpfen. Bei mir war das neulich so mit dem biometrischen Pass. Ich zum Fotomenschen. Fotomensch macht Foto. Fotomensch entwickelt, legt Schablone an und gibt mir die vier Fotos am Stück zur Ansicht in die Hand.

Ich so: Ok, nehm ich steck ein
Fotomensch: Neeeehhheiiinnn, die muss ich auseinander schneiden!
Ich so: Kann ich auch
Fotomensch: Neeeeehhheiiinnn, nachher paßt das nicht mehr in Schablone! Die vom Amt wollen immer ganz genau zugeschnittene Fotos, sonst mal Szenario aus mit vielen abgeschlagenen Köpfen, ähnlich dem Schlachtfeld von Philippi und den nachfolgenden Konsequenzen
Ich so: Wegen mir,

Mehererere Stunden später aufm Amt.
Amtsfrau: Die Fotos bitte.
Ich so: geb
Amtsfrau: Ach neeeeee.
Ich so: Öhm?
Amtsfrau: hmpflgrmpflmoment hol Schablone raus schieb rum
Ich so: interessier guck
Amtsfrau: Warum ham se denn die Dinger auseinander geschnitten?
Ich so: Ich dachte, das muss man?
Amtsfrau: Neeeeehhheeeiiinnn. Das machen wir lieber selber, wegen der Schablone.
Ich so: Woher sollte ich das wissen?
Amtsfrau: Weil...weil schieb Schablone man das weiß, wenn man sich hier informiert. Zum Beispiel bei mir.
Ich so: Sollte ich etwa ohne Fotos kommen, stundenlang warten, und dann wieder mit der Info gehen, dass man Fotos nicht auseinanderschneiden soll?
Amtsfrau: schieb Ja. Nein. Sie hätten ja anrufen können.
Ich so: Aber...
Amtsfrau: Da!!! Die Nase! Jetzt stimmt es an der Nase nicht. Das weiß man doch. Manmanman, so geht das nicht.
Ich so: Was ist denn mit meiner Nase?
Amtsfrau: Da! Die Linie! Mindestens einen Millimeter zu weit links. Wo wollen Sie denn hin.
Ich so: USA
Amtsfrau: Oooooowwwwww...
Ich so: Komm ich jetzt nicht mehr rein da?
Amtsfrau: Ich weiß nicht. Wartensemal. hol Schere mach Bastelarbeit
Amtsfrau zu Amtsfrau 2: Un ich sachs immer, aber nein.
Amtsfrau 2: Jaja.
Amtsfrau hol Lineal aus der Schublade Ich komm mir vor wie bei der Sendung mit der Maus, du.
Ich so: Und ich erst.
Amtsfrau 2. Gacker Ja, aber warum ham se das auch so gemacht
Ich so: Ich war das gar nicht, also der Fotomensch hat mir gesagt...
Amtsfrau 2: Ach diese jungen Fotografen
Ich so: So jung war der nicht
Amtsfrau Pssst. kneif Augen zusammen und schneid
Amtsfrau 2: Achja. schau gespannt zu
Amtsfrau: schnipsel Sooooo. leg Schablone an Hmpf, guckma Heidi.
Amtsfrau Heidi: Hmhmhmhm.
Ich so: Ja?
Amtsfrau Heidi: Hmhmhm. Die Nase.
Amtsfrau: Die Nase geht, aber die Stirn!
Amtsfrau Heidi: Wenn er sich die Haare schneidet gehts.
Amtsfrau: Hmhmhm. Naja. Macht 59 Euro.
Ich so: Moment, komm ich damit jetzt rein? Oder muss ich einen Friseur mitnehmen?
Amtsfrau: Also wenn ICH da einen Stempel drauf mache, kommense überall rein. Auch inne USA.

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Bei Premiere den spanischen Kommentar auf das Spiel SPA vs. FRA geschaltet. Noch nicht rausgefunden, wieviele Leute da kommentieren, schätze aber es sind 5. Vielleicht eine Frau dabei, die man gemeinerweise aber immer abwürgt und offenbar aus diesem Grund von außerhalb der Kommentatorenbox Spielernamen reinruft. Alle reden ziemlich gleichzeitig und bekommen pro Sekunde mehr Silben raus, als ein deutscher Kommentator in einer Halbzeit. Ah, Frau darf immer was sagen, wenn ein Spanier verletzt auf dem Boden liegt oder Spielerfrauen gezeigt werden. Ein Kommentator klingt wie ein 67jähriger, sehr dicker, kettenrauchender mit einer alten, fettigen Schürze bekleideter Tapasverkäufer, dem man von hinten den Hals zudrückt. Alles sehr erholsam, zumal ich kein Wort verstehe.

Nachtrag: Hier ein Tonbeispiel. Gepostet von T.S.Garp drüben in den Kommentaren. Es fällt gerade das 1:1 zu für Franzosen, deswegen die Ruhe

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