Popkomm. Ich war da seit irgendwas um vier oder fünf Jahren nicht mehr, weil ich zu lange in der Musikindustrie gearbeitet hatte, und befürchten musste, dass wenn ich noch eine einzige Popkomm besuche, alle Anwesenden mit der scharfen Kante meines Haustürschlüssels abmolche. Aber jetzt bin ich älter und arbeite nicht mehr für die Musikbranche. Und die Popkomm hat offenbar so große Sehnsucht nach mir gehabt, dass sie nach Berlin gekommen ist.
Das war ja schon mal das erste, was ich überflüssig fand. Messen und Veranstaltungen soll man gefälligst da lassen, wo sie groß geworden sind. Der Oscar wird ja auch nicht plötzlich in Detroit verliehen. Aber man dachte sich offenbar (dachte man? Naja) man ging also davon aus, dass wenn die tolle Popkomm nach Berlin kommt, sich die Berliner alle ins Höschen machen vor Freude. Außerdem dachte man wohl (diesmal dachte man, glaube ich, schon), dass die Musikbranche der Politik einfach ein Stück näher kommen muss, dass Berlin ja eine dolle Metropole ist, wo sich Underground und Politik treffen und Ringelpietz mit Anfassen spielen, da muss die Musikbranche ja auch sein. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Musikbranche seit ungefähr 20 Jahren jeden Trend mordsmässig wie sonst noch was verschlafen hat, dann sollte man sich überlegen, ob es nicht langsam Zeit ist Berlin zu verlassen um nach Wien oder Zürich zu ziehen. Wenn die Musikbranche "Hype, Super!" schreit, ist noch nie was gutes bei rausgekommen.

Jedenfalls bin ich milder geworden und die Zeit hat viele Wunden verschlossen. Warum nicht mal sehen, wer von den alten Kollegen noch so rumhüpft und wie sich Branche so darstellt. Außerdem kostet die Akkredetierung für Journalisten nicht mehr 70 Euro wie in Köln sondern nix. Frohen Mutes ließ ich mich einscannen und betrat die Messehallen. Ich schlenderte durch eine recht leere Halle, dann durch noch eine nicht ganz so leere Halle und dachte, nachdem ich fünf Rechtsanwaltstände, zwei Wirtschschaftsprüferstände, den VIVA Stand, den Kanada-, Österreich-, Schweiz, Holland-, Norwegen- und Finnlandstand, den Popakademiestand, den Deutsche Welle Stand und den "Super-T-Shirts hier Stand" gesehen hatte: "Aha, und wo sind die Hallen, wo die Musikindustrie ist?" Also bin ich zurück marsch, marsch, erstmal super o2 Tasche beim Pressestand abstaubend, dann Lageplan studierend.
Ok - ich hatte den "Labelstand" (an dem es lecker Currywurst gab) in einer Halle übersehen. Aber sonst nix. Die Popkomm, die in Köln mal fünf riesige Hallen belegt hatte, ist zu einer Veranstaltung zusammen gedampft, gegen die die "Fachmesse Sanitär, Heizung, Klima und
Gebäudeautomation" ein Rock n Roll Fest ist.

Ja, sagen da sicher manche aus der Branche, ja, so ist das eben. Uns gehts schlecht. Wir müssen sparen. Die bösen Musikkonsumenten, die einfach nix mehr kaufen, sondern alles brennen. Und damit das auch keiner vergisst, hat der Vorstandsvorsitzende der Verbände der der Tonträgerhersteller, Gert Gebhardt in einem Begleitheft zur Popkomm einen ganz tollen Vergleich gefunden. Er schreibt da nämlich folgendes:

Seit Anfang des Jahres gibt es ein Gerät, mit dem man frische Brötchen kopieren kann. Man legt es einfach unter den "Multivaleszenzkonvergator" , wartet einige Sekunden und hat schließlich ein weiteres Brötchen, das sich in nichts vom seinem Original unterscheidet. Die Bäckerbranche klagt seitdem über drastische sinkende Umsätze. Die Hersteller der Brötchenkopiermaschinen bezweifeln allerdings einen Zusammenhang. Die meisten Menschen kopieren die Brötchen zusätzlich zu ihrem bisherigen Bedarf, sagen sie, und viele Menschen seien überhaupt erst durch ein kopiertes Brötchen auf den Geschmack gekommen. Glauben sie das? Ich auch nicht. Zugegeben, die Geschichte ist frei erfunden ...

räusper Hallo? Schon mal was von Backautomaten gehört, Herr Gebhardt? Diese Dinger, wo man eine fertige Backmischung reinwirft, ein Knöpfchen drückt und kurze Zeit später ein Brot hat, dass sich von seinem Original aus der Backstube in nichts unterscheidet? Und die seit drei, vier Jahren wie blöde unters Volk gebracht werden? Gibt es deswegen weniger Bäcker? Ich sehe das ein bißchen anders. (Und der Doc meint das auch))

Aber genauso präsentiert sich die Popkomm nun auch. Es ist immer noch böse Konsument, der nicht mehr konsumieren will. Und deswegen macht man jetzt auch besser die Schotten dicht. Es gibt keinen Publikumstag mehr. Ein "Ein Tages Ticket" für Fachbesucher, kostet 92 Euro, die Drei-Tageskarte 255 Euro. Um was zu sehen? Zwei leere Hallen, jede Menge gelangweiltes Sicherheitspersonal, ein paar belanglose Flugblätter, genervte Hostessen und merkwürdige Frisuren. Der gesamte Bereich: mp3, Computer, Netzwerke, neue Vermarktungsmöglichkeiten. Kaum zu sehen. Stars? Keine da. Wenn die ganzen Länderstände nicht wären und wenn nicht drei Berliner Cocktailbars riesige Flächen angemietet hätten, wo man nett sitzen kann, das Ganze hätte in die kleinste Halle der Messe gepaßt.
Während früher um die Popkomm herum das Leben tobte, wo es ein Ringfest wo man sich darstellte, öffnete, da ist heute nichts als die gähnende Leere der Hallen. Ging man früher auf den Konsumenten zu, versuchte man neue Bands und Stilrichtungen schmackhaft zu machen, zieht man sich nun in einen Schmollwinkel zurück und fährt die Taktik, dass man eben alles über die Politik regelt. Wenn der Konsument nicht hören will, dann muss er eben von seiten des Gesetzgebers gezwungen werden. Ob per Copyrightgesetz oder per gesetzlich verordneter Radioquote für in Deutschland produzierte Musik. Kauf, du Sau.

Das war heute schwer deprimierend. Das war eine ganze Branche in völliger Agonie, ein Haufen depressiv zagender Menschen, die sich eingeschlossen haben und gegen "die da draussen" wettern, wo die Kreativen schon lange das Weite gesucht haben, weil sie keine Lust haben, das ein paar Anzugslobbyisten das Geschäft nur noch per Gesetz betreiben wollen. Da bleibt am Ende nur das Zitat von Dirk Bach, der bei der Echo Verleihung 2004 der versammelten Branche entgegen rief: "Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht geht?"

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mutant, Fr, 01.10.2004, 00:39

pop

will eat itself.


svenk, Fr, 01.10.2004, 07:54

Pah.

Es gab noch kein Konzept, dass die Kölner nicht zugrunde geritten hätten. Und sei es in Berlin.


anker, Fr, 01.10.2004, 09:35

Danke für den Text. Habe ich letztens nicht noch gelesen, dass die BMG-Umsätze im letzten Quartal gestiegen sind, trotz aller bösen, raubkopierenden Unkonsumenten, die in dieser kalten, herzlosen Welt unseren Musikmultis keine 150 Euro pro CD hinlegen wollen? (siehe hier: www.wirtschaftsblatt.at)

Haben Sie zufällig eine Referenz zu einer ausführlichen Abschrift dessen, was Dirk Bach bei Echo 2004 gesagt hat?


emilybeat, 1. Oktober 2004 10:50:35 MESZ

Ich war vorgestern auf einer Online-Marketing-Messe und habe mich die ganze Zeit auf die Popkomm gewünscht, weil die doch immer noch wesentlich lustiger war.
Wenn ich das allerdings jetzt so lese...
Und bei mir sprang wenigstens Semi-Prominenz rum und gab tolle Intverviews, die keiner hören wollte.
Und dem Verantwortlichen für die Jamba-Online-Werbung hätte ich bei seinem Vortrag am liebsten mein Handy an den Kopf geworfen. Der hat nämlich bestimmt auch das doofe Jamba-Nilpferd erfunden und ist sowieso an allem Schuld.


waldar, 1. Oktober 2004 14:27:00 MESZ

pop? .com egal

das schlimme ist ja, dass es einem in der stadt selbst, die von der pop.komm "verlassen" wurde keine sekunde schlecht ging. ganz im gegenteil: die c/o pop hat in diesem jahr einen beachtlichen start hingelegt und wird sich durch die beteiligung vieler statt sicherlich hervorragend weiterentwickeln.

wo waren franz ferdinand auf der pop.komm?


mutant, 1. Oktober 2004 14:37:32 MESZ

franz ferdinand

sind nicht die heilsbringer!
nette musik, das schon, aber alles andere ist wunschdenken.
es gibt heute keine relevante musik mehr und fertig.
und wer was anderes behauptet, muss zur strafe tag und nacht t.raumschmiere hoeren.


supatyp, 1. Oktober 2004 14:40:59 MESZ

genau so ähnlich

hat melcem mclaren erzählt , dass popkultur tot sei, charts völlig irrelevant und ob jemand grad überhaupt wüsste, wer in gb oder d nummer 1 sei. sehr gelacht, ja


mutant, 1. Oktober 2004 14:45:17 MESZ

bestimmt

atomic kitten oder sowas, beim briten sind die charts eh immer ganz komisch.


supatyp, 1. Oktober 2004 14:47:14 MESZ

komisch, aber

bis mitte/ende 80er wusste ich grob, was da ging bei den inne charts. heute is jede woche einer von null auf 1, das glaubt eh keine popsau


emilybeat, 2. Oktober 2004 11:58:30 MESZ

Das liegt doch an deren seltsamer Methode, die Charts zu ermitteln. In Deutschland wurde das doch auch irgendwann mal ein wenig in diese Richtung geändert. Sonst wären so DSDS-Typen von 0 auf 1 auch bei uns nicht möglich. "Killing me softly" von den Fugees war das letzte Stück, das nach unserer alten Methode von 0 auf 1 kam. Davor nur irgendwann mal die Beatles.
(ich glaube, so war das - hoffe ich bring nix durcheinander jetzt)


DonDahlmann, 2. Oktober 2004 17:45:00 MESZ

Charts. Ich glaube nicht, dass die Charts in den 80ern auch nur einen Deut besser waren, als heute vor ein paar Jahren. Unterscheidet sich DuranDuran in irgendwas von den Backstreet Boys?

Das wirklich depremierende an der Musikindustrie ist ja, dass sie einfach nicht einsehen, dass das Produkt schlecht ist. Die stehen immer da, und sagen: "Das Produkt ist toll, nur die Leute sind so schlecht geworden" Da ist ja selbst Bahn samt Mehdorn klüger, und das will was heißen.


mutant, 3. Oktober 2004 02:53:42 MESZ

duran duran

war um laengen besser wie backstreet boys. auch unter allen aspekten.


supatyp, 3. Oktober 2004 16:13:31 MESZ

frau mutant hat recht

für sonn ding wie "girls on film" oder "wild boys" würden die backstreet lümmel ihre linken eier hergeben


supatyp, Fr, 01.10.2004, 10:55

karstadt

rockt!


DaveKay, So, 03.10.2004, 02:14

Ein schöner Vergleich

den Herr Gebhardt da anführt, weil er so treffend ist. Denn ganz wie die Musikindustrie, bieten die Bäcker heute vielerorts minderwertige Massenware zu überhöhten Preisen an. Auf belegten Brötchen muss man heute Dinge mitkaufen und bezahlen, die man gar nicht will. (Dieser Mist mit der Remoulade auf jedem Brötchen ist eine Frechheit)
Wenn ich mir mein Wunschbrötchen runterladen könnte, zu einem angemessenen Preis, würde ich das tun.
Mein Backautomat schafft streckenweise im Akkord.
Ich lass mal noch nen Link hier


bluesbaker, So, 03.10.2004, 11:33

es gibt heute keine relevante musik mehr und fertig

sagt herr mutant.
nö nö. folgen sie z.B. mal am freitag abend unauffällig den schmuddelkindern (die mit den unordentlichen frisuren) auf irgendwelche ominösen partys. es gibt sie noch, die bands, die man nicht nach 2 tagen vergessen hat. allerdings weit ab von dem, was als "alternative" oder "independent" vermarktet wird. die für ne kiste bier und ne handvoll [s]dollar[/s] mettbrötchen spielen


supatyp, 3. Oktober 2004 16:15:58 MESZ

frau mutant

bitteschön


mutant, 3. Oktober 2004 18:07:19 MESZ

haha,

kinder die fuer kiste bier canalterror-hits nachspielen hab ich neulich am nachmittag inner turnhalle gesehn.
relevant war das nicht, hat man ja selber auch mal getan.


bluesbaker, 3. Oktober 2004 19:36:09 MESZ

ich nehme das

"herr" natürlich im tausch gegen "frau" zurück. die kiste bier ist eher ne me-tapfer... jede band, die ihre eigenen sachen spielt, ,jeder künstler, der sein eigenes ding macht, ist auch irgendwo relevant.
jedenfalls solange, wie statt geldgier und/oder übersteigertem geltungsdrang die liebe zur sache regiert.
(ja. ich habe wieder die rosa idealisten-brille auf)


beatmaster, So, 03.10.2004, 17:41

Trends, oder nicht?

Lieber Don,

ich beobachte seit geraumer Zeit die Deutsche Musikindustrie und deren Verbohrtheit. Ich habe einen guten Freund, der eine tolle Stimme besitzt und hier in der näheren Umgebung einen sehr großen Stellenwert hat. Ich bin erschüttert, wie sich die Musikindustrie scheut einen guten Musiker mit Ausdruck und Instrumentaler Intelligenz abzulehnen. Ich kenne Deine Beschreibung aus der Modebranche. Danke Don!

Gruß Beatmaster


supatyp, 3. Oktober 2004 17:46:46 MESZ

die Musikindustrie scheut versteh ich nich. die musikindustrie (was immer das jetz einklich sein mag) ist doch kein karitatives unternehmen. ich muss doch sehr bitten


DonDahlmann, 3. Oktober 2004 19:14:04 MESZ

Talent hat in keinem einzigen Bereich der Kreativität etwas mit Erfolg zu tun. Oder umgekehrt. Erfolg hat der, der zum richtigen Zeitpunkt, die richtigen Ideen zusammen geklaut hat, diese vom idealistischen Zuckerguss befreit und mit dem richtigen Manager fickt.


foe, 3. Oktober 2004 23:09:22 MESZ

Oder der, der im richtigen Moment die seine richtigen Ideen gegen die verlogenen der Bosse getauscht hat.


stollentroll, 4. Oktober 2004 09:15:38 MESZ

wozu braucht es denn die Musikindustrie?

Cds bzw. digitale Musikdataien kann man auch anders verbreiten und bewerben (und Radio höre ich bei der Scheiße die dort läuft schon lange nicht mehr.) Musiker sind doch so kreativ, da sollten sie andere Wege finden. Manu Chao verkauft jetzt seine Mini-Cds an französischen Kiosken...

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