Die erste Frage war "Oh mein Gott, was zieh ich nur an?" Ich meine, ich war ja nicht einfach irgendwo eingeladen, sondern in einer der Schaltzentralen der bundespolitischen Macht: Der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz. Dazu erreichte mich die Einladung auch erst gegen 16.00 Uhr und würde ich eine hysterische Tucke sein, dann wäre ich kreischend zum "Gianni" gelaufen und hätte ihn angefleht, das er mich noch dran nimmt, weil die Haare, so kann man doch nicht unter Leute gehen und Gianni hätte "Tsi Tsi" gesagt, und "maken wia alles gut, trinke erstemale Prosecco auffe Hausse, dann wia sehen was mitti Haare" und ich hätte "Danke, Gianni," gesagt und übermorgen hätte ich meiner besten Freundin erzählt, wie toll Gianni das noch gerettet hat, nur 150 Euro, aber ich schweife ab, denn ich bin ja keine Tucke und meine Haare sind nach einem heftigen Anfall neulich kurz und stehen jetzt in alle Richtungen, so wie in der Loreal Werbung, wenn die jungen Dinger mit dem Gel in den Haaren rumturnen und Klimmzüge machen, nur das meine Haare das mit ohne Gel und einfach so machen, was so schon ein wenig peinlich ist und noch peinlicher wird, wenn die Frage kommt, warum man denn jetzt auch so eine Frisur hat und man sagt, dass das von Natur ist, aber ich schweife ab, denn mir ist ja relativ wenig peinlich.
Jedenfalls musste ich mich schnell zwischen zwei gleich sauberen Hosen und zwei gleich sauberen Hemden entscheiden, was ja ganz schön anstrengend ist, ungefähr so anstrengend wie ein tödlicher Männerschnupfen. Männer wissen was ich meine.

Drei Stunden später stehe ich also in einem Monster aus Glas und Beton mit Blick auf den Reichstag und das Brandenburger Tor und bin ein wenig erleichtert, denn die Künstler, deren Werke da ausgestellt werden, sehen natürlich aus, als hätten sie ihre Klamotten, ihre Frauen und ihre Kinder bei Humana gekauft. Meine mutige Kombination, grau-blaues Hemd auf japanische Jeans zu Markenschuhen von Woolworth wird von den wichtigen Honoratioren nicht naserümpfend zur Kenntnis genommen.

Nun muss die Ausstellung eröffnet werden. Das ist immer so, und ich erkläre den Hasen, die nie auf Ausstellungseröffnungen gehen jetzt auch mal gerne warum das so ist: Das ist so, weil da einer was erzählen kann, der vorher 12 Semester BWL studiert hat, im 11. Semester seine Frau auf einer Bumsparty im Keller eines Freundes kennengelernt hat und er sie solala fand, aber wegen des Diplom/Magister/Staatsexamensstress wusste er jetzt auch nicht, was er mit ihr sollte, also war sie halt da, hat Kaffee gebracht und sich mit ihm gefreut, als er bestanden hat und das gleich so dolle, dass sie schwanger war und sich dachte: "Na, als Kulturhistorikerin kann ich ja auch später noch was machen, oder vielleicht auch was mit Sprachen, das wird ja immer gebraucht" und er dachte "Ups - na ja, hoffentlich wird sie nicht dick später" und jetzt ist er Referent in einem Rheinlandpfälzischen Ministerium, wohnt aber Wiesbaden, weil es sich da netter leben lässt, und hat zwei Kinder und wenn er in Woche ab und zu in die Schaltzentrale der Macht nach Berlin fahren kann, dann kann er auch gleich die ansässige Kulturreferentin ficken, was praktisch ist, weil seine Frau wegen der Dauerdiät und der damit verbundenen leichten Neigung zu Depression, die der Hausarzt mit ebenso leichten Anti-Depressiva auffängt, sowieso nichts bemerkt und die etwas blöde Kulturreferentin glaubt ihm, dass er unbedingt nach Berlin will, was natürlich gelogen ist, wegen des Hauses in Wiesbaden und weil er keine Gütertrennung hat. So, ist das. Soll ja keiner sagen können, dass es hier keinen bildungspolitischen Auftrag gibt, der nicht erfüllt wird.

Also einer redet, dann noch eine, auch eine Referentin, diesmal aber für Kunst und sie sagt Sachen wie "Variationen des Formenalphabets" und "imaginäre Farbkompositionen" und "visuelle Haptik". Das muss sie sagen, dafür wird sie bezahlt, auch wenn sich der Text, den sie über die Künstler vorliest anhört wie die Wohnungsbeschreibung eines windigen Maklers. Das die zweijährige Tochter des Malers mit dem Humana Fetisch während der Rede die ganze Zeit halblaut "blblblblblbl" macht, amüsiert aber leider nur mich, aber es kann ja auch nicht jeder in diesem Raum die Metaebenen von Kindersprache durchschauen.
Die anderen Menschen sind scheinbar damit beschäftigt der Frau zuzuhören, was ich außerordentlich interessant finde. Aber die tragen auch Krawatten und müssen das wohl tun. Ich kenn mich mit diesen Menschen, die tagtäglich in einer Schaltzentralen der Macht sitzen ja nicht so aus. Im ersten Moment scheinen sie irgendwie anders zu sein, sehr konzentriert. Im Gegensatz zu mir langweilen sie sich nicht und scannen die Dekolletees der anwesenden Damen, was allerdings auch langweilig ist, bis auf eine, aber die scheint an ihrer linken Hand festverwachsen mit einem deutlich älteren Herren mit großem Bauch und wenig Haaren und einer sehr, sehr hässlichen Nase, um den immer andere jüngere Herren stehen, und deswegen ist er wohl einer der Macht hat in der Schaltzentrale der Macht und ich frage mich, ob ich sie fragen soll, ob es nun ordinärer ist mit der Macht zu vögeln oder sie genau danach zu fragen, aber ich habe die leise Vermutung, dass meine Frage in der Gruppe nicht das Amüsement auslösen wird, was ich gerade habe. Am Ende ist es dann auch noch seine Adoptivtochter oder Nichte und dann ständ ich aber ganz schön blöd da.

Die mir fremden Menschen werden etwas normaler, als die Reden vorbei sind und das Buffet eröffnet wird. Dann sind alle wieder Tiere denn bei Schweineschulter auf Wirsing und Gemüse in Salbeibutter geht’s halt los, und wer zu erst mit einem Teller voller Essen wiederkommt, ist eben ein Winner. Komischerweise kommen erst ganz viele Frauen mit vollen Tellern. Ich trinke derweil Rotwein um meinem Image gerecht zu werden. Zwei Stunden später bin ich ein klein wenig angeheitert, aber immer noch ein wenig fassungslos über die Sache auf der Toilette. Die war natürlich auch ganz doll modern und ich bin gut erzogen und das führte fast zu einer Katastrophe, denn ich versuchte den Wasserhahn aufzudrehen, nachdem ich mir schon die Seife auf die Finger geschmiert habe, nur: da war kein Wasserhahn. Also, da war schon ein Hahn mit was dran, aber das ließ sich nicht bewegen. Ich dachte: "Aha, Lichtschranke vielleicht. Oder Annäherungsdeflektor" aber nix da. Ich schwenkte meine Hände, die mit einer Seife getränkt waren, die ein ganzkleines bisschen nach Sperma aussah wie ein blöder hin und her und hoch und runter und mal langsam mal schnell, aber nix passierte. Kein Wasser für mich. Der Hahn starrte mich amüsiert an und ich hasste ihn und seinen Designer sofort. Dann kam noch einer raus und wusch sich hinter mir die Hände. Mit Wasser. Das konnte ich hören. Also warte ich bis er weg war, drehte mich um und starrte wieder auf so einen Designerhahn und nichts passierte. Und dann trat einer neben mich und machte eine listige Handbewegung mit dem Hahn, sagte: "So geht das" und schaute mich dabei an, als sei ich eben aus einem Irrenhaus in Bayern entflohen, wo man sich sowieso nicht wäscht. Ich hab den Hahn gehauen, als er weg war und verfluche hiermit alle Wasserhahndesigner. Alle Zähnen sollen ihnen ausfallen, bis auf einen, und der soll stinken.

Wer einen modernen Wasserhahn aber nicht benutzen kann, der hat auch nichts in der Schaltzentrale der Macht verloren. Allerdings habe ich mir geschworen, dass, sollte ich jemals von Landesvertretung von NRW zum lesen eingeladen werden, genau diesen Text vorlesen werde.

P..S.: Der Rotwein war geil. Dornfelder aus dem Staatsgut. Kann man direkt in der RP Landesvertretung beim Pförtner für 5 Euro die Flasche erwerben. Hicks. Prost.

P.P.S.: Bilder waren auch hübsch

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schnatterliese, Mi, 28.04.2004, 00:47

kann ich ihnen mal was sagen

wenn sie einen guten dornfelder wollen, einen dornfelder barrique, sozusagen aus dem eichenfass, vergessen sie den dicken kleinen herrn beck und seine schaltzentrale, dann gehen sie bitte zum weingut landgraf in saulheim. so. und saufen sie kein 5€-plirre herrjeh! ist auf regierungsbezirk rp, somit pc.


svenk, 28. April 2004 01:57:10 MESZ

Da spart man sich dann die Reden...

...nicht indes die Dekolletées. Was eine Abwägungsfrage ist. Bleibt anzumerken, dass Frauen sich auf Vernissagen Mühe geben, gut auszusehen. Wohingegen Männer sich darauf hinausreden, sich in der Attitüde des Performancekunstobjekts zu gefallen. Was Auslegungssache ist.


ex-cowboy, Mi, 28.04.2004, 07:45

Was noch zu klären wäre ...

Und wie funktioniert der Wasserhahn nun ?


DonDahlmann, 28. April 2004 10:40:56 MESZ

Man müßte seitlich irgendetwas drehen und schieben und ziehen. Sehr hinterlistig


kohlehydrat, 29. April 2004 15:58:22 MESZ

kuerzlich in der damentoilette eines museums: eine ganze batterie von frauen steht haendefuchtelnd vor den unnachgiebigen designer wasserhaehnen.


chile, Do, 29.04.2004, 09:59

Tränen gelacht

hab ich beim Lesen dieser Geschichte. Kommt mir sehr vertraut vor, allerdings aus der Sicht eines Nicht-Humana-Humana-Künstler-Anhängsels. Die Reden sind zumeist grauenhaft und meistens ist es der Wein leider auch.


twisti, Do, 29.04.2004, 15:46

"Gleich sauber" is ein Ausdruck...

...den wohl nur Maenner kennen, und vermutlich auch nur single Maenner. Bei Frauen gibts "sauber" und "nicht sauber", bei uns gibts "frisch gewaschen", "ziemlich sauber", "relativ sauber", "stinkt nicht", "stinkt nicht sehr", "kann man noch mit deo ueberdecken" und "kann man nur noch zum fussball gucken anziehen".


udo, Fr, 30.04.2004, 13:48

Ich bezweilfe,

dass es diese Geschichte in den Pressespiegel der Landesregierung schafft. Aber sehen wir das mal als Qualitätsbeweis.

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