Günter Wallraff in einem Interview mit dem Standard zum Thema, wie die Stimmung bei den "kleinen" Angestellten ist.

In vielen Branchen herrscht eine Willkür, da fühlten sich viele wie im Straflager. Bei meiner letzten Recherche in der Brotfabrik, sagten Kollegen zu mir: Hoffentlich werden wir bald entlassen. Ich fragte: Warum kündigst ihr denn nicht? Dann kriegen wir eine Sperre vom Arbeitsamt. Das ist wie Zwangsarbeit. Beim Callcenter werden die Leute hin verpflichtet, obwohl sie zu Betrügern ausgebildet werden. Aber sie können nicht ablehnen, sonst kriegen sie die Sperre. Mit Langzeitarbeitslosen kann man machen was man will.
Wir hatten einen Wirtschaftsminister Clement, der schamlos der Leiharbeiterbranche alle Gesetze nach ihren Wünschen zugeschnitten hat. Jetzt wurde er von diesem Verband in den Dienst genommen, und er kassiert ein unverschämtes Salär.

Da spricht er etwas an, was meiner Meinung nach viel zu oft vergessen wird. Dass es die SPD war, die das Leiharbeitersystem in der Form eingeführt hat, um die Arbeitlosenzahlen schneller drücken zu können. Jetzt, in der Krise, schmeissen die Firmen natürlich auch erst die Leiharbeiter wieder raus, das betrifft offenbar vor allem Großkonzerne. Die können sich deswegen auch großzügig leisten zu versprechen, dass es 2009 keine Entlassungen geben wird. Klar - man die Leiharbeiter sind ja keine Angestellten. Leider gibt es keine Zahlen, wie hoch der Anteil der Leiharbeiter in den einzelnen Firmen ist, so dass man hier wenig belegen kann.

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frankai, Mi, 17.12.2008, 22:23

Mit Langzeitarbeitslosen kann man machen was man will.

"zwangsarbeit" findet auch durchs arbeitsamt statt ,reguläre vermittlungen gibt es kaum ,und wenn ,an zeitarbeitsfirmen ,oder an "die stadt".
der "pflegebereich" im gartenbau wird vielerorts mit langzeitarbeitslosen bestritten ,billige zwangsarbeiter ,die kommunen kostet das wenig ,sie bekommen noch zuschüsse ,haben dafür verpflichtung zur "fortbildung" übernommen - so haben einige teilnehmer verschiedenster "projekte" das dritte bewerbungstraining hinter sich ,weitere werden folgen ,ob die langzeitarbeitslosen nun deutsch sprechen oder nicht. verträge belaufen sich in der regel über 6 monate .wer krank wird bekommt ,auch im falle eines arbeitsunfalles , seinen 1nen euro der zusätzlich zu hartz4 verdient werden kann ,nicht ausgezahlt . das gilt natürlich auch für urlaubstage. entgeld für zusätzliche verpflegung aufgrund ständig wechselnder baustellen fällt natürlich auch weg. es gibt weder warme noch kalte getränke (im büro oft selbstverständlich vom arbeitgeber gestellt) gegen ende des monats fehlt es den meisten an essen. grünflächenpflege ist so günstig ,das es für reguläre firmen kaum sinn macht sich um aufträge zu bewerben.


DonDahlmann, Do, 18.12.2008, 09:49

Was ich gestern dann auch zum ersten Mal gehört habe: Das Kindergeld wird voll auf Hartz IV angerechnet. Als ob die Kinder etwas dafür könnten, dass die Eltern keine Arbeit haben.


creezy, Do, 18.12.2008, 23:11

Zu Deinem zweiten Kommentar, das wissen leider sehr wenige Journalisten in diesem Land. Oder interessieren sich dafür. Ja und dann überlege mal in einer stillen Minute, was das genau für alleinerziehende Eltern bedeutet. Das sind dann die, die vom «Hartz IV-Empfänger» schreiben, ungeachtet der Tatsache, dass es den nicht gibt und dieser Begriff wohlwissend seitens der Politik geprägt wurde, um das Image sogenannter Langzeitarbeitslose auf das Ansehen eines Sozialhilfeempfängers zu senken.

Das nennt man Sozialpolitik Deutschland.


brumonti, Mo, 22.12.2008, 02:33

Wir dürfen die duften Grünen nicht vergessen, die diese Zustände mitbeschlossen haben. Joschka Fischer rühmt sich in seiner Autobiaografie, Schröder erst dazu gedrängt zu haben HarzIV zu "erfinden".


creezy, Mo, 22.12.2008, 23:28

Die Hartz-Konzeptionen an sich waren im Ursprung nicht mal schlecht. Sie sind nur von Menschen ausgeführt worden, die zum einen inkompetent waren (und es immer noch sind), Schiss um ihre eigenen Arbeitsplätze hatten (denn ein Erfolg konnte sich ja kein Agenturmitarbeiter wirklich wünschen) oder die nur sparfixiert waren und nicht kapiert haben, dass die Gelder, die bereit gestellt wurden für die Integration der Menschen im Arbeitsmarkt waren und nicht um sie den Haushalten wieder zurück zu führen. Und man hat natürlich wenig Voraussicht bewiesen, was die Arbeitsmarktentwicklung anbelangt. Das kann man von Politikern natürlich auch nicht verlangen … also ernsthaft. ,-)


brumonti, Di, 23.12.2008, 00:59

Hartz IV war ein staatlicher Eingriff

  • um die Löhne zu senken, denn deren Untergrenze ist Hartz IV
  • um Angestellte einzuschüchtern, denn jede Arbeitsbedingung ist besser als der Terror vom Amt
  • damit die Politik nicht mehr in der Verantwortung steht, ein Problem des Staates lösen zu müssen, das sie nicht lösen kann
  • um Arbeitslose zu Stigmatisieren, denn egal ob deutscher Michel oder Dichter und Denker, mit Untermenschen umzuspringen wirkt auf alle gleichermaßen befreiend

Was daran im Prinzip richtig, nur schlecht umgesetzt sein soll, werde ich nie verstehen.

Irgendwie freue ich mich auf die Krise, denn dieses Mal werden alle diejenigen die Medizin zu schmecken bekommen, die sie Anderen vor Jahren zu schlucken gegeben haben.

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