Wenn man Sonntagabends mit der Tram die Friedrichshain mit Prenzlauer Berg verbindet, nach Hause fährt, dann sieht man das ganze Elend der modernen, vergnügten Patchworkfamilien. Die ganze Bahn ist voll gepackt mit Vätern, die ihre vier bis achtjährigen Kinder nach Hause bringen. Zu den Müttern in den Prenzlauer Berg, die nach der Trennung in der alten Wohnung geblieben sind, während er nach F'hain gezogen ist, weil die Wohnungen da ja ein wenig billiger sind, und er so die Unterhaltskosten aufbringen kann. Geballte Traurigkeit, die da aus den Kinderrücksäcken mit den Handtüchern, Spielzeugen und Stoffbären raus quillt. Verzweiflung pur, wenn das Kind, auf dem Sitz hockt, ganz still, den Kasten mit dem Meerschweinchen festhaltend, während die kleinen Füßchen haltlos knapp über dem Boden hängen. Die Väter, die sich an die Haltestangen klammern, dem Kind noch hier und da was mit auf dem Weg geben wollen und dafür fünf Mal den Mund öffnen, bis sie einen Satz sagen können, den das Kind dann schweigend zur Kenntnis nimmt. Man kann das Seufzen hören, das Nachdenken, man kann die Risse sehen, die Angst, die Traurigkeit, dass die schöne Zeit wieder vorbei ist und das permanente Unverständnis in den Kinderaugen. An jeder Station zwischen „Warschauer Strasse“ und „Eberswalder Strasse“ kann man die leisen Worte „Wir müssen jetzt aussteigen“ hören. Dann sucht der Vater die Hand des Kindes, nimmt sie fest und führt es raus, die letzten Meter zur Wohnung, die sie schweigend gehen. Am Ende hört man ein „Danke, war schön, Papi“ und „Bis bald mein Schatz“ und die Schultern sinken bei beiden ein wenig tiefer.

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fraggle, Mo, 10.01.2005, 17:55

herzzerreißend.

ist es wirklich so schlimm?


Kasi, 10. Januar 2005 18:01:59 MEZ

Es wäre wohl noch schlimmer

wenn die Eltern noch zusammenlebten.
Aber anders schlimm.


blue sky, 10. Januar 2005 18:06:30 MEZ

@fraggle: Ja, manchmal ist es das.


pascalo, 10. Januar 2005 19:02:29 MEZ

Richtig geil wirds spaeter

Wenn man dann als Sohn zu Weihnachten nach hause kommt, nur das das gleich 2 "Zuhause" sind, 200 km dazwischenliegen, man 2 Tage hin- und herpendelt um dann am letzten Weihnachtsfeiertag mit Mutter, Vater, seiner Freundin und ihrer Teenie-tochter an einem Tisch sitzt, wobei der alte schon fast Muffe kriegt wie gut sich alle anderen verstehen!

Patchwork at it's best!


calla, Mo, 10.01.2005, 22:23

vielleicht....

ist das so. ja. vielleicht aber auch ganz anders. immer legen wir ja unsere eigenen gefühle über all die situationen und dinge, die uns den tag über begegnen. und nachts. die - für uns - schönen. die dunklen. ganz beschissen ist das leben manchmal. und wunderbar. ja. ist doch so? oder?


autofab, 10. Januar 2005 22:35:12 MEZ

hier setzen die streicher ein. dolente.


helene, 12. Januar 2005 11:57:24 MEZ

hahaha


wise.up, Di, 11.01.2005, 16:12

.. und wenige Minuten später öffnet die Mutter die Tür, nimmt ihr Kind in den Arm, freut sich, daß es wieder da ist. Sie ist die Stille der letzten 2 Tage nicht gewohnt und wusste mit ihrer Zeit nicht viel anzufangen. Ein merkwürdiger Blick streift den Vater, ein verlegenes Lächeln. Der Vater nimmt das Kind noch einmal in den Arm, sucht nach aufmunternden Worten und sagt dann: "Bis in 2 Wochen. Und ruf ruhig mal an!"

Die Tür schließt sich. Kein Seufzen später weint das Kind. Die Mutter kennt diese Szene schon. Sie wiederholt sich alle 2 Wochen. Und alle 2 Wochen erzählt sie dem Kind das gleiche. Aber egal was sie sagt, es hilft dem Kind nicht. Dann wird das Kind, wie alle 2 Wochen wütend, haut auf seine Mutter ein, tritt nach ihr und macht seinem Unverständnis und seiner Hilflosigkeit auf diese Weise Luft. ...
Noch 1-2 Tage kann dieser Zustand anhalten... Alle Nerven sind zum zerreißen gespannt. Dann beruhigt sich das für eine Weile... für 2 Wochen.


fraggle, 11. Januar 2005 21:43:31 MEZ

ok.

also besser erstmal keine kinder. viel zu riskant, falls beziehung mal schiefgeht. schade das alles, sehr schade.


y.s., 11. Januar 2005 22:01:10 MEZ

heutzutage vergessen viele scheints daß mann und frau oder mann und mann oder frau und frau an einer langen beziehung auch arbeiten müssen. also nicht sich aufgeben, eigene interessen und freundeskreise pflegen, et.c.

liebe kann man ersticken, wenn man aufeinanderpickt. liebe kann sich verflüchtigen wenn man sich zu selten sieht. außerdem - sind wir denn alle so unglücklich am leben zu sein?

hauptsache das kind kriegt liebe, darf sein wie es ist. dann ist es egal, viel viel schlimmer als getrennte eltern sind eltern die sich über ihre kinder definieren wollen, ihre träume verwirklichen. das ist krank.

liebe ist einfach nicht berechenbar.

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