Vorbemerkung: Ich hab den G8 Gipfel und die Berichterstattung zu großen Teilen im Netz und im Fernsehen verfolgt. Ich habe bei Tageszeitungen deren Webberichterstattung gelesen, die Holzausgaben habe ich weggelassen. Dadurch ist das, was ich schreibe, ein persönlicher Eindruck
Wenn es, neben dem Klima und Afrika, einen großen Verlierer des Gipfels gibt, dann sind das vermutlich die Tageszeitungen. Es ist überraschenderweise nicht Spiegel Online, sondern die SZ Online. Und auch das Fernsehen, vor allem RTL, hat gezeigt, dass man sich eher in Richtung "Fox News" bewegt, denn für das zu stehen, was man mit dem Privatfernsehen in den 80er Jahren mal verbunden hat: Liberales, nicht von Politik geprägtes Fernsehen.
Doch der Reihe nach. Die Katastrophe für die Tageszeitungen und deren Politik, dpa Meldungen ungeprüft auf die eigene Webseite zu stellen, ist hinreichend bei Stefan Niggemeier dokumentiert. (Teil Eins, Teil Zwei). Sie offenbart das grundsätzliche Problem moderner Redaktionen und des sog. "Qualitätsjournalismus". Die kleinen Zeitungen senden kaum mehr eigene Reporter zu solchen Ereignissen, sondern lassen sich über die dpa informieren. Das die dpa mal falsch liegen kann - bei der Masse an Meldungen, die dort täglich verarbeitet werden ist das nicht schön, kann aber passieren. Das man drei volle Tage braucht um die Meldung zu korrigieren ist aber eine journalistische Unverschämtheit. Dennoch würde ich der dpa nicht unbedingt den schwarzen Peter zuschieben wollen, denn für die Überprüfung einer Meldung, deren Einordnung und Bewertung, ist ja, so heißt es ja zumindest gerne, die Redaktion zuständig. Was aber nicht, bzw. nur selten passiert ist. Wie sehr sich die Redakteure auf die dpa verlassen, wird auch an diesem Artikel deutlich.
Auch die Meldung, dass es Polizisten gab, die innerhalb des "schwarzen Block" unterwegs waren, und angeblich zu Straftaten aufgerufen haben, tauchte auf den Webpräzensen der meisten Tageszeitungen entweder gar nicht, oder nur als kleine Meldung auf. Immerhin war hier die "Welt" schnell, die schon am 06.06.07 erste Berichte darüber auf ihrer Seite hatte. Nebst eines vielsagenden Bildes. Ansonsten wurde das Thema, bis heute, totgeschwiegen.
Völlig enttäuschend war die Berichterstattung der SZ-Online. Da gab es kaum etwas kritisches zu lesen und man konzentrierte sich fast vollständig auf den Gipfel, statt auf das drumherum.
Weiterer Verlierer: Das Fernsehen, vor allem das Privatfernsehen. Die ARD bliebt die ganze Zeit relativ kritisch distanziert, das ZDF balancierte zwischen Boulevard Berichterstattung über die "Chaoten" und regierungstreuer Erfolgsmeldung, während RTL völlig das Gesicht verlor und selbst die Abschlusserklärung, dass man einen Halbierung des CO2 Ausstoß bis 2050 in Erwägung zieht, wurde als toller Erfolg dargestellt. Dazu minutenlange Berichte über "Chaoten", selbst am Freitag, als es nur noch vereinzelt Auseinandersetzungen mittels Wasserwerfer gegeben hat. Das, was RTL da ablieferte erinnerte mich sehr stark an FOX News. Boulevardbilder, Jubelmeldungen und Kritiker wurden erst gar nicht zu Wort gelassen. Der Sender, dessen Bilder auch bei n-tv, RTL2 und Vox laufen, ist so weit nach Rechts gerutscht, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache. Von einer fairen Berichterstattung war RTL soweit entfernt, wie ein nordkoreanischer Staatssender.
Großer Gewinner der letzten Woche sind die Blogs, allen voran das Blog der Tagesschau die einen ziemlichen Spagat gewagt haben. Einerseits gab es eine interessante Hintergrundberichterstattung über die Pressekonferenzen usw. andererseits waren viele Reporter auch "draussen" unterwegs und bewegten sich mit den friedlichen Demonstranten. Man war offenbar mutiger, als die Kolllegen vom NDR, wie man bei Netzpolitik nachlesen kann. Blogs haben mit ihrer Geschwindigkeit, Hintergrundrecherche und Bildern dafür gesorgt, dass Falschmeldungen aufflogen, prügelnde Autonome wie Polizisten entlarvt wurden und vor allem der Protest deutlich weiter im Vordergrund der Berichterstattung (positiv wie negativ) stand, als der eigentliche Gipfel.
Ich glaube, dass die Berichterstattung über den Gipfel und seine Proteste tatsächlich eine Zäsur für die meisten Medien darstellen. Blogs haben bewiesen, dass sie auch in der Masse durchaus kritisch und distanziert berichten können. Es gab die Möglichkeit der direkten Partizipation, aber es wurde auch nicht jede noch so merkwürdige Meldung sofort herausposaunt. Die meisten Blogs blieben wachsam, was vielleicht etwas damit zu tun hat, das da Autoren sitzen, die so medienerfahren sind, dass man sich auch im Bereich der Desinformation gut auskennt. Es ist schwer zu sagen, wie stark Blogs bei diesem Gipfel die Berichterstattung geprägt haben. Ich nehme mal an, dass der Spiegel durchaus die Blogs und deren Meldungen gescannt hat und seine Berichterstattung angepaßt hat. Die Medien, die das nicht gemacht haben, die sich nur auf die dpa verlassen haben und nicht mal einen eigenen Reporter vor Ort hatten, werden das gespürt haben. Und vor allem bei der nächsten großen Glaubwürdigkeitsdebatte zu hören bekommen.
Den schönsten Satz, rechtzeitig in der letzten Woche, hat aber das Bundesverfassungsgericht geschrieben. Offenbar der einzige Laden in Deutschland, in dem man sich noch um die Grundrechte schert.
"In der freiheitlichen Demokratie des Grundgesetzes haben Grundrechte einen hohen Rang. Der hoheitliche Eingriff in ein Grundrecht bedarf der Rechtfertigung, nicht aber benötigt die Ausübung des Grundrechts eine Rechtfertigung."
Zu finden war dieser Satz nicht in einer Zeitung sondern im Lawblog. Angesicht der Berichterstattung zum Beispiel bei RTL in der letzten Woche, sollte man das mit Goldfaden auf einen Teppich klöppeln und der Redaktion ins Büro hängen.
Die Berichte darüber, dass sich unter den "Schwarzen Block" der gewaltbereiten Autonomen, auch etliche Zivilbeamten und Spitzel finden, wurden von der Polizei ja lautstark und auf allen Kanälen dementiert. Gestern sah ich noch den Sprecher der "Kavala" Einsatztruppe bei Phoenix, wie dieser Dinge sagte wie "...lächerlich..." und "....[sowas gehört] nicht in einen Rechtsstaat, das wäre inakzeptabel und unverhältnismäßig"
Heute kommt von der Polizei MeckPom, Abteilung PM90 (nicht Kavala), dann folgende Meldung
Am Mittwoch, den 06.06.2007 wurde gegen 19:00 Uhr innerhalb der Blockade vor der Kontrollstelle Galopprennbahn ein in Zivil eingesetzter Beamter aus der Hansestadt Bremen von anderen Blockadeteilnehmern aus der selben Region erkannt, angegriffen und gewaltsam aus der Menschenmenge gedrängt.
Das sollte niemanden mehr überraschen, denn wer Post öffnet hat es vorher mit Sicherheit auf die klassische Methode mittels Informanten etc. versucht. Warum sollten die ausgerechnet zum G8 Gipfel zum Geburtstag ihrer Oma müssen. Aber das ist hochnotpeinlich und kratzt an der Glaubwürdigkeit der Meldungen der Polizei,die sich in den letzten Tagen auch bei den Verletztenzahlen oder den Berichten über die "ätzende Flüssigkeit" die von der "Clowns Army" versprüht worden sei, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Wer glaubt jetzt noch, dass diese Beamten zu ihrem eigenen Schutz innerhalb der Gruppe nicht auch mal ein Steinchen geschmissen haben? Würde man es untersuchen, käme vermutlich eine Antwort "Ja, ich habe einen Stein geschmissen, aber nur einmal und ich habe auch nicht inhaliert extra zu kurz geworfen." Wer die Geschichte der Bundesrepublik ein wenig kennt, weiß, dass die man seitens der Staatsorgane auch gerne mal einen Schritt weiter geht.
So ein lächerlicher fünfter Fussmittelknochen kann einem ganz schön ins Schwitzen bringen, vor allem wenn er, ausgerechnet in der Produktionswoche für die neue Ausgabe von "mindestenshaltbar", seinen Dienst einstellt, in dem er durchbricht.
Wir haben es dennoch geschafft, die neue Ausgabe pünktlich online zu bringen. Diesen Monat lautet der Titel "Meer und mehr" und ich bin wirklich froh, dass folgende Autoren ihre Texte zur Verfügung gestellt haben:
Susanne Englmayer Frau Klugscheisser Melancholie Modeste. Merlix Grete Moni Herr Paulsen Pia Isabo Titania Carthaga Ally Klein
Herr Paulsen hat die wunderschönen Fotos der Ausgabe zur Verfügung gestellt.
Anregungen, Lob, Kritik und sonstiges, gerne in die Kommentare oder per Mail an mich.
Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre der neuen Ausgabe von mindestenshaltbar
Meinem Fuss geht es ganz gut, ob man das zusammenschrauben muss, ist aber noch ungewiss. Der sehr nette Chefarzt der Unfallchirugie meinte, dass man es nicht machen müsse, aber könne. Das sind Antworten, die einen auch nicht so wirklich weiter bringen. Überlege jetzt eine Umfrage im Netz zu starten. Wer sich beflissen fühlt, kann sich die Röntgenbilder ja vorhermal hier ansehen. Wozu gibt es das Internet. Zur Info: Ich kann ganz gut gehen. Immerhin habe ich mit dem Bruch den Weg zur Liebsten geschafft und mit ihr auch noch einen Schrank auseinander gebaut und zu ihr nach Hause gebracht, bevor ich zum Arzt bin.
Derweil ist das wunderschöne Mädchen wieder aus dem Krankenhaus rausgeworfen entlassen worden, weil man ihre Menüwünsche unverschämt fand der Chefarzt sich im letzten Moment dann doch nicht mehr sicher war, nach welcher Methode er operieren will. Ich finde das natürlich außerordentlich praktisch, da ich jetzt bemuttert versorgt werden kann. Aber was ist gerade los in deutschen Krankenhäuser? Woche der Patientenentscheidung unter dem Motto "Mitgedacht und gespart - Entlasten Sie ihre Krankenkasse"? Monat der Unentschiedenheit? Alles muss man selber machen.
---schnipp---
Kommen wir zu was ganz anderem. Die Hysterie um den G8 Gipfel nimmt ja so langsam irrsinnige Züge an. Was ich lustig finde: Es wird mehr über die Proteste, als über den Gipfel berichtet. Das nenne ich mal einen Erfolg der G8-Gegner. Auf die Schnelle ein paar lesenswerte Links
Das Tagesschau-Blog hat eine Redakteurin an die "Front" schickt, die mit G8 Gegnern zu einer Blockade unterwegs ist. Überhaupt fällt das Blog durch eine wirklich aufmerksam kritische Berichterstattung auf. Weit ab von dpa Meldungsumschreibemaschine,die sich "Spiegel Online" nennt.
Bei Polarluft gibt es eine Liste mit Vor-Ort-Blogs zum Thema G8. Allerdings enthält die Liste mehr G8 kritische Blogs.
Man kann aber auch einfach den Bericht von Heiko Werning lesen, den ich von hier aus mal wieder herzlichst grüße.
Das ganze Camp erinnert mich an eine Großausgabe der Zeltlager der katholischen Gemeinde, wo ich mit 15 mal sterbenslangweilige Sommerferien verbracht habe. Und wegen dieser Mischung aus Gebetskreis und Kindergeburtstag haben die einen 10-Millionen-Euro-Zaun gebaut und 16.000 Polizisten in Stellung gebracht
Samstagmorgen auf dem Weg nach Hause von einem anderen Fahrradfahrer kurz vorm S-Bahnhof Prenzlauer Allee geschnitten worden. Gebremst, trotzdem hingefallen. Unfallgegner ist nicht mal stehen geblieben. Ausser "Arschloch" hinterher brüllen war da nichts zu holen. Zu Hause angekommen tat der Fuß ein wenig weh.
Samstag und Sonntag brav im Bett geblieben und die Schwellung beobachtet. Sonntagabend erste leichte Zweifel, ob das nur eine Prellung ist.
Montag gepackt und ab zum Zug gehumpelt. Das wunderschöne Mädchen braucht mich, da sie ins Krankenhaus muss. Abends mit ihr noch einen neuen 70er Jahre Schrank in ihre Wohnung geschleppt. Fuß tat höllisch weh. Als wir gegen 22.00 Uhr endlich fertig sind, ziehe ich mal den Schuh aus und wir entscheiden in ca. 2,13 Sek. dass man das so nicht lassen kann.
Viereinhalb (!) Stunden später habe ich das Ergebnis. Gebrochener Kahnbein fünfter Mittelfussknochen des Fußes. Aua. Operation noch möglich mit netter Platte und Schrauben. Vier Wochen Gips mindestens. Doppel Aua. Und jetzt darf auf Krücken mit den Öffentlichen quer durch das fahren, was sich hier Stadt nennt, um das wunderschöne Mädchen in ihrem Krankenhaus zu besuchen.
Dem anderen Radfahrer sollen alle Zähne ausfallen, beide Hoden wandern und noch irgendwas schlimmes passieren, das möchte ich mir noch genau überlegen.
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