Aufsägen
Soso. Die Gehirne von Baader, Enslin und Raspe sind also abhanden gekommen. Finde ich nicht lustig. Auch nicht den Gedanken, dass man die Damen und Herren nach ihrem Tod auch noch aufgesägt hat. Warum? Um zu schauen, ob sie auch wirklich tot sind? Um zu schauen wo der Terror herkam? Und jetzt sind also die Hirne wech. Das ist dann schon gefährlich. Vielleicht hat sie ja dieser irre Italiener, der Hitler klonen wollte. Oder irgendein innovativer Koch macht "Terroristen-Bries" für die Schicki-Micki Szene in München und plötzlich wählen alle da die PDS. Oder doch die CSU...ach man kann die reaktionären Kräfte heutzutage nicht mehr auseinanderhalten. Sieht aber eher so aus, als würde jemand die Dinger bei ebay mal eben verticken
Veränderung
Mir fällt das beim Schreiben immer auf. Wenn die Sätze kürzer werden und im Hirn so eine leere Gedankenschleife kreist, die Augen den Halt verlieren und das Sehen immer ins unscharfe driftet. Dann schlackern die Arme ein wenig sinnlos rum, der Magen knurrt und doch tut man nichts dagegen. Nicht weil es zu anstrengend wäre. Oder weil man keine Lust hat. Man steht vor dem Essen, und denkt, jo, könnte man auch machen, aber irgendwie jetzt nicht. Was denn nun, frag man sich, und der Domino Day auf RTL scheint die einzig richtige und logische Alternative zu sein, ergänzt durch Dosenbier und ein belegtes Brot, damit der Magen endlich Ruhe gibt. Man streunt durchs Internet, klickt willenlos mal hier mal da und findet das ganze recht sinnlos. Private Homepages. Aber da sind nur Menschen die irgendjemand anderen, möglichst die Liebe des Lebens, suchen. Was geben sich die Leute für eine Mühe sich hinter Masken zu verstecken, nur um sie endlich fallen lassen zu können.
Also doch Bier. Über mir sägt jemand seit Stunden rum: klingt, als ob er Holz durchsägt, könnten aber auch die Knochen seiner Mutter sein. Man liest ja viel. Ich säge mein altes Brot an und es klingt genauso. Wird wohl doch Holz sein, denke ich, und belege das viel zu dick geschnittene Brot doppelt mit rohem Schinken. Hat mir meine Ärztin gesagt. Das mit dem Schinken. Ist kein Fett dran, und würde besser schmecken. Stimmt. Passt auch besser zum Dosenbier.
Die Gedanken wollen immer noch nicht Fuß fassen. Sie bleiben in einer Warteschleife. Ich habe keine Lust mit meinen Gedanken fangen zu spielen. Sind eh meistens langweiliger, als man denkt. Vielleicht rauchen? Ich hab mir mal wieder Tabak gekauft. Neulich. Warum weiß ich nicht, aber ich hatte plötzlich Lust, mal wieder zu drehen. Dabei rauch ich eigentlich gar nicht. Das war jetzt eine Lüge. Ich rauche zwar tagsüber nicht mehr, dafür aber Abends. Und neulich trank ich viel Bier und hatte nichts mehr zu rauchen und wollte auch nicht zur Nachttanke runter gehen. Ich war in einem Zustand der mittleren Verwahrlosung. Drei Tage keine Haare gewaschen, die Addidas Trainigshose, die ich mir mal heimlich gekauft hatte, an, dazu ein schwarzen T-Shirt, in dem viele kleine Lenor Moleküle gegen eine Übermacht von körpereignen Moleküle verbissen ankämpften. So kann man nicht raus gehen. Schon gar nicht ohne Socken bei schlappen drei Grad. Selbst in einem Zustand mittlerer Verwahrlosung möchte man so nicht Nachts um vier durchs Treppenhaus schleichen, die Straße überqueren und vor dem eh schon erniedrigendem Sicherheits-Nachtschalter stehen. Ich probiere das mit dem Verwahrlosen ab und an mal aus. Sich dauernd neues T-Shirts anziehen, immer alles sofort aufräumen, und eine fusselfreie Hose anziehen, kommt mir erbärmlich langweilig vor. Man steht dann fusselfrei und mit nach Pfirsichen riechendem Haar in der saubernen Wohnung und streichelt lächelnd über die Edelstahl Spülgarnitur. Das ist für einen Moment schön, besonders im Frühjahr, wenn die warme Luft durchs Fenster strömt. Aber es ist eben nur einen Moment, den kann man nicht konservieren. Man kann auch nicht NOCH sauberer putzen. Man kann den Moment nehmen, und seufzend feststellen, dass er, sobald man auch nur den Wasserhahn aufdreht, sofort wieder zerstört ist. Ich habe schon tagelang auf das Aufdrehen des Wasserhahns verzichtet, nur um den Moment zu konservieren, was ganz schön anstrengend ist. Kein Tee, nichts mehr benutzen. In der Sekunde, in der ich den Wasserhahn aufdrehe, bricht dann alles zusammen. Mit der Verwahrlosung ist das einfacher. Sie schreitet voran. Man kann ihr zusehen. Sie ist ein Zustand, der immer einen Moment hat, und dieser Moment entwickelt immer wieder neue Höchstleistungen. Erstaunt schaut man dann eines morgens in den Spiegel, und denkt sich: "Wow" In so einem Zustand ist man irgendwo bei sich selber und doch ganz weit weg. Vor allem weg von da draussen. Man hat mit dem da draussen nichts mehr zu tun, und möchte auch nicht, dass das da draussen etwas mit einem zu tun hat. Deswegen bin ich dann nicht die Treppen runtergestiegen um Zigaretten zu holen. Ich hab noch alte Zigarillos gefunden, bei denen mir, sofort nach dem ersten Zug, schwindlig wurde. Also hab ich sie nur im Aschenbecher qualmen lassen, und zugeschaut, wie sich die Rauchkringel um die Weinflasche schlängelten. Aber das mit der Verwahrlosung ist jetzt vorbei. Irgendwann stellt man fest, dass die Verwahrlosung nicht mehr so linear ansteigt, wie die Tage zuvor. Der Bart wird nur marginal dichter, die Krümmel auf dem Küchentisch haben ihre maximale Ausdehnung erreicht und fallen hier und da auf den Boden. Dann fängt es an unangenehm zu werden, denn wenn man ohne Socken über den Küchenboden läuft und sich kleine Brocken in die Fußsohlen bohren ist es mit der morgendlichen guten Laune schnell vorbei und man denkt sich: "Man, man, man".
Also fällt man zurück. Oder besser nach vorn? Ich weiß nicht. Auf jeden Fall ist die Arbeit plötzlich getan und die kleinen Alltagsdinge fangen wieder an ihr Recht einzufordern. Plötzlich fällt einem auf, dass die Nachbarn von gegenüber seit zwei Woche durch die Vorhangslosen Fenster auf den relativ unberührten Wäscheständer starren können. Man fragt sich, wo man neulich eigentlich die nicht peinliche Hose hingeworfen hat. Und dann stellt man fest, dass sie verborgen unter einem Stapel T-Shirts liegt, in denen die Lenor Moleküle den Kampf längst verloren haben. Und eigentlich müsste man jetzt das alles zusammenräumen, aufräumen, wegräumen, umräumen. Man müsste die Ordnung wieder herstellen, aber dann plötzlich hängt man eben in dieser Gedankenschleife fest, die sinnlos ihre Kreise dreht und man findet das irgendwie erheiternd und auch tröstlich, denn man erkennt, das sich die Dinge wieder anfangen zu ändern.
Drogen
Meine Drogen waren mir ausgegangen, und meine Hausärztin hatte zu. Urlaub. Lächerlich. Mist, dachte ich, wat nu? Es sind keine schlimmen Drogen, aber zumindest solche, die regelmäßig genommen werden wollen. Achje. Aber da fiel mir der Doc und seine Links ein, die er in seinen Texten versteckt. (Danke, by the way). Gesucht, gefunden. Ein Dr. Conzelmann, nur drei Häuser weiter, der über Sprechstunden verfügt, die, sagen wir mal, interessant sind. Die Praxis liegt im ersten Stock, also schon mal nichts für gebrechliche, alte Damen, denen das Treppensteigen schwer fällt. Die wären auch ein wenig erstaunt gewesen, denn die Tür würde nicht von einem Summer, oder einer übertoupierten, übergetünchten Sprechstundenhilfe aufgemacht, sondern vom Herrn Doktor persönlich. Hui - was für ein Mann. Hager, groß, ein fisseliger Bart, Anfang 50. Eher jemand, denn man am Bahnhof Zoo wegen ein paar Joints anschnorren würde. Er bat mich kurz ins Wartezimmer. Naja, Wartezimmer. Ein völlig zugestellter Raum mit alten IKEA Stühlen, welche mit Plastikfolie überzogen waren. Der Gedanke "Der operiert hier bestimmt auch drauf" formierte sich in meinem Hirn und ich unterliess das Hinsetzen erstmal. Auch deswegen, weil die Altbauhohen Wände bis unter die Decken mit riesigen, aus Zeitungen rauskopierten Artikeln zu gekleistert waren. Oder Sinnsprüchen. Und einem A0 Poster mit Text. Darauf wurde die Geschichte berichtet, wie er, der Arzt, Drogenabhängigen versuchte zu helfen, in dem er bestimmte Medikamente und Codeine an sie weiter gab. Das wiederum rief die Polizei auf den Plan und dann folgte eine sehr lange und komplizierte Geschichte, mit Staatsanwälten, Ärztekammern, Drogenbeauftragten, Patienten, Demonstrationen, Einbrüchen, Drohungen, Geldstrafen, Gerichten und sonstigem. Hatte ich erwähnt, dass im Wartezimmer krachend laut die 25 Minuten Version von "Inagaddavidaa" von Iron Butterfly lief?
Er bat mich ins Sprechzimmer. Sprechzimmer. Wenn ich ehrlich bin, sah es eher aus wie eine Abstellkammer eines Systemadminstrators. Irgendwo weit hinten summte ein Server, daneben stapelte sich 2.50 Meter hoch CDs, Computer Bücher und andere Dinge. Ich betrachtete den statisch äusserst interessanten Turmbau, während er anfing Papiere raus zu holen und zu kopieren. Er kopierte und kopierte. Ein Rezept. Eine Rechnung. Ein Datenblatt. Einen Fragebogen. Irgendwas mit Zahlen. Dabei unterhielten wir uns über Zeitungen. Ich sah mich derweil weiter um, und entdeckte hinter mir, gestapelt auf der Untersuchungsliege (Haha, ich hatte recht mit den Stühlen im Wartezimmer) eine ganze Batterie von Überwachungsmonitoren. Zehn Stück, ordentlich verstaubt, aber funktionstüchtig. Damit beobachtete er seine Tür, sein Wartezimmer, den Flur, den Hausflur, die Eingangstür unten, das Klo (!) und andere Räume. Schließlich war er fertig. Ich mußte diverse Foumlare unterschreiben: Unter anderem, dass ich ihn nicht anzeigen würde, eine Rechnung (wieso ich??), dass die Behandlung (??) stattgefunden habe, dass ich das Rezept bekommen habe und das ich das Rezept nicht weiter geben würde. Dann nahm er all die von mir unterschrieben Formulare, riss eine riesige Schublade einer alten Kommode auf, in der nach meiner vorsichtigen Schätzung ca. tausend dieser Zettel lagen, schmiss die Papeire unsortiert rein, trat die Schublade zu und erklärte mir in ca. drei Minuten die üblen Methoden der Pharmaindustrie, dass dies alles Verbrecher seien usw. Er brachte mich zur Tür, schaute mich an, ich lächelte zurück und er meinte dann schulterzuckend: "Na, wenigstens mal wieder ein Patient mit guten Zähnen".
Es war einmal...
...ein frisch nach Hamburg gezogener Plattenfirmennachwuchsauszubeutenderangestellter. Der freute sich sehr, das er in einer echten Hamburger Altbauwohung wohnen durfte, welche mit einer maroden Gasetagenheizung, einem Bad, in dem man über das Klo steigen musste um zur Dusche zu gelangen, und einem Gasherd ausgestattet war, der, ließ man ihn zu lange brennen, lustige Puffgeräusche machte, oder die Flammenzufuhr, nicht aber die Gaszufuhr einstellte. Wirklich nett waren die Nachbarn. Da war Helma, die unter mir wohnte, mit ihrem kleinen sechsjährigen Sohn. Und Frieder, ebenfalls ein Plattenfirmennachwuchsauszubeutenderangestellter, der wohnte schräg unter mir. Und dann war dann noch Nicole, die wohnte direkt neben mir. Eine Schauspielschülerin (behauptete sie) mit einem Hang zum Rotwein, was meinem Hang zum Rotwein nicht ungelegen kam. Wir vier soffen uns oft in den jeweiligen Wohnungen durch die Nächte und beklagten lachend unser Singledasein. Und Sonntags ging meistens einer Brötchen holen und brachte den anderen auch welche mit. Das war fein.
So störte es uns auch überhaupt nicht, das man beim Bau des Hauses offenbar auf jede auch nur denkbare Form der Lärmisolierung verzichtet hat. Gut, dem kleinen Racker von Helma, hätte ich schon gerne das ein oder andere mal einen dreckigen Spüllappen ins Maul gestopft, wenn er nachts um drei meinte Zahnschmerzen haben zu müssenm. Aber was denkt man nicht so alles nachts um drei, wenn man schlafen will und ausserdem maochte ich den Kleinen sehr.
Eines lauen Sommerabends sass ich in meiner Wohnung, summte vor mich hin, und las irgendwas, als ich plötzlich die üblichen Stöhngeräusche hörte, welche bei der Kopulation entstehen. Das war neu. Ficken war völlig neu in unserer Halb-WG. Eine kurze akustische Ortung ergab Frieder und ich freute mich sehr für ihn. Nach zwei Stunden Beschallung freute ich mich nicht mehr ganz so doll und ging erstmal was Essen. Zurückgekommen sah ich Licht in der Wohnung von Nicole. Fröhlich klingelte ich, und freudig machte Nicole die Türe auf und brach, meiner ansichtig, sofort in hysterisches Gelächter aus. Hey, dachte, vielleicht eine Nudel an ungewöhnlicher Stelle vom Essen im Gesicht hängen geblieben? Es war viel komplizierter: Offenbar war Frieder immer noch nicht bzw. schon wieder nicht fertig: Nicole hatte aber, nicht so wie ich, keine akribische Schalluntersuchung vorgenommen, sondern einfach gedacht: "Der Don, hihi". Also dachte sie, ich sei jeniger welcher, und da kann man schon mal hysterisch lachen, wenn dann plötzlich der vor einem steht, den man die ganze Zeit als Orgienveranstalter im Visier hatte, es aber gleichzeitig weiterlärmt. Wir beschlossen das Gestöhne, welches sich bis in die Nacht hinzog mit leckerem Rotwein zu übertünchen.
So ging das ein paar Wochen j-e-d-e-n Abend. Auch listiges Nachfragen wie "Na, ihr habt aber Spaß" führten bei Frieder nur zu debilen Grinsen, wie das bei Menschen in diesem Zustand eben so ist. Das war ja alles noch nicht schlimm. Man gewöhnt sich an die Hintergrundgeräusche und wenn sie plötzlich weg sind, dann macht man sich schon die Sorge, das die Dame eventuell zu einer Massenmörderin mutiert sei, oder das Frieder impontent geworden war. Eine Zeit verging, und die Treffen zum lecker Rotwein wurden seltener, weil a) Helma einen Freund, und b) Nicole einen Freund hatte. Die schliefen aber aus den bekannten Gründen auswärts, was ich sehr rücksichtsvoll fand. Aber dann war der Abend, an dem wir ein "lustiges Essen" absolvierten und abermals ins Rotweinfass fielen. Ich war meinerseits war frisch verliebt, die Dame war aber aushäusig, wie später auch öfter, aber das ist eine andere Geschichte. Kaum war der Abend für beendet erklärt worden, erscholl zunächst aus Frieders Zimmer die allabendliche Geräuschkulisse. Das schien Helma und ihren neuen Freund auf die Idee gebracht zu haben ebenfalls loszulegen. Die doppelte Symphonie alerter Hormone zog einem morphogenetischen Feld gleich durch das Haus und stachelte desweiteren Nicole an, gab sich aber nicht zufrieden, sondern verendete offenbar bei den Nachbarn über mir, von denen ich noch nie auch nur ein Geräusch gehört hatte. So lag ich also, quadrophonisch beschallt, und wette rund eineinhalb Stunden mit mir selber, wer zuletzt kommen würde. Frieder hat dann, wie üblich, gewonnen.
Ächz
Jetzt hat sie mich doch heute mal eingeholt, die Herbst/Winter Kollektion 2002 der Depression. Wie kommt man sich denn da vor? Man sitzt blöd rum, starrt demenzartig in den Regen und die Dunkelheit, die sich um halb drei schon anfängt abzuzeichnen. Gleichzeitig wird das Hirn in eine Art misslungenes, angebranntes Geele umgewandelt und in Watte gepackt. Dann plöppt es dumpf je nach Kopfbewegung an die Schädeldecke und rülpst. Diese Tätigkeit blockiert alles andere und das einzige was an kreativen Dingen aus einem raus kommt ist "Ach!" oder "Je!". Ich finde das n i c h t lustig. Aber das ist offenbar auch der Sinn der Herbst/Winter Depression, dass man Dinge nicht mehr lustig findet, sondern dass man auch eine arme Tür anbrüllen könnte, da sie im Weg ist, wenn man denn nicht zu müde dafür wäre, oder einem nur unkreative Schimpfworte wie "blöde Tür" oder "geh doch weg" einfallen. Wenn man gut drauf ist, und das Hirn ein Atomkraftwerk unter Vollgas ist, dann fallen einem Beschimpfunen wie "Du oxidierte Gurkengeburt" oder "Tür, du miese Wuchtklemme" ein. Aber ich bin ja heute depressiv, da geht das nicht.
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