Eine Fahrt durch Tschernobyl.
Eine der merkwürdigsten Frauen, die ich jemals kennen gelernt habe, war eine Frau aus Ostfriesland. Also, ich glaube, dass sie aus Ostfriesland war. Muss auf einer Sause in der "Daniela Bar" in HH gewesen sein. Auf jeden Fall tanzte sie irgendwann barfuß auf der Theke und kickte mit ihrem großen rechten Zeh, der wirklich sehr groß und lang war, die Aschenbecher runter. Der riesige Zeh stand in überhaupt keinen proportionalem Zusammenhang zu den anderen Zehen, die daneben verkümmert wirkten. Aber ich finde solche kleinen Fehler der Natur ja erotisch. Die Thekenmannschaft nahm alles begeistert zu Kenntnis nahm, und die drei nachgemachten Sintis mit dicken Bäuchen, die gerade was ungarisches fiddelten auch. Sie sägten sich den Teufel aus dem Leib und sie da oben machte das gleiche, nur tanzend. Ich war völlig fasziniert von diesen beiden riesigen großen Zehen die vor mir auf der Theke tapsten und ja, das geb ich zu, wo sie auf der Theke tanzte, dachte ich, dass ich gerne mal mit ihr Zehenvergleich machen würde. Großartiger Abend. Küsschen links und rechts, gute Nacht. Zwei Abende später tanzte sie mit dem Besitzer einer Sofakneipe zu Aznavour und Gainsbourg und bei "Bönnie änd Kleide" ließ sie ihren Pullover über den Kopf kreisen. So exaltiert sie schien: Reden war nicht so ihr Ding. Sie saß/stand lieber rum, saugte an einem halben Liter Jever, beobachtete über den Bierflaschenhals die Leute, strich sich eine Strähne hinters Ohr, keckerte plötzlich los, verschwand auf der Toilette, oder zog sich die Schuhe aus, um zu tanzen. Wir trafen uns immer nur in den Läden, nie davor. Wenn wir uns sahen, sagten wir "Hallo", "N Bier?", "Super hier" und "Noch n Bier?" Wenn sie betrunken wurde, sagte sie in einem Anfall von Wortschatzfund "Boah, muss nach Hause. Sehen wir uns morgen? Oder SMS, ja? Schüss." Deswegen hab ich mich nie getraut mir ihr Essen zu gehen. Ich hatte immer Angst, dass kein Gespräch entstehen, und ich mich vor lauter Fremd- und Eigenscham um Kopf und Kragen reden würde. So hab ich leider verschiedene Dinge nie rausbekommen: Zum Beispiel ihren Nachnamen. Oder wie alt sie eigentlich war. Oder was sie so im Leben machte. Oder warum sie sich mit mir dauernd im Mojo traf. Gut, manche Menschen finden andere Menschen bei sich im Bett wieder, von denen wissen sie noch viel weniger. Noch nicht mal die Handynummer.
Manchmal schrieb sie Nachts eine SMS, die ging dann so:
Sie: Noch wach? Ich: Ja. Alles gut bei Dir?
Antwort bekam man selten. Sie wollte nur wissen, ob man es einem gut geht. Das einem gut ging, leitete sie wohl aus der Tatsache ab, dass man antwortete. Wenn man Nachmittags eine SMS bekam, dann waren das immer Anweisungen. "Heute Mojo 11". Telefonieren hatte ich bei ihr nach zwei Versuchen aufgegeben.
Nach einem langem Mojoabend passierte dann mal was. Sommer, die Sonne war auch schon da. Mit Bier bewaffnet saßen wir auf einer Mauer über dem Hafen nebeneinander und sagten Sachen wie "Guma, Schiff" oder "Geil son morgen". Das war ja nun die Chance unsere Kommunikation einzupegeln. Nach vier oder fünf gemeinsam durchfeierten Nächten und mindestens zwei Kisten Jever hatte ich das Gefühl, dass man die Zeit, die man miteinander verbringt und in der man nicht miteinander redet, vielleicht auch knutschend verbringen könnte. Aber ich hab alle Ambitionen fallen gelassen. Weil mir auffiel, wie angenehm sich das anfühlte, mit ihr, die ebenso schräg wie still war, durch die Gegend zu ziehen. Kein belangloses Reden, kein "Schau mal, was ich alles gemacht habe" Gehabe. Jeder emotionale Vorstoß schien mir völlig unangebracht, und so, als ob ich etwas sehr zerbrechliches kaputt machen würde. Diese stille Sitzen auf der Mauer, das langsame, gemeinsame Abkühlen, das Klingen und Knirschen der Bierflaschenböden, wenn man sie auf dem Mauerrand absetzte, das Schnappen des Feuerzeugs - all das war ein wundervoller, einzigartiger Moment. Ich hätte sie nicht küssen können, geschweige denn sie anfassen. Ihre Nicht-Kommunikation barg ein Geheimnis und ich war nicht gewillt es zu lüften. Aus Angst etwas zu zerstören vielleicht, oder aus Furcht, dahinter verberge sich am Ende doch nur das Übliche. Ich hab sie lieber noch zur S-Bahn gebracht und gewartet, bis ihre Bahn losfuhr, um dann langsam zu Fuß nach Hause zu gehen. Wir sind über ein halbes Jahr immer mal wieder weggangen und irgendwann, als wir mal wieder völlig verschwitzt aus dem Mojo kamen, sagte sie "Ich zieh nächste Woche nach Bremen". Pause. Dann: "Warst der netteste Kerl, den ich hier kennen gelernt hab." Pause. "Schade". Küsschen links, Küsschen rechts. Eine sehr lange, feste Umarmung. Und ward nicht mehr gesehen.
Es war kein guter Tag für Ilse Kottowski. Das Aufstehen fiel ihr heute besonders schwer, wie so oft in letzter Zeit. Der Radiowecker, den sie vor zwei Jahren auf der Tombola im Gemeindehaus gewonnen hatte, und endlich den schrecklich lauten Aufziehwecker ersetzt hatte, verwischte die Grenze vom Schlaf zum Wachsein sofort, doch oft fielen ihr die Augen noch einmal zu. Völlig automatisch, ohne dass sie sich hätte wehren können. Sie erwachte dann zumeist zu spät, und so begann der Tag mit einem Ärgernis, einer Abweichung. Sie wunderte und ärgerte sich zugleich. Halb sieben war doch keine Zeit, da war ihr Vater früher schon weg gewesen auf seinem schwarzen, alten Fahrrad bei Wind und Wetter. Schon um sieben Uhr saß er auf seinem Bürostuhl im Rathaus, Referat Steuer III. Er hatte eine Auszubildende und einen Assistenten in seinem Referat, und er sagte immer zu seiner Ilse "Kind, man kann sich im Leben eine Menge erlauben: Aber niemals sollte man nach seinen Untergebenen am Arbeitsplatz sein." Auch Ilse hatte sich immer daran gehalten. Solange sie gearbeitet hatte. Der blöde Unfall. Seitdem war ihr Leben etwas aus der Bahn geraten. Die Zeit allein im Krankenhaus, wo nur die Damen vom Gemeindebeirat ab und zu vorbei kamen. Oder der Herr Pfarrer. Naja, das war ja nun vorbei. "Sie schlafen schlecht, weil ihnen ein wenig Bewegung fehlt. Geistig wie körperlich," hatte der Arzt gesagt. Lächerlich. Sie war gut in Schuss. Kaum Fettpölsterchen. Ihr ganzes Leben hatte sie darauf geachtet, dass sie nicht zulegt. "Dummheit frisst!" Hatte ihr Vater immer gesagt, der selber ein schneidiger Mann gewesen war. Ilse verachtete fette Menschen. Das zeugt von Disziplinlosigkeit, von einer Art des "sich gehen lassens" die nicht akzeptabel war. Warum machen Menschen so was, fragte sie sich oft. Was für einen Sinn hat es, sich gehen zu lassen, um nachher im Fernsehen oder anderswo darüber zu klagen?
Sie schob die wenigern Krümel, die die Weißbrotscheibe auf ihrem Frühstücksbrett hinterlassen hatte, sauber zusammen. Wie immer in die obere rechte Ecke des Brettchens. Und wie immer hatte sie genau eine Scheibe Weißbrot mit Marmelade gegessen. Bei der Marmelade nahm sie sich allerdings Freiheiten. Sie wechselte gerne die Sorte. Immer nur Erdbeeren waren ihr auf Dauer etwas langweilig. Ein Luxus, sicher. Aber immerhin kochte sie die Marmelade noch selber ein, und da es niemanden gab, der sie in ihrer Auswahl hätte bremsen können, gönnte Ilse sich diesen kleinen morgendlichen Ausbruch. Warum den Tag auch nicht mit einer kleinen Freude beginnen. Ihr Vater hatte es genau so gemacht. Er frühstücke wenig, vielleicht eine halbe Scheibe Kommissbrot mit Pflaumenmus. Dazu eine Tasse Kaffee. Und schon sprang er auf sein Fahrrad. Er machte sich nicht viel aus Essen, dachte Ilse. Sie hatte seine Art wohl geerbt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die im Laufe der Jahre doch sehr in die Breite gegangen war. Aber vielleicht lag das auch an den Kindern. Sie wusste es nicht, denn sie hatte ja keine. Sie wusch schnell das Messer und das Brettchen ab, trocknete beides und räumte es wieder in den weißen Küchenschrank. Dann strich sie die Tischdecke glatt und entfernte noch schnell ein paar Krümel. Im Radio liefen die Morgennachrichten. Nichts passiert.
Es war schon halb acht. Spät für ihre Verhältnisse. Es war zwar Samstag, aber das war ja nun wirklich kein Grund deswegen seinen Lebensplan zu verändern. Zudem war sie heute mit einer Bekannten aus dem Gemeindebeirat in der Stadt verabredet. Das bedeutete auch, dass sie ein wenig ihre Kleidung an die Umstände würde anpassen müssen. Natürlich hatte sie sich schon gestern Nachmittag das Kleid ausgesucht. Aber ein wenig zu Recht machen musste sie sich schon noch. Um so mehr ärgerte sie sich über die Minuten, die sie heute morgen zu lange im Bett verbracht hatte. Zwar barg ihr Zeitplan noch genügend Reserven, aber dass sie alleine an diese Reserven gehen musste, war ihr Unrecht. Reserven sind etwas, dass man für Notfälle, für absolute Notfälle, hat, und nicht weil man zu lange im Bett lag.. Aber es half ja nichts, geschehen ist geschehen. Sie überlegte, ob ihr Vater einmal verschlafen hatte. Sie konnte sich nicht erinnern. Jedenfalls nicht während seiner Arbeit. Nach seiner Pensionierung stand er ein wenig später auf. Aber nicht viel. Er hatte immer gesagt: "Wer den Morgen verschläft, hat den Tag nicht verdient." Sie beneidete ihn bis heute um seine Eleganz und seine Disziplin mit der er sich und sein Leben voran trieb.. Niemand hatte auch nur den Hauch der Eleganz und der Kraft, die ihr Vater ausgestrahlt hatte. Die anderen waren zumeist tumbe Mensche, deren Hände schneller als ihr Geist war. Die Berührungen waren unangenehm. Sie ließ sie nur einmal kurz zu. Nichts für sie. Schon gar nicht der Gedanke, das Leben mit jemanden zu teilen, den sie doch nur verachten würde, weil er immer wieder seine Vorsätze und Regeln ändern würde.
Halb neun. Mit dem Fahrrad war es eine halbe Stunde zum Bahnhof. Ilse mußte noch ein Zugticket kaufen und vielleicht auch eine neue Zeitschrift, denn die Fahrt in die Stadt war langweilig. Achja. Vielleicht einmal das kleine Telefon mitnehmen, dass ihr zu Weihnachten von der Nichte geschenkt worden war. Sie machte sich nichts aus diesem Ding. Warum sollte sie ein Telefon haben, dass sie draußen benutzen kann, wenn sie fast immer zu Hause ist? Aber in der Stadt... kurzentschlossen packte sie es ein. Es war kalt draußen. Noch war der Frühling weit weg und sie wusste, dass sie nicht ewig um diese Jahreszeit mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren konnte. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie nach dem Unfall wieder fahren konnte. Ihre ersten Versuche damals waren so wacklig wie die, als sie vier oder fünf war und ihr Vater sie auf der Fahrrad der Schwester gesetzt hatte, damit sie üben konnte. Es tat ihr noch alles weh, die Narben schmerzten, aber sie musste ja nun etwas zu Essen im Haus haben. Wenigstens Kartoffeln vom Biohof. Jeder Tritt in die Pedale tat ihr weh und sie war versucht abzusteigen, das Fahrrad hin zu werfen, aber sie hörte immer wieder die Stimme ihres Vaters. „Komm, mein Mädchen. Du schaffst das.“ Also schaffte sie es. Auch heute, wo sie keine Schmerzen mehr hatte, aber bitterlich fror. Das Kleid war doch zu dünn. Sie trat ein wenig schneller in die Pedale.
Halb zehn. Der Zug ratterte sehr, sehr langsam über die Gleise. Dann blieb er stehen. Sie blickte nach draußen.
"In Bad Bodenteich (Kreis Uelzen) wurde am Samstagmorgen gegen 9:30 ein Pärchen gesichtet, das sich 'einem zwischenmenschlichen Vergnügen' hingab, so umschrieb es die Polizei. Eine Frau hatte die beiden aus einem Zug beobachtet und die Polizei verständigt." [Quelle]
Ich will umziehen. Nicht, dass der Wedding nicht schön wäre. Aber hier muss mal was passieren. Ich wohne seit zwei Jahren in Berlin und nur im Wedding.. Typische "Erste Wohnung in Berlin Wohnung" . Ganz okaaaaay, aber jetzt auch nicht sooooo dolle. [insert hier: Beim lesen der Vokale, bitte sich vorstellen, wie jemand die Tonleiter runterrast]. Jetzt überlege ich wohin. Das Ostseemädchen wohnt ja im Prenzlauer Berg [oder Prenzelberg, wie wir Wessis gerne mal salopp sagen, wenn wir drei Prosecco getrunken haben und die Sonne scheint]. Also wäre es jetzt irgendwie ein affiges rumgehampel, wenn ich, sagen wir mal, nach Charlottenburg ziehen würde, was ich aber aber gottseidank sowieso nicht will. Ich will dem geneigten Leser gerne sagen was ich will: Ich will eine hübsche 2-Raum Wohnung, an der ein Balkon dranhängt auf dem man zu zweit sitzen und im Sommer dem dicken Zeh zwischen die Balkongitter stecken kann. Und gerne soll die Wohnung eine Küche haben, in der man sich bewegen, am allerbesten auch sitzen kann. Ich koche gerne, da brauch Platz und wenn Besuch da ist, will man nicht alleine in der Küche stehen. Auch sollte sie eine vernünftige Heizung haben. Keine Ofenheizung. Nein. Nimmer nicht. Ich habe es geschafft aus meinen bisherigen Ofenheizungwohungen ohne Rheuma raus zu kommen, dass soll so bleiben. Irgendwann ist man auch einfach zu alt dafür morgens die Eisblumen innen vom Fenster abzukratzen. Soweit die Wohnung. Altbau, Neubau ist wurscht. Altbau ist nett, aber kein Muß. Klingt doch ganz leicht, denkt man. Haha, jetzt kommt der schwierige Teil. Ich brauche eine gute Nahverkehrsanbindung, da kein Auto vorhanden. Ich hätte gerne Kneipen in der Nähe die nicht "Zum Schinken" oder "Luxemburger Klause" osä. heißen. Es sollte im P-Perg und 10 Fahradminuten drumherum sein. Und diese tolle Wohnung die da auf mich wartet, dürfte nicht mehr als 500 Euros warm kosten. Achja - es eilt nicht. Ich hab eine Wohnung, die ich auch nicht gekündigt habe. (Für die Münchner Leser: Es ist einfach der pure Luxus, die leichte Langeweile, die mich das machen läßt. Ich hab mir schon drei Wohnungen angesehen, aber die waren alle nicht so perfekt wie ich das haben will. Irgendwas störte mich daran. Zum Beispiel, dass ich für 60qm 50erJahre Altbau mit Balkon, Lage in einem Wohnbezirk mit vielen Studenten, Kneipen, Kino etc. knapp 580 Euro warm zahlen sollte. Das ist ja Halsabschneiderei. So was macht man in Berlin nicht.) Vielleicht findet/hört/sieht ja einer was. Würde mich freuen.
Die gute und harmonische Stimmung der Mitarbeiter einer Firma, erkennt man daran, dass Probleme innerhalb der Belegschaft auf einfache, direkte, persönliche, aber auch effektive Art und Weise <a href="pya.cc" target=blank">gelöst werden.
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