Donnerstag, 2. September 2004

Hallo Konfuzius. Du sagst mir gerade per Mail: Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen. Also, wenn ich immer gewußt hätte, was ich tue, dann wäre ich niemals in der Lage zu schreiben. Schreiben bedeutet ja, dass man etwas tut, von dem man nicht weiß, wie es endet. Schon gar nicht bei einem selber. Man schreibt ja so aus sich selber raus, und wenn Du da sagst, dass man weiß, was man tut, aber dann macht das Schreiben ja keinen Sinn mehr, weil ja gerade das nicht wissen das ist, was dem Schreiben den besonderen Kick gibt. Nicht planen, nicht wissen ist großartig, denn es läßt einem alles offen. Man kann den ganzen Determinismus umgehen, der ja fürs Schreiben eh der letzte Dreck ist. Zu Wissen, was man tut, ist auch in der heutigen Dating Gesellschaft sehr schlecht. Wenn ich jedesmal, bevor ich eine Frau angesprochen habe, gewußt hätte, was ich tue, wäre mir eine Menge Ärger (eine exorbitant große Menge Ärger) erspart geblieben, aber auf der anderen Seite auch eine Fülle von gedanklichen Universen, die mich ja auch erst zu dem gemacht habe, was ich bin, weil ich sie inhaliert habe. So sehr ich leide, so sehr lerne ich auch. Immer nur wissen, vor allem vorher, macht einem zu einem Hamburg-Mannheimer Kunden. Und ich hab noch nicht mal eine Lebensversicherung, aber vielleicht auch genau aus dem Grund.

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Mittwoch, 1. September 2004

Wegen dieser Maoam Geschichte ( Link 1, Link 2,) und wegen so ein paar anderer Dinge überhaupt, sollte man ein Wettblog haben, in dem wetten kann, nach wievielen Stunden, Tagen oder Wochen Spiegel Online, Telepolis oder die Bild das Thema aufgreifen.

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Dienstag, 31. August 2004

J. war immer so ein Hansguckindieluft. Er träumte gerne, er ließ sich gerne treiben, weil er lieber zusah und in seinem unendlich langsamen Denken zerging. J. war nicht blöd, kein Idiot. Er wollte nur das feinstoffliche fassen. Wo andere schnell drüber schauten, wo andere sich an Oberflächlichkeiten aufrieben, da wollte er immer wissen "Warum? Warum, denkt jemand, wie er denkt? Warum handelt er aus seinem Denke so, und nicht anders? Warum schaut er nicht? Was sucht der andere?" Gespräche mit ihm zu führen war immer etwas anstrengend. Er wollte immer in die Tiefe, er wollte immer mehr sehen, er wollte erkennen. Aber er wollte nicht nur die Sonnenseiten sehen. Ihm war früh klar, dass die Sonnenseiten nur die Projektion eines Menschen sind, etwas, was er in jahrelanger Kleinstarbeit aufgebaut hatte, damit die anderen ihn mochten. J. wollte die andere Seite des Herzens sehen. Er wollte die Abgründe erforschen, er wollte sehen, welche Geheimnisse die anderen in sich tragen. Er sagte immer: "Wenn du die andere Seite siehst, dann kannst du erst lieben, denn erst, wenn man gemeinsam die Abgründe beschritten hat, dann kann Vertrauen erwachsen." Was man halt so sagt mit Anfang oder Mitte zwanzig.

Wie gesagt: Kommunikation mit ihm war eher schwierig. Er lebte irgendwo in sich selbst, und auf der Suche nach dem Verständnis, was Menschen antreibt, ging er auch immer wieder in sich selber rein. Zum Vergleich, um zu sehen, ob er das, was er beim anderen gesehen hat, auch bei sich wiederfinden würde. Mal konnte man mit ihm wundervolle Abende haben. Leichte, beschwingte Abende, voller Witz und Humor, mal versank er in dunklen Wolken. Wenn man Probleme hatte, dann konnte man zu ihm kommen. Er wollte nie wissen, was das Problem ist, er wollte immer nur wissen, was der andere gerade empfand, was ihn bewegte und seine Analysen waren immer erstaunlich gut. Man wollte ihn vielleicht als Freund, aber man kam nie so richtig an ihn ran. Vielleicht, weil er Angst davor hatte, vielleicht weil er es einfach nicht bemerkte, wo er doch immer auf der Suche war.

Von außen betrachtet war er stark. Immer kräftig, groß, aber mit weichen Gesichtszügen, die erst dann zu seinem Äußeren passten, als er etwas zunahm. Aber so stark er wirkte, sein innerer Schutz war fein wie Seide. Eigentlich nicht existent. Er hatte versucht, seine eigenen Mauern abzureißen, aber dummerweise machte ihn das orientierungslos. Jede Niederlage, jedes böse Wort ließ ihn zusammenklappen. Mit der Zeit legte er sich eine Vermeidungsstrategie zu Recht. Je mehr er in andere Menschen eindrang, je mehr er sich versuchte wie eine Schlange in die letzten Winkel zu bohren, desto weniger musste er von sich selbst preisgeben. Nicht das deswegen seine Verletzungen weniger wurden, aber zumindest nach außen hin klappte er nicht mehr zusammen, und die meisten fielen auf sein Schauspiel rein. Sogar er selber.

Das mit den Frauen wurde immer schwerer für ihn. Er suchte Liebe und fand sie immer seltener. Den meisten war er zu schwer, zu nachdenklich, zu fordernd in seinem Willen, alles zu erforschen. Vielen war er zu verschlossen. "Wie ein langsames, freundliches Verhör" sei ihr die Zeit mit ihm vorgekommen, sagte mal eine seine Ex-Freundinnen. "Ich hab da gesessen, geredet, er hat zugehört, mir tolle Dinge gesagt, aber dann ist er aus dem Raum und war weg, bevor man selber auch nur eine Frage stellen konnte."

Ich hab ihn immer ein wenig bewundert für seine Lebensweise. Er hat sich nicht beirren lassen, auch nicht, als er vor lauter Nachdenken und Erfassen wollen auf der Strasse, stand, weil er nicht gearbeitet hatte und die Miete nicht zahlen konnte. Sein Schreibtisch bestand oft nur aus unbezahlten Rechnungen. Kümmerte ihn nicht. Er nahm die Rechnungen, legte sie zur Seite und vergaß sie im gleichen Moment. Das brachte ihn mehrfach in massive Schwierigkeiten, aber er wand sich am Schluss doch immer wieder raus. Wenn der Gerichtsvollzieher vor ihm stand, zauberte er ein wenig Geld her, arbeitete mal ein paar Wochen in einer Kneipe, und bezahlte alles. Nur um alles wieder von vorne anzufangen. "Du brauchst ne reiche Frau, die es geil macht, wenn Du rumsitzt, nachdenkst und ihr Fragen stellst" hab ich ihm gesagt und weil ich die Idee so gut fand, hab ich in der Kölner "Prinz" für ihn eine Kontaktanzeige geschaltet: "Gutaussehender Philosoph sucht reiche Frau, die es anmacht, wenn sie ihm beim Denken zu sehen kann." Es kamen tatsächlich drei Antworten, alle von Frauen mit Kuscheltieren in den Regalen und ganz offensichtlich nicht reich.

Mit der Zeit wurde er etwas kauzig. Er zog sich weiter zurück, auch wegen einer dummen Geschichte mit einer Frau, die ihn sehr verletzt hatte. Was genau passiert, wusste keiner, außer, dass er tagelang mit weit aufgerissenen Augen durch die Gegend lief, so als ob er in einem permanenten Schockzustand hängen würde. Es dauerte bis er sich fing, und danach war er plötzlich etwas härter. Vor allem zu sich. Er arbeitete plötzlich viel, er machte Sport. Er redete noch weniger. Ich verlor den Kontakt.

Kurz bevor ich nach Hamburg ging, rief ich ihn noch einmal an, weil ich mich verabschieden wollte. Wir trafen uns in einer Kneipe, setzten uns wie üblich an einen Tisch in einer ruhigen Ecke und nach drei, vier Kölsch redeten wir. Das heißt, er redete. Er sprach von emotionaler Perfektion, und von emotionaler Gradlinigkeit, dass man wohl den perfekten Moment in seinem Herzen konservieren kann, dass er immer und in allen weiteren Momenten existieren würde. Nach etwas anderem dürfe man gar nicht suchen. Man sollte mit einer Frau nicht über all die Vorstellungen die man hat reden müssen. Das sei nur eine Bremse, ein gerade biegen der Projektionsfläche, die der andere darbieten würde. Man müsse sich in den Blicken finden, jede Berührung mehr als alle Worte sagen, der Sex sei am Ende die Fortführung der Kommunikation mit anderen Mitteln. Sich über die Sprache erheben, dort existieren. Und wenn man dort sei, dann würden auch die alten Narben weg sein, weil sie unwichtig geworden sind. Sagte er. Er wollte das reine Gefühl spüren. In jedem Moment sollte es da sein, die Seelen sollten ineinander Wurzeln schlagen.

So sehr mich seine Worte faszinierten, so sehr machten sie mich auch skeptisch. Zu schön, als dass es wahr werden könnte. Aber vergessen hab ich sie nicht. Dann kam Hamburg, und viel Arbeit und als ich mal wieder anrufen wollte, gehörte die Nummer schon jemand anderem Umgezogen ist er wohl,das bekam ich raus, wohin wußte keiner. Ich hab das dumme Gefühl, das er immer noch hadert, wartet, aber auch das Wissen, dass, egal welche Nackenschläge er noch einstecken musste, er weiterhin daran glaubt.

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Montag, 30. August 2004

The day began, as it often does, with an angry pink phallus

Kottke hat Photos von den Anti Bush Demos in New York gemacht. Mehr Photos:

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Auch Fahrrad fahren kann als Protest ausgelegt werden

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Die Spiele sind aus. Endlich. Morgen ist Montag. Ein ganz normaler Montag. Die SZ berichtet von der Schmach des FC Bayern in Leverkusen, und die Jugend der Welt kann erst einmal wieder ungehemmt pieseln, ohne dass ein IOC-Kontrolleur den Becher drunter hält. Beckmann empfängt wieder Nichtsportler, Kerner sucht Inge Meysel, und Steinbrecher bemüht sich um besonders geknickte Handballer, das süße Waisenkind von der Abschlussfeier, das die olympische Flamme aus mehreren hundert Metern ausblies, sowie das kleine chinesische Mädchen, das ein chinesisches Volkslied singen musste und sich so erschrak, als die Konfettikanone Konfettis in den Athener Nachthimmel kanonierte. Hoch lebe Heribert Faßbender!

Quelle

Leider erst jetzt entdeckt. Und überhaupt: wie soll ich jetzt ohne die Turmspringübertragungen von Europsort weiterleben???

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