Dienstag, 7. September 2004

Alle hatten schon ihren ersten Kuss bekommen. Also, ersten richtigen. Nicht den von der Oma, die vorher auch noch mal kurz ins Taschentuch gespukt hat, um einem damit die Mundwinkel frei zu kärchern. Alle hatten also, nur ich nicht. Alle bezieht sich jetzt wirklich auf alle, jedenfalls alle, die ich damals kannte, die bei mir um die Ecke wohnten und mit denen ich redete. Meiner Erinnerung nach waren das mindestens fünf,. davon ein Mädchen, die mal hinter den Hyazinthen mit mir knutschen wollte, ich aber nicht mit ihr, wegen der Pickel. Gut, mag man jetzt sagen, wenn man nur ein Mädchen kennt, und das, obwohl es noch drei andere Jungs zu Auswahl gab, (von denen keiner eine hässliche Piloten Brille trug, von denen keiner 10 Jahre alte Ausgaben der "Kosmos" neben dem Bett liegen hatte, sondern mindestens die "Pop Rocky" ), wenn also in einem solchen Fall tatsächlich ein Mädchen mit einem knutschen will, dann sollte man nicht denken, sondern handeln. Das aber jedoch, fiel mir schon damals sehr schwer. Außerdem war sie blond, womit ich keineswegs blonde Frauen abschätzig bewerten will. Es lag an Sophie Marceau. Ich wollte eine Frau mit langen braunen Haaren, langen Beinen, einer Stupsnase und dem was sich unter dem Pullover abzeichnete knutschen. Auf gar keinen Fall wollte ich eine blonde, kleine, leicht verpickelte Frau knutschen, da konnte sich der Pullover wölben bis er platzte. Madame war nach der Sache hinter den Hyazinthen sauer und knutschte dann mit einem der anderen rum. Mit dem sie dann auch den ersten Sex hatte. Der ihr dann auch diese unangenehme Infektion schenkte, die er sich (zusammen mit seinem älteren Bruder) geholt hatte, als dieser ihn in einer Art ländlichen Initiationsritus in einen Puff geschubst hatte. Sie war dann, glaube ich, auf ihn noch schlechter zu sprechen, als auf mich, und weinte sehr viel.

Alle hatten also. Einer hatte sogar die Tochter vom Metzger rumbekommen, die mit 13 so aussah wie man normalerweise mit 20 aussieht, weswegen es mich allerdings, als ich sie vor ein oder zwei Jahren noch mal sah, auch nicht gewundert hat, dass sie mit Mitte 30 so aussah wie mit Anfang 40. Mag aber auch an dem unvorteilhaften Blümchenkleid gelegen haben, ich will mich da nicht festlegen. Erstaunlicherweise gab es in meinem Freundeskreis, nachdem nun alle, teilweise sogar mehrfach und mit unter die Bluse gehen, geknutscht hatten, nicht die salbungsvolle und Karma-reinigende Aktion "Wir helfen dem Don mal was zu knutschen zu finden". Es gab eher die "Idiot, such dir selber was, mit deine komische Karma, oder was das ist" Aktion. Immer muss man alles selber machen, daran hab ich mich bis heute gewöhnt, und alle Frauen die ich kennen lerne, auch

Schnipp. Ich schenke mir hier jetzt die lange Zeit zwischen dem heimlichen Ausschneiden des Oliva Pascal Starschnitts, dem Jammern zu "Boat On The River " von Styx, dem Basteln von Formel Eins Autos, der Entdeckung des "Emanuelle" Buches im Bücherschrank meiner Eltern in der zweiten Reihe und einer schlimmen Demütigung im Sommerurlaub, als ich dachte sie wolle mich küssen.

Nach dem Urlaub gab es eine neue Nachbarin. Offenbar hatten ihre Eltern aber schon am Tag des Einzugs gewusst, das ich mit ihr nicht nur sofort hätte knutschen können, sondern dass ich meine gesamte "Kosmos" Sammlung und meinen original "Porsche Motorsport" Aufnäher dafür aufgegeben hätte, wenn ich mit ihr hätte durch brennen können. Sie hielten sie unter Verschluss und schickten sie nur ab und zu zum Lüften ins Freie, immer unter der Aufsicht ihres jüngeren, völlig debilen Bruders, der lange Zeit durch den Garten lief und mit weit aufgerissenem Mund Flugzeuge imitierte, bis er irgendwann über einen Rasenrandstein stolperte und sich ein paar Zähne aus dem Kiefer brach. Genau in dieser Zeit ergab sich dann die Gelegenheit mit der frisch gelüfteten Tochter, nennen wir sie mal Sabine, in Kontakt zu treten. Der debile Bruder saß mit verdrahteten Kiefer drinnen, die Eltern schienen kein besonders großes Lüftungsbedürfnis zu haben. Tatsächlich gelang mir die Kontaktaufnahme ohne große Schwierigkeiten und wir unterhielten uns durch den Maschendrahtzaun (deren, nicht unserer). Da es noch Sommer war, und die Eltern ihrer Tochter fast immer zur gleichen Zeit Ausgang erteilten, gelang uns so etwas wie eine Freundschaft. Als ich ihr dann mal eine Kassette schenkte (Drei Tage Arbeit! Alle Lieder handgeschnitten aus dem SWF3 Programm UND von BFBS), berührte sie meine Hand. Sofort war mir völlig klar: da geht was.

Das Problem war nur: Wie? Durch den Maschendrahtzaun knutschen? Gut, das hätte ich auch gemacht. Zur Not. Interessanterweise nahm sie die Sache dann in die Hand. Nach mehrmaligen Kassettenübergaben, Finger berühren und rotgesichtigen Anschweigen, war ihr die Sache offenbar zu blöd. Vielleicht hatte sie darauf gewartet, dass ich den Zaun durchschneide, sie in meine Arme nehme, zu einem Pferd trage und wir zusammen weit weg über die Felder reiten würden, sagen wir mal mindestens bis hinters nächste Dorf. Was sich Frauen ebenso denken in den Alter, das wußte ich nicht, ich las ja die "Auto Sport" und die alten "Kosmos" Ausgaben und war deswegen etwas gehandicapt. Also ergriff sie die Initiative. Morgen, so ihre Worte, wolle sie alle Regeln brechen und sich mal länger lüften lassen, als sonst. Ich solle doch ans Ende des Gartens kommen, da wo der Hyazinthenbusch an ihr Grundstück grenzen würde, sie würde über den Zaun hüpfen, viel Zeit habe sie allerdings nicht, vielleicht ein paar Minuten, aber das wäre doch mal besser, als so. Jo, dachte ich, das wäre was, die Idee könnte von mir sein.

Am nächsten Tag wartete ich, nach einem üppigen Mittagessen, sehr ungeduldig auf die übliche Zeit am Nachmittag, an dem sie von ihrer Mutter in den Garten geschubst wurde. Ich war sehr nervös. Sehr, sehr nervös. Ich schaute alle drei Sekunden auf meine Uhr, dann wieder in den Garten, dann wieder auf die Uhr. Mein Bauch machte mich wahnsinnig. Er rumorte, er gluckerte, er gab knarzende Geräusche von sich. Die Anspannung wuchs, mein Bauch auch. Mittlerweile hatte sich das Rumoren auf den Unterleib verschoben und je näher der Moment der sich öffnenden Terrassentür nahte, desto größer wurde die Erkenntnis, das ich auf die Toilette musste. Die Alternative abzuwarten schien auf eine noch größere Katastrophe hinaus zu laufen, als die vom Sommer. Also schnell auf die Toilette, aber - ich bitte an dieser Stelle von Gelächter abzusehen - so schnell ging das nicht. Es dauerte. Es dauerte sehr, sehr lange und ich wurde zu einem noch nervöseren Nervenbündel, allerdings einem mit Durchfall. Nie hat man auf einer Toilette einen unglücklicheren Menschen sitzen sehen, und ich stellte mir die Frage, was für ein scheißkranker Gott das eigentlich ist, der so was zulässt. Es war aber nur ein klarer Fall von Lampenfieber, und, wie ich viel später lernen durfte, essen deswegen Menschen die auf die Bühne müssen auch immer erst nach dem Auftritt.

Als ich dann irgendwann endlich in den Garten raste, runter, zu den Hyazinthen, fand ich eine Menge runtergetrampeltes Gras und ihren debilen, immer noch verdrahten Bruder hinter dem Zaun, der mich blöd auslachte, weswegen ich erst völlig am Boden zerstört war, um dann mein Karma auf Jahre hin zu versauen, weil ich ihm mal kurz an seinen Drähten zog.

Sabines Eltern waren doppelt sauer, weil ich nicht nur an ihrer Tochter rumgemacht (Hah, schön wär’s gewesen), sondern auch noch den Kiefer des Bruders auseinandergerissen hätte. Meine Eltern waren deswegen und wegen des unerwarteten Besuchs der ungelüfteten Eltern von Sabine auch ein wenig verstimmt, und meine Verteidigung, der kleine Satansbraten hätte uns ja vorher verraten, deswegen sei das wohl ok gewesen, zog nur wenig. Ich war zwar auch zu spät gewesen, aber Sabines Bruder hatte sie beobachtet und war ihr nachgelaufen, um sofort den Eltern Bescheid zu sagen, als sie über den Zaun geklettert war. Die Folge war, dass ich mich entschuldigen musste, und die Tochter nur noch im Vorgarten gelüftet wurde. Geknutscht haben wir dann später doch. Im katholischen Gemeindehaus, ihre Eltern wähnten sie auf sicherem Boden. Aber da gab es ja den Keller...

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Sonntag, 5. September 2004

Der Wind ist warm auf meiner Haut, und das ist schön. Ich rolle mit dem Fahrrad die einzige Straße Berlins herunter, die der Stadt das Flair einer Metropole gibt. Unter den Linden. Wundervoll vom Dom ab, rechts Uni, links Oper, dann Geschäfte, der lächerliche Bentley Store, die Botschaft Russlands, die von außen ein bißchen so aussieht, als ob Citizen Kane noch drin wohnen würde, die mit Betonblöcken, Maschinenpistolen und Absperrband verammelten Botschaften von USA und GB, das Adlon, dann das Brandenburger Tor, durch das ich immer gerne fahre. Den architektonischen Brechdurchfall Potsdamer Platz umfahr ich lieber. Dann der harte Schnitt. Plötzlich bin ich umgeben von Lederfetischschwulenlesben, von Lederuniformen, Lederwesten, Lederstrings und ledernen Genitalienaufbewahrungsbehältnissen, von Piercings, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, getragen von Männern, die gerade herzhaft in eine Thüringer Bratwurst beißen. Sehr fein. Nicht meine Liga, und der abgetrennte Bereich des Strassenfestes gibt dem ganzen leider den Eindruck eines Zoos. Aber ich mag so Treffen, wo Menschen rumlaufen, die wie selbstverständlich ein paar Millimeter neben der Spur laufen und sich wie kleine Kinder freuen, wenn es andere auch machen. Mich augenblicklich in die sehr attraktive Dame am Stand von SMart verliebt und mich ungefähr drei Sekunden später wieder entliebt, als sie ihren Freund knutschte und ich deutlich sehen konnte, dass ich nicht in ihrer Liga spiele. Immer diese Grenzen. Ein bißchen leid tun mir die drei alten Damen mit dem Fahrrad, die sich so weit es eben geht an die Häuserwanden randrücken, die Gesichter erschrocken, aber irgendwie auch interessiert. Sie bleiben dann tatsächlich an dem Stand mit den Ledermasken stehen, schauen in die Auslage und werden sofort allerfreundlichst gefragt ob man helfen könne.

Auf dem Rückweg einmal quer durch den Tiergarten, wo türkische Grossfamilien auf drei Quadratmeter grossen Grillen Fleischberge zubereiten. Der ganze Park riecht wie ein Imbiss kurz vor der Explosion, aber das macht nix, denn die Sonne scheint und Barbara Morgenstern säuselt mir ins Ohr:

leg deinen kopf auf mich sing mir das lied über dich das was uns hierher gebracht liegt weiterhin in der nacht und stellt die fragen an sich ich tu als kümmert mich das nicht und dann, und dann leg ich den kopf auf dich summ dir das lied über mich träum bis tief in die nacht vom horizont und der macht du schützt die dinge und weißt irgendwann schließt sich der kreis nur wann, nur wann?

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Samstag, 4. September 2004

Gestern der Geburtstag von dem selben Menschen, der neulich schon mit seinem russischen Wodka für ein erhebliches Maß an Freude gesorgt hat. Diesmal gab es zum Wodka keine sauren Gurken, dafür aber Rollmöpse. Angeblich auch eine russische Trinksitte, aber so langsam nehmen die russischen Trinksitten exorbitante Formen an, so dass ich geneigt bin, ihm nicht mehr so recht zu glauben. Schlimm auch, das alle anwesenden auf die Frage, wann sie das letzte Mal drei Monate ohne Alkohol waren, antworten mussten: Mit 18. Leichte Gewissensbisse deswegen. Später ein warmer, süßer Geruch in der Nase. Machte mich fast wahnsinnig, bis die Quelle gefunden hatte. Meine Nase riecht immer so komische Sachen; mitten aus dem größten Wirrwarr raus, sagt sie plötzlich: Oh, was ist denn das, und das kann sie, obwohl ich sie seit knapp 20 Jahren mit Rauch betäube. Quelle war eine Dame, die offenbar kurz vorher einen bedauernswerten und sehr, sehr schlimmen Unfall in einer Douglas Parfümerie hatte, bei der eine Literflasche "Poison" wohl die tragische Hauptrolle gespielt hat.

Jetzt aber die sehr schwierige Frage: soll ich mich jetzt noch auf mein Rad schwingen um entweder da hin</a,>, oder lieber da hin fahren? Ach, ich mach beides. Mist, Digicam kaputt, das gäb eine hübsche Mischung an Bildern.

Edit: Auf jeden Fall bei der Folsom Seite mal in die Rubrik "Über uns" schauen. Ich frage mich bei sowas immer: Warum? Warum müssen die einfach jedes Klischee erfüllen, dass man sich auch nur im entferntesten vorstellen kann? Das ist eine nette Gesellschaft, die ein nettes Anliegen hat, das durchaus umsetzbar sein sollte, (siehe unter "Förderprojekte") und dann kommen die einem so, als hätte ein leicht homphober Südtexaner auf Speed für einen drittklassigen Film Udo Kier ausstaffiert. Aber auch: Schweizer schaffen es einfach nicht , so böse zu schauen, wie alle anderen.

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Donnerstag, 2. September 2004
is it any wonder

"Two things that have haunted me most are the days when I had to collect the paybooks; and when I left Bill Hubbard in no-man's-land. I was picked up and taken into their trench. And I'd no sooner taken two or three steps down the trench when I heard a call, 'Hello Razz, I'm glad to see you. This is my second night here,' and he said 'I'm feeling bad,' and it was Bill Hubbard, one of the men we'd trained in England, one of the original battalion. I had a look at his wound, rolled him over; I could see it was probably a fatal wound. You could imagine what pain he was in, he was dripping with sweat; and after I'd gone about three shellholes, traversed that, had it been...had there been a path or a road I could have done better. He pummeled me, 'Put me down, put me down, I'd rather die, I'd rather die, put me down.' I was hoping he would faint. He said 'I can't go any further, let me die.' I said 'If I leave you here Bill you won't be found, let's have another go.' He said 'All right then.' And the same thing happened; he couldn't stand it any more, and I had to leave him there, in no-man's-land"

"Years later, I saw Bill Hubbard's name on the memorial to the missing at Aras. And I...when I saw his name I was absolutely transfixed; it was as though he was now a human being instead of some sort of nightmarish memory of how I had to leave him, all those years ago. And I felt relieved, and ever since then I've felt happier about it, because always before, whenever I thought of him, I said to myself, 'Was there something else that I could have done?' And that always sort of worried me. And having seen him, and his name in the register - as you know in the memorials there's a little safe,there's a register in there with every name - and seeing his name and his name on the memorial; it sort of lightened my...heart, if you like. (Woman) "When was it that you saw his name on the memorial?" "Ah, when I was eighty-seven, that would be a year, ninete...eighty-four, nineteen eighty-four."

Rogers Waters - The Ballad of Bill Hubbard/Amused To Death

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Liebe ist eine Allergie auf Lust

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