Das hier ist ja wohl die beste Geschichte des Jahren. Tu felix austria. Ich finde es sehr, sehr grossartig, dass man mit Büchern und Theaterstücken wie von der Jelinek (neulich "Das Werk" gesehen. Sehr groß) einen solchen Preis gewinnen kann. Die Österreicher werden zwar deswegen jetzt die nächsten, na sagen wir mal 20 Jahre, am nationalen Rad drehen, aber gut, das gehört dazu.
Begleitung gesucht
Nachdem mir eben meine Begleitung zu dem wahrscheinlich sehr geil sein werdenden "Giant Sand / Thalia Zedek" Konzert heute Abend im Quasimodo (22.00 Uhr) abgesprungen ist, suche ich jetzt dringend noch eine gut gebaute, weibliche freundliche und an depressiver, knarziger Lagermusik interessierte Begleitung mit Körbchengröße 75c mit einem Hang zur Melancholie.
Interessensbekundungen, Tonkostprobenanfragen usw. bitte per MAIL an dondahlmann gmail com
Stimmengewirr im ICE 1615. Man telefoniert. Man sagt Dinge wie "Haha, die sind doch insolvent" und "Rufen Sie doch bitte mein Büro an, ob ich Zeit habe" und "Nein, dass habe ich dem doch gesagt, dass wir das nicht so machen können, ich hab sogar ein Paper rübergegeben, so geht das nicht, das paßt nicht in den Businessplan, da müssen wir morgen noch mal drüber reden". Ich könnte mich leicht ausklinken, einfach die Stöpsel in die Ohren, ein wenig "Yello" oder "Mirah" und aus die Laube. Aber die Stimmen reden ja weiter. Das umgibt mich ja trotzdem, da kann ich machen was ich will. Ich kann nur weiter in meiner Gedankenblase sitzen und meinen Tagträumen hinter her hängen. Was man so redet, denke ich. Und weiter, dass das alles nur mit Funktionieren zu tun hat. Reines, funktionales reden. Problemchen, die man in spätestens einer Woche wieder vergessen hat. Aber jetzt ist es von einer so unfaßbaren Wichtigkeit, dass die Welt untergeht, wenn man nicht redet. Bahnhof Zoo stehen alle auf und stellen sich brav in eine Reihe. Dunkle Mäntel, schwarze Laptoptasche. Blick auf die Uhr. Alles ist so hübsch optimiert auf das Funktionieren, und ich frage mich, wie die das schaffen. Wie die das hinbekommen, das mit dem tadellosen Funktionieren. Es ist mir ein Rätsel. Dieses scheinbare Wissen um die richtigen Sätze, die richtigen Dinge die man tun muss. Dieses reibungslose Weitermachen, dieses nahtlose Leben mit der Riesterrente, der Lebensversicherung, dem Auto und dem Palm, der einen an den Hochzeitstag erinnert. Was denken die morgens unter der Dusche? Oder beginnt der Tag mit "Heute werde ich mit Helmut über die neue Stufe der Prozessoptimierung sprechen"? Ich bekomme selten was menschliches in deren Leben rein. Manchmal stelle ich mir die Gesichter beim Sex vor , und sie sind nie entspannt, immer verkrampft, die Augen zusammen genkniffen, schnaufend. Hart arbeitend. Und dabei haben sie wahrscheinlich immer noch ihren schwarzen Mantel an und die Laptoptasche steht neben dem Bett.
Hier kann man sehen, wie vielleicht der Mount St. Helens explodiert. Oder Lava wirft. Oder nichts tut. Ich gebe zu, dass das Betrachten der Kamera dem Amüsement nicht unähnlich ist das man erlangen kann, wenn man dieser Kamera zuschaut, aber ich will nachher keine Klagen hören, von wegen, ich hätte nicht gesagt, wo auf der Welt der Punk abgeht.
Popkomm. Ich war da seit irgendwas um vier oder fünf Jahren nicht mehr, weil ich zu lange in der Musikindustrie gearbeitet hatte, und befürchten musste, dass wenn ich noch eine einzige Popkomm besuche, alle Anwesenden mit der scharfen Kante meines Haustürschlüssels abmolche. Aber jetzt bin ich älter und arbeite nicht mehr für die Musikbranche. Und die Popkomm hat offenbar so große Sehnsucht nach mir gehabt, dass sie nach Berlin gekommen ist. Das war ja schon mal das erste, was ich überflüssig fand. Messen und Veranstaltungen soll man gefälligst da lassen, wo sie groß geworden sind. Der Oscar wird ja auch nicht plötzlich in Detroit verliehen. Aber man dachte sich offenbar (dachte man? Naja) man ging also davon aus, dass wenn die tolle Popkomm nach Berlin kommt, sich die Berliner alle ins Höschen machen vor Freude. Außerdem dachte man wohl (diesmal dachte man, glaube ich, schon), dass die Musikbranche der Politik einfach ein Stück näher kommen muss, dass Berlin ja eine dolle Metropole ist, wo sich Underground und Politik treffen und Ringelpietz mit Anfassen spielen, da muss die Musikbranche ja auch sein. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Musikbranche seit ungefähr 20 Jahren jeden Trend mordsmässig wie sonst noch was verschlafen hat, dann sollte man sich überlegen, ob es nicht langsam Zeit ist Berlin zu verlassen um nach Wien oder Zürich zu ziehen. Wenn die Musikbranche "Hype, Super!" schreit, ist noch nie was gutes bei rausgekommen.
Jedenfalls bin ich milder geworden und die Zeit hat viele Wunden verschlossen. Warum nicht mal sehen, wer von den alten Kollegen noch so rumhüpft und wie sich Branche so darstellt. Außerdem kostet die Akkredetierung für Journalisten nicht mehr 70 Euro wie in Köln sondern nix. Frohen Mutes ließ ich mich einscannen und betrat die Messehallen. Ich schlenderte durch eine recht leere Halle, dann durch noch eine nicht ganz so leere Halle und dachte, nachdem ich fünf Rechtsanwaltstände, zwei Wirtschschaftsprüferstände, den VIVA Stand, den Kanada-, Österreich-, Schweiz, Holland-, Norwegen- und Finnlandstand, den Popakademiestand, den Deutsche Welle Stand und den "Super-T-Shirts hier Stand" gesehen hatte: "Aha, und wo sind die Hallen, wo die Musikindustrie ist?" Also bin ich zurück marsch, marsch, erstmal super o2 Tasche beim Pressestand abstaubend, dann Lageplan studierend. Ok - ich hatte den "Labelstand" (an dem es lecker Currywurst gab) in einer Halle übersehen. Aber sonst nix. Die Popkomm, die in Köln mal fünf riesige Hallen belegt hatte, ist zu einer Veranstaltung zusammen gedampft, gegen die die "Fachmesse Sanitär, Heizung, Klima und Gebäudeautomation" ein Rock n Roll Fest ist.
Ja, sagen da sicher manche aus der Branche, ja, so ist das eben. Uns gehts schlecht. Wir müssen sparen. Die bösen Musikkonsumenten, die einfach nix mehr kaufen, sondern alles brennen. Und damit das auch keiner vergisst, hat der Vorstandsvorsitzende der Verbände der der Tonträgerhersteller, Gert Gebhardt in einem Begleitheft zur Popkomm einen ganz tollen Vergleich gefunden. Er schreibt da nämlich folgendes:
Seit Anfang des Jahres gibt es ein Gerät, mit dem man frische Brötchen kopieren kann. Man legt es einfach unter den "Multivaleszenzkonvergator" , wartet einige Sekunden und hat schließlich ein weiteres Brötchen, das sich in nichts vom seinem Original unterscheidet. Die Bäckerbranche klagt seitdem über drastische sinkende Umsätze. Die Hersteller der Brötchenkopiermaschinen bezweifeln allerdings einen Zusammenhang. Die meisten Menschen kopieren die Brötchen zusätzlich zu ihrem bisherigen Bedarf, sagen sie, und viele Menschen seien überhaupt erst durch ein kopiertes Brötchen auf den Geschmack gekommen. Glauben sie das? Ich auch nicht. Zugegeben, die Geschichte ist frei erfunden ...
räusper Hallo? Schon mal was von Backautomaten gehört, Herr Gebhardt? Diese Dinger, wo man eine fertige Backmischung reinwirft, ein Knöpfchen drückt und kurze Zeit später ein Brot hat, dass sich von seinem Original aus der Backstube in nichts unterscheidet? Und die seit drei, vier Jahren wie blöde unters Volk gebracht werden? Gibt es deswegen weniger Bäcker? Ich sehe das ein bißchen anders. (Und der Doc meint das auch))
Aber genauso präsentiert sich die Popkomm nun auch. Es ist immer noch böse Konsument, der nicht mehr konsumieren will. Und deswegen macht man jetzt auch besser die Schotten dicht. Es gibt keinen Publikumstag mehr. Ein "Ein Tages Ticket" für Fachbesucher, kostet 92 Euro, die Drei-Tageskarte 255 Euro. Um was zu sehen? Zwei leere Hallen, jede Menge gelangweiltes Sicherheitspersonal, ein paar belanglose Flugblätter, genervte Hostessen und merkwürdige Frisuren. Der gesamte Bereich: mp3, Computer, Netzwerke, neue Vermarktungsmöglichkeiten. Kaum zu sehen. Stars? Keine da. Wenn die ganzen Länderstände nicht wären und wenn nicht drei Berliner Cocktailbars riesige Flächen angemietet hätten, wo man nett sitzen kann, das Ganze hätte in die kleinste Halle der Messe gepaßt. Während früher um die Popkomm herum das Leben tobte, wo es ein Ringfest wo man sich darstellte, öffnete, da ist heute nichts als die gähnende Leere der Hallen. Ging man früher auf den Konsumenten zu, versuchte man neue Bands und Stilrichtungen schmackhaft zu machen, zieht man sich nun in einen Schmollwinkel zurück und fährt die Taktik, dass man eben alles über die Politik regelt. Wenn der Konsument nicht hören will, dann muss er eben von seiten des Gesetzgebers gezwungen werden. Ob per Copyrightgesetz oder per gesetzlich verordneter Radioquote für in Deutschland produzierte Musik. Kauf, du Sau.
Das war heute schwer deprimierend. Das war eine ganze Branche in völliger Agonie, ein Haufen depressiv zagender Menschen, die sich eingeschlossen haben und gegen "die da draussen" wettern, wo die Kreativen schon lange das Weite gesucht haben, weil sie keine Lust haben, das ein paar Anzugslobbyisten das Geschäft nur noch per Gesetz betreiben wollen. Da bleibt am Ende nur das Zitat von Dirk Bach, der bei der Echo Verleihung 2004 der versammelten Branche entgegen rief: "Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht geht?"
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