Dienstag, 18. April 2006

Karate Kid I

Meine erste Prügelei hatte ich in der Grundschule. Gegner war aus dem Senegal stammender Mitschüler, der einen Kopf größer war und vor allem deutlich stärker. Nach wenigen Sekunden hatte er mich im Schwitzkasten und ließ auch nicht mehr los. Das war eine eher ungemütliche Position und ich wurde extrem sauer, konnte aber wenig machen, außer vor Wut zu weinen, was bei meinem Mitschülern nicht besonders gut ankam, da die dachten ich würde weinen, weil ich eben weinen müsse. Das Gelächter war groß und das machte mich noch wütender, zumal ich nicht gerade in der Position war, den anderen langatmig zu erklären, dass ich nicht aus Schmerz, sondern aus Wut weinen würde. Ich wurde über die ganze Situation so wütend, dass ich es schaffte mich aufzurichten und meinen Gegner auf den Rücken warf. Jedenfalls dachte ich in dem Moment, dass ich das könnte, im Endeffekt landete ich auf dem Rücken, der Mitschüler auf mir, der mich zu allem Überfluss jetzt auch nur noch mit einer Hand festhielt und mir mit der anderen Kopfnüsse verpasste. Es dauerte fast ein ganzes Schuljahr bis ich meinen Ruf als Heulsuse loswurde. Erst nachdem ich jemanden aus der vierten Klasse ein schmeichelhaftes Remis im wahrsten Sinne des Wortes abgerungen hatte, wurde es etwas besser.

Überhaupt hatte ich mir das mit den Prügeleien durchaus anders vorgestellt. Zu meiner bevorzugten Fernsehunterhaltung gehörten eindeutig Western, und in denen war es nun so, dass der Held jemanden in den Bauch haute, dieser drei Meter zurück geschleudert wurde und sich vor Schmerzen auf dem Boden wand. Wenn ich jemanden in den Bauch gehauen habe passierte nichts, außer dass ich eins in die Fresse bekam oder ebenfalls in den Bauch gehauen wurde, was mich komischerweise offenbar mehr beeindruckte als meinen Gegner. Mein Kampfrekord nach der Grundschule stand dann bei 0 Siegen, 1 Unentschieden, 1 Niederlage.

Nach einem Jahr Realschule sah das deutlich anders aus. Zum Ende der fünften Klasse hieß es: 0 Siege, 1 Unentschieden, 4 Niederlagen. Jede Klasse hatte den notorischen Klassenschlägern, der meist stärker oder skrupelloser oder beides war. Unser Schläger hieß Peter und arbeitete damals schon auf dem Hof seiner Eltern. Das war gemein, denn während ich Reitstunden bzw. Fechtunterricht nahm und nebenbei anfing Schach zu spielen, konnte Peter den ganzen Tag tonnenschwere Heuballen und anderen Krempel schleppen. Außerdem war er einmal sitzen geblieben, somit mindestens ein Jahr weiterentwickelt, und man hatte ihn gerüchteweise auf der Kirmes gesehen, wie mit den Typen abhing, die schon ein Mofa hatten. Quasi ein Schwerverbrecher. Peter reagierte die Klasse nach einem ausgeklügelten System. Erst in die Fresse, dann noch mal nach treten und, damit das Opfer die Abreibung auch wirklich nicht vergisst, nach fünf Minuten perfide noch mal kurz verprügeln. Das was Peter wirklich gemein machte, weswegen alle vor ihm Angst hatten, war seine Angewohnheit jemand, der am Boden lag, noch mal zu treten. Das war damals ein absolutes Unding. Wenn jemand lag, hielt man ihn allerhöchstens unten fest, aber stand nicht auf und trat ihm in den Bauch. Peter verprügelte mich zweimal, das dritte Mal war es irgendeiner an der Bushaltestelle, der mir erst seinen Ranzen und dann sich ins Gesicht warf.

Mit Beginn der sechsten Klasse beschloss ich, dass es nun mit dem Verprügeln reichen würde. Ich hatte keine Lust mehr Angst zu haben und außerdem hatte ich den ganzen Sommer sämtliche Kung-Fu Tricks aus der gleichnamigen TV Serie sorgsam studiert und heimlich geübt. Ich war also gewappnet und fühlte mich sehr, sehr stark. Denn gegen meine Kung Fu Tricks konnte dieser ungebildete Bauernsohn nichts ausrichten, denn mit Kraft alleine kann man kein Kung Fu besiegen, soviel war ja mal klar. Gleich am zweiten Schultag, in irgendeiner Pause kam Peter zusammen mit seiner Gang auf mich zu. Ich machte mich bereit, spannte meine Muskeln, hob dass Kinn, machte die Schultern breit und schaute ihm so gefährlich wie möglich in die Augen. Ich konzentrierte mich völlig auf ihn, alles um mich herum wurde ausgeblendet, fand nicht mehr statt, es war nur dieser schmaler werdende Raum zwischen ihm und mir und ich war bereit ihm seine Grenzen schmerzhaft aufzuzeigen. Er mochte den Sommer über Heuballen geschleppt haben, ich hatte die geheimnisvollen Kung Fu Tricks auf Lager. Zehn Sekunden später haute er mir in die Fresse und ich konnte mich nicht wehren, weil ich vor lauter Konzentration und Ausblendung meiner Umgebung nicht mitbekommen hatte, dass einer seiner Kumpels hinter mich getreten war und meine Arme festhielt, bevor ich überhaupt etwas machen konnte. Peter haute also zu, dann ließen die Kumpel mich los und Peter schritt weiter über den Schulhof um überall die Hackordnung wieder herzustellen. Offenbar hatte er sich über den Sommer darüber Gedanken gemacht, wie er sein Einschüchterungssystem effizienter gestalten konnte, also mehr Haue in der gleichen Zeit. Was ihm zu der Idee geführt haben muss, sich Helfer zu besorgen, die die lästige Gegenwehr im Keim erstickten. Ich war die erste Testperson dieser neuen Technik.

Ich landete wie ein nasser Sack auf dem Hosenboden und dann fehlen mir ein paar Sekunden. Das nächste an das ich mich erinnere, sind die Arme eines Lehrers, der mich von Peter runterziehen und die völlig fassungslosen Gesichter seiner Freunde, die gar nicht begreifen, was da gerade passiert war. Ich wusste das auch nicht, aber man berichtete mir, dass ich wie ein Irrer hinter Peter her gelaufen sei und dieser lachend vor mir gestanden habe und ich ihm völlig Un-Kung-Fu-mäßig einen eingesprungenen Haken ans Kinn gesetzt hätte um dann dem fallenden Peter völlig von Sinnen hinterher zu prügeln, bis mich ein Lehrer von ihm runter zog. Danach hatte ich zwei Probleme: zum einen musste ich zum Direktor, zum anderen raunte mir in der nächsten Pause einer aus Peters Gang im Bus zu, dass ich nun "sehr aufpassen" müsse, denn schließlich wisse man ja, an welcher Haltestelle ich aussteigen würde. Haltestellen waren damals quasi die IP Adresse von Heranwachsenden.

wird fortgesetzt

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Donnerstag, 13. April 2006

Grandiose Photos von Reinhard Krause aus dem Ruhrpott der 80er Jahren. Mehr gibt es hier

Via Kunstbetrieb

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Mittwoch, 12. April 2006

zum abreagieren wusch ich eine bettlägerige,die sich nicht wehren konnte.

Ganz großes Kino drüben bei Frau von K.

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Dienstag, 11. April 2006

Lange habe ich für eine Zeitung den Psychotest geschrieben. Das mag jetzt etliche Menschen erschrecken, denn ich habe in meinem jungen Leben sehr viel vor mich hinstudiert, aber klinische Psychologie war nicht dabei, auch wenn so manche Affäre und Ex-Freundin gute Studienobjekte gewesen wären, bzw. manche Lebensabschnitte meinerseits ganze psychologische Fachbücher füllen würden. Es ist aber völlig normal, dass irgendwelche Leute in den Zeitungen die Psychotests schreiben und nicht Frau Dr. Ingeborg Weisenhaupt-Schröder, da es Frau Dr. Ingeborg Weisenhaupt-Schröder niemals gegeben hat, ähnlich wie, dass muss ich jetzt mal ehrlich sagen, auch wenn es weht tut, Dr. Sommer. Was mich allerdings immer mehr gewundert hat, als zum Beispiel der Name Dr. Ingeborg Weisenhaupt-Schröder, war das Bild der Dame, das bei einem Psychotest irgendwo rechts oder links oben in der Ecke klebte. Meist zeigte es eine weißhaarige Dame unbestimmten Alters in schwarz-weiß, die freundlich, aber irgendwie auch streng aus der Zeitung guckte. Heute gibt es solche Bilder nicht mehr, dafür lächelt jetzt Dr. Maja Köcher-Bohne mit langen braunen Haaren keck aus den Magazinecken. Im Gegensatz zu früher heißt es auch nicht: Wenn sie manisch depressiv sind, gehen sie schnell zum Arzt und lassen sich lustige Medikamente verschreiben, sondern, wenn sie manisch depressiv sind, haben sie doch einfach mehr Sex, denn Sex ist gut fürs Selbstwertgefühl und man man kommt auch mal wieder rum und raus kommt seinem Partner wieder näher und kann ihm mit seinen Problemen vertraut machen. Als ob der Partner sich nicht schon längst bei seiner Affäre darüber beklagt, dass es zu Hause immer so depressiv zu gehen würde. Jedenfalls, die Psychotests die der ein oder andere Besucher dieser Seite eventuell aus Langweile und ohne Hintergedanken in einem Magazin, dass zufälligerweise inm Bahnabteil rumlag, mal gemacht hat, waren hier und da von mir und ich habe mich immer prächtig darüber amüsiert, wenn ich jemanden den Test ausfüllen sah, den ich mir bei einer guten Flasche Rotwein aus den Fingern gezogen habe.

Ich habe auch nie so ganz verstanden, warum Psychotests so interessant sind. Man ist doch immer etwas jeck in der Birne, denkt aber komischerweise, dass alles seine Richtigkeit hätte. Diese Erkenntnis brachte mich mal auf die Idee, ein Buch voller Interviews mit Menschen zu veröffentlichen, welche auf Grund ihrer verschobenen Realitätswahrnehmung in geschlossenen Anstalten einsitzen. Ich wollte einfach kommentarlos deren Sicht der Welt aufschreiben und der Leser sollte dann die Unterschiede selber feststellen. Seit dem die USA und Tony Blair eine sehr eigene Weltsicht entwickelt haben, und seitdem es "Deutschland sucht den Superstar" und "Germanys next Topmodel" gibt, habe ich von dem Projekt enttäuscht Abstand genommen, weil ich befürchte, dass die Leute in geschlossenen Anstalten einfach nicht verrückt genug sind, damit sie andere Menschen interessieren.

Ich schreibe das gerade alles, weil ich eben einen sehr schönen Psychotest gemacht habe, in dem man mal nicht (nur) Kreuzchen machen muss, sondern mit hübschen Schiebereglern seinen Charakter festlegen darf. Die Welt braucht deutlich mehr Schieberegler. Der Test braucht ein wenig Zeit, das Ergebnis fiel aber zu meiner Zufriedenheit aus. Jetzt müssen auch andere endlich einsehen, dass ich ganz toll bin.

Ich bin total normal, nur ihr nicht

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Montag, 10. April 2006

Ich hatte am Wochenende im Olympiastadion zu tun und dabei die Gelegenheit, auch im leeren Stadion ein paar Fotos machen zu können. Ein paar weitere Bilder gibt es bei Flickr

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