Freitag, 19. Mai 2006

Unser Nachbar zur rechten hatte einen neuen Wagen. So was war in den 70er Jahren, als man Autos nur mit jeder Menge Geld und nicht mit Leasingraten oder mit dem Schreiben eines Blogs erwerben konnte, etwas ganz besonderes. Dementsprechend war es völlig normal, dass, sobald ein Nachbar ein neues Auto hatte, die anderen Nachbarn mehr oder weniger neidisch oder auch anerkennend nickend um das Auto herum standen und fachmännische Kommentare abgaben. Also im Prinzip so, wie heute in der Blogsphäre, damit die jüngeren unter meinen Lesern das auch verstehen können. Der Nachbar zur rechten, hatte seinen Neuwagen, eine rote Alfa Gulia allerdings niemanden vorgeführt, sondern war listig nachts in die Garage gefahren. Am nächsten Morgen jedoch fuhr er seinen Neuwagen zärtlich die steile Garagenauffahrt hoch, ließ den Wagen ein paar Meter auf die Strasse rollen und stand dort. So eine Gulia hat einen sehr sonoren Sound der auch im Leerlauf morgens nicht zu überhören ist. Nachdem es minutenlang sonor blubberte, wurde mein Vater aufmerksam, der zum Fenster ging und meinte "Guck mal, der Nachbar zu rechten hat ein neues Auto!" Zehn weitere Minuten später sonorte es immer noch, und der Nachbar saß zusammen gesunken auf dem Fahrersitz. Meine Mutter meinte "Hups" und machte sich Sorgen, der nicht mehr ganz taufrische Nachbar könne vielleicht ob der Aufregung einen Herzinfarkt erlitten haben. "Schau mal, der ist total zusammen gesackt", sagte meine Mutter, und knuffte meinen Vater in die Seite, er möge doch jetzt mal raus gehen. "Ne," sagte der, "das mach ich nicht." Fünf Minuten und viele Knüffe (Knuffe?) später ging er doch raus. Den Kopf nach rechts und links schiebend, näherte er sich vorsichtig, der fröhlich gut vor sich hinklingenden Gulia und versuchte sich schon von außen ein Bild von der Lage zu machen. Im Inneren des Wagens bewegte sich nichts. Mein Vater näherte sich der Fahrertür, stand dort einen Moment, wie auf dem Sprung, und klopfte vorsichtig gegen die Scheibe. Der Nachbar zuckte zusammen, sah meinen Vater völlig erschrocken an, kurbelte (für die jüngeren unter den Lesern, früher musste man die Seitenscheiben per Hand in die gewünschte Stellung bringen) das Seitenfenster runter und plauderte gut gelaunt mit meinem Vater, der sich zwischendurch immer mal wieder ins Auto hinein lehnte. Nach endlosen zehn Minuten kehrte mein Vater wieder zurück und erklärte lachend, der Nachbar habe deswegen so zusammen gesunken im Auto gesessen, weil er die Betriebsanleitung des Wagens gelesen habe. Dort habe zu dem gestanden, dass man den Wagen morgens am besten ein paar Minuten warm laufen lassen sollte, bevor man los fahren würde (für die jüngeren Leser: das machte man, damit die Öltemperatur... ist auch egal)

Jedenfalls fiel mir die Geschichte heute morgen ein, als ich mit offener Seitenscheibe in zweiter Reihe vor meinen Haus stand und verzweifelt versuchte verschiedene Bedienelemente des Opels in einen logischen und vor allem funktionsfähigen Zusammenhang zu bringen. Weswegen ich zusammen gesunken über der Betriebsanleitung brütete, bis mich ein Fahrradfahrer durch die offene Seitenscheibe anbrüllte, ich möge doch meine "scheiß Dreckskarre" wegschieben, ich "Arsch". Die Sitten verrohen immer mehr. Auf Seite 76 der Betriebsanleitung habe ich aufgegeben und einfach so lange alle Knöpfe gedrückt, bis ich das erwünschte Ergebnis hatte.

Dann Autobahn. Den aggressiv, verbissenen Gesichtern der anderen, meist männlichen Autofahrern zu urteilen, sehen die ihren Kombi nebst starken Motor offenbar ebenso sehr als Schwanzverlängerung, wie manch andere ihr anonymes Blog. "Wie im Krieg" murmelte ich einigermaßen erstaunt vor mich hin, aber auf der anderen Seite geht auf der Autobahn auch nicht anders zu, wie auf dem Bahnhof Zoo, wenn Freitags gegen 16.00 Uhr all die Leute in den ICE drängen, die dämlicherweise keine Sitzplatzreservierung haben.

Früher war das Autofahren etwas entspannter. Da wurde man nicht beschimpft und nicht angelichthupt, wenn man mit 180 auf der linken Spur nicht innerhalb von wenigen Sekunden die Spur frei machen wollte, weil man gerade einen polnischen LKW überholte. Was müssen mache Männer zu Hause nur so erleben, dass sie sich auf der Autobahn so aufführen. Versüßt wurde mir die lange Fahrt allerdings mit einem sehr anhimmlungswürdigen Feature des Opel Radios. Auf langen Fahrten habe ich schon immer gerne DLF oder Deutschlandradio gehört. Während ich früher alle 150 Kilometer hektisch am Radio kurbeln musste, um den Sender neu einzustellen, sucht dieses Radio automatisch immer die beste Frequenz des Senders und stellt unbemerkt um. Wie von Zauberhand. Wenn das Radio auch noch immer dann zwischen DLF und Deutschlandradio hin und her schalten wenn würde, wenn es auf dem anderen Sender gerade was gibt, was mich mehr interessiert, dann wäre das perfekt. Aber so war auch schon mal gut. Auch, dass ich mit einer Tanklandung nach Düsseldorf gekommen bin. Und das die Bremsen gut funktionieren, was ja, wie ich aus Erfahrung mit einem anderen Alfa weiß, nicht immer selbstverständlich ist. Über das Navigationsgerät und die Ablageflächen reden wir aber ein anderes Mal.

Warum hier was über einen Opel steht

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