Einer, der das dann auch mal klar formuliert, ist der ehemalige Staatssektretär aus dem Finanzministerium, Holger Flassbeck, der im Stern ein paar knackige Worte findet.

Das Irre an der ganzen Sache ist, dass die Banken die Bürger erst ausnehmen, in dem sie wahnwitzige Renditen erzwingen und sich unglaubliche Gehälter leisten und dann am Ende den Staat gezwungen ist einzugreifen, damit diese Spielsüchtigen nicht das ganze System zu Grunde richten.

Und weil heute vermutlich die Wörter "Short Seller" oder "geshortet" fallen werden, hier die einzig lesbare Erklärung aus dem Manager Magazin. Letzlich geht es darum, dass ein Trader Aktien verkauft, die er nicht hat, um sie zu einem niedrigeren Kurs wieder einzukaufen:

Deshalb leiht er sich bei einem Broker zum Beispiel 1000 Aktien und verkauft diese sofort am Markt, etwa zum Preis von 100 Euro je Aktie. Banken und besonders Indexfonds spielen bei dem oft kritisierten Verleih gerne mit, da sie mit der fälligen Leihgebühr ihre eigene Performance verbessern. Nun wartet der Short Seller ab, bis der Kurs der geliehenen Aktien fällt. Bei einem Kurs von 80 Euro kauft er die Papiere am Markt zurück, um sie fristgerecht an den Verleiher zurückzugeben. Beim Verkauf hat er 100.000 Euro erzielt und muss für den Rückkauf (Eindeckung, Schließen seiner Short Position) nur 80.000 Euro aufbringen: Der Kursverlust von 20.000 Euro ist sein Gewinn, von dem er lediglich die Leihgebühr für den Broker abziehen muss.

Normalerweise wettet die Börse darauf, dass die Kurse steigen, jetzt Wetten offenbar auch Klein-Spekulanten darauf, dass die Börse fällt. Sie shorten also auf Teufel komm raus, und je mehr Händler das mitmachen, desto mehr werden die Kurse gedrückt.

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Zwei Dinge sind mir in den letzten Tagen im Rahmen der Banken/Kreditkrise mal wieder aufgefallen.

  1. Der auch in Deutschland zu empfangende Sender CNBC hat eine sehr gute, wenn auch für so Laien für mich, manchmal eine etwas mit Buzzwords übervolle, Berichterstattung. Aber - da kann man sich immer auf die Amis verlassen - es wird alles so lange wiederholt, bis man es verstanden hat. Zumindest hab ich seit Montag, auch dank der Krise um Lehmann/AIG, mehr über das Kreditwesen verstanden, als in den Jahren zu vor. Mein Eindruck: Wir werden alle sterben.

  2. Den Rest, den ich nicht verstanden habe, hat mir das fantastische Wirtschaftsblog Weissgarnix erklärt, der mit einfachen Sätzen und klaren Aussagen die komplizierte Lage darlegen konnte:

“Der Grund warum jetzt alle diese Banken über die Wupper gehen, ist simpel und einfach der, dass sie massenhaft Papiere gekauft haben, von denen sie gestern noch dachten, dass sie sehr profitabel sein würden, weil alle anderen auch dachten, dass diese Papiere sehr profitabel sein würden. Zwischenzeitlich haben aber alle ihre Meinung geändert, und daher stehen besagte Banken jetzt im Regen.”
  1. (Ich weiß, da oben steht "Zwei Dinge", aber das hier ist ein Blog, da darf man alles, auch mal was verrücktes). Lehmann Brothers ist mit 631 Milliarden Dollar pleite gegangen. Ich musste die Zahl per Hand mit einem richtigen Stift auf richtiges Papier schreiben, damit ich das begriffen habe.

631.000.000.000

Und ich bin nie sicher, ob ich nicht doch irgendwo eine Null verschlampt habe. Jedenfalls sind 631 Milliarden Doller ziemlich viel. Die gesamte Bundesrepublik hat es seit dem zweiten Weltkrieg auf etwas mehr als das doppelte in Sachen Verschuldung gebracht. Von 631 Milliarden Dollar könnte man viele Dinge kaufen. Vermutlich die gesamte Welt von Hunger befreien und andere nette Sachen. Aber was war eine der ersten Fragen eines Wirtschaftsjournalisten auf der Pressekonferenz zur Pleite der Lehmann Filliale in London? "Was passiert den jetzt mit den Bonus-Zahlungen? Werden die noch ausgezahlt?"

  1. Ich hab seit Jahren Plus auf meinem Konto. Nicht viel, manchmal nur ein paar hundert Euro, aber Plus. Ich kaufe nichts per Kredit, weil ich mir sage, dass ich, wenn ich das Geld selber nicht habe, es auch nicht kaufen kann. Einfache Rechnung. Aber so wird man wohl nicht reich, wenn ich das richtig verstanden habe.

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Das ist eine indirekte Replik auf den Artikel von Herrn Shhhh, den man erst einmal lesen sollte, bevor man die folgenden Worte liest. Ich will ihn nicht angreifen oder was vom Krieg erzählen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Probleme von kleinen Bands, die in der momentanten Krise der Labels schlecht da stehen, etwas ist, was in der Vergangenheit nicht ungewöhnlich war. Es ist immer die Frage, wie man damit umgeht.

Liebe Musiker,

  1. Die bequeme Lage von Musiker, ein Tape eine CD zu machen, zu einem x-beliebigen A&R zu schicken und dann geht es schon irgendwie, weil die machen ja alles, hat nur ca. 1965 bis 2000 existiert. Das gab es vorher nicht und wird auch nicht mehr in der Form geben. Der Grund: Nur die ernormen, exorbitanten Gewinne der Labels machten es überhaupt möglich, dass man eine Art Kulturförderung entwickeln konnte. Es war völlig egal, wenn man sechs Bands drei Jahre lang ohne Erfolg gepusht hatte. Die siebte war dann ein Erfolg und holte die Kohle rein, die man vorher versenkt hatte. Das Gießkannenprinzip funktioniert nicht mehr, die Gründe dafür sind vielfältig und bekannt.

  2. Künstler sein ist kein Angestelltenjob. Das geht anderen Künstlern genauso. Man schreibt und malt jahrelang, machmal jahrzehnte lang umsonst und/oder am Rande des Existenzminimums. Das ist Teil des Schaffensprozesses. Akzeptiert das, oder laßt es und studiert was anderes. Ich male, arbeite, musiziere nicht für Geld, sondern weil ich es will und weil ich Spaß daran habe. Und diesen Spaß hab ich auch, wenn ich auf der Bühne stehe, egal ob ich dafür Geld bekomme, oder nicht. Der Rest der Welt ist mir wurscht. Punkt. Dazu gehört auch, dass ich mich bewußt dafür entscheide, dass ich halt anders leben muss, wenn ich meine Sache durchziehen will. Und ja, man kann gleichzeitig Musiker/Autor/Maler sein und mit was anderem sein Geld verdienen.

  3. Die bequeme Förderung durch die Musikindustrie in den 70er und 80er Jahren hat vieles im Bewußtsein der Musiker verändert. Lest Euch bitte mal die Biografien der Musiker durch, die vor der Förderungspolitik der Labels bis in die 70er Jahre hinein mit der Musik angefangen haben. Von mir aus von Beatles, den Stones, Pink Floyd oder wem auch immer. Wenn man das macht, stellt man fest, dass die Bands teilweise jahrelang unter verschiedenen Namen durch die Gegend getingelt sind, umsonst gespielt haben, kein Geld hatten und in den letzten Löchern wohnten. Lest Bukowski, Miller oder Stephen King. Sie alle haben teilweise Jahrzehnte hinter sich, die frustrierend, scheiße und völlig erfolglos waren. Lest über Picasso, und ihr werdet feststellen, dass er jahrelang hoch verschuldet in einer unbeheizten Pariser Wohnung lebte. Der Fall, dass einer wirklich so richtig gut war und sofort von seinen Sachen leben konnte, ist so selten, dass mir gerade nicht mal ein Beispiel einfällt.

  4. Die Musik hat heute Vertriebswege, von denen man vor 40 Jahren nicht mal träumen konnte. Die muss man nur nutzen.

  5. Die Musiker nutzen die Vertriebswege nicht. Ein Bekannter von mir, ehemaliger Chef der deutschen Abteilung von "Mute", arbeitete mal für einen Laden, der Ende der 90er die Idee hatte, all den A&Rs dieser Welt ein Portal aufzubauen, in dem sie nach neuer Musik stöbern können. Ausgesucht von den Portalbetreibern, mit einer Liste, was ihnen selber so gefallen hat. Da stellt sich mir 10 Jahre später die Frage: Warum macht ihr das nicht selber? Organisiert euch. Schafft ein Portal, und zeigt, wenn ihr denn unbedingt zu den Labels wollte, dass es Euch genau an der Stelle gibt.

  6. Der Niedergang der Labels in den letzten Jahren hat offenbar zur Folge dass es a) mehr Schrott gibt und b) man nicht mehr einfach mal ne Platte machen kann und schon ist man im gelobten Land. Auch gezielte Provokation haut nicht mehr hin, wenn sie keine Substanz hat. Der Manager von "Rammstein" ist knapp zwei Jahre mit einem Demotape durch die Gegend getingelt und es passierte nichts. Tim Renner hat sie genommen, weil er das Ding gut fand und weil man ihm ein schlüssiges Konzept vorgelegt hat. Erst dann hat man sich die Musik noch mal angehört, die Band in ein Studio in Schweden gesteckt, das musikalische Konzept geglättet und veröffentlicht. Jeder hat erwartet, dass Rammstein nach einer CD den Bach runtergehen, aber die Band war gut und klug genug die Schiene weiterreiten zu können und jedesmal ein wenig anders zu klingen. Dass sie letztlich zu 80% aus Ideen von Laibach und den Krupps bestanden hat eine andere Sache, aber sie haben es eben geschafft, es als ihre zu verkaufen. Noch ein Beispiel gefällig? H.P.Baxxter von "Scooter" hat lange in der Vertriebsabteilung bei "Edel" gearbeitet und Päckchen gepackt. Vorher hat er in Hannover mit Rick J. Jordan erfolglos Musik gemacht. Er hat jahrelang erfolglos Musik gemacht, nicht nur ein paar Monate. Baxxter hat mit seinem Tapes den damaligen A&R Jens Thele dann so lange genervt, bis sie eines Tages halt mal ne CD gemacht haben. Man kann von Scooter halten, was man will - sie sind auf ihre Weise unverkennbar und sich treu geblieben. Und haben 14 Millionen Alben weltweit verhauft. Was wollte ich eigentlich sagen? Achja, das war Zufall. Verlasst euch nicht auf den Zufall. Macht selber was und macht vor allem das, was ihr wollt. Nicht das, was vielleicht andere gut finden würden.

  7. Macht gute, orignäre Musik. Die US Band "Hayseed" hat kein Label, die machen alles selber. Und rufen ihre Fans auch noch dazu auf, dass sie auf Konzerten unbedingt Mitschnitte machen sollen, die sie dann bitteschön frei übers Netz verteilen sollen. Man kann darüber streiten, ob das, was die da machen, künstlerisch wertvoll ist, aber es ist a) orignell, b) handwerklich gut und c) interessiert es sie einen Scheiß, was andere machen. Sie machen halt ihr Ding. Feierabend.

  8. Es gibt seit Anbeginn des Radios grob geschätzt einen 10 Jahreszyklus, in dem sich Musik erneuert. Mitte der 40er Jahre war es der Swing, Mitte der 50 der Rock 'n Roll, Mitte der 60er der Beat/Rock, Mitte der 70er der Punk, Mitte der 80er Techno, Mitte der 90er HipHop. Es ist also mal wieder Zeit, dass was neues kommt. Bedeutet: seid kreativ. Und fangt wieder bei Punkt Eins an zu lesen.

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Sonntag Nachmittags Musik Video

Die Copyright- und Verwertungsgesetze sind eine Pest. Die Musikbranche, die sich im Hintergrund weiterhin darum bemüht, dass Musik zu einem Gut wird, das immer schwerer zu erreichen ist, hätte es am liebsten, wenn CD mit restriktiven DRMs belegt wären auf denen steht, dass die CD immer das Eigentum des Herstellers bleibt und jederzeit zurück gefordert werden kann. Und am besten wäre es doch noch, wenn das Format auf dem die Musik gespeichert ist, mit einem Verfallsdatum belegt wäre. Im Grunde haben sie das mit der Einführung der CD in den 80er Jahren gemacht, als Millionen Menschen nach und nach ihre Musiksammlung auf CDs umgestellt haben. Der nächste Schritt wären vielleicht nicht abwärtskompatible Blue-Ray Disks gewesen, oder eine andere Technologie. Denn die Industrie leidet, wie viele andere Sparten, darunter, dass man sich permanent neu erfinden muss. Und weil das nicht so leicht ist, und weil man nicht einsehen will, dass der eigene Niedergang aus einer Mischung aus Arroganz, Dummheit, Unverständnis und verstärkter Konkurrenz durch andere Medienanbieter enstanden ist, versucht man logischerweise die Vertriebskanäle zu verkleinern - also die Menge der Kopien einzuschränken.

Dabei war das Kopieren von Musik seit Erfindung der Kompakt-Cassette ein weit verbreitetes Ding. In den 80er Jahren schossen CD-Verleihgeschäfte wie Pilze aus dem Boden. Man ging rein, lieh sich für ein paar Stunden oder Tage eine CD aus und kopierte die auf eine Cassette. Das Prinzip funtionierte bestens und nicht wenige hatten ganze Wände von Cassetten zu Hause neben der Stereoanlage. Cassetten waren perfekt. Meist passten auf eine 90er knapp zwei Alben drauf und es gab die hübschen "Doppel Tapedacks" mit denen man die Cassette dann auch noch weiter kopieren konnte. Niemand (außer den Schwarzhändlern in Touristenstädten) kam auf die Idee, damit einen schwunghaften Handel zu betreiben. Es war ein gutes Tauschgeschäft. Du hast die neue "Bauhaus", ich die neue "Kraftwerk" - vielen Dank. Ohne die Tauschgeschäfte, ohne die netten "Kennst Du nicht? Nehm ich dir mal auf!" hätte ich meinen Musikgeschmack vielleicht nicht so entwickeln könne, wie ich es gemacht habe. Und ohne die kopierten Tipps von anderen Menschen, hätte ich viele CDs nicht gekauft. Denn Cassette hin, Cassette her, die CD zu Hause im Schrank zu haben, ist doch noch eine andere Sache. Vielleicht bin ich da konservativ, vielleicht höre ich auch komische Sachen, vielleicht höre ich aber auch einfach zu viel Musik und archivier eben manche Dinge erst einmal, die ich mir dann später anhören möchte. Vielleicht mag ich es auch einfach mit meiner Sammlung anzugeben. Jedenfalls habe ich immer gerne CDs gekauft und viele stehen deswegen in meinem Schrank, weil mir irgendjemand mal eine Mix-Cassette gemacht hat. Und ich würde gerne mal wissen, wie viele Künstler aus den 80er Jahren ihren Aufstieg den Menschen verdanken, die voller Enthusiasmus dem halben Schulhof das damals neue Album kopiert haben.

Ich bin nicht stehen geblieben. Ich habe meinen Musikgeschmack erweitert, ausgebaut und verändert. Gerade in den letzten Jahren, seit dem es im Internet Blogs von Menschen gibt, die die Musik, die sie mögen, vorstellen. Ich würde das auch gerne machen. Vor allem bei den Perlen aus den Easy Listening der 60er und 70er Jahre. Ich verlinke seit ein paar Wochen die You Tube Videos, die ich finden kann, aber es gibt aus dem Bereich eben wenig. Gern würde ich hier einzelne Stücke reinstellen. Um die Künstler und ihre Musik vorzustellen. Um zu sagen: "Das ist so toll, da musst Du mehr von hören." Allein es geht nicht. Während ich Ausschnitte von Texten von anderen Autoren hier vorstellen kann und dann sage: "Lies da oder dort mehr..." darf ich hier nicht mal den Auszug einer mp3 vorstellen. Nicht mal, wenn ich die Qualität runterdrücke. Ich müsste mir für jedes Stück, dass ich schön finde, und von dem ich denke, dass es auch andere Leute interessieren könnte, eine Genehmigung einholen. Was bei Sachen, die es teilweise nicht mehr auf CD gibt, aber deren Rechte von irgendwelchen Verlagen gehalten werden, gar nicht so leicht ist. Was ich machen könnte wäre bei einem anonymen Hoster ein anonymes Blog aufzumachen.

Mit anderen Worten: ich müsste in den Untergrund gehen. Ich müsste mich verstecken wie ein Krimineller, was ich den Augen der Musikindustrie ja auch wäre, nur weil ich einmal pro Woche ein Stück eines Künstlers vorstellen möchte, in der Hoffnung, ein paar Leser folgen meinem Geschmack und schauen sich diesen oder jenen Künstler mal genauer an. Ich hab schon ein paar Mal darüber nachgedacht, ob ich so etwas nicht machen soll, aber ich habe dazu keine Lust. Ich bin kein Dieb - man macht mich nur zu einem. Ich empfinde es als eines der menschlichen Grundrechte, dass man Kultur weitergeben kann. Warum also sollte ich mich ducken, nur weil mir jemand droht und weil dessen Geschäftsmodell darauf aufbaut, ein menschliches und jahrtausende altes Grundrecht der Zivilisation nur gegen Bezahlung zugänglich zu machen? Man hat eine wunderschöne Geste und für Entwicklung der Kultur ungemein wichtige Sache kriminalisiert und zerstört: die des Austauschs und des Weitergebens von Kultur.

Der massive Eingriff der immer weiter ausgebauten Copyright- und Vermarktungsgesetze in das kulturelle Leben zerstört aber nicht nur meinen kleinen privaten Spaß, sondern behindert auch das Entstehen neuer Zweige der Kunst. Mashups wie das brilliante "Revolved" Album des Künstlers "CCC", existieren nur noch im Untergrund, weil die Rechteinhaber gegen die Veröffentlichung vorgegangen sind. Auch Machinima Künstler wissen ein Lied (haha) davon zu singen.

Und deswegen gibt es heute ein Video, dass schon etwas länger in meinen Bookmarks rumlungert und das ich heute in einem anderen Zusammenhang mal wieder gesehen habe. Es ist ein Vortrag von Lawrence Lessig bei der letztjährigen TED Konferenz in Monterey über Copyright und alles, was dazu gehört. 20 Minuten, die sehr unterhaltsam klar machen, was wir dank der Musikindustrie gerade im Begriff sind zu verlieren, und was sehr wichtig für uns alle war und ist.

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Ich hatte ja noch überlegt: Fahr ich zu dieser Web 2.0 Expo, dieser Messe von Web 2.0 Guru Tim O' Reilly, der das Web 2.0 erfunden haben will, auch wenn Web 0.1 Alpha Erfinder Sir Timothy John Berners-Lee behauptet, das Web 2.0 Netz sei schon in seiner Version integriert gewesen? Man wollte etwas mehr als 1000 Euro Eintritt, allerdings gab es auch Akkredetierungen für Blogger und Journalisten für umsonst. Dennoch konnte ich mich nicht entschließen meinen Hintern in meinem Daihatsu nach Berlin-West zur Messe zu bewegen. Das hat was mit Faulheit zu tun, klar. Aber auch damit, dass ich in diesem Jahr schon auf so vielen Messen/Konferenzen gewesen bin, dass irgendwann auch mal reicht. Zudem sagten mir die meisten Namen auf den Panel-Listen auch kaum etwas. Warum also extra nach Berlin-West fahren, wo man sich immer ein wenig vorkommt, als hätte man einen schlechtsitzenden, dunkelgrünen Cord Anzug an, um Menschen zuzuhören, die man nicht kennt?

Wenn ich so die Berichterstattung in den Blogs, zum Beispiel bei Herrn Knüwer <a href=blog.handelsblatt.de">lese bin ich ja sehr beruhigt, dass ich nicht da war. Und das wird auch für die LeWeb 3 '07 gelten. Selbst wenn ich umsonst da reinkommen würde, wüsste ich absolut nicht, was ich da soll. Die Lister der Sprecher besteht zum einem nicht unerheblichen Teil aus Menschen, deren Namen ich noch nie gehört habe. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn diese Menschen arbeiten in Branchen mit denen ich auch noch nie was zu tun haben wollte. Die Konferenzen sind mehr oder weniger langweilig, bietet nur noch selten wirklich Neues und drehen sich darum, wie man aus Web 2.0 Geld machen kann. Ein schönes Beispiel dafür, wo der Begriff Web 2.0 gelandet ist folgendes Panel: 10h45 - 11h00. Evolving innovation. Dave Winer in conversation with Loic Le Meur. Ganze 15 Minuten auf einer zweitägigen Konferenz hat RSS Pionier Dave Winer um sich vom Le Meur ein paar Fragen stellen zu lassen. Jenem Le Meur, der letzes Jahr unter massiven Protesten der Webgemeinde die letzte Ausgabe der LeWeb 3 für einen unangekündigten Besuch des damaligen französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy genutzt hatte. Le Meur war/ist Berater im Team von Sarkozy für Internet PR. Seine Arbeit scheint gut angekommen zu sein, denn wie Le Meur (der mittlerweile in San Francisco lebt) in den letzten 24 Stunden per Twitter nicht müde wurde zu verlautbaren, war er zum Dinner beim ersten offiziellen Staatsbesuch des französichen Präsidenten in den USA im Weißen Haus eingeladen. Und erlebte ein paar Überraschungen (French minister of economy Christine Lagarde just kissed me oops [Twitter]).

Ich hab Loic vor ein paar Jahren mal in Berlin bei irgendeiner Präsentation gesehen und mich auch mit ihm unterhalten. Ein wirklich netter Mensch, der sich auf eine angenehme Art und Weise sehr begeistern kann und dem man die Begeisterung für neue Möglichkeiten und Technologien auch abnimmt. Aber sein Engagement für Sarkozy sagt eigentlich schon alles über das, was "Web 2.0" mittlerweile ist.

Ich glaube, dass der Begriff (nicht der Inhalt) Web 2.0 ebenso mausetot ist, wie es die Begriffe "New Media" und "dot com" ca. Ende 2001 waren. Web 2.0 war mal eine Idee, mittels Open Source und Schwarmintelligenz ein komplett neues Medium zu schaffen. Sehr viele "social" Applikationen machten das Internet zu dem, was die Medien gerne etwas linkisch mit "Mit-Mach-Web" umschreiben. Was so klingt, als würde man versuchen einen Seniorenabend im Pfarrhaus zu bewerben und zeigt, wieviel die Medien von der ganzen Sache verstehen.

Web 2.0 hat fast alle Firmen komplett überrascht. Die Musik- und die Verlagsbranche waren nur zwei Bereiche, die sich plötzlich massiv unter Druck sahen und immer noch sehen. Während die Musikbranche lieber ihre Kunden kriminalisierte und sich somit ihr eigenes Grab schaufelte, ist man in den Verlagen schlauer gewesen und hat sich die Geschichte erst einmal angeschaut. Es gab viele Versuche, die von vorn herein zum Scheitern verurteilt waren (Hallo, Holtzbrinck Verlag) und man hat sich lange gefragt, warum die Verlage eigentlich nicht jemanden für ihre Onlineaktivitäten holen, der sich damit auskennt. Die zwei besten Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man jemanden mit Online-Kompetenz holt, sind der Online Auftritt des "Tagesspiegels" durch Mercedes Bunz und die neue Plattform "DerWesten" der WAZ durch Katharina Borchert. Vor allem "DerWesten" hat eine unedliche Anzahl an Web 2.0 Applikationen auf der Seite, und soweit ich weiß, werden das nicht die letzten sein, die man einführen will.

Inhaltlich gesehen hat sich das Internet aber sowieso schon vom Web 2.0 hin zum "mobile web" entwickelt. Dienste wie "Twitter", "Jaiku" oder "Pownce" sind erst der Anfang einer ähnlichen Revolution, wie sie das Usenet in den 90ern und die Blogs seit 2000 losgelöst haben. Wenn das Google Handy kommt, wird der Dienst "Jaiku" vermutlich im Telefon integriert sein (Google hat den Laden noch in der Betaphase gekauft) und social networking nebst Microblogging werden es richtig los gehen. Und wenn denn in ein bis zwei Jahren die UMTS Verbindungen einigermaßen flächendeckend sind und mit der Internet/Telefonflat kostengünstig abgedeckt sind, wird das Netz sowieso seine dritte Revolution erleben. Dafür braucht man aber eine Expo und keine Le Web3 mehr, sondern kleine, dichte Konferenzen und Tagungen wie die von der ZKM in Karlsruhe organisierte "Ich, Wir & Die Anderen".* Wenn man sich zum Beispiel den Abschlussvortrag von Prof. Weibel (Bio) anhört(ganz unten), bekommt man eine Ahnung, welches Potential im Netz und dem social networking steckt.

*Ja, im mp3 hört man mich, denn ich hab die Konferenz im September moderiert.

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