Beim Aufräumen gefunden. Ein alter Text über eine Begegnung, die vielleicht schon sechs Jahre her ist. Ich hatte vor vielen Jahren mal eine Freundin in Rheinbach. Eine schöne Frau, lange schwarze Haare, ein wenig gruftig, so wie die meisten Ende der 80er. Sie hatte Humor, war schlagfertig und ungeduldig, weswegen sie die Sache mit uns auch beendete, weil sie keine Lust mehr darauf hatte, dass wir uns nur am Wochenende sehen. Ihr großer Wunsch war vor allem: Weg. Weit weg aus dem Dorf, vielleicht Kunst studieren, auf jeden Fall irgendwas studieren und sich bilden. Ein anderes Leben, als das ihrer Eltern, die im Dorf geboren waren. Jahre später traf ich in Hamburg (!) einen gemeinsamen Freund aus der Zeit, der mir wilde Sachen über sie berichtete und mir ihre Telefonnummer gab. Wir trafen uns dann an einem trüben Wintertag kurz vor Weihnachten in einem Café. Die Zitate von ihr stehen so in dem Heft, dass ich gerade fand, erinnern kann ich mich nur noch an wenige. Ich hab die Geschichte etwas überarbeitet.

Deutlich abgemagert wirkt sie, als ich sie nach langer Zeit das erste Mal wieder sehe. Ich weiß erst gar nicht, wo ich hin schauen solle, denn ein bisschen peinlich ist mir das Treffen auch. Während ich darüber rede, wie unverändert doch hier alles sei, suche ich Punkte in ihrem Gesicht, an denen sich meine Erinnerungen verankern können, die mir die gleichen Geschichten erzählen wie damals, als ihr Gesicht noch fülliger war. Vielleicht war das damals noch Babyspeck, denke ich leise und bestelle in dem muffigen Café dass sie ausgesucht hat eine Cola, da werden sie schon nichts bei falsch machen können. Ich bekomme eine winzige 0,2 l Cola-Flasche, ein 0,2l Colaglas mit grünen Rand oben in dem zwei Eiswürfel und eine dünne Scheibe Zitrone auf ihren Einsatz warteten, sie nimmt einen Cappuccino, den gibt’s hier mit Schlagsahne statt aufgeschäumter Milch, aber das scheint sie nicht zu stören. Ich fische die Zitrone aus dem Glas und sage "Hab doch gar keinen Salat bestellt" und sie lacht etwas nervös und packt die dünnen Zigaretten aus, die heute keiner mehr raucht. "Siehst gut aus," lüge ich, bemühe mich ihr dabei nicht in die Augen zu sehen und hasse mich schon selber für meine Idee, hier hin gefahren zu sein. Sie zupft sich unsicher an einem Ohrläppchen und fährt sich durch die dunkel gefärbten Haare. Abwechselnd zieht sie mit spitzen Lippen an ihrer Zigaretten, klopft sie nervös am "HB" Aschenbecher ab und trinkt ihren Cappuccino. Sie sagt kaum was, lässt mich erzählen, was ich so gemacht habe. Nach der gemeinsamen Zeit wieder nach Bonn, dann Köln, dann Hamburg. Von Hamburg will sie eine Menge wissen. Wie es da sei, der Hafen, die Geschäfte, die Kneipen, die Reeperbahn, ob ich auch mal mit einer Nutte geschlafen hätte, und sie glaubt mir das nicht, dass ich nie in einem Puff war und bläst mir den Rauch ins Gesicht. Für einen Moment taucht da das spöttische Lachen in ihren Augen auf, dieses Blitzen, das mich damals so fasziniert hat, das sie auch auflegte, wenn sie sich auf dem Bett über mich kniete, ihr T-Shirt auszog um dann ihre Haut auf meine zu legen. Aber das Blitzen verschwindet wieder hinter dieser Wolke aus Unsicherheit und ich meine Angst zu erkennen und frage sie, ob sie sich wohl fühlt. "Büschen nervös" flüstert sie. Ich glaube ihr das nicht, ich sehe da noch was anderes hinter der brüchigen Fassade, also frage ich nach ihrem Leben.

Zwei Kinder hat sie, ein Junge, eine Tochter vier und sechs Jahre alt, sie wohnt in einer Wohnung in Rheinbach, nicht weit weg von diesem Café, leider kein Balkon, aber ein Spielplatz um die Ecke, das ist ja wichtig. "Und dein Mann", frage ich. Sie drückt die Zigarette aus. Ja, doch. Mann hatte sie auch. Ob ich mich noch an G. erinnern könnte, ich schüttel den Kopf. "Doch, "beharrt sie, " den kennste, der war auch immer dabei, der war doch mit der Kleinen aus dem Schreibwarenladen zusammen." Ich schüttel den Kopf und krame in meinen Erinnerungen. "Ach komm, den musste noch kennen. Das war doch der mit dem Passat, der uns immer zum See raus gefahren hat und dann daneben gelegen hat, während wir, du weißt schon." Die Erinnerung kommt wieder und ich muss mich beherrschen nicht "Du hast diesen Deppen geheiratet?" zu sagen, also lüge ich weiter. Natürlich, G. . Ein traditioneller Idiot wie man ihn in jedem Dorf findet. Der Kerl, der ein bisschen zurückgeblieben scheint, nett zwar, aber irgendwie komisch, mit merkwürdigen Hobbys aber dem Auto von seinen Eltern, mit der einen quer durch die Gegend gefahren hat, nur um dabei sein zu können. Diese Sorte von nicht netten Deppen, die sich ein wenig ausnutzen lassen aber auch was dafür haben wollen, und in unserem Fall wollte er immer nur neben uns liegen und sich einen runterholen, während wir am See knutschten oder ich ihr mal zwischen die Beine fasste. So was vergisst man natürlich nicht. Ich gebe also auf "Den haste Du jetzt nicht ernsthaft geheiratet" sag ich, und sie sinkt ein wenig in sich zusammen und sagt "Doch". Wolltest Du nicht mal Kunst studieren und aus diesem Kaff hier weg?" frage ich und sie dreht die Asche ihrer Zigarette an der Glaswand des Aschenbechers ab. "Ja, Kunst, da ist lang her." Pause. "Klingt blöd, wenn man das sagt, oder?" Warum sie hier geblieben ist, frage ich und sie beginnt zu erzählen, während ich zuschaue, wie sie dabei die kleinen, alten Hautstückchen von ihren Fingern entfernt.

Erstmal sei gar nicht passiert. Nachdem ich weg war, habe sie ganz normal Abi gemacht, dann zu Hause ausgezogen, dann nach Bonn zum Studium, aber nur ein Semester, dann sei ihr Vater gestorben. Einfach umgefallen. Ihr Vater war so ein kleiner, kugeliger Mann. Typ ehrlicher Arbeiter, in der Woche meist im Blaumann, am Wochenende eher in den "guten Sachen", mit einem Hobbykeller in dem er alte Gartenmöbel aufpolierte und nebenbei verkaufte. Ein Mann mit dem typischen Dorf-Humor, einer, den man in der Kneipe treffen konnte, der mal Kassenwart im Skatverein war, der zum Schützenfest ging und dann eines morgens von seiner Frau tot im Hobbykeller gefunden wurde. Das sei ja schon schlimm gewesen, aber ihre Mutter habe das nicht verkraftet und kaum ein halbes Jahr später habe sie einen schweren Schlaganfall bekommen. Der Arzt habe gemeint, da sei nichts mehr zu machen, dass sei ein Pflegefall, da lohne sich kaum eine Reha, und sie, sie hatte ja keine Ahnung, war ja gerade 20 oder so, und aus der Familie kam auch keine Hilfe, also sei sie wieder zu Hause eingezogen und habe die Mutter gepflegt. Erst so, dann habe sie eine Pflegeausbildung gemacht, damit sie die Mutter wenigstens vernünftig versorgen können und einen Job habe. Also tagsüber Ausbildung, den Rest des Tages die Mutter, die kaum noch sprechen und sich nicht mehr bewegen konnte. Nicht mal zur Toilette. "Es ist eine Sache," berichtet sie leise, "wenn man seine Mutter ausziehen und waschen muss. Eine andere ist Sache mit der Toilette." und ich kann mir vorstellen, was sie meint. Da sei kein Platz gewesen. Für nichts. Sie habe keine Zeit mehr gehabt, vielleicht Abends mal eine Stunde vor dem Fernseher, aber das war es. Manchmal steckte ihr ein Onkel einen Hunderter zu, dann fuhr sie mit der Bahn nach Bonn und plötzlich blitzen die Augen, als sie mir ohne Scham, so als ob wir uns seit Jahren gut kennen würden, erzählt "Ich hab mich von jedem ficken lassen, der es wollte. Es war so leicht. Ich musste nur an der Tanzfläche stehen und mir einen aussuchen, dann sind wir in sein Auto oder manchmal auch nur aufs Klo. Ich hab mir meinen Spaß geklaut. Es war wie ein Diebstahl, denn ich konnte ja nie eine Nacht bei einem bleiben, weil ich am nächsten Morgen wieder bei meiner Mutter sein musste. Und mitnehmen wollte ich auch keinen, denn ich wollte nicht mit dem zu mir fahren, um da erst mal meine Mutter von ihrem Kot zu befreien. Also hab ich sie gleich da genommen. Alle hatten Spaß, ich wollte auch." Dabei lacht sie laut, vor allem in dem Moment, als von den Erlebnissen im Auto berichtet. Ich merke, dass sie mit was spielt und fühle mich in meiner Ecke unwohl.

Manchmal dachte sie darüber nach, die Mutter einfach umzubringen. Aber sie hatte nicht den Mut, die Kraft und sie habe sich schuldig gefühlt, allein bei dem Gedanken. Also machte sie weiter. Und sie musste lange weiter machen. "Normalerweise," sagte sie ohne die Stimme zu verändern, "normalerweise bekommen so Patienten irgendwann eine Lungenentzündung oder eine Embolie. Das geht dann meist schnell, weil der schwache Körper sich nicht mehr wehren kann. Aber nicht bei meiner Mutter. Die war stark."
Also machte sie weiter. Zehn Jahre. In der Zwischenzeit versuchte sie immer wieder ihre Mutter in einem Pflegeheim unterzubringen, aber das war zu teuer, selbst dann, als der Onkel starb und ihr eine kleine Summe vererbte. "Weißte, ich hätt davon auch meine Mutter im Heim unterbringen können, wenigstens ein oder zwei Jahre. Aber ich dachte mir immer, dass ich das Geld lieber behalten will für die Zeit danach. Ich wollte wegfahren. Indien. Oder mal nach Kuba." Ihre Blicke haben sich mittlerweile auf mich konzentriert, sie flackern nicht mehr, sind ganz still und voller Ruhe. Eine ältliche Kellnerin hat den Dienst übernommen, begrüßt sie als sie und eine neue Runde auf den Tisch stellt mit dem Vornamen und mich mit einem stummen Blick.

Die Mutter wollte nicht sterben und sie verlor immer mehr den Spaß am Leben. Sie saß zu Hause rum, kiffte, soff, blätterte in Reiseprospekten und malte sich das aus, wie das ist, am Strand von Kuba, alleine, ohne Mutter, ohne Verpflichtung. Sie stellte sich vor, dass sie dort einen Engländer kennen lernen würde, einer der so aussah wie Simon LeBon, mit dem sie immer auf Englisch diskutierte und der sie zum Essen einlud. "Ich hab mir das in allen Farben ausgemalt, dass kann man sich gar nicht vorstellen. Jeden Abend immer die gleiche Phantasie, die immer detaillierter wurde, ich hab sogar auf Englisch mit mir selber gesprochen." Aber statt englischen Edelmann kam eben G. . Sie seufzte tief. "So'n Abend inner Kneipe halt. Hab mir mal ne Auszeit genommen und dann war da eben plötzlich auch G." Mittlerweile mit Bauch und eigenem Passat ausgestattet. Die Mutter machte G. nichts aus, er half sogar ein wenig bei der Pflege. "Weisste, er machte mir echt Sonne ins Leben. Jahrelang hab ich nur rum gesessen, und plötzlich war da einer, der sogar morgens neben einem aufwachte." G. war zwar arbeitslos, arbeitete aber nebenbei schwarz als Dachdecker und brachte so eine gute Menge Geld ins Haus. Es entwickelte sich eine Romanze und eines Tages fuhr er mit ihr übers Wochenende nach Bad Kreuznach. "Er hatte alles organisiert. Eine Pflegehilfe für meine Mutter, das Hotel. Ich wusste genau was kommen würde."
Die Hochzeit war bescheiden, G. zog ein und sie wurde schwanger.

"Natürlich war das alles scheiße." Sie zieht wie zur Entschuldigung die Schultern nach oben und lässt sie wieder weit nach unten sinken. "Da warte ich jahrelang drauf, dass meine Mutter stirbt und dann das." Und kaum war sie schwanger, starb die Mutter. Sie lebte weiter mit G. der mit der Zeit eine unfassbare Eifersucht entwickelte und sie regelrecht in der Wohnung einsperrte. Er verbot ihr wegzugehen, er ging für sie einkaufen. Er ließ sie keine Sekunde aus den Augen und ihre Wünsche ignorierte er völlig. Mittlerweile hatte sie ihren Job aufgegeben und wieder saß sie nur zu Hause. "Ich wusste genau, was los war, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren. Er war einfach zu stark." Bei den Worten schaue ich sie erstaunt an und frage, ob er sie auch noch geschlagen habe. "Aber hallo," und sie sagt das so, als wenn es etwas völlig natürliches sei "der hat mich quer durch die Wohnung geprügelt. Einmal hatter mir sogar eine Rippe gebrochen. Der hat sich genommen, was er wollte. Aber ich war ihm nicht scheißegal, das echt nicht. Der war einfach nur krankhaft eifersüchtig, der hatte immer Angst, ich würde ihm weglaufen, der hatte doch nie eine Frau und weil der sich nicht wehren konnte, hatter mich geschlagen." Ich kann es kaum fassen, was sie mir da mit ruhiger Stimme erzählt und sie ruft schnell bevor ich was sagen kann. "Jajaja ich weiß. Hätt ihn rauswerfen sollen, aber bis ich das bemerkt habe, war sich schon wieder schwanger. Mit dem Kleinen. Nicht unbedingt ein Kind der Liebe, wenn du weißt, was ich meine. Deswegen versuch ich den Kleinen um so mehr zu lieben."

Irgendwann wurde es ihr dann doch zuviel. Nach einer Prügelorgie holte sie die Polizei, die G. erstmal mitnahm, nachdem die Polizisten die blutenden Wunden in ihrem Gesicht gesehen hatten. "Die waren total nett, der eine hat mir direkt ein neues Schloss eingebaut, damit der nicht mehr rein kommt und mir seine Privatnummer gegeben, falls mal was sein würde, is ja Dorf hier." Ihr Glück war, dass sie noch das Geld des Onkels hatte. Das nahm sie dann vom Sparbuch um die Miete und ihr Leben zu finanzieren. Wegziehen wollte sie aber trotzdem nicht. "Ich hab echt geheult, als ich das Geld vom Sparbuch genommen habe und gesehen habe, wie es immer weniger wird. Das war doch mein Traumgeld, und jetzt ging es für so einen Scheiß wie Brot und Kinderschuhe drauf." Ich kann nicht verstehen, warum sie nicht aus dem Dorf weggezogen ist, wenigstens nach Bonn. Sie zuckt abermals mit den Schultern. "Ach Bonn. Ne. Weißte, ich wollte immer weit weg. Ganz weit weg von hier. Bonn ist doch um die Ecke, da kann ich gleich hier bleiben. Außerdem hat sich G. mittlerweile gefangen, der hat ne Neue und kümmert sich lieb um die Kinder. Und gibt mir ein bisschen Geld, so kann ich mein Geld sparen. Ich will ja immer noch weg, irgendwann. Wenn die Kinder groß sind, dann bin ich 50. Das ist doch kein Alter, da kann man doch noch mal neu anfangen."

Als ich später im Auto sitze, bin ich angewidert. Angewidert von ihr, dass sich so hängen lässt, angewidert vom Leben, dass es so was zulässt und angewidert von mir, dass ich auf ihr Angebot, noch zu ihr zu gehen erst eingegangen bin, um dann die Wohnung nach einer halben Stunde fluchtartig zu verlassen. Ich glaube, ich war neugierig darauf, wie sie sich wohl eingerichtet hatte, aber das war alles schlimm und dunkel und voller Bratkartoffelgeruch. An den Wände waren Bilder in Neonfarben, die schon in den 80ern aus der Mode waren, daneben ein Harlekin, drei Packungen dünne Zigaretten neben den Fernbedienungen auf dem Tisch und als sie ihre Hand mit den abgenagten Fingernägeln auf mein Bein legte, da stand ich auf und ging ohne sie noch einmal zu umarmen. Ein paar Jahre später hab ich dann noch mal angerufen, aber da ging die Telefonnummer schon nicht mehr und das machte mich sehr froh.

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wortschnittchen, So, 13.03.2005, 19:03
Gruselig. Den faden Bratkartoffelgeruch (wahlweise: Blumenkohl oder auch einfach nur den Dunst von gestorbenen Träumen) bekommt man am schlechtesten aus dem Gedächtnis.

arboretum, 15. März 2005, 11:08
put me down gently
Nach all dem, was sie zuvor im Café erzählt hatte, können Sie gewiss sein, Don, dass auch sie den Geruch wahrgenommen, die schäbigen Bilder wieder gesehen hat. Denn was glauben Sie denn, warum ihre Hand mit den abgenagten Fingernägeln den Weg auf Ihr Bein fand?

da stand ich auf und ging ohne sie noch einmal zu umarmen.

Obschon der Trost, den sie suchte, der falsche war: Auch RTL2-Gucker und Eve-Raucherinnen haben Erbarmen verdient, und sei es das einer sanften Lüge.

Denn schließlich sind auch wir darauf angewiesen - öfter als uns lieb ist.

[Edit: Da gab es wohl Missverständnisse - nein, genau das war eben nicht gemeint. Es ging um Erbarmen, nicht um Erbärmliches].

miriam.von.k, So, 13.03.2005, 19:29
o je.
'93 oder so bin ich mal zufällig am fernseher hängengeblieben bei einem duranduran konzert.simon le bon wirkte unglaublich sexy-ich setz' ihn mit auf die liste-ansonsten:bonjour tristesse.
(ganz schlimm ist auch:eine alte liebe wiedertreffen und die erzählt einem dann,dass sie bzw er jetzt in einer einrichtung für psychisch kranke wohnt)

francis, So, 13.03.2005, 21:09
frustrierend.

gentlemen, 14. März 2005, 00:31
Zitat:"Gruselig. Den faden Bratkartoffelgeruch (wahlweise: Blumenkohl oder auch einfach nur den Dunst von gestorbenen Träumen)"

genau dass dachte ich auch, als ich am lesen war, darüber nachgedacht habe, wann ich in meinem leben den dunst verstorbener träume riechen konnte und warum es so armselig sein kann, das leben.

kid37, Mo, 14.03.2005, 00:43
"Dünne Zigaretten". Yep. Mit denen fing der Verfall an. Damals, Ende der 80er, hatte ich eine Freundin, deren Werdegang stellte ich mir genauso vor. Keine Ahnung, ob das stimmt. Ihre Geschichte aber bestätigt mein dumpfes Gefühl.

Andererseits: Dort hausen also die gestorbenen Träume. Und wir? Wir wollen einfach nicht aufwachen.

stattkatze, 14. März 2005, 08:02
merkwürdig, nicht?
dass man von den menschen, die einem mal was bedeutet haben, erwartet, dass wenigstens sie was aus ihrem leben machen. als ob sie einem das schuldig wären. als ob der schale dunst im eigenen leben hängenbleibt, sonst.

y.s., 14. März 2005, 08:23
wer keine träume hat kann nichts erreichen. und egal wie oft ich auch erwache, irgendwann schliesse ich immer auf ein neues meine augen.

kid37, 14. März 2005, 17:32
Es ist wohl wie imemr ein Wechselspiel. Träume sind wichtig. Wach sein aber auch.

Vielleicht flüchtet man, weil man sich durch das Betrachten des (gescheiterten) Lebens anderer selbst unangenehm wachgerüttelt fühlt. Ich meine, was haben wir (ich sage jetzt mal "wir") denn erreicht?

Viele träumen doch auch nur ihre Lebensillusion - und bemerken den Geruch, der sich in der eigenen Wohnung breitmacht nicht.

(Muß jetzt mal lüften gehen.)

dampfbadbiber, Mo, 14.03.2005, 08:02
Jeder kennt wohl Situationen, wo er nur knapp an einem solchen Leben vorbei geschrammt ist. Die Weggabelungen, bei denen man sich entscheiden muss, mit aller Kraft gegenlenken oder auf eine trockene Piste hoffen muss.

Überheblichkeit ist hier daher nicht angesagt, besser stille Einkehr.

celise, 14. März 2005, 09:04
Hatte nicht jeder schon mal irgendwann, irgendwie das Gefühl im Leben etwas verpaßt zu haben oder nicht "richtig" gelebt zu haben?! ... und "solchen" Menschen führen einem das dann sehr extrem vor Augen.

meinlieberschwan, Mo, 14.03.2005, 11:15
normales leben
nun den meisten menschen ist wenig vergönnt, manche trifft es besonders hart.

aber ich kenne das gefühl von angewidert sein..

nur .. das gefühl ist ungerecht.. zu oft vergessen wir (denen es gut geht) das wir glück hatten.

es hat nicht nur was mit tatkraft zu tun.

DonDahlmann, 14. März 2005, 11:41
Das Leben hat auch was mit Hoffnungen zu tun und wie man damit umgeht, wenn sie vor einem zerbröseln. Wenn jeder Strohhalm nacheinander abbricht und man trotzdem seinem Leben das Glück abverlangt, dass man verdient hat.

meinlieberschwan, 14. März 2005, 12:22
wenn aber nun aber irgendwann die kraft fehlt weil es zu früh anfing mit dem abbrechen.

dann braucht man hilfe
manchmal bekommt man sie
geduldige ausdauernde hilfe
manchmal eben nicht
ich finde nicht richtig zu sagen, dass jeder für sein leben in jedem fall verantwortlich ist.

daher finde ich angewidert sein und werturteile fehl am platz..

(schon mal nach einem schock verantwortlich gewesen für ein anderes leben, ohne eine große wahl zu haben?)

daskleinehormon, 14. März 2005, 13:26
@ don: naja
falls die dame dies hier zufällig liest, wird sie sich auf jeden fall nicht für ihre hilfe bedanken müssen.

aber sie haben ja zumindest eine gruselige geschichte

DonDahlmann, 14. März 2005, 13:36
Was denn? Ihr 50 Mark in die Hand drücken und sagen "Wird schon"? Ihr Freundschaft anbieten, wo keine mehr war? Selbstgerechtigkeit kommt mir heute gerade recht.

daskleinehormon, 14. März 2005, 13:44
ihr abschied aus dieser geschichte scheint mir selbstgerechter zu sein als mein posting.

50 euro nicht, doch anteilnahme und aufmunterung wären eine möglichkeit gewesen

saoirse, Mo, 14.03.2005, 13:59
jetzt aber wirklich: na ja
liegt es am nimmerendenwollenden winter, oder trügt mich mein eindruck, dass die texte auf dieser seite zunehmend düsterer werden?! dieser hier ist meiner meinung (die ich keineswegs jemandem aufdrängen will) nach eher aus der untersten schublade desjenigen, was man eventuell lieber für sich behält oder bestenfalls mit völlig verfälschten personen- und ortsnamen (! ich gehöre nämlich zu den wenigen mitlesern, die wissen, wo rheinbach ist und wie klein es ist) während einer schreibblockade in einen ansonsten spannenden roman als lückenbüßer einbaut...

@all die leute, denen der fade bratkartoffeldunst als metapher für längst verblasste gefühle ausreicht, um sich zu gruseln:
ich glaube, über jeden von uns könnte irgendjemand, der sein eigenes leben für spannender hält, eine ähnliche geschichte schreiben.

@ don
schreimsedochmawiedawatlustiget

SAUNABIBERIN, 14. März 2005, 14:26
aber soairse, dem don dahlmann seine liebesgeschichten sind doch immer unglücklich.

doesntmatter, 14. März 2005, 14:33
Das stimmt allerdings. Man fragt sich ja, wie weibliche Version ausfällt. Zum Beispiel so? Ich kannte da mal einen, der wollte was machen aus seinem Leben und Schriftsteller werden, der war gut im Bett, schlank und sah gut aus. Heute hat er einen Bauch und graue Haare, lebt einsam in Berlin, qualmt wie ein Schlot, hat niemanden den er liebt, ausser seine Eltern, aber dafür hundert gescheiterte Beziehungen hinter und vor sich und schreibt irgendwelche Artikelchen, die kaum jemand liest.'

DonDahlmann, 14. März 2005, 14:38
Das soll jetzt kein Vergleich sein, aber ich frug mich gerade, ob Beckett Briefe von seinen Lesern bekommen hat, in denen "Nun lassen Sie die beiden doch nicht so lange warten, dass ich ja unerträglich. Schreiben sie doch mal was über hübsche Farben" stand. Und die Geschichte ist schon, wie in der Einführung erwähnt überarbeitet, und zwar so, dass jetzt niemand durch Rheinbach laufen muss, um die betreffende Dame zu suchen.

@Hormon: Ich bin dummerweise kein Gutmensch. Ich bin manchmal einer, der panikartig zurückschreckt vor manchen Dingen die er sieht, weil er sie nicht zu nah an sich heran lassen will, da er Angst hat, sie könnten auf sein Leben abfärben.

daskleinehormon, 14. März 2005, 14:45
@don: habe mich am schluss bei der - doch nicht gefickt, rausgelaufen und hände gewaschen - sache ein wenig geärgert.

hätte aber kein so direkter angriff sein sollen. jeder wie er kann und will.

saoirse, 14. März 2005, 14:46
schön!
für so naiv, dass ich beckett leserbriefe mit oben zitiertem inhalt geschrieben hätte, halte ich mich nicht. aber eins ist gut: jetzt wird hier wenigstens mal wieder in die richtige richtung diskutiert! es wird ja auch wärmer draußen...
ich habe übrigens überhaupt nichts gegen unglückliche liebesgeschichten, gegen grauhaarige bierwänstige kettenraucher oder - gott bewahre - gegen menschen, die keine gutmenschen sind. ich bin bekennende konsumentin der hier fabrizierten ergüsse und werde das auch bleiben.
amen.

y.s., 14. März 2005, 14:51
ganz egozentrisch gehe ich von mir aus und wünsche der frau sogar irgendwie daß sie diese zeilen liest. der tritt in den arsc* würde ihrem leben vielleicht wieder eine andere richtung geben. hätte mir nicht ein bekannter gesagt, daß er gewettet hätte ich würde mich als erste ausm dorf umbringen, wer weiß wie lange ich noch gesessen und gewartet hätte bis sich von alleine was ändert.

DonDahlmann, 14. März 2005, 15:07
@doesntmatter: Stimmt fast alles, nur der Punkt mit der Liebe stimmt nicht, denn da gibt es sehr viele Menschen, ich mach da halt nicht so ein Aufsehen drum und die, die ich liebe, die wissen das auch. Und wichtig ist auch nicht wieviele etwas lesen, sondern das man schreibt und zwar so, dass man selber damit zufrieden ist. Das Schreiben ist ein elend schlimmer egozentrischer Prozess, wie das Fotografieren. Das dachte ich die Tage, als ich bei Kid37 die Bilder der Frau an seiner Badezimmerwand sah, weil man als Fotograf auch immer nur gefiltert wahrnimmt und den Augenschein weitergeben will, der einem selber gefällt, wo man selber etwas sieht.

kid37, 14. März 2005, 17:35
Ein Foto ist aber auch nur eine Konstruktion. Und meine Fotos von den toten Tieren kommen nicht bei allen gut an ;-)

DonDahlmann, 14. März 2005, 17:47
Das Schreiben ja auch. Immer die Balance zwischen dem wahrhaft erfühlten, und dem, was man gerne sehen würde, oder sein möchte. Immer eine Verquickung zwischen Wahrheit und Vergessen, zwischen dem was man hat, und dem was man so rumträumt. Und dann wird es doppelt kompliziert, wenn man auch noch Personen erfindet, meinetwegen ein alter ego. Es gibt da so ein Buch von Flann O Brain, ich glaube es ist "At Two Swimbirds" wo sich die Figuren eines Romans gegen den Autoren auflehnen, weil es ihnen nicht mehr paßt, was der Herr da so schreibt. Jetzt schwadronier ich gerade fürchterlich rum, da kann ich dann auch noch die Frage in den hirnluftleeren Raum werfen, ob das fotografieren von toten Tieren denn soviel anders ist, als das beschreiben von Menschen, denen man mal begegenet ist und die man fast wieder vergessen hat. Jung hätte da bestimmt was zu sagen ; )

mutant, 14. März 2005, 18:38
sie haben
da ein dreher, at swim two birds heisst das.
sehen wir sie uebermorgen btw?

sauhirse, 14. März 2005, 19:00
zwei schwimmer beim vögeln
ich konnte gerade nicht umhin, an harry rowohlt zu denken bei dem dreher. seine von ralf sotscheck veröffentlichte biographie heißt ja "auf schlucken-zwei-spechte". neulich bei 'ner lesung in berlin meinte er, die fortsetzung würde dann "auf spucken zwei schlechte" heißen. einer der besseren schüttelreime. stellt sogar noch die ursprüngliche übersetzung "zwei vögel beim schwimmen" (siehe verballhornung im title, anm.d.s-in) in den schatten.
at swim two birds ist übrigens eins meiner lieblingsbücher.

DonDahlmann, 14. März 2005, 19:23
@Frau Mutant: Übermorgen? Wo denn?

humptydumpty, 15. März 2005, 00:24
At swim-two-birds ist großartig! Das gesamte, von Harry Rowohlt übersetzte Flann O'Brian-Buch ist famos! Wie ich aber bisher alle irischen Autoren mochte, die ich gelesen habe (O'Brian, Joyce, Beckett, Wilde)... vielleichts macht's der Extra-Schluck Stout in der Blutbahn? :)

supatyp, 15. März 2005, 11:11
@don
frau mutant meint die party da in hh

pascalo, 15. März 2005, 12:14
Angewidert vom leben ...
... bin ich meistens dann wenn ich nach Hause komme, aufs Kaff, und dort die ganzen gescheiterten Existenzen sehe die sich immer noch jedes Wochenende 3 Pappen reinknallen, oder mittlerweile Pulver in die Venen und nicht mehr in die Nase, am besten noch 2 Kinder haben aber keine Zukunft.

"Hey", denke ich dann immer, "das waren mal deine Freunde, Menschen mit potenzial und Traeumen".
Klar, ich fuehle mich schuldig, stelle ich dann fest.
Und muss mich immer wieder fragen ob das Leben an sich alleine oder meine Flucht vor den Umstaenden mit schuld daran ist das alle zugeschaut haben wie junge Menschen zu kaputten Menschen werden.

Und dann schaut man zurueck und sieht wie man selber dazu beigetragen hat auch. Wie man das Maedel gefi*** hat und am naechsten morgen weg is, weil sie ja eh ne Schlampe war, wie man bei seinem Kumpel immer wieder vorbei iss um sich Gras zu kaufen, obwohl man wusste das er mittlerweile auch Koks verkauft. Und nie hat man geholfen, hoechstens mal ein halbherizger Nebensatz.

Aber die Frage die bleibt: Was haette es denn geaendert? Eine Antwort darauf weiss ich nicht. Was bleibt ist ein mulmiges Gefuehl wann immer ich "nach Hause" komme, der nach 2 Tagen in einen FLuchtreflex umschlaegt. Und der Ekel vor den haesslichen Gesichtern des Lebens.

blake falls, 16. März 2005, 09:00
Disco 2000
Well we were born within one hour of each other.
Our mothers said we could be sister and brother.
Your name is Deborah.
Deborah.
It never suited you

Oh they thought that when we grew up,
and they said that when we grew up
we'd get married and never split up.
We never did it, although often I thought of it.

Oh Deborah, do you recall?
Your house was very small
with wood-chip on the wall.
When I came around to call
you didn't notice me at all
and I said

"Let's all meet up in the year 2000.
Won't it be strange when we're all fully grown?
Be there at 2 o'clock by the fountain down the road"

I never knew that you'd get married.
I would be living down here on my own,
on that damp and lonely Thursday years ago.

You were the first girl at school to get breasts.
Martyn said that you were the best.
The boys all loved you but I was a mess.
I had to watch them try and get you undressed.
We were friends that was as far as it went.
I used to walk you home sometimes but it meant
nothing to you 'cos you were so popular.

Ah Deborah do you recall?
Your house was very small
with wood-chip on the wall.
When I came around to call
you didn't notice me at all.

I said "Let's all meet up in the year 2000.
Won't it be strange when we're all fully grown?
Be there at 2 o'clock by the fountain down the road".

I never knew that you'd get married.
I would be living down here on my own
on that damp and lonely Thursday years ago.

Oh yeah.
Ah do you recall.
Your house was very small
with wood-chip on the wall.
When I came around to call
you didn't notice me at all.

I said "Let's all meet up in the year 2000.
Won't it be strange when we're all fully grown.
Be there at 2 o'clock by the fountain down the road".
I never knew that you'd get married.
I would be living down here on my own
on that damp and lonely Thursday years ago.

Oh what are you doing Sunday baby?
Would you like to come and meet me maybe?
You can even bring your baby. Oh.Oh.Oh.Oh.Oh Oh.Oh.Oh...

itha, 17. März 2005, 14:50
fieser verriss
ach, herr dahlmann, herr dahlmann... schon wieder so eine geschichte, die einen hilflos lässt. einen spannenden anfang hat sie ja, aber in der mitte wird sie zu lang und dann fehlt ihr auch, was man im englischen sprachgebrauch eine moral und im deutschen eine "pointe" nennen würde. (moral passt besser, aber darauf komme ich noch.)

sie führen uns hier also eine so genannte "gescheiterte existenz" vor augen, und in der schilderung der einzelheiten sind sie wie immer nicht gerade zimperlich. die details sind aber zum teil sehr schön gesehen, eine gute beobachtungsgabe kann man ihnen also durchaus nicht absprechen. und so macht die frau lehrerin hier ein kleines pluszeichen ins notenbuch. das haben sie also fein gemacht, wenn auch sprachlich das eine oder andere noch eleganter hätte ausgestaltet werden können. (merken wir uns letzteres mal als tatbestand A.)

was ich mich nur wieder frage ist: wozu, zu welchem zweck, mit welcher absicht oder aus welchem grund erzählen sie uns dies?

interpretationsvorschläge wurden oben ja schon reichlich genannt, ich erspare ihnen daher wiederholungen. nur: ist irgendetwas darunter, das sie tatsächlich sagen wollten? oder ist es nicht vielmehr so (ich empfinde das jedenfalls in dieser weise), dass sie selber gar nicht so genau wussten, was sie sagen wollten (es wäre nicht das erste mal, dass mich nach der lektüre einer erzählung von ihnen dieses gefühl beschleicht).

die antwort darauf haben sie sich und uns oben schon selber gegeben! "Ich bin manchmal einer, der panikartig zurückschreckt vor manchen Dingen, die er sieht, weil er sie nicht zu nah an sich heran lassen will, da er Angst hat, sie könnten auf sein Leben abfärben." ja, ACHSO! da haben sie’s: den grund, die bedeutung, die motivation und die pointe der geschichte, die sie erzählen. was für ein großartiger stoff, da hätten sie doch was draus machen können!

nun sagen sie bestimmt: "ja, aber das habe ich doch!" und meinen damit, was sie im letzen satz nur en passant erwähnen, nämlich dass es den protagonisten ihrer geschichte "sehr froh" stimmte, dass die telefonnummer der freundin "schon nicht mehr ging", als er jahre später noch einmal anrief. tatsächlich ist es durchaus möglich, das in eine hoffnungsvolle richtung zu interpretieren. denn immerhin gab es im leben der dame offenbar eine veränderung, weshalb ja nun gerade die alte telefonnummer nicht mehr geht. wie gesagt, eine solche interpretation ist möglich. nur eines ist sie nicht: zwingend. und das ist bei einer kurzgeschichte tödlich! (tatbestand B)

ich sage ihnen auch, warum das alles so ist. es ist nämlich ebenfalls nicht klar, warum der erzähler bei der dame überhaupt noch einmal anruft, und dann auch erst "nach jahren". genau das wäre aber wichtig gewesen! sie erwähnen die abscheu, den ekel, die flucht, das sich-abwenden dieses mannes – aber sie erzählen die kehrseite nicht ordentlich mit, nämlich die persönliche faszination, die auch immer gleichzeitig vom widerwärtigen ausgeht, und dass man sich stets selbst dazu in beziehung setzt. alles das verschweigen sie, und deshalb bleibt die geschichte nicht nur deprimierend (das an sich wäre noch kein fehler) sondern auch statisch. dies auch moralisch gesehen (siehe dazu all die oben vorgeschlagenen interpretationen).

selbstverständlich kann man alles das auch erzählen, ohne es explizit zu sagen. dann muss man es aber eben zwischen den zeilen andeuten, dann müssen sich bestimmte elemente wiederholen und damit eine symbolische lesart möglich machen, dann muss man der geschichte eine quintzessenz mit beigeben. lediglich weglassen, das funktioniert nicht. dann läuft die erzählung aus dem ruder, so wie sie es nach meinem empfinden bei ihnen zur mitte hin tut. öffnen sie die geschichte mal für die empfindungen, beweggründe, reflexionen des erzählers! das ist eine gute übung, auch im hinblick auf die plausibilität. man merkt dann meist recht schnell, was an der schilderung treffend oder überzogen, was psychologisch glaubwürdig ist und was nicht. und sie werden noch etwas merken: indem sie eine persönliche perspektive (des erzählers, nicht die ihrige) einbringen, bekommt die geschichte plötzlich so etwas wie eine pointe, nämlich einen sinn oder eine moral (und damit meine ich natürlich nicht eine einfache aufteilung in "gut" und "böse" – tatbestand C).

ich bewundere ihren mut, die geschichte so zu veröffentlichen. es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass man sich mit derartig deprimierenden (autobiografischen?) geschichten nackt hinstellt und kauz und kunz einlädt, darüber mehr oder weniger berechtigte urteile zu fällen. ich schreibe ihnen das alles auch nicht ohne einen bestimmten grund. es ist nämlich so, dass ich die oben erwähnten "schwächen" in ganz vielen ihrer texte wieder finde. sie haben es jedoch selbst in der hand, inwieweit sie sich angreifbar machen. denn die tatbestände A, B, und C sind mit handwerklichen fähigkeiten in den griff zu kriegen, die sich einfach erlernen lassen. beckett hin oder her – setzen sie sich mal auf ihren hosenboden und lernen sie die doofe handwerkliche praxis des kurzgeschichtenschreibens. sie können sie ja nachher, wenn sie meinen, sie nütze ihnen nichts, wieder verwerfen. nur möchte ich sie nach etlichen jahren nochmal anrufen und feststellen, dass auch ihre nummer sich geändert hat – dann aber aus dem sicheren grund, dass sie sich verbessert haben, persönlich und auch finanziell.

ganz ehrlich, herr dahlmann. so ein guter stoff, so eine schöne beobachtungsgabe -- und dann machen sie da so etwas unpersönliches draus. mensch!

DonDahlmann, 17. März 2005, 14:53
Kann mir das einer mal so zusammenfassen, dass ich das verstehe?

Was ist das hier? "Literarische Tiefenanalyse Seminarblock IV"?

itha, 17. März 2005, 15:00
hahahaha : )

päckchen kam übrigens soeben. danke!

wortschnittchen, 17. März 2005, 15:23
Wenn ich (unbeteiligte Dritte, aber Gernleserin) Tatbestand A, B, C der Literaturkritik zusammenfasse, kommt bei mir nur eines raus: Langeweile und Unverständnis. Wo bleiben Ihre Kurzgeschichten, Frau Itha?

saoirse, 17. März 2005, 16:39
zusammenfassung
einen spannenden anfang hat die kritik ja, aber in der mitte wird sie zu lang und dann fehlt ihr auch, was man im englischen sprachgebrauch (?) eine moral und im deutschen eine "pointe" nennen würde. oder so ähnlich.

und die moral von der geschicht'
verstanden hab ichs wieder nicht.

sebas_hh, 17. März 2005, 22:56
Es war nur eine Frage der Zeit, wann Sigrid Löffler Blogs entdecken würde.

isabo, 17. März 2005, 23:14
Was ist denn hier los, plötzlich alle ironieresistent geworden?
Zusammenfassung, exklusiv für Herrn Dahlmann: das war ein großes Kompliment, verbunden mit einer Ohrfeige.
Na und? So ein Aufruhr jetzt, weil das ein bisschen lang geraten ist? Pffft.

kopfkino, 18. März 2005, 00:07

syberia, 19. März 2005, 15:02
Was ist nur aus der guten Sitte "Wenn ich nichts Positives zu berichten weiss, halte ich einfach die Klappe?" geworden? (Ausnahme: man wird gebeten.)
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