China

Ich habe Respekt vor der über 3500 Jahre alten Geschichte Chinas, die mit großen technischen und soziologischen Entdeckungen verbunden ist. Ich habe ebenso großen Respekt vor der Leistung Chinas in den letzten Jahren, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Vor 35 Jahren war China noch ein maoistischer-kommunistischer Staat ohne jede Wirtschaftskraft, heute haben es die Chinesen geschafft, fast überall die Nummer Eins zu sein. Gleichzeitig gibt es etliches an China, das im völligen Gegensatz zu den Dingen steht, die mir wichtig sind.

Ich war in den letzten acht Jahren fünf Mal in China, drei Mal in Shanghai, zwei Mal in Peking. Vor allem Shanghai hat mich immer wieder fasziniert. Die ehemalige Wirtschaftssonderzone war dem Rest des Landes schon immer einen Schritt voraus. Auf der anderen Seite kann man in Peking besser erkennen, wie das Land eigentlich funktioniert.

Nach Außen hin gibt sich Peking offen, geradezu kapitalistisch ohne die eigenen historischen Wurzeln zu verleugnen. Peking wirkt wie jede andere westliche Großstadt. Die Einreise, wenn man die knapp sechswöchige Prüfung und Wartezeit auf das Journalistenvisum überstanden hat, ist auch nicht schlimmer, als in manch andere Staaten. Danach erwartet einen dieser kapitalistisch-asiatischer Mix. Westliche Marken sind in Peking an jeder Ecke zur finden. Egal, ob Gucci, Adidas, Starbucks oder McDonalds. Sicherheitskräfte sieht man selbst in Peking in den Einkaufszonen oder auf den wirklich ständig verstopften Strassen kaum oder selten. Vor allem junge Chinesen haben den westlichen Lebensstil nach außen hin komplett absorbiert. Je teurer, desto besser.

Dass das Internet in China ein in sich geschlossenes System ist, kennt man ja. Google, Facebook und deren Angebote gibt es in China nicht. Die Entscheidung des Staates, diese Unternehmen in China nicht zuzulassen und viele westliche Nachrichtenseiten zu sperren, ist bekannt. Aber dabei ging es nicht nur um das Thema Meinungsfreiheit und die Angst vor zu großer Einflussnahme des Westens über diese Unternehmen. Gleichzeitig war es ein Akt des Protektionismus, der dazu geführt hat, dass Unternehmen wie Baidu, Alibaba oder Tencent mittlerweile teilweise größer und umsatzstärker sind, als die westlichen Pendants.

Der Grad und die Geschwindigkeit der Digitalisierung in China ist atemberaubend. Allein das Programm „WeChat“ dient als gutes Beispiel. Es ist eine Art zentraler Hub für das gesamte On- wie Offline Leben. Zum einen ist ein Chat, zum anderen aber auch einer wichtigsten Verbreitungswege für journalistische Inhalte. Auf der Autoshow kam ich kurz mit einem chinesischen Autojournalisten in Kontakt. Der berichtete mir, dass sein Magazin die Artikel einzig über WeChat pusht. Andere Kanäle würden keinen Sinn machen.

Gleichzeitig ist integrierte Bezahlfunktion von WeChat ist ein zentraler Bestandteil für das gesamte Leben. Man kann wirklich alles damit bezahlen. Egal ob eine Flasche Wasser für 10 Cent, das Auto oder die Stromrechnung. Fliegende Händler nehmen teilweise gar kein Bargeld oder westliche Kreditkarten mehr an. Wer etwas haben will, scannt den QR-Code, bestätigt den Kauf und das war es schon. Wirklich jeder bezahlt damit überall.

Also alles schick in China? Nicht so ganz. Das äußere Erscheinungsbild ist eine Sache. Dass China kein freier Staat ist, eine andere. Man merkt es im Alltag als Ausländer in China. Offene Gespräche über gewisse Themen führt man weder im Taxi, im Hotel oder in einem Restaurant. Die Angst, dass jemand mithört, ist allgegenwärtig. Meine Frage an den Manager eines großen deutschen Herstellers, ob die nachwachsende, mit westlichen Werten sich umgebende Jugend denn auch staatskritischer sei, wollte der Mann im Auto nicht beantworten. Wenn er etwas dazu sagen würde, könnte das Auswirkungen auf sein Visum haben, meinte er. Die Chinesen werfen einen nicht mehr direkt raus, sie verlängern dann halt das Aufenthaltsvisum beim nächsten Mal nicht mehr. Es wäre übertrieben zu sagen, dass ein Klima der Angst herrscht, aber man bewegt sich in manchen Bereichen sehr, sehr vorsichtig. Ein ungewohntes und mehr als unangenehmes Gefühl.

Das nach außen sich offen gebende China hat eine dünne Firniss-Schicht unter der sich dann schnell etwas anderes finden lässt. Wie schnell man Probleme bekommen kann, habe ich diese Woche am eigenen Leib erfahren. Beim Securityscan am Flughafen meinte man ein Feuerzeug in meinem Rucksack im Scanner gesehen zu haben. Es ist verboten dieses fürchterlich gefährliche Werkzeug mit ins Flugzeug zu nehmen. Das Problem an der Sache: ich hatte kein Feuerzeug dabei, dass hatte ich vorher schon entsorgt. Der Scanner zeigte aber angeblich eins.

Es entwickelte ein sich über 45 Minuten dauernder, fast kafkaesker Moment. Man leerte alles aus, taste mich mehrfach ab und scannte alles insgesamt sechs Mal. Da ich mich während der Prozedur mit einem Kollegen unterhielt, wurde der gleich mit einbezogen, wohl weil man vermutete, dass ich ihm heimlich mein Feuerzeug in quasi konterrevolutionärer Absicht gegeben haben könnte. Mehrere Vorgesetzte wurden hinzugezogen, die ihn und mich sehr nachdrücklich nach dem nicht vorhandenen Feuerzeug befragten. Als dann eine weitere, offensichtlich sehr, sehr wichtige Vorgesetzte geholte wurde, erledigte sich das Problem plötzlich innerhalb von zehn Sekunden. Dass der Kollege ein kleines Schweizer Taschenmesser an seinem Schlüsselbund hatte, interessierte im übrigen niemanden. So was stand halt nicht auf der Liste der verbotenen Gegenstände.

China ist eine wilde Mischung aus Staatskapitalismus, Zentralismus, Autorität, Militarismus, Oppression aber auch Freiheit in vielen Lebensbereichen, so lange man sich an die Regeln hält. Man liebt einen oberflächlichen, westlichen Lebensstil, aber der ist eben nicht allein Teil der Lebensphilosophie. Das ist für einen Europäer machmal schwer zu verstehen und man neigt zu vorschnellen Urteilen, weil das eigene Weltbild nicht passt. Dass aber es keine freie Presse gibt, das Kritik und Kritiker unterdrückt werden, dass das Internet kastriert ist, dies sind deutliche Zeiten dafür, dass die kulturellen Unterschiede und das Verständnis von Freiheit zwischen Europa und China noch sehr deutlich ausgeprägt sind.

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Das kann ja nicht unerwähnt hier bleiben, dass meine Lieblingsband "Swell" (Wikipedia) ein neues Album raus gebracht hat, dass man auf der Webseite der Band (inkl. des Backkatalogs) erwerben kann. Swell habe ich irgendwann Mitte der 90er entdeckt, als ich das Album "41" zugeschickt bekam. Ich steckte damals in der Vollbemusterung einiger Labels, was bedeutete, dass ich pro Monat so um die 100 CDs zugeschickt bekam. Konnte man unmöglich alles richtig hören, aber ich gab jeder CD mindestens einen Durchlauf. Man bekommt dann eine gewisse Routine beim Hören, vor allem, wenn man nebenbei noch arbeitet. Es gab eigentlich nur vier Kategorien:

  1. Nervt, weg damit
  2. Nett. Stört nicht, was war das?
  3. Nervt oder passt gerade nicht, aber angenehm, muss ich noch mal in Ruhe anhören
  4. Oh!

Swell fiel nach drei Tracks in die letzte Kategorie und irgendwie hab ich mich in die Band mehr und mehr verliebt. Und festgestellt, dass es wirklich stimmt. Wenn man sich, warum auch immer, mal bei einer Band festgebissen hat, also so richtig, weil, sie einen durch Jahre immer wieder begleitet hat, dann geht man mit ihr auch mal durch schlechtere Zeiten, wenn die Gruppe kreative Durchhänger hat. Darunter litt die Band zur Jahrtausendwende. Nach den großartigen "41" und dem Nachfolger "For all the beautiful people" kam 2000 "Feed" und 2001 "Everybody wants to know" die irgendwie die Kurve nicht bekamen. Als 2003 dann mit "Bastards and Rarities 89-94" eine Art B-Seiten "Best of..." rauskam, hab ich dann auch gedacht, dass es das war. Und dann gebe ich neulich mal bei Last.fm aus Nostalgie "Swell" ein und stelle fest, dass die Band gerade ein neues Album rausgebracht hat. "South of the rain and snow" heißt es und ist genau da angesiedelt, wo sie mich mit "41" und "For all the beautiful people" gepackt haben.

Der Sound von Swell - wie soll man den beschreiben. Minimal? Zerbrechlich? Alternative? Folk-Noir? Meist bestehen die Songs aus einer Gitarre, Drums, selten Bass, manchmal ein Keyboard. Sie haben einen ganz besonderen, sehr unverwechselbaren Sound, den ich so auch von keiner anderen Band kenne. Vieleicht kann man sie noch am ehesten mit dem ersten Album von "I am Kloot" vergleichen. Ich hab in einer alten Kritik zum "For all..." Album mal geschrieben, dass Swell zu den wenigen Gruppen gehört, die man im Sommer hören kann, weil sie einen froh durch die Strassen gehen lassen und im Winter, weil sie so perfekt zu einem Dezember Regen passen. Gilt auch wieder für das neue Album. Und wo ich so das neue Album und die alten Sache höre, frage ich mich mal wieder, warum die es eigentlich nie geschafft haben. Einmal bei "CSI", "House" oder "Grey's Anatomy"...

Kaufen kann man das Album in Deutschland wohl nur über die Webseite (Merchandising), allerdings wird "South of the rain and snow" auch über Itunes angeboten. Da weiß ich aber nicht, ob das Album auch über den deutschen Shop zu bekommen ist. Anhören kann man sich ein paar Stücke auf der MySpace Seite. "Trouble loves you" ist ein netter Einstieg.

Auf Tour kommen sie auch. Leider nicht nach Deutschland, weswegen ich mir jetzt überlegen muss, ob ich im Herbst nach Brüssel oder nach Zürich fahre.

Offensichtlich kommen sie doch nach Deutschland und auch nach Berlin! Am 05.11.08 im Lido. Restliche Tourdaten:

16.Okt.2008 20:00 Jet Lag Show Some Where
17.Okt.2008 20:00 LA MAROQUINERIE Paris
18.Okt.2008 20:00 La Carene BREST, France
21.Okt.2008 20:00 L’ Olympic NANTES, France
23.Okt.2008 20:00 Krakatoa BORDEAUX, France
24.Okt.2008 20:00 La Coopérative de Mai CLERMONT FD
25.Okt.2008 20:00 Le Ciel GRENOBLE, France
26.Okt.2008 20:00 Le Sonic LYON, France
29.Okt.2008 20:00 A/B BRUSSELS, belgium
30.Okt.2008 20:00 HET PAARD DEN HAAG, holland
31.Okt.2008 20:00 013 TILBURG , holland
01.Nov.2008 20:00 FACTORY FESTIVAL NIVELLES, belgium
02.Nov.2008 20:00 CACTUS BRUGGE, belgium
05.Nov.2008 20:00 Lido BERLIN, germany
06.Nov.2008 20:00 Star Club DRESDEN, germany
07.Nov.2008 20:00 Cafe Central WEINHEIM, germany
08.Nov.2008 20:00 Spitalkelle OFFENBURG, germany
09.Nov.2008 20:00 t.b.c. INNSBRUCK, austria
10.Nov.2008 20:00 EL LOKAL ZURICH, switzerland
11.Nov.2008 20:00 PALACE ST. GALLEN, switzerland

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Was mich ja auch immer wundert: Warum haben manchen Menschen so viel Angst vor dem Internet? Heute im Radio gehört, dass die Bundesstaatsanwältin darauf hinweist, dass das Netz von Terroristen genutzt wird, die dort Bombenanleitungen ausdrucken. Sicher, das kann man machen. Dafür braucht man aber nicht unbedingt das Netz. In fast jedem besseren Thriller gibt es eine Anleitung für irgendwas, in Kinofilmen wird manchmal minutiös gezeigt, wie man eine Bank überfallen kann und im Fernsehen plaudern Pathologen darüber, wie sie Verbrechen aufklären. Heute mag man Bombenbauanleitungen blitzschnell per Mail versenden. Früher musste man das mit der Post machen. Aber hat man deswegen die Leser von Büchern, die Besucher eines Kinos, die Zuschauer des Fernsehens oder die Post kontrolliert, nur weil es auch Verbrecher gab, die diesen Service genutzt haben?

Immer wieder hört man: Das Internet! Da wird man betrogen! Phishing! Viren! Trojaner! Terroristen! Nur ist es so, dass man halt nur das sieht, was man sehen will. Genausogut könnte ich sagen: Die Post! Werbung! Betrüger, die gefälschte Rechnungen schicken! Milzbrandpulver! Terroristen, die sich Bombenpläne zuschicken. Am besten wird die ganze Post geöffnet und kopiert bevor sie beim Empfänger an kommt.

Ich bin seit über zehn Jahren im Netz. Ich habe eine Menge Arschlöcher, Schweine, Drecksäcke, Idioten, Trolle und Schwachmaten gesehen und ich bin hier und da persönlich enttäuscht worden. Vermutlich gibt es auch ein paar Menschen, die mich für all das oben genannte halten und von mir enttäuscht sind. Aber das ist mir bisher in jedem soziale Gefüge widerfahren.

Heute war ich auf der Trauerfeier für einen Menschen, den ich nur durch das Forum der Höflichen Paparrazi kennen gelernt habe. Und das, wie die viele der anwesenden Pappen, noch nicht mal gut. Aber es reichte dafür, dass die anwesenden Forumsmitglieder allesamt Tränen verdrücken mussten und seit dem der Tod des Forumsmitgliedes bekannt ist, haben die Mitglieder Geld gesammelt, damit ein ordentlicher Kranz da war und morgen in der taz Berlin eine große Todesanzeige erscheint. Die Familie des Verstorbenen war gerührt, dass die "Internet-Freunde" zur Trauerfeier da waren. Wie gesagt, dass war kein Mensch, mit dem ich dauernd zusammenhing, dass war einer, dessen Geschichten ich gemocht und den ich auf etlichen Partys usw. getroffen habe. Mit dem ich mich über das, was ich von ihm gelesen habe, was ich mit ihm in den wenigen gemeinsamen Momenten erlebt habe, verbunden gefühlt habe. Ein solches Band kann man fast ausschließlich nur im Netz knüpfen. Und man kann es nur knüpfen, wenn man nicht von Panik um eine eh nicht vorhandene Sicherheit getrieben, jede Interaktion zwischen Menschen im Netz per se unter den Verdacht stellt, dass sie etwas Böses vorhaben. Das geht nicht, wenn man Kommentare und Meinungsaustausch nur noch zulässt, wenn man sie vorher auf rechtliche Unebenheiten geprüft hat.

Man muss keine Angst vor dem Netz haben, wenn man auch an das Gute im Menschen im glaubt. Aber man muss vor jenen Angst haben, die das nicht sehen. Sie stehlen und vernichten mehr, als es Terroristen, Gangster und Betrüger jemals schaffen würden.

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