Müßiggang

Wenn es einen Satz gibt, den man Goethe nachträglich um die gebildeten Ohren hauen sollte, dann ist es „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Gerne würde man ihm entgegnen „Da lebt mal in unserer Zeit“. ich bin mir ziemlich sicher, dass Goethe, würde er heute in unserer durch Effizienz geprägte Welt leben, es dann doch lieber mit Balou, dem Bären halten der einst ein Plädoyer für die Gemütlichkeit formulierte.

Dummerweise ist der Goethe`sche Satz zu einer Mantra der deutschen Gesellschaft geworden. Man sagt den Deutschen ja alles nach, aber sicher nicht, dass sie sich dem Müßiggang hingeben. Im Verbund mit einer protestantischen Hinwendung zur Arbeit ergibt sich eine fast religiöse Anbetung von „…etwas zu tun haben…“ und Produktion. Arbeit, das ist so etwas wie das Lebenselixier. Was ja auch völlig ok ist. Ich arbeite ja auch gerne. Ohne Arbeit, da bin ich dann wieder ganz der Deutsche, fehlt mir auch was im Leben.

Doch mittlerweile hat Arbeit, gerade im Angestelltenverhältnis, die Rolle einer schlecht gelaunten Schwiegermutter übernommen, die nie zufrieden ist und immer mehr verlangt. Und alles muss sich der Arbeit unterordnen. Familie, Freunde, Freizeit und seit einigen Jahren auch der eigene Körper. Gleichzeitig rast ein merkwürdiger Trend zur Selbstvermessung durch die Gesellschaft.

Die Vermessung der körperlichen Fitness wird meist immer damit beworben, dass man leistungsfähiger sein. Schön und gut, ich frage mich nur: wofür leistungsfähiger? Damit ich fitter Netflix schauen kann? Natürlich nicht, denn es geht darum leistungsfähiger zu sein, um den Arbeitsalltag besser überstehen zu können. Wer Sport macht, der ist weniger krank, ist also öfter im Büro und kann länger arbeiten, schneller Karriere machen etc. Der Irrsinn der vermeintlichen Selbstoptimierung macht mittlerweile auch nicht mehr vor dem Schlaf halt.

Offiziell nimmt Arbeit einen immer kleineren Bereich unseres Lebens ein. In den 50er Jahren galt noch die 6-Tage Woche, bis in die 60er Jahre die 48-Stunde Woche. Erst in den frühen 70ern wurde die 40-Stunde Woche eingeführt, die später noch mal im 1.5 Stunden für manche Branchen reduziert wurde. Inoffiziell sieht das anders aus, wie jeder weiß. Dank permanenter Erreichbarkeit arbeitet man halt jetzt immer.

Die Zeit, in der man nicht arbeitet, quetscht man dann voll. Auch hier hat sich einiges geändert. Familie, Sport, Freunde, Ausgehen und alles andere will auch untergebracht werden. Die meisten sind damit lange ganz zufrieden.

Aber auf Dauer scheint es doch nicht zu gehen. Die Zahl der diagnostizierten Burnout-Erkrankungen und Depressionen steigt, mir selbst sind im engeren Bekanntenkreis drei Leute bekannt, die in den letzten zwei Jahren damit diagnostiziert wurden. Und ich selbst bekanntermaßen ja auch.

Ich habe seit dem letzten Jahr meine Arbeit einerseits reduziert, andererseits arbeite ich seit dem konzentrierter. Das Ziel ist eigentlich eine 3-Tage-Woche, was mal mehr, mal weniger gelingt. Die freie Zeit verbringe ich mit anderen Dingen und vor allem mit Müßiggang.

Darunter fallen für mich verschiedene Dinge. Das fängt bei Netflix an, reicht über Fahrradtouren, Besuche in Museen, Büchern bis hin zum gepflegten Rumsitzen in Cafés. Und manchmal auch einfach: Nichts. Rumliegen, ein Hörspiel, ein wenig am Nachmittag dösen. Sonst nichts.

Ich musste das lernen, dieses Nichtstun. Es ist ja nicht wie im Urlaub, da gibt es Immer was zu sehen, etwas Neues zu entdecken. Wirklich Nichts zu tun ist gar nicht so leicht. Ich musste mein schlechtes Gewissen, dass ich gerade Nichts tue, vergessen. Ich musste lernen, dass Nichts tun sehr hilfreich ist. Irgendwann sagten mit Freunde, dass ich so anders wirke. Entspannt. Dass die Gesichtszüge entspannter sind, ich etwas anderes ausstrahle.

Ich arbeite immer noch daran, an manchen Tagen kommen die preussischen Tugenden und das schlechte Gewissen dann doch wieder. Aber es ist selten geworden. Müßiggang ist mir wichtig geworden, weil ich dabei auch etwas über mich lerne. Weil ich Zeit zum reflektieren habe und überlegen kann, was ich als nächstes in meinem Leben machen will. Wie sich mein Leben anfühlen soll. Was ich im Leben vermisse.

Wenn mir der Müßiggang eins beigebracht hat, dann ist es die Erkenntnis, dass es nicht wichtig ist, wie schnell man sich durchs Leben bewegt, sondern dass es auf seine Art macht.

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"Es gibt keine Freiheit, wenn sie niemand schützt", betonte der Minister. Dafür seien manchmal Eingriffe in die Freiheitsrechte des Einzelnen "aufgrund von genauen gesetzlichen Regelungen" nötig.
Wolfgang Schäuble

"Those who would give up Essential Liberty to purchase a little Temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety"
Benjamin Franklin

In diesem Sinne: Frohe Pfingsten.

Nachtrag 15.05.08
edkrebs.com

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Wenn ich jemals etwas finde, dass mich soweit in den Himmel hebt wie Underworld, muss ich wohl dem rheinischen Katholizismus beitreten

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Angst zu schüren ist also nicht nur kontraproduktiv, sondern hochgradig gefährlich. Wir treiben unseren Kindern nicht die Angst aus, um sie ihnen im Erwachsenenalter wieder einzutrichtern. Und trotzdem instrumentalisiert der Staat immer wieder die Angst, infiziert die Gesellschaft mit ihr, um seine Macht zu bestätigen und zu erweitern. Der Staat ist ein Angstgewinnler. Der Bürger ist ein besonders tragischer Hans im Glück, denn er gibt sein wertvollstes Gut auf und erhält dafür eine Schimäre. Nicht nur kann kein Staat der Welt ihn gegen jedwede Gewalt schützen, sondern er wird potenziell Opfer einer neuen, viel größeren Gewalt, will heißen der Staatsgewalt, die in dem Ausmaße wächst, in welchem der Bürger sich seine Freiheit hat abnehmen lassen.

Sehr lesenswerter Artikel im Standard

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Wenn man auf Partys erwähnt, dass man Freiberufler ist, dann wird man entweder mit dem Satz "Könnt ich, hätt ich keine Disziplin für" beworfen, oder jemand sagt "Toll, da kann man ja machen was man will." Sicher - Freiberufler zu sein hat sehr viele Vorteile. Aber ganz so gülden glänzt hier auch nicht alles:

  1. Man kann aufstehen, wann man will
    Stimmt. Es gibt keine Kollegen, die eifrig notieren, wieviel Minuten man zu spät gekommen ist und es an den Personalchef weiterreichen. Allerdings hilft es mir auch nicht weiter, wenn ich erst gegen Mittag vorm Rechner sitze. Die Kunden arbeiten in Büros und am besten erreicht man die Vormittags zwischen 10 und 12. Danach ist man gerne beim Mittagessen oder in Meetings. Also ist eingermaßen frühes Aufstehen angesagt.

  2. Man kann arbeiten wann man will
    Stimmt. Aber die Deadlines ändern sich deswegen nicht. Gerade wenn gleichzeitig mehrere Projekte betreut stellt man irgendwann fest, dass es besser ist, wenn man einen ziemlich festgelegten Tagesablauf hat. Regelmäßig zu erstellende Texte erledige ich vormittags, andere Dinge lieber später. Im Endeffekt landet man also wegen der Deadlines, der vielen Arbeit und der Menschen, die man deswegen hier und da anrufen muss bei einem normalen Arbeitstag, der morgens beginnt, und bei mir meist so gegen 19.30 Uhr aufhört.

  3. Man verdient mehr
    Man verdient als Journalist eh wenig. Man zahlt aber keine Sozialabgaben, ausser der KSK in meinem Fall. Dafür gibt es weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld. Man bekommt keine Gratifikationen wenn es mit einem Projekt mal gut läuft usw. Ich weiß allerdings auch, dass in der Medienbranche diese Dinge (bis auf Lohnfortzahlung im Urlaubs- und Krankheitsfall) diese Dinge selten geworden sind.
    Dazu kommt auch, dass die Auftraggeber die Texte zwar immer zackzack haben wollen, die Bezahlung aber eher schleppend ist. Ich hab noch das Glück, dass ich ein paar feste Auftraggeber habe, die eigentlich regelmäßig bezahlen. Drei bis vier Wochen Wartezeit ist aber normal, und gerade wenn man mit Agenturen arbeitet dauert es auch gerne mal länger. Vor ein paar Jahren habe ich mal für einen Autokonzern was gemacht. Ende November hatte ich alles abgegeben, Ende März kam das Geld. Kommt immer wieder vor.

Wenn man das Glas halbvoll betrachten will, dann ist das mit dem Dasein als Freiberufler so: Man hat selten ein arbeitsfreies Wochenende. Man wartet auf sein Geld. Man sitzt wie jeder Angestellte tagtäglich im Büro. Urlaub bedeutet doppelte Ausgaben: man gibt einerseits mehr aus als sonst, andererseits verdient man nichts in der Zeit und bis neues Geld reinkommt nach dem Urlaub vergehen im besten Fall vier Wochen. Wenn man ernsthaft krank wird verdient man nichts, aber die Kosten laufen weiter. Rente ist für Weicheier, man richtet sich darauf ein, dass man halt arbeitet bis man umfällt, was wegen der vielen Arbeit so spät eh nicht sein wird.

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es gibt noch eine andere, und die ist auch der Grund, warum ich lieber als freier Journalist arbeite:
Als festangestellter Journalist ist das Einkommen auch nicht sicherer, denn Redaktionen werden heute schneller verkleinert, als man "Einsparungspotential" sagen kann.
Keine Kollegen. Meine Erfahrungen mit Arbeitskollegen sind bis auf einen Fall allesamt schrecklich.
Man kann tatsächlich auch mal erst gegen Mittag arbeiten.
Ich muss nicht um einen freien Tag betteln, wenn ich mal was erledigen muss.
Niemand kann mir vorschreiben, welche Themen ich bearbeite.
Selten sinnlose Profilierungsmeetings mit Excel Dateien an der Wand.
Niemand protokolliert die Webseiten, die ich ansurfe.
Ich hab einen Fernseher auf dem Schreibtisch.
Wenn ich keine Termine in Berlin habe, kann ich auch mal eine oder zwei Wochen zum wunderschönen Mädchen fahren und von dort aus arbeiten.
Ich kann wundervoll viele Bereiche bearbeiten, die mich interessieren. In meinem Fall reicht das von Literatur über Politik bishin zur Motorsport und Werbung.
Ich kann zwischendrin so Blogeinträge schreiben.

Die Freiheit, dass ich in einem gewissen Rahmen, der eingeschränkt ist durch die üblichen Verpflichtungen wie Miete, Essen usw., entscheiden kann, wann und wieviel ich arbeite ist mir sehr viel wert. Dafür verzichte ich gerne auf manch andere Dinge, die das Leben eines Angestellten verbessern. Es ist nicht so, dass ich mir nicht vorstellen könnte, festangestellt zu sein, aber den Wegfall der mir wichtigen persönlichen Freiheiten würde ich mir sehr, sehr, sehr gut bezahlen lassen wollen.

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