Teil II

In Teil I ging es mir um die bevorstehende Entlassungswelle in den Verlagen, in Teil II darum, was das auch für die Meinungsfreiheit bedeuten kann, bzw. warum den klassischen Tageszeitungen u.a. die Leser weglaufen.

Wir haben in Deutschland eine der größten Presselandschaften, die man weltweit finden kann. Es gibt Hunderte von Tageszeitungen, die jeden Tag erscheinen. Dazu Magazine und Wochenzeitungen. Das Spektrum reicht von der "taz" bis zum "Münchner Merkur". Also gibt es theoretisch auch hunderte unterschiedlicher Meinungen, Sichtweisen und Analysen, die man jeden Tag im Print oder teilweise im Netz lesen kann. Doch das stimmt natürlich hinten und vorne nicht. Die Probleme der Meinungspluralität heißen Nachrichtenagentur, Redaktionsabbau und Gewinnausschüttung. Vor allem im Onlinebereich.

In den letzten zwei Jahren ist viel über das Gatekeeping geredet worden, also die Themenvorauswahl seitens der Redaktion. Was kommt ins Blatt, was wird online gestellt? Wer sich einmal den Vollservice der Agenturen angeschaut hat, weiß, dass das Gatekeeping in einem gewissen Rahmen sinnvoll ist. Eine Zeitung oder Onlineseite ohne weitere Erklärungen mit reinen Tickermeldungen voll zu hauen, ist keine gute Idee. Das wäre so, als hätte man sämtlich Blogs im RSS-Feed, die Techorati so anbietet. Das Grundrauschen ist so hoch, dass man nicht mehr mitbekommt, was am Ende eigentlich noch wichtig ist.

Auf der anderen Seite wird auch immer wieder über Medienkompetenz geredet, die die Leser entwickeln sollen. Das meinst nicht nur, dass man die Technik bedienen kann (RSS, Twitter z.B.) sondern auch, sich im Allerlei der Meldungen zurecht zu finden. Fokussieren ist angesagt, oder dass spezialisieren auf bestimmte Themengebiete, damit man einerseits den Überblick behalten kann, andererseits auf Dinge aufmerksam machen kann, die sonst untergehen. Egal, ob als User im Netz, oder als Redakteur einer Zeitung, diese Kompetenz brauche ich, wenn ich ein Thema längere Zeit betreuen will. Und da geht das Problem für viele Tageszeitungen und deren Onlinepräsenz schon los. Vielen wird schon aufgefallen sein, dass sich etliche Zeitungen einfach dpa Meldungen ins Blatt oder auf die Webseite kopieren. Die dpa liefert zu jeder Meldung meist ein paar Bilder dazu, und so sieht man dann beim Sponline, Focus und SZ nicht nur einen inhaltlich ähnlichen Text, sondern auch noch die gleichen Bilder. Einerseits nicht weiter schlimm, andererseits auch ärgerlich, weil man nur noch neutrale Texte liest. Von Meinung kaum eine Spur. Eine Meldung wird abgelaicht, die Werbung blinkt, was will man mehr.

Im Grunde wird das Gatekeeping den Agenturen überlassen. Nicht mehr die Redaktion entscheidet, sondern ein anonymer Redakteur einer Agentur. Ich will damit die Arbeit von dpa und anderen nicht schlecht machen. Es ist nicht deren Aufgabe, irgendwas zu bewerten. Sie liefern nur Informationen. Aber hilfreich ist das in den Onlinemedien nicht. Dazu kommt, dass der Großteil der täglichen Meldungen im Prinzip über wenige Agenturen läuft. dpa, Reuters, AP, AFP, ddp, in Deutschland noch sid und SAD. Das war es schon. Die Liste der Agenturen in der Welt ist zwar lang aber jene, die man hier zu lesen bekommt, ist kurz. Im Grunde wird das Weltgeschehen der meisten kleineren Tageszeitungen, die keine Mitarbeiter im Ausland haben, durch die genannten Agenturen betreut. Oder anders ausgedrückt: gerade mal 5 Agenturen in Deutschland und vielleicht drei weltweit, sorgen für den steten Nachrichtenfluss. Noch klarer wird es, wenn man sich vorstellt, dass es in Deutschland nur drei Tageszeitungen geben würde, die jeden Tag berichten, was so passiert. Der Flaschenhals beim Gatekeeping beginnt also schon bei den Agenturen und setzt sich dann fort in den Redaktionen.

Denn da sitzen seit Jahren immer weniger Journalisten, die immer mehr Arbeit leisten müssen. Das Gatekeeping verschärft sich hier also noch mal. Wer hat schon Zeit, einer interessanten Meldung hinterher zu forschen, wer hat noch Zeit, den Hörer in die Hand zu nehmen, und jemanden zu einer Meldung zu befragen? Da wartet man lieber auf den zweiten Teil der Meldung, in der die dpa das schon für einen erledigt hat. Dem Leser fällt es eh nicht auf, ob es nun die dpa oder irgendeiner aus der Redaktion war, der den Artikel verfasst hat. PR- und Lobbyagenturen haben das schon seit Jahren erkannt, und liefern druckfertige Beiträge, häufig von Journalisten, die ihre Jobs in den Redaktionen verloren haben, oder zu besseren Konditionen eingekauft wurden.

Das Problem dabei ist nicht, dass die Meldungen an sich schlecht wären. Oder gar falsch. Das Problem ist, dass es immer weniger Stimmen gibt, die die Meldungen vermitteln. Egal, wie "objektiv" ich als Journalist sein will, es gibt einen Unterschied, ob ich einen Text selber bearbeite, mich hinsetze und Gesprächspartner suche und Meldungen verschiedener Agenturen miteinander vergleiche, oder ob ich das Ding einfach online schiebe. Nach und nach verstummen immer mehr Stimmen, immer mehr Meinungen immer mehr der ach so hoch gehandelten Meinungspluralität.

Aus der Entscheidung, Redaktionen immer weiter zu verkleinern, immer weniger Redakteure immer mehr arbeiten zu lassen und so immer weniger eigenen Content und mehr wortgleiche Meldungen abzudrucken, bzw. online zu stellen, entwickelt sich eine echte Gefahr. Da es eh schon weniger Kanäle für die tägliche Nachrichtenbeschaffung gibt, als man allgemein annimmt, lassen sich diese Kanäle auch leichter beeinflussen. Da es immer weniger Redakteure gibt, die die Zeit dazu haben, diese Meldungen zu überprüfen, oder andere Nachrichten in den Vordergrund zu stellen, wird das Problem noch zusätzlich vergrößert. Die Pressefreiheit ist nicht nur ausgehöhlt, weil Journalisten auf Grund der Überwachungsgesetze ihre Quellen nicht mehr schützen können, sondern auch, weil die Zwischentöne wegfallen.

Für die Verlage ergibt sich daraus aber ein weiteres Problem, dann warum soll ich mir eine Zeitung kaufen, die letztlich zu großen Teilen nur das abdruckt, was ich online erstens schneller und zweitens umsonst zu lesen bekomme?

Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum noch klassische Verleger gibt. CBS-Legende Dan Rather beschreibt es im Video, wenn er etwas umständlich davon spricht, dass es früher noch Verleger und Chefredakteure gab, die sich ins Feuer gestellt haben, und man heute mit Technokraten zu tun hat, die keinen Ärger haben wollen. Es geht heute eben oft mehr ums Geld verdienen, denn um etwas anderes. Natürlich - es ist auch schwer mit einer Zeitung in der Gratiskultur Geld zu verdienen. Die "taz" zeigt das immer wieder deutlich. Aber auch, dass es nicht sein muss, dass eine Zeitung und die Webseite nur aus rein geschobenen dpa Texten besteht.

Die Krise der Verlage wird das Gatekeeping in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen. Wer sich nicht im Netz bedient, wer nicht selber nach alternativen Quellen sucht, wer keine eigene Medienkompentenz aufbaut, wird bei vielen klassischen Medien nicht mehr als das Grundrauschen erhalten. Mehr als "Merkel hat gesagt..." wird es nicht geben. Profitieren werden jene Blätter, die jetzt schon besser dastehen. SZ, FAZ und andere Zeitungen, die ein eigenes Auslandsnetzwerk haben und die sich noch Redaktionen leisten, in denen "normal" gearbeitet werden kann, werden vermutlich weniger Auflage verlieren, als der Rest.

Print verliert gegenüber Online nicht, weil man nicht mithalten könnte, sondern weil man sich dank der Entlassungen von Journalisten und dem immer weiter um sich greifenden Verlust von eigenem Content, seine Leser vergrault. Print verliert, weil man das ureigene Geschäftsmodell einer Zeitung untergräbt und beerdigt und sie nur noch als leere Hülle für Anzeigen missbraucht, mit Artikeln, die möglichst keinem weh tun und die keinen Widerspruch erzeugen.

Er geht dahin, der Meinungspluralismus im Print. Wenn er nicht eh schon tot ist.

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dampfbadbiber, Sa, 08.11.2008, 20:13

Print verliert doch nicht durch die Entlassung der Journalisten. Print verliert seit Jahren. Die aktuellen und zukünftigen Freisetzungen sind eine Folge davon. Mal angenommen, die Verlage hätten das Geld und machen einfach so weiter. Unsere Zeitungskultur würde trotzdem den Bach runter gehen. Die Auflagen sinken doch nicht alleine durch das Internet. Was z.B. die hochgelobten Auslandskorrespondenten zusammenstöpseln ist oft genung qualitativ ziemlich unterirdisch. In andere Bereichen sieht es nicht besser aus. Politik und Wirtschaft ist komplex geworden, aber die Journalisten schaffen es nicht, ihrer "Gatekeeper-Funktion" gerecht zu werden. Andere Bereiche wie Kultur, Sport, Technik haben das Kauf-Journalie Problem.

Politik-Jourmalisten, die keinen Haushaltsplan lesen können, Finanzjournalisten ohne grundlegende Kenntnisse in Makroökonomik - von den aktuellen Fach-Diskussionen mal ganz zu schweigen, Sportjournalisten die eher Fanboys sind, Lokaljournalisten, die nur Pressemitteilungen der Vereine redigieren. Das ist die Realität.


schlauhase, Mo, 10.11.2008, 11:48

dampfbadbiber
"Politik-Jourmalisten, die keinen Haushaltsplan lesen können, Finanzjournalisten ohne grundlegende Kenntnisse in Makroökonomik - von den aktuellen Fach-Diskussionen mal ganz zu schweigen (...)"

Wobei ich mir da nicht sicher bin, ob das wirklich ein neues Phänomen ist. Gerade im Bereich Politik (ich habe da nur die letzten 15 Jahre als Eindruck) scheinen extrem wenige wirklich über den fachlichen Hntergrund zu verfügen. Und das liest man dann auch, gerade bei politischen Kommentaren. Da werden laienhaft ein, zwei Begriffe aus der Politikwissenschaft eingestreut, die gar nicht oder nur ungenügend mit Bedeutung gefüllt werden. Aber für eine ernsthafte Analyse, oder gar Prognose, braucht es eben doch gründliche theoretische Grundlagen. Diese lassen sich nur schwer nachträglich aneignen. Das ist teils so komplex, dass eben auch ein ´ähnliches Fach´, oder nur Nebenfach bzw. ´nur´ ein Bachelor da nicht ausreichen. Ich frage mich das immer wieder, wieso sich zu dem Thema so viele berufen fühlen. ´Nur´ weil es natürlich uns alle betrifft, kann ja nicht als Grund genügen... .


DonDahlmann, Mo, 10.11.2008, 15:25

Was mich viel mehr ärgert, ist der Umstand, dass aus dem Print überhaupt kein Widerstand mehr kommt, zum Beispiekl gegen den Abbau der Bürgerrechte. Die SZ schiebt Prantl wie eine Entschuldigung vor sich her, in allen anderen Blätter liest man dann im Grunde Dinge wie "Ja, das ist irgendwie unangenehm, aber wenn es nicht mehr braucht, dann wird es bestimmt wieder abgeschafft" oder anderen Blödsinn. Ich erwarte da einfach mehr Widerspruch, die man nicht irgendwo bei den Kommentaren versteckt. Die Beispiele lassen sich endlos fortsetzen.


schlauhase, Di, 11.11.2008, 13:26

@ DonDahlmann

Na ja, ich sehe da durchaus einen Zusammenhang. Gäbe es mehr (oder fast nur) Fachjournalisten, würde sich das auch auf die Stimmung, die Atmosphäre in Redaktionen auswirken. Einige von dir angesprochene Dinge, wie extremer Zeitdruck oder das reine Veröffentlichen von Agenturmeldungen (was ohne Kontext inhaltlich häufig irreführend ist, wenig Sinn macht), würde dann sicher auf mehr Widerstand stossen. Alleine schon, weil die Redaktionen es teils vor sich selbst nicht verantworten könnten.


mainbube, Sa, 15.11.2008, 16:30

Ich sehe noch ein anderes Problem, die Wertschätzung von echten Redaktionen und gutem Journalismus durch die werbetreibende Wirtschaft.

Während klassische Printwerbung über Jahre noch wuchs und erst langsam mit dem Aufkommen des Internet und der Bedeutung von Onlinewerbung an Marktanteilen verlor, hat sich das Geld nicht im gleichen Maße auf journalistische Onlineportale neu verteilt. Eine Vielzahl von andersartigen Angeboten buhlt um das Geld, welches früher klassisch in Zeitungswerbung investiert wurde. Die neuen Angebote haben aber nicht die gleiche Wertigkeit wie das geschriebene Wort eines ausgebildeten Journalisten, vielmehr können immer mehr Hobbywebseitenbetreiber das Geld aus den Googletöpfen abziehen, was vielleicht notwendig ist um ein vernünftiges Onlineportal mit redaktionellen Hintergründen zu betreiben.

Der Zwang zum Sparen wird auch dadaurch verursacht, dass das Angebot zwar breiter aber nicht besser geworden ist und damit die Preise nur eine Richtung kennen, abwärts und auf Performance getrimmt. Wer kein Umfeld hat, welches funktioniert wird abgeklemmt. Hochwertige Inhalte - egal!

Werbetreibende und die Berater dieser Werbetreibenden können aber auch sicherlich in einem derart unübersichtlichen Markt noch einen kühlen Kopf bewahren und für gute Leistung gutes Geld bezahlen, denn am Ende entscheidet immer der Controller und der liest seine Tageszeitung auf Firmenkosten.


dsl, Fr, 12.12.2008, 17:42

Die Pressekonzentration lässt grüssen:
Fakt: Die Zahl unabhängiger Readaktion hat sich seit 1970 fast halbiert. Die Zahl der Einzeitungkreise ist massiv gestiegen. Es gibt viele Regionen in Deutschland, in denen es nur eine einzige regionale Zeitung gibt. Die Zahl unabhängiger Verlage schrumpft auch weiter. Die Lücke ist von den Online-Diensten kaum geschlossen worden. Es besteht eine Gefahr für die freie Willens- Meinungsbildung der Bürger. Eigentlich ist es dank der Doppelmonopole schon längst zu spät. Theoretisch führt dies dazu, dass es in Zukunft nur noch ein oder zwei Medienunternehmen geben wird, die alles kontrollieren. Verlage und Medienunternehmen sind privatwirtschaftlich geführte Organisationen. Die Ökonomie zwingt die Unternehmen zur Konzentration, d.h. es besteht ein zwangsläufiger Trend, der nicht aufzuhalten ist.

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