So - ich hab jetzt auch mal in diese "Feuchtgebiete" reingelesen und wieder weggelegt. Also dieses Buch von der Roche, von dem alle reden. Ich wollte sehr viel dazu schreiben - zum Beispiel, dass ich bei Roche schon immer dachte, dass ihr Körpergeruch vermutlich unter den Begriff "anstrengend" fällt. Was gemein ist, denn ich hab noch nicht an ihr rumgeschnuppert (und es auch nicht vor) und außerdem ist es irgendwie auch ein wenig schlecht über Dinge Vermutungen anzustellen, die erst mal gar nichts mit den literarischen Fähigkeiten zu tun haben. Ich kannte mal einen Theaterautoren, der stank wie die Hölle, einfach unerträglich, war aber sehr erfolgreich. Und dann war da noch der Typ aus dieser recht bekannten Band in Köln, der immer Essensreste im Bart und sonstwo hatte, und ich meine wirklich immer, manchmal hingen die ein paar Tage drin, bis sie halt vertrocknet waren und rausfielen. Hat seinem Erfolg bei den Frauen nur minimal eingeschränkt. Aber darüber schreibe ich jetzt nicht, denn das hat Malte neulich schon schön zusammengefasst.

Worüber ich aber noch ein Wort verlieren möchte ist der Sex. Warum können deutsche Autoren nicht so über Sex schreiben, dass man bei näherer Betrachtung auf den Gedanken kommen könnte, die Sache würde unter speziellen Umständen auch mal Spaß machen? In deutschen Büchern wird der Sex ganz weggelassen, oder spielt vor einem Bergpanorama ("Heidi!" - "Ziegenpeter!" - "Großvater!"), oder er ist stilistisches Mittel um den nahenden Selbstmord zu rechtfertigen (Frauenliteratur, DDR), oder er ist ein Geschenk, über den sich der Mann wie ein kleiner Junge zu Weihnachten freut (Joseph von Westphalen) oder die sexuelle Berichterstattung wird möglichst ekelerregend formuliert, damit ja nicht der Verdacht aufkommen würde, es könne auch mal was nettes sein (Jörg Fauser, Frau Roche). Vielleicht sollte man das mal machen - den Roman schreiben, in dem alle fürchterlich gerne Sex haben, einfach so, ohne daran zu denken, wie doof man beim Sex aussieht, oder was man so an Körperflüssigkeiten vermengt und wie die wohl schmecken, wenn man... usw. Vermutlich ist das aber langweilig und keiner wills lesen.

Kommentieren



Irene, Mi, 19.03.2008, 13:47

Warum können deutsche Autoren nicht so über Sex schreiben, dass man bei näherer Betrachtung auf den Gedanken kommen könnte, die Sache würde unter speziellen Umständen auch mal Spaß machen?

Spaß ist in Deutschland nicht Literatur, sondern Unterhaltung. Es gab mal eine SZ-Magazin-Geschichte, die ich leider nicht aufbewahrt habe: Brauchen Sie dringend Geld? Dann werden Sie doch Roman-Autor bei Beate Uh*e! Ich erinnere mich aber an die Autorenvorgabe, dass die Akteure viel Spaß miteinander haben sollten. - Eine Art Outsourcing?


creezy, Mi, 19.03.2008, 14:51

Das Buch hat auf ganz anderer Ebene sein Berechtigung, die mit Verlaub ein Mann – ausgenommen er ist Gynäkologe – vermutlich gar nicht kapieren kann.

Ich habe meine berufliche Laufbahn damals in einem anderen Leben als Azubine bei einem Gyn begonnen. Du hast keine Ahnung, wieviele Frauen nicht wissen, wie sie unten rum aussehen und Panik bekommen, wenn sie mal einen feuchten Fleck in der Hose haben (oder auch beim Sex Feuchtigkeit produzieren). Es ist erschreckend wieviele Frauen dem Gesundheitssystem wieviel an Geld kosten, weil sie es nicht ertragen können, dass sie etwas haben, was man gemeinhin «Ausfluss» nennt, der nicht auf Basis einer Übermacht an Bakterien alternativ Pilzen basiert und völlig natürlich ist. Im Grunde wichtig und die Gesundheit erhaltend. Logisch darauf fussend, weil Scheidenmillieu nun einmal ein feuchtes, Schleimabgänge etwas mit Eissprüngen etc. pp. zu tun haben.

Die Frauen denken, sie sind krank, weil sie tagsüber unten feucht sind. Das sie das denken hat natürlich mit mangelnder Aufklärung zu tun, alternativ unverständlicher Furcht vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper – vor allem aber mit einem völlig verklärten Weltbild der Frau (als auch Sex) wie er in der Werbung praktiziert wird. Das fängt bei blauer Menstruationsflüssigkeit an und hört bei Küssen von pickelfreier Haut und mit TicTac-Atem auf.

Und das in der Hauptsache war das Anliegen von Roche dagegen zu schreiben. In dem Punkt bin ich (ich lese das Buch auch gerade) absolut bei der Frau und diesbezüglich finde ich das Buch sehr gelungen. Mir ist klar, das genau die «Mädels» die dieses Buch sich hinter die Ohren lesen sollten, es genau nicht tun werden.

Was den Punkt Geruch angeht, Frau Roche schreibt auch nur das, wovon mancher Gyn träumen würde: sich eben nicht zweimal täglich das Feuchtmilieu kaputt schäumen. Feuchtoilettenpapiertücher ungekauft lassen, weil seit deren Existenz die Allergien nun mehr auch in diesen Körperregionen wunderbar Einzug gehalten haben. Und zwar massenhaft. Ansonsten schreibt sie eben nur, dass ihr Geruch, auch ihr eigener Geruch ihr wichtig ist beim Sex. Auch beim Sex nur mit sich selbst. Sie will sich riechen und denn Mann und nicht Deo oder Intimlotion. Kann ich nachvollziehen. Ist eine gesunde Überzeugung. Haben wir Jahrtausende so praktiziert, bis die Chemieproduktion Einzug in unsere Leben hielt und uns erklärt hatte, das sei falsch.

Nein, Roche ist keine begnadete Autorin. Nein, ihre Auseinandersetzung mit Sex in dem Buch wäre auch nicht meine. Andererseits schreibt sie letzendlich nur genauso abstrakt über ihre Sex-Happenings, wie ich das vornehmlich von männlichen Autoren so kenne. Soll sie. Ich bezweifle, dass das Buch je die Intension hatte, sexuell zu erregen.


sven k., Do, 20.03.2008, 18:42

Die momentane Populärschreiberszene bewegt sich wohlkalkuliert auf dem Niveau von vorpubertären Kindern, die hyperventilierend kichern indem sie zum ersten Mal Worte wie „Pipi“ oder „ficken“ laut aussprechen. So wird über Sex geschrieben oder über Männer und Frauen in den den Markt verstopfenden „die sind so und wir sind so“-Büchern.

Wirklich schmerzhaft ist dabei wohl nur, dass man sich so unendlich verarscht vorkommt, wenn man dabei zuschaut, wie aus solch juvenilem Gezirpe mit dem Charme von verschwitzten Schulhofgesprächen letztlich Millionenauflagen und profitable Verfilmungen mit dem momentan angesagten Darstellerpersonal werden.

Vielleicht hälfe es, sich einfach mal im Ignorieren zu üben. Es ist doch überhaupt nicht gesund, sich dauernd nach unten zu vergleichen – auch wenn die Medien, und längst nicht mehr nur die privaten, diese Versuchung penetrant heraufbeschwören. Trotzdem. Sich vielleicht einfach mal laut vorsagen: „Mir gehen die Hämorrhoiden von Charlotte Roche am Arsch vorbei“.


typ.o, Fr, 21.03.2008, 10:08

Hat man's zu Ende gelesen, merkt man, daß es eine Leidensgeschichte ist, und eine Flucht nach vorn, oder jedenfalls in eine Richtung, in die man schon unterwegs ist.

Erstaunlich fand ich vor allem die Dissonanz zwischen den auf "Porn" fokussierten Besprechungen in der Presse, und dem Inhalt des Buches, der für mich in ein Genre wie Jelineks Klavierspielerin gehört.

Und, ja und ja: Ich wünsche mir Sex in der Literatur, der weder in den grauenhaften Regionen der brutalfeministischen Texte wie Herdis Mollehaves "Knotenmänner" herumwürgt, Politeratur, die meine eigene geschlechtliche Definition auf viele Jahre hinaus so neurotisiert hat, wie vielleicht bei den oben erwähnten Frauen mit ihrem "Untenrum", und Literatur, die mir ebenso die Mohrrüben im Arsch, die Bukowski auf jeder zweiten Seite einführt, erspart.


DonDahlmann, Fr, 21.03.2008, 13:48

Möhren im Hintern sind ja auch nur ein Stilmittel, genau genommen. Die Provokationen von Miller oder Bukowksi waren ja zielgerichtet, seit dem beide festgestellt haben, dass man damit Geld verdienen kann. Bestes Beispiel ist "Opum Pistorum" von Miller, das eine reine Auftragsarbeit ist. Das ist bei Roche nicht anders. Es mag sein, dass manche Frauen (und Männer) keine Ahnung haben, was "untenrum" so los ist, aber klärt Roches Buch da wirklich auf? Will sie das überhaupt?


roland schwarzer, Fr, 21.03.2008, 16:13

"Warum können deutsche Autoren nicht so über Sex schreiben, dass man bei näherer Betrachtung auf den Gedanken kommen könnte, die Sache würde unter speziellen Umständen auch mal Spaß machen?"

Das liegt in der Natur der Sache. Schließlich hat man in Deutschland keinen Sex wie anderswo, nein man hat "Geschlechtsverkehr". Und das klingt nicht nach Spaß an der Freude, sondern eher wie Arbeit. Oder wie ein Überfall auf Polen.


sven k., Di, 25.03.2008, 18:01

"Seit fönfohrfönfondförzöck wörrd zorrröckejackulliert!"

Please login to add a comment