Vielleicht wäre es ja sinnvoller, wenn man statt "Boot Camps" und härter Strafen mal wieder dazu übergehen würde, mehr Geld in die Ausbildung von Jugendlichen zu stecken. Ich habe keine Ahnung, wie der Bildungshintergrund der Straftäter der letzten Wochen ist, aber wenn man sich die Vorkommnisse aus Hauptschulen anschaut, scheint es zumindest einen gewissen Zusammenhang zu geben.

Es ist typisch für die deutsche Politik der letzten Jahre und auch für die deutschen Politiker, dass man erst an manchen Ecken das Sozial- und Bildungsnetz zusammenstreicht, um dann nach einer gewissen Zeit hilflos vor den Ergebnissen zu stehen. Und um sie dann zu dämonisieren und zur Schuld derjenigen zu erklären, die durch die Streichungen durchs Netz gefallen sind. Hartz IV Bezieher werden ein Lied davon singen können.

Keine Frage - wer auch noch in einer Gruppe einen andern Menschen angreift und ihn zusammenschlägt hat sie nicht mehr alle. Wer seinen Anstand und seinen Respekt vor der Menschlichkeit verliert, der hat eine möglichst harte Strafe verdient. Und jeder, egal wie übel ihm das Leben mitgespielt hat, jeder hat die Chance, seine Entscheidung vor einer solchen Tat zu treffen. Das ändert aber nichts daran, dass Teile der Probleme in den Schulen und auf der Strasse auch zum Teil Schuld einer Politik sind, die sich nicht mehr um Zukunft, sondern nur noch um den nächsten Wahlterimin im Auge hat.

Ich weiß nicht, ob ein besserer Zugang zu Bildung die Vorkommnisse der letzten Wochen verhindert hätte. In meiner, kleinen, gutbürgerlichen Welt glaube ich daran, dass mehr Bildung, mehr Hinwendung zur Kultur auch Menschen dazu bewegen kann, die Finger von Gewalt zu lassen. Und wer Menschen Chancen und Perpektiven gibt, der hat hat dann auch weniger Probleme mit einer Gesellschaft, die aus Angst und Frust durchdrehen. Doch dummerweise werden wir von Menschen regiert, die demonstrierende Menschen für ein Sicherheitsrisiko halten und in den eigenen Versäumnissen der Vergangenheit nun einen weiteren Grund dafür sehen, die Vorratsdatenspeicherung zu befürworten.

Noch mehr zum Thema hat Heribert Prantl geschrieben

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wortschnittchen, So, 06.01.2008, 21:45

Ich bin mir sicher, dass Ganztagsschulen einen Teil zur Lösung der Probleme beitragen könnten. Das Freizeitverhalten gewaltgefährdeter Jugendlicher (zumindest jener, die noch einigermaßen regelmäßig zur Schule gehen) wird weitgehend bestimmt durch ihr soziales Umfeld bzw. dessen Desinteresse an ihrer Entwicklung. Wenn hier schon das Gefühl für "gut" und "böse" nicht vermittelt werden kann, sollte die Schule als Ersatz fungieren. Manche Kinder müssen vor ihren Eltern geschützt werden. Dafür braucht es aber entsprechend ausgebildete Pädagogen, denn mit "normalen" Lehrern ist das nicht zu leisten. Und die kosten eben Geld. Das passt aber weder in den Vorwahlkampf noch ins Bild einer Politikerschaft, die eine Herdprämie ermöglicht.


cemb, So, 06.01.2008, 23:01

BarCamps statt BootCamps. Finde ich besser.


timanfaya_, Mo, 07.01.2008, 10:27

ich habe in zwei nicht sonderlich problematischen städten des ruhrgebiets recht guten kontakt zu politikern und insbesondere ihren spd nahen "integrationsbeauftragten" (nennen wir das mal so). ich nehme mal an, daß die jenseits von wahlkampf - also privat - die ungeschönte wahrheit erzählen. und die scheint zu sein, daß wir ein sehr hohes maß an nicht integrationsinteressierten jugendlichen in unserem land haben (o-ton: "die ereicht man einfach nicht mehr. egal mit welcher maßnahme ..."), deren nicht vorhandene hemmschwelle zur gewalt jenseits unserer "normalen" vorstellung liegt (insbesondere bei teilen der russlanddeutschen). aus eigener beobachtung in sozial kritischen umgebungen würde ich das eins zu eins bestätigen.

das mit der bildung stimmt mit sicherheit. wie so vieles im sozialen bereich. andererseits glaube ich auch nicht, daß vier laufende fernseher in einer drei zimmer wohnung morgens um 10 uhr (original so gesehen) ein guter start ins leben sind. aber das eigentliche problem ist zu einer zeit entstanden, als jeder zugereiste ausländer ein freund war - und jeder aus der grünen gutmenschen ecke zum nazi gestempelt wurde, der das nicht uneingeschränkt so zur kenntnis nahm und auf das ein oder andere gesellschaftliche problem hinwies.

aber das ist schnee von gestern. von trotzdem keiner wirklich weiß, wie man den wieder vom gehweg bekommt. ganztagsschulen sind dabei sicherlich der beste ansatz, um das aufzuarbeiten, was in den elternhäusern schon seit jahren nicht mehr geschieht.


creezy, Mo, 07.01.2008, 11:55

Don bitte, nicht auch noch Du: es gibt keine Hartz IV-Bezieher in Deutschland. Hartz IV ist eine Stufe in einer Konzeption gewesen. Die daraus resultierende an die Bürger ausgezahlte Leistung heißt Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe.

Ansonsten ja, natürlich wäre das der einzige und richtige Ansatz. Die Kürzungen im Bildungsbereich sind unvertretbar, vor allem weil ich mich gut erinnere, dass schon zu meiner Schulzeit an allen Ecken und Enden geknappst wurde.

Nichtsdestoweniger in den sehr aktuellen Fällen waren ja auch «Jugendliche» beteiligt, die erst vor sehr kurzer Zeit aus ihrem Geburtsland nach Deutschland gekommen sind. Da ist in einem anderen Land ebenfalls versagt worden.

Ganztagsschulen sind auch kein wirklich guter Ansatz, weil das Modell hier auch nicht wirklich kompetent umgesetzt wird. Wie auch ohne Geld. Gewalt an Ganztagsschulen passiert häufiger und ist aggressiver.


mutant, Di, 08.01.2008, 14:14

@timfaya:
in was fuer einer welt lebst du denn?
wann war denn jeder auslaender ein freund? faellst du auf deine eigenen luegen rein? fakt ist, das sehr lange (hat das eigentlich aufgehoert?) die sog auslaender als eine voruebergehende erscheinung (gastarbeiter) gesehen wurden, um deren integration man sich nicht bemuehen musste, da sie ja eh, aehm, naja, irgendwie verschwinden, vermutlich, irgendwann, oder so...
und die "russlanddeutschen" sind ein relikt des kalten krieges, wenn die leute dann hier waren, wollte man mit ihnen doch nicht so recht was zu tun haben, bzw intergrieren musste man die ja auch nicht, denn sie waren ja doch "volksdeutsche" (hackenzusammenschlag).
mit dem eignen lumpenproletariat wollte sich nach den 70er jahren dann auch keiner mehr abgeben, weil: eigentlich duerfte es das in unserem tollen sozialstaat doch garnicht geben!
also haben wir hier einen schoenen pool von abgehaengten und marginalisierten, die weder durch halbherziges multikulti (kultur? was ist das?) noch durch cdu-hardlinertum "erreicht" werden koennen.

fuer diejenigen, die schon auf diesem zug mitfahren, bringt eine ganztagsschule nichts, denn die gehen garnicht mehr zur schule, selbst wenn sie muessten.
auch ein bootcamp wird diesen jungen leuten nicht weiterhelfen, da dort genau das praktiziert wird, was sie dorthin gebracht hat. da koennen sie, wie im knast, hoechstens ein paar neue techniken lernen.


justina1980, Di, 08.01.2008, 14:31

Also ich bin auch für Ganztagsschulen, die Kinder kommen nur auf dumme Gedanken, wenn ihnen langweilig ist, sich keiner um sie kümmert und sie keine richtige Erziehung erfahren!
Ausserdem ist es sehr wichtig das Bildungsniveau zu steigern!
Jugendliche würden weniger straffällig werden, wenn sie sich in einem anderen Umkreis befinden würden, in einem guten sozialen Umfeld! Was ebenfalls wichtig ist, ist das die Ausländer besser in die Gesellschaft integriert werden, die meisten Jugendstraftäter sind schließlich Ausländer!


lichterspiele, Di, 08.01.2008, 21:06

Hm, Zugang zur Bildung ist ja eine schöne Sache. Der Zugang ist da, man muss ihn aber auch annehmen (wollen).
Kleine Kinder habe dafür natürlich noch kein Verständnis, daher würde an der Stelle etwas mehr Strenge sicher nichts schaden (nein, ich rede NICHT von Prügelstrafen).
Nur kommen dann gleich wieder die Eltern mit Anwälten angerannt.
@mutant: mag sein, dass nicht viel für die Integration getan wurde, das Spiel kann man aber locker von zwei Seiten aufziehen. Integration heisst zum Beispiel auch die Sprache lernen. Und in dem Moment sprechen Ausländer ganz schnell von "Zwangsgermanisierung". Ganz toll.

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