Manchmal hat man im Fernsehen die Chance dabei zu zusehen, wie jemand sich selbst demontiert. Beim gestrigen Interview von Sandra Maischberger mit Karl Lagerfeld war so ein Moment, aber das Ergebnis war überraschend.

Nachtrag 07.12.2006: Die hier besprochene Sendung ist auch online bei der ARD zu sehen (Real Player Stream)

Es gibt Menschen, die lassen sich leicht interviewen. Das sind Menschen, die ein Gespräch suchen, und nicht nur die Fragen abhaken wollten, die man ihnen stellt. Es gibt aber auch Menschen, die sind fast unmöglich zu interviewen. Dieter Wedel ist so einer. Ein Interview mit Dieter Wedel geht so: man hat 30 Minuten Zeit, kommt rein, stellt genau eine Frage und Wedel fängt an zu reden. 30 Minuten lang. Dann geht man wieder. Und dann gibt es Menschen, die interviewt man nicht, denen gibt man Stichworte. Harald Schmidt ist so einer. Er ist viel zu klug, als das er auch nur ein Jota von seiner Rolle als Spießbürger abrücken mag. Es wäre auch völlig blödsinnig, ihn Sachen wie "Wissen sie was Armut ist" zu fragen, um dem "Schmidt mal auf den Zahn zu fühlen". Solche Fragen sind sinnlos, weil man keine vernünftige Antwort von jemanden erwarten kann, der sich für die Öffentlichkeit eine zweite Persönlichkeit zugelegt hat. Man gibt Kunstfiguren ein Stichwort, man bekommt eine mehr oder weniger launige Antwort, die zumindest für eine kleine Schlagzeile reicht und beide Seiten sind zufrieden. Der Journalist, weil er ein schönes Interview hat, die Kunstfigur, weil sie weiter an ihrer Legende stricken konnte. So ist das mit Kunstfiguren, und noch schlimmer ist es mit Menschen die schon lebenden Legenden sind. Das muss man nicht mögen, aber wenn man es nicht mag, dann lässt man eben die Finger von einem Interview.

Das hätte Frau Maischberger gestern machen sollen, als sie sich Karl Lagerfeld ins Studio geladen hat. Lagerfeld, der zu vor schon einigermaßen launische Interviews in der ARD und dem ZDF abgeliefert hatte, ist so eine lebende Legende. Dass muss man auch sein, wenn man sich 40 Jahre lang in der Pariser und internationalen Modeszene auf einem der ersten Plätze halten kann. Vermutlich geht sowas nur, wie in anderen Branchen auch, mit der Einstellung, die Lagerfeld auch gerne zum besten gibt: "Ich bin Opportunist und mag die Veränderung, deswegen ist Mode für mich OK". Wahrscheinlich überlebt man auch nur, wenn man sich irgendwann selber zu einer Ikone stilisiert, zu einer Art lebenden Barbiepuppe, die alles darf und nichts muss. Eine völlige Kunstfigur, die nur noch auf sich selbst bezogen leben kann, die nicht anderes erwartet, als das man nach dem Ego fragt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten angewöhnt hat, in Interviewfragen genau die Lücken zu suchen, die es einem erlauben auch bei der absurdesten Fragestellung über sich selbst reden zu können.

Lagerfeld ist ein Meister in solchen Sachen. Er hat es gelernt sich wie eine seiner Modenschauen zu inszenieren. Aufwendig, pompös, chic und immer mit einer Überraschung dabei, die im ersten Moment verstörend wirkt. Ob es seine Wortschöpfung "Auto-Faschist" ist, oder die Aussage, er habe so viele Häuser, er wisse nun mal nicht wie viele Angestellten er habe. Alles kalkuliert, wenn auch vielleicht nicht alles erfunden. Nicht alles liebenswert, aber unterhaltsam und auffällig genug, dass man im ersten Moment erstaunt daneben sitzt und erstmal die Stirn runzelt. In der Zwischenzeit hat man dann seine Frage vergessen und Lagerfeld redet über was völlig anderes.

Ich hab Sandra Maischberger immer für eine ebenso einfühlsame wie intelligente Journalistin gehalten, jemand er klug genug ist zu wissen, dass Menschen wie Lagerfeld nur freiwillig etwas von sich preis geben, und nie auf Nachfrage. Da hab ich mich wohl getäuscht oder Frau Maischberger hatte gestern einen extrem schlechten Tag, denn sie wirkte nur wie eine trutschige, quäkende, spießige Journalistendarstellerin, die auf Teufel komm raus einen Selbstinszenierungs- und Medienprofi wie Karl Lagerfeld die Maske vom Gesicht reißen will.

Gleich am Anfang reitet sie minutenlang darauf rum, dass Lagerfeld mit seinen Handschuhen und seinem hohen Kragen nur von seinem wahren Alter ablenken will. Das macht sie so lange, bis Lagerfeld genervt seine Handschuhe abstreift, und man was sieht? Eine Hand, die ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Lagerfeld spricht spitz von Altersrassimus und wechselt das Thema. Dann nölt sie rum, und bohrt nach einem sozialen Gewissen. Nachdem sie ihn damit auch nicht bekommen hat, zieht sie ihre Trumpfkarte und spricht die hungernden Models an, und Lagerfeld wiederholt seinen Satz "In Frankreich haben 15-20 Prozent der Frauen deutliches Übergewicht. Um die sollte man sich zuerst kümmern, und nicht um die vielleicht 0,1 Prozent Magersüchtigen in der Modebranche." Was für eine Antwort soll man auch erwarten, wenn man den Mann interviewt, der seit 30 Jahren nichts entwirft, was über Kleidergröße 36 rausgeht? Und je mehr sich Lagerfeld ihren wirklich durchsichtigen Fragen entzieht, desto nöliger und genervter wird sie, desto mehr Aggressivität legt sie in ihre Fragen und unterbricht den Gast mehrfach unhöflich. Gegen Ende der Sendung schleppt sie den seit Jahrzehnten bekennenden Atheisten auch noch in die Synagoge in Berlin. Nach dem Motto "Wenn ich dich mit nichts bekommen habe, mit dem Schuldgefühl gegenüber der jüdischen Bevölkerung bekomme ich Dich auf jeden Fall" und fragt vor den verglasten Trümmern der alten Synagoge nach seiner Staatsbürgerschaft.

Das war dann der Punkt, an dem man, egal wie unmöglich man die Erscheinung Lagerfeld finden mag, wirklich Mitleid ihm bekommen musste. Am Schluss konnte man nur erschrocken feststellen, dass das Weltbild einer Maischberger nicht mal annähernd dazu in der Lage ist, mit einer Kunstfigur umgehen zu können. Sie versteht es einfach nicht und es war erschreckend zu sehen, wie wenig sie auch im Laufe des Interviews verstehen wollte und konnte. Sie mag einen deutschen Politiker mit der Frage "Jetzt mal ehrlich..." in Schwitzen bringen, aber von anderen Dingen sollte sie tunlichst die Finger lassen, um den Zuschauern weitere Katastrophen wie die von gestern Abend zu ersparen.

Nachtrag 07.12.2006: Die hier besprochene Sendung ist auch online bei der ARD zu sehen (Real Player Stream)

(Wiederholung der Sendung 07.12, 11:45 Uhr rbb, 09.12. 23:45 Uhr 3sat, Angaben ohne Gewähr da der Gast zur Sendung nicht in der Info steht)
Quelle der Zitate: Wikipedia

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sebas_, Mi, 06.12.2006, 22:05

Autsch. Sie war meine Jugend-Interview-Heldin.


g a g a, 6. Dezember 2006 22:50:53 MEZ

oh là là. das liest sich in der tat überraschend peinlich. nicht gesehen, vielleicht in der wh. der unterhaltungswert dessen, was lagerfeld zu zeigen bereit ist, ist sicher ungeachtet der sympathie oder antipathie, die man ihm entgegenbringt, unbestritten. ich mag ihn ja. er ist in vieler hinsicht schnell. das kann man nicht von vielen behaupten. hinter dem flotten mundwerk mit den pittoresken formulierungen steckt nach meiner wahrnehmung schon etwas mehr substanz als nur kalkulierte irritation.


saxanasnotizen.blogspot.com, 7. Dezember 2006 09:45:01 MEZ

Ich mag Lagerfeld sehr. So verschieden sind wir. Kann man mal sehen.


osaka, 7. Dezember 2006 13:02:15 MEZ

grr

habs auch gesehen... einfach nur unmöglich...


timanfaya_, Do, 07.12.2006, 13:12

ich erinnere mich an eine sendung von "ich stelle mich" vor etwa 20 jahren. claus hinrich casdorff hatte karl lagerfeld zu besuch, und beide waren sich eindeutig nicht grün. aber anstatt die sendung dadurch zu versäbeln geriet das ganze zum verbalen hochgenuß, da beide florettähnlich und in bemerkenswerter frequenz neben dem normal geführten gespräch ihre spitzen austauschten. die waz betitelte am nächsten tag den bericht zur sendung auf ihrer titelseite[!] mit "götterdämmerung". schade, von der sendung hätte ich gern eine aufzeichnung. ein referenzobjekt für jeden rhetorik hochleistungskurs. gut, daß ich das maischberger drama nicht gesehen habe ...


dr. jo, 7. Dezember 2006 17:03:44 MEZ

Da hat dich nicht die Maischberger direkt schuld. Mit Kerner, und wie die anderen Dödel heissen, wäre es genauso gelaufen. Das ist der Stil, der zur Zeit in solchen Interview-Sendungen gefragt ist. Das hat seine Grenzen bei solchen komplexen Figuren wie KL, oder hochintellektuellen Denkern. Sozusagen Standard-Behandlung. Was anderes wollen die Zuschauer auch nicht - weil sie ja dann nicht wissen, was sie erwartet. Die Systemgastronomie im Talk-Show-TV.


DonDahlmann, 7. Dezember 2006 17:54:00 MEZ

Nö, bei Kerner war er ja schon, bei Beckmann auch. Beide waren schlau klug haben ihm einfach nur Stichworte geliefert.


creezy, Sa, 16.12.2006, 21:02

Ja, das sind ein paar sehr ungleiche Kräfte aufeinander getreten. Vielleicht fühlte sich die Dame im Postfuhramt nicht wohl?

Aber „Alterrassismus“ hat mir gut gefallen. Auch diese vehemte Abscheu seiner Person beim Anblick der beiden Tattergreise, muss schön sei, wenn man sich seine eigene Welt basteln kann und sich von allem, was einen nicht passt ausklingen kann.

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