Frust beim Arbeiten. Ist uncool, hat trotzdem fast Jeder. Ich auch. Vor allem heute. Stunde um Stunde recherchieren und überall dasselbe hören ist einfach zum Erbrechen langweilig...

Als zwangsläufig zukunftsorientierter Marketing-Mensch muß man viel Gegenwärtiges lesen. Das weiß kaum jemand besser als der Merlin des Mainstream, Mathias Horx. Auf den berufen sich deutsche Medien seit Jahren immer dann an, wenn irgendwas bereits deutlich nach „Trend“ riecht.
Statt ihre Hausaufgaben selbst zu machen, sprich zu recherchieren, zitiert die Journaille den Zukunftsforscher Horx, wie er anderleuts Studienergebnisse, etwa von Price Waterhouse Coopers oder BITKOM zitiert, und dazu vielleicht noch (ohne Quellenangabe) einen Artikel aus dem Harvard Business Manager und/oder Fortune interpretiert. Beispielsweise zum Thema Community Marketing und In-Game Advertising.

Ein bisschen Geraune über gesellschaftlichen Wandel, Paradigmenwechsel usw. dazu und schon reicht's nicht nur für FT und Handelsblatt, sondern auch für Zeit, Spiegel usw. . Dann kommen die ersten TV Magazine, basteln ein wenig human touch dazu (16-jährige Mädels im Buzz-Fieber oder so) und ein paar Wochen später erkennen ihn dann wirklich Alle, den „Trend“. Eine knappe MInute bevor Mutter Beimer darüber nachdenkt, ein Video bei YouTube reinzustellen und/oder ein Reisebüro-Blog zu schreiben, während Hansemann über eine T-Online-Werbung im Computerspiels seines Sohns wettert...

Nichts gegen Herrn Horx persönlich. Der ist ein fleißiger Mann, Soziologe, und hält sich breitflächig auf dem Laufenden. Und weil er seine Pappenheimer bei der Presse und vor allem die in den Marketingabteilungen der Top 500 Firmen kennt, schaut er öffentlich selten mehr als maximal 4 Minuten in die Zukunft und das stets abgefedert durch frühere Erkenntnisse aus anerkannteren Quellen. Das ist klug und pragmatisch dazu. Eigentlich könnte man Horx auch offiziell zum Rollenmodell ernennen. Denn das isser. Für eher lahm daher kommende Prognosten genauso wie für den nächstbesten selbsternannten Berliner Advantgardisten. Merke: Zweieinhalb Minuten Vorsprung reichen. Fast immer.

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stollentroll, Fr, 15.09.2006, 09:46

Unglaublich neue Mega-Trends. "Emotionalisierung der Märkte", auf sowas ist die Werbung ja noch nie gekommen. "Simplify-Bewegung", als Soziologe müsste er eigentlich "Komplexitätsreduktion" sagen und den vor einigen Jahren verstorbenen Urheber Niklas Luhmann erwähnen. Für Sätze wie "Und es kommt jetzt darauf an, in vorausschauender Weise die Weichen für den Aufbruch in die Weltgesellschaft von morgen zu stellen" sollte man ihm die Zukunftslizenz entziehen.


dings, Fr, 15.09.2006, 11:47

soweit vorne wie horx ist, werde ich nie sein - ich kann einfach simple gegebenheiten nicht erfolgreich verkaufen. käse schon gar nicht.

beachtlich fand ich:

  • "das verfügbare Pro-Kopf-Nettomonatseinkommen liegt mit rund 2.100 Euro über dem bundesdeutschen Durchschnitt." das kann nur von den a-bloggern kommen, die meisten anderen, die ich kenne, drücken den schnitt ganz schön nach unten.
  • "die Befragten widmen durchschnittlich 3,61 Stunden pro Woche ihren abonnierten Podshows". Ich 10 Minuten. Wer hat soviel Zeit zu verschenken?

dreasan, 15. September 2006 17:57:36 MESZ

Pragmatisch, schmerzfrei, und schamlos selbstherrlich sein das kann man sich anerziehen (oder coachen lassen), egal in welcher Berufsgruppe man unterwegs ist oder welche Berufung man verspürt. Aber da hat ja nun mal nicht Jeder die charakterliche Disposition und/oder Traute für. Wer aus Gründen Scheu davor hat, Banales/Bekanntes als brandheisse Erkenntnisse darzustellen, X-mal Dagewesenes neu aufzukochen und seine Kompilierungsleistung LAUT als wissenschaftliche oder kreative Großtat zu präsentieren, der kriegt Medienpräsenz und fette Honorare eben bestenfalls per Zufall und bleibt bei den kleineren Lichtern. Aber in Menge können die ja auch ganz schön warm halten...


viktorhaase, 16. September 2006 14:20:45 MESZ

puh

nicht meine baustelle. ich halte es eh lieber mit herrn haas, der immer den neorealismus in der kriminalliteratur verteufelte. aber allein aus dem grund, wie er später zugab, weil er recherchen hasst. ausdenken ist besser, da es viel schneller geht und keine kopfschmerzen macht.


chat atkins, Mi, 20.09.2006, 12:37

Trendforscher können grundsätzlich nur Entwicklungslinien, die aus der Vergangenheit auf der Zeitachse in die Gegenwart hineinragen, in die Zukunft hinein verlängern. Das Unvorhersehbare aber kann niemand prophezeien. Auch ein Matthias Horx musste gegenüber einem Kontingenzbruch wie Nine-Eleven notwendigerweise blind bleiben. Sein Geheimnis besteht darin, dass er früher als andere loströtet und sich so als Frühalarmist einen Namen verschafft. Ein Image, das dann wiederum bestehende Entwicklungen, die er aufzeigt, zu einem "Trend" verstärken kann.

Meistens liegt er allerdings mit seinen anbeglichen Trends voll daneben. Aber wen interessiert schon die Prophezeiung von gestern - Hauptsache, wir haben darüber berichtet ...


mark793, 20. September 2006 21:29:32 MESZ

Meistens daneben?

Den Eindruck hatte ich bisher nicht. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich Horx' Leben und Werk nicht so genau studiert habe. Ich selber habe für den Zukunftsletter und die eine oder andere Publikation mal bisschen was an Text zugeliefert. Und kenne auch den einen oder anderen damit Befassten. Mein Eindruck (und wenn man so will mein Kritikpunkt) ist eher, dass da halt vieles verkündet wird, was schon einigermaßen offensichtlich ist. Aber allzu grobe Fehlleistungen aus dem Hause Zukunftsinstitut habe ich grad nicht auf dem Schirm.

Der allerübelste Schwätzer und Scharlatan auf diesem Sektor, der unerreichte Meister des prognostischen Schwurbels hieß ja wohl ohne jeden Zweifel Gerd Gerken. Aber ich fürchte, an den notorischen Schwafler werden sich hier nur die älteren Semester erinnern. Und das ist eigentlich auch ganz gut so...


claus thaler, 28. September 2006 16:52:04 MESZ

Horx, was kommt von draußen rein?

"Das Internet wird kein Massenmedium - weil es in seiner Seele keines ist."

("Welt" vom 24. März 2001)

Und was sagt Horx nach den Anschlägen auf das WTC?

"Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat nach den verheerenden Terroranschlägen in Amerika vier Szenarien für die Zukunft der Welt entwickelt. Möglich sei erstens ein „Djihad Zeitalter“ des weltweiten Niedergangs und der Eskalation des Terrors. Im zweiten Bild, dem „Globalisierung Plus“-Szenario, wächst der Planet durch die Krise zusammen. In der dritten Möglichkeit zerfällt die Welt in Wohlstandsinseln, viertens sei ein Hochsicherheitszeitalter möglich."

(FAZ, 26. September 2001)

Und hier noch ein Zitat aus der "Zeit" vom 31.12.2003 zum Thema:

Prognosenpfand
Harald Martenstein kennt noch zwei Trends mehr als Herr Horx

Matthias Horx sagt: »Es gibt vier Megatrends, die unsere Welt derzeit bewegen. Globalisierung, Alterung, Individualisierung und der Megatrend Frauen.« Matthias Horx ist der führende deutsche Trendforscher. Auf der Homepage seines Instituts schreiben sie: »Matthias Horx packt die Zukunft bei den Hörnern.«

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