Mit Reggae kann man mich ja normalerweise jagen. Nicht, dass ich nicht auch meinen Bob Marley irgendwo im Schrank hätte, aber damit ist mein musikalisches Interesse in Richtung dieser Musik schon beendet. Dabei habe ich, als ich noch in der Vollbemusterung diverser Labels steckte, immer mal wieder versucht, mich mit der Musik anzufreunden, aber irgendwie wollte da nie so recht die große Freude aufkommen. Immerhin entdeckte ich aber auf diesem Weg die Westlich-Arabischen Fusion Sachen von Natacha Atlas, die eine grandiose große Stimme hat und eine zickige Diva allererster Güte ist. Inkl. Migräneanfall beim Interview.

Durch die vielen und langen Autofahrten und die für mich sensationelle Entdeckung von RDS an meinem Radio, bin ich jetzt in der Lage, egal wo ich bin, Deutschland Radio oder DLF zu hören. Und weil ich so viel Deutschland Radio im Auto gehört habe, konnte ich feststellen, dass der Sender a) ganz fantastisch ist und b)im Internet einen genialen Flash Livestream (rechte Seite) hat, über den man verpaßte Sendungen des Tages abhören kann. Aber das nur nebenbei.

Neulich im Auto also D-Radio, die Kulturtipps, und da kommt ein Reggae Stück, was mich zum Kopfnicker macht. Aber noch mehr begeistert mich die Stimme. Ich bin völlig fasziniert merke mir den Namen Tiken Jah Fakoly (was gar nicht so einfach war) und laufe surfte bald zu Amazon wo ich mir das im D-Radio vorgestellte Album zugelegt habe. Nicht eine Sekunde habe ich es bisher bereut.

Tiken Jah Fakoly, das stellte ich schnell per Wikipedia fest, ist in Afrika wohl ein Megastar, der sich politisch sehr stark engagiert. Leider verstehe ich seine Texte nicht komplett und Übersetzungen hab ich bisher nicht gefunden. Er stammt aus der Elfenbeinküste, ein Land seit Jahren von einem Bürgerkrieg faktisch geteilt ist, und findet wohl deutliche Wort zu der Lage in Afrika. Während ich so zu der Musik kopfnickte und mir ein paar Infos aus dem Netz zog, fiel mir mal wieder auf, dass man eigentlich gar nichts über Afrika und dessen moderner Kultur weiß. Was sicher auch daran liegt, das es auf dem afrikanischen Kontinent faktisch kein Internet gibt und Künstler wie Tiken Jah Fakoly in Europa erst dann wahrgenommen werden, wenn sie den Sprung nach Frankreich schaffen. Ich hab mal in meinem Gedächtnis gekramt, und ausser Miriam Makeba, Fela Kuti und Manu Dibango fielen mir auf Anhieb keine weiteren Musiker aus Afrika ein. Geschweige denn Maler oder Autoren. Ich kenne mehr japanische Autoren, als afrikanische, sogar aus Island kenne ich mehr. Dabei glaube ich nicht, dass die Afrikaner keine vernünftige Literatur haben. "Vergessener Kontinent" hat mal einer Afrika genannt. Tiken Jah Fakoly hat ihn wieder in mein Bewusstsein geholt. Und das nur mit seiner Musik. So sollte Musik funktionieren. Und das Album ist wirklich klasse.

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brittbee, Fr, 02.06.2006, 16:16

mir geht´s ähnlich. in sachen reggae bin ich wirklich picky und ertrage nur weniges, das dann aber in heavy rotation. immer und immer wieder die supaschnulzen von bob marley (is this love, sag ich nur). und ganz genial: die australier "the cat empire". gute laune garantiert. wenn man gute laune mag.

aber das phänomen mit dem vergessenen kontinent zeigt sich bei vielem. mir hat mal ein a*te-redakteur gesagt "schwarzafrikaner will keiner sehen". anders werden es die plattenfirmen nicht handhaben. ich hab ja mal ne weile auf madagascar gelebt und da kennt jeder tiken jah fakoly. ich glaube, in afrika liegt manche unentdeckte musikalische goldgrube.


jochenausberlin, Sa, 03.06.2006, 17:20

mein kleiner, gefiederter freund, wenn du mein weblog noch aufmerksamer läsest, dann wäre dir nicht entgangen, dass ich bereits am 24.07.2005 ähnliches schrob. aber es ist ja klar, du hörst ja nur auf so tipps, wenn sie von schwarzhaarigen fotojournalistinnen kommen, nee ist schon klar, mein lieber du. ich sage es daher auch nochmal: kauft mehr matisyahu!


DonDahlmann, 3. Juni 2006 17:49:00 MESZ

Am 24.07.2005 war ich in Hamburg! Ich konnte das gar nicht lesen!

Beweis!

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jochenausberlin, 3. Juni 2006 22:52:32 MESZ

ah, stimmt ja, in hamburg gibt es bekanntlich kein internet.


jeanluc, So, 04.06.2006, 10:39

Naja, ich kenne nicht die deutsche Hitparade.

Aber ich kann Ihnen 75 Soukous / N'Dombolo Bands aus dem Congo nennen. Die Sache ist, die haben ihren eigenen Musikmarkt, ihr eigenes Publikum, ihre Diaspora. Der Punkt ist, daß die Leute hier mit der Musik nichts anfangen können.

Da gibts dann mal Leute von einem Weltmusik-Label die promoten dann einen handverlesenen Künstler aus einem Land als das Tollste dort, aber wenn man da mal hinschaut, spielt der da meist kaum eine oder nicht diese Rolle, aber das ist dann halt so ein Punkt, wo man die Leute hier musikalisch erreichen kann, wenn das gut vermarktet wird. Aber moderne afrikanische Konsum-Popmusik wollen die nicht hören, die wollen was uriges und melancholisches, das kann man hier besser verbimmeln.

Nehmen wir mal Elfenbeinküste. Da kommt glaub Alpha Blondy her. (Aber sonst spielt Reggae in Afrika kaum eine Rolle, mit Ausnahme von Ghana vielleicht...). Aus Abidjan, der Elfenbeinküste, kommt ein musikalischer Trend, der sich bis Cameroun und auch Congo fortsetzte (während der Congo eigentlich ganz Schwarzafrika mit seiner Musik, Rumba Congolais, Soukous, teilweise sehr beeinflußte). Naja, jedenfalls auch in Paris sehr beliebt ist und auch Einfluß bis in die francophone Karibik hat. Ein Rhythmus und Tanzstil, im Ursprung DJ-Musik, relativ elektronisch, monoton, wenig Melodie, Animateur-Sprechgesang - Coupé Décalé. Ich weiß nicht warum, aber da flippen die alle aus, in den letzten Jahren ein massiver Trend weit über die Grenzen der Elfenbeinküste hinaus geworden. Aber wenn man dazu nicht tanzen kann, funktioniert auch die Musik nicht so gut, das ist zu monoton für unsere Ohren, Rhythmus zu fremd. Reggae kennen wir ja.

  • Ab er ich habe paar mal im kapverdischen Radio das Schnappi-Lied gehört, mittedndrin zwischen Kuduru, Funana und Kizomba. Ha ha ha. -

stollentroll, 5. Juni 2006 09:39:00 MESZ

da müsst ihr mal gen süden reisen

Kürzlich war wieder Africa-Festival in Würzburg, wo ich auch den genialen Monsieur Fakoly besuchen durfte. Ich habe noch nie so eine Stimmung in einem Circus-Zelt erlebt. Danach kam Femi Kuti, der Sohn des Feli Kuti und hat das Publikum mit einer Mischung aus Striptease, Tanz, Gesang, Jazz, psychedelischen Saxophonklängen und Santana-Klängen in dreifacher Geschwindigkeit inklusive Rhythmuswechsel im Sekundentakt verwirrt. Neben der erwähnten Miriam Makeba war auch noch Angelique Kidjo anwesend. Sehr nett waren auch Atongo Zimba aus Ghana und Nneka.

Ansonsten mag ich noch Ablaye Imbaye (irgendetwas Nordafrikanisches), Faadah Kawtal und Manches von Marizia. Tiken Jah Fakoly hat schon vor ca. 6 Jahren mal in Würzburg gespielt, damals war er noch völlig unbekannt. Inzwischen läuft seine Musik sogar als Hintergrund zu politischen Reportagen auf Arte und er musste ins Exil nach Mali. Texte gibt es schon im Netz, aber noch nicht zur neuen CD. Afrikanische Einflüsse gibt es natürlich auch in der nordamerikanischen Musik, in Cuba, Brasilien und va. in Kolumbien (Champata, Afrobeat).

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