Grade das Gegenteil tun heißt auch nachahmen, es heißt nämlich das Gegenteil nachahmen. (Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799) Von großen Vorbildern und dem langen Weg zum authentischen Schreiben.

Mit 15 habe ich Henry Miller entdeckt. Ganz klassisch in einer Bahnhofsbuchhandlung. Auch wenn es die Buchhandlung im Bahnhof des stillen Bonner Vororts Bad Godesberg war, die nun wirklich bar jedes Rotlichtmilieus ein ziemlich spießiges Dasein fristete. Entdeckt habe ich Henry Miller auch nur deswegen, weil vorne auf dem Buchcover vom „Wendekreis des Steinbocks“ eine halbnackte Frau zu sehen war. Ein absolut unwiderstehliches Kaufargument für einen 15jährigen. Mit dem Autor Henry Miller selber konnte ich damals absolut nichts anfangen, was sich allerdings schnell ändern sollte. Schon nach wenigen Seiten war ich gefesselt von seiner Art zu Schreiben, von der Klarheit der Sprache, die so einfach erschien und es doch sofort schaffte, mir den bisher bekannten Boden unter den Füssen wegzuziehen. Ich las das Buch in wenigen Tagen, teilweise klassisch mit einer Taschenlampe unter der Decke und ich war infiziert. Nach der Lektüre des Buches war mir klar: Ich will auch mal so was schreiben können.

Weiterlesen bei mindestenshaltbar, für dessen neue Ausgabe ich was schreiben durfte.

Kommentieren



modeste, Fr, 02.06.2006, 00:28

Hah, ja, Miller. Ich will bis heute sowas schreiben können, aber es klappt immer noch nicht. Und so langsam findet man sich damit ab, dass es auch nichts mehr werden wird, und das ist auch okay. Meistens.


timanfaya_, Fr, 02.06.2006, 09:48

... gleiches alter, gleiches kaufargument, gleicher wunsch. bei mir war die halbnackte frau auf "stille tage in clichy". ich denke, wenn man so schreiben will wie miller muß man auch so leben, sonst wird das nüscht. denn das, was miller so auszeichnet ist sein authentische art, das schlüssige im ganzen. er ist nach wie vor der einzige, bei dem ich sex szenen lesen kann, denn normalerweise überblättere ich sowas immer, weil es mich peinlichst langweilt. neben seinen allgemeinen literarischen fähigkeiten ist es insbesondere auch die geradezu banale beiläufigkeit von sex in einer normalerweise ebenfalls banalen handlung, die sein können auszeichnet. und genau das konnte er wohl am besten: die banalität des lebens aufzeichnen, ohne dabei den leser zu langweilen.

p.s.: falls es bisher jemanden nicht so genau interessiert hat, sehr empfehlenswert -> seine interviews und vor allem der schriftwechsel mit anais nin, eine seiner zahlreichen lebens- und f*ckgefährtinnnen.

Please login to add a comment