Unabhängiger Journalismus Teil 8934

Gerade trudelte die neue Ausgabe des DJV Magazin "Journalist" ein. Eingeschweißt darin: eine hübsche Selbstdarstellung von VW. Wo die Firma überall Werke hat. Wie toll viele Autos man verkauft. Was für schicke Autos man so produziert. Welch phantastisch ausgebildete Personen mit guten Zähnen für VW verantworlich sind. Sicher, nette Informationen, aber die kann ich mit einem Anruf bei der Presseabteilung von VW auch bekommen. Und zwar dann, wenn ich es aktuell brauche. Warum nicht direkt vorne auf das Heft noch drauf schreiben, das Journalisten 15 Prozent Nachlass auf Neufahrzeuge, auch auf Sonderausstattung, bekommen. Da ist es auch nur konsequent, wenn man im Magazin auf Seite 41 ff. über den, wahrlich diskussionswürdigen, Medienkodex vom Netzwerk Recherche herzieht, in dem unter Punkt Fünf ja zu lesen steht: Journalisten machen keine PR. Schön dass die Hauszeitung des DJV auch kritisch mit den Kollegen um geht. Das ist also dieser nach Fakten und Unabhängigkeit gierende Journalismus, von dem man in letzter Zeit soviel hört, weil der Journalismus einigen Blogger das Fehlen eben dieser Eigenschaften gerne vorwirft.

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kid37, Do, 06.04.2006, 18:23

Das entsprechende Blatt der dju/Verdi ("M") nimmt auch zum Netzwerk/Recherche Stellung und stellt immerhin fest, wie realitätsfremd es mittlerweile sei, daß Journalisten niemals nie PR machen sollen. Viele Freie könnten ohne gar nicht überleben. Solange jeweils sauber getrennt wird, finde ich das auch akzeptabel.


sonderschüler x, Do, 06.04.2006, 18:45

“Fakten und Unabhängigkeit gierende Journalismus“

taz von heute:
"Falls die Kleinen dann trotz 160 Stunden Sprachkurs durch den Deutschtest fallen, dürfen sie nicht in die Regelschule, sondern müssen eine Förderklasse besuchen."

max hägler hat sich mit der sache 0 beschäftigt wozu auch wenn die richtige ideologie stimmig ist und das macht sich quer durch die gazetten breit ob das die taz oder die zeit is völlig wurscht. wir hatten noch nie einen derart primitiven journalismus.
fakten spielen keine rolle stimmungen sind wichtich in dieser betroffenheitsgesellschaft. wo is da unterschied zum bloggen?
www.taz.de


generator, Fr, 07.04.2006, 09:49

jaja

... die DJV-Zeitschrift/der Verband sind ein Bollwerk für den "investigativen und kritischen Journalismus", wie Michael Konken betont (S. 7). Der VW-Navigator ist genau so dick, wie die ganze Gazette... Am besten das komplette Heftset unausgepackt zurückschicken.

Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit zwei festangestellten Magazin-Redakteuren, die sich noch mehr über das "Geblogge" aufregen wollten als erwartet. Unqualifizierte Blog-News wären demnach schon fast Schuld am Untergang des Abendlandes, vor allem aber des "Qualitätsjournalismus". Besonders im arabischen Raum würden diese "Medien" haarsträubende Gerüchte verbreiten und für zunehmenden Unfrieden sorgen.
"Qualitätsjournalismus" koste nunmal Geld. (Schön, dass VW das auch so sieht und fördert...)

Mein Einwand, dass es traditionelle Printprodukte bisher verschlafen hätten, neue Techniken adäquat zu nutzen und sich damit selbst abschaffen, wurde mit qualitätsjournalistischem Desinteresse übergangen --- eine Arroganz, die Blogqualitäten wiederum bestätigt:
Es geht nicht um Nachrichten-Qualität sondern um Nachrichtenkontrolle. Könnte ja jeder kommen und über Stern-/Spiegel-wichtige Dinge schreiben... Doch wer ist unabhängiger als derjenige, der kein Geld für seine Meinung kriegt?


supatyp, 7. April 2006 10:45:47 MESZ

kamman soenso sehn

dafür gibts in den blogs nix vernünftiges zur rütlischule oder zur torwartfrage


blogistin, 7. April 2006 11:53:23 MESZ

aus jenen gründen, die herr generator da nennt (und noch ein paar mehr), hab ich mein abo gerade gekündigt. 12 euro für ein heft voller - wie auch immer bezahlter - werbung sprengt mein verständnis für qualitätsjournalismus.
abgesehen davon würde mich mal interessieren, wer eigentlich die mehrseitige namensliste (grauenvoll unleserlich gesperrt gesetzte nachnamen) unter "landesverbände" liest …


generator, 7. April 2006 14:13:24 MESZ

(hmm hmm... Frau Generator, bitte.)


kleinesf, Fr, 07.04.2006, 10:39

Ist Eintrudeln nicht ein gästespezifisches Ankommverhalten? Egal.

Jedenfalls wirken sich auch hier wie überall die Abhängigkeiten aus, die letztlich den Niedergang beschleunigen. Predigtmodus off


mark793, Fr, 07.04.2006, 10:43

Naja,

in die Kodex-Debatte mag vielleicht auch mit reinspielen, dass der Berufsverband DJV in solchen berufsständischen Debatten meint, um die Luft- und Deutungshoheit kämpfen zu müssen. Und womöglich ist da auch ein gewisser Frust dabei, dass man es selbst nicht geschafft hat, das Thema Zunftstandards mal grundsätzlich auf die Agenda zu bringen. Stattdessen entnehme ich diversen jonet-Diskussionen, dass der DJV an einer Sprachfibel mit zu vermeidenden No-Go-Wörtern rumschraubt. Als ob der Berufsstand keine anderen Sorgen hätte...


textkoch, 8. April 2006 10:46:54 MESZ

Deutungshoheit?

Der DJV verpennt derzeit einfach, wie sich Journalismus entwickelt. Historisch gesehen, hat jedes neue Medium mindestens ein Jahrzeht rumgeeiert, bevor es adäquate eigene Formen hervorgebracht hat. Als das Radio entstand, haben Zeitungsschreiber Radio gemacht, das in erster Linie aus vorgelesenen Zeitungsbeiträgen bestand (wird ja bisweilen immer noch gemacht). Bis sich so etwas wie eine Radioreportage oder Radio-Feature entstanden ist, hat es einfach gedauert. Das gleiche beim Fernsehen. Ehemalige Radioleute haben nun Radiobeiträge gefilmt, hat auch gedauert, bis das Fernsehen spezifische jornalistische Formen hervorgeracht hat. Und jetzt eben das Internet: Auch hier hat es ein Jahrzehnt gedauert, bis mit den Blogs erstmals so etwas, wie eine wirkliches Internetformat entstanden ist, das auch nur im Internet funktioniert. Wie sich das weiter entwickelt ist völlig offen. Blogs sind ja erstmal nur eine Hülle, unabhängig von der Qualität der Inhalte. Das etablierte Journalisten mit neuen Formen Schwierigkeiten haben ist so gesehen übrigens auch nicht neu. Die Zeitungsleute guckten abschätzig auf die Radioleute und die haben später die Fernsehleute misstrauisch beäugt. Und jetzt gucken eben die Print-, Radio- und Fernsehjournalisten auf die Weblogs und wissen nicht so recht, was sie davon halten sollten. Ist das jetzt Journalismus? Ja, aber...oder doch nicht? Ich denke, die Verlage und Sendeanstalten hatten Ihre Chance Onlinejournalismus zu definiren, aber leider keine Phantasie. Jetzt machen eben andere so etwas wie Blogs und dabei könnte die Deutungshoheit über das, was Onlinejournalismus ist, flöten gehen. Aber so ist der Lauf der Welt..


mark793, 8. April 2006 13:25:11 MESZ

Es liegt in der Natur

eines Berufsverbands, Besitzstandswahrung für die Mehrheit seiner Beitragszahler zu betreiben. Dass sich der DJV nicht "proaktiv" auf das Blogdings gestürzt hat, (ebensowenig wie der entsprechende verdi-Fachbereich), ist doch völlig klar. Oder hat sich Hartmannbund etwa frühzeitig dafür stark gemacht, auch die Heilpraktiker unter die Fittiche zu nehmen?


tknuewer, Fr, 07.04.2006, 11:59

Diese Kritik finde ich, obwohl ich wahrlich kein Freund des "Journalist" bin, ein wenig überzogen. Auch solch ein Blatt muss sich finanzieren. Und wenn VW glaubt, mit der Beilage irgendwas zu erreichen - bitte schön. Desgleichen die merkwürdigen PR-Kontakt-Anzeigen, die im "Journalist" manche Seite füllen - lässt sich prima überblättern.

Aber: Anzeigen beeinflussen nicht generell die Unabhängigkeit. Mit der Argumentation, könnten wir jedes Medium, das sich über Anzeigen mitfinanziert unter Generalverdacht stellen und unseren Berufsstand beerdigen.


DonDahlmann, 7. April 2006 12:36:42 MESZ

Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen einer Anzeige und einem Beileger, in dem sich eine Firma selbst darstellt. Das Anzeigen eine wichtige Stütze der Presse sind, ist völlig klar. Meinetwegen kann der ganze "Journalist" sich per Tabak-Alkohol-Mineralölfirmen Werbung finanzieren. Ein Beileger wie dieser in meinen Augen aber was völlig anderes. Man möge sich vorstellen, welche Häme zum Beispiel Stern/Spiegel/Focus bekommen würden, würden diese mit so einen Beileger erscheinen. Da wäre schnell die Frage gestellt, wie unabhängig diese Magazine noch wären und findige Journalisten würden direkt mal überprüfen, wie oft und wie nett VW in den letzten Wochen im Heft behandelt worden wäre.
Zudem: wenn das Blatt ein Finanzierungsproblem hat, dann sollen sie für DJV Mitglieder den Abo-Preis erhöhen, dass sollte reichen.


kaltmamsell, 7. April 2006 12:38:46 MESZ

Ich weiß auch nicht so recht: Warum widerspricht eine Anzeigenbeilage von VW der Unabhängigkeit der redaktionellen Berichterstattung? Bloß weil in der Süddeutschen der Prospekt eines Münchner Herrenausstatters steckt, halte ich die Lokalredaktion doch noch lange nicht für gekauft.


mark793, 7. April 2006 12:58:30 MESZ

Ich vermag auch nicht zu erkennen,

dass der Beileger als Beleg dafür taugt, dass das ganze Blatt gekauft/korrupt ist.

Grundsätzlich ist es aber legitim, diese Frage zu stellen - auch jenseits der Fachpresse-Zirkel: Gab es beim "stern" nicht mal ne Debatte wegen ner AOL- oder T-Online-CD-ROM vorne drauf? Und die blau eingefärbte "Welt"?

Disclaimer: Ich habe in den späten 80ern/frühen 90ern öfters für Journalist, pr-magazin und Insight geschrieben - und mich aktuell nach jahrelanger Schreibpause überreden lassen, mal wieder was für den "journalist" zu machen. Ich bin also womöglich nicht ganz unabhängig/unbefangen in dieser Debatte...


DonDahlmann, 7. April 2006 13:23:20 MESZ

Das sie gekauft oder korrupt sind, habe ich ja auch nie gesagt. Es sieht einfach nur, auf gut Deutsch, Scheiße aus, wenn ein Blatt sowas macht. Wie Du in Deinen Beispielen ja auch schon angedeutet hast.
Ich frage mich, ob da auch mal nachgedacht: Zum Beispiel, wie das bein den Mitgliedern, bzw. dem Kunden aussieht, wenn so ein Ding plötzlich reinflattert. Ob man tatsächlich möchte, dass der Verdacht aufkommt, VW möchte sich, auf Grund der im letzten Jahr rausgekommen Äffäre und der harschen Kritik der Presse am Führungsstil des Management, nun wieder etwas besser mit den Journalisten stellen. Usw. usf. Ich hätte als Verantwortlicher dieses Aktion allein aus Befürchtung um das Image der Zeitung, nicht gemacht.


DonDahlmann, 7. April 2006 13:25:04 MESZ

@supatyp: zur Rütli Schule gab es beim Spreeblick einen sehr guten Artikel.


blogistin, Fr, 07.04.2006, 13:32

ich empfinde sowohl anzeigen wie auch beilagen im journalist als unpassend. ein blatt, dessen herausgeber eine gewerkschaft ist, sollte sich schlicht und einfach nicht via anzeigen finanzieren. einzig passend ist da für mich der leitsatz, den beispielsweise die stiftung warentest (auch in ihren printprodukten) pflegt "unabhängig und anzeigenfrei".


generator, 7. April 2006 14:15:30 MESZ

bin einfach auch genervt vom werbemüll & altpapier-spam.


zahnwart, 7. April 2006 14:44:47 MESZ

@ blogistin: Ich bin das, der "die mehrseitige namensliste (grauenvoll unleserlich gesperrt gesetzte nachnamen) unter 'landesverbände'" eigentlich immer mit viel Interesse ließt. Schauen, wer wo gelandet ist, und so. Sobald ich 50 bin, lese ich Todesanzeigen ...

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