Nun ja.
Das man im Internet, gerade bei Blogs, damit rechnen muss, das nicht alles was man so liest, der schönen, reinen Wahrheit entspricht, und dass dies manchen Menschen nicht bewußt ist, wundert mich manchmal schon. Das ist so ein bißchen, als wenn man sich darüber beschwert, dass auf Lebensmittelverpackungen das Essen immer besser aussieht, als wenn man es dann selbst auf den Teller hat. Deswegen schreiben die Lebensmittelverpacker auch "Serviervorschlag" klein an die Seite. Vielleicht sollte man das auch bei Blogs machen, damit zarte Gemüter darauf hingewiesen werden, dass zwischen dem was man schreibt und dem was man lebt ein Unterschied existieren könnte.
Das sich eine Autorin in ihrem selbstgestrickten Lebensfäden verheddert. ist wahrscheinlich auch nicht so schlimm. Schlimm ist es wohl, wenn sie dann damit beginnt, dass was sie sich erdacht hat, in die Realität zu transportieren, in dem man andere Menschen benutzt.Ich mag mir das tägliche Ringen um Wahrheit da gar nicht vorstellen. Das Lügen, das nicht mehr anders können, das Wissen, dass es am Ende in Hose gehen muss und das man in einer Art Wahnsinn dann auch noch gleich die Gefühle von anderen Menschen mit in den Abgrund reißt. Vor allem von jenen, die man dann auch als Teil der eigenen Realitätsinszenierung benutzt hat, mit denen man sich getroffen hat, denen man ein Bild vermittelt hat, dass ganz und gar nicht stimmt. Das ist nicht nur unschön, sondern auch eine unverzeihliche Sache, geht es doch nicht mehr nur um die eigenen Gefühle. Und wenn man monatelang jemanden etwas vorgaukelt, ihm in die Augen lügt, dann überschreitet das meilenweit eine Grenze und man darf sich auch nicht wundern, wenn man einem fast so etwas wie Hass entgegenschlägt.
Auf der anderen Seite muss die Frage auch erlaubt sein, wie viel Reaktion verletzte Gefühle einem erlauben, bzw. wie viel Reaktion man sich erlauben kann. Ob man sich nicht auch selbst ein wenig an die Nase fassen muss, wenn sich erst in die Oberfläche eines Blogs oder einiger Mails verliebt, mit der Hoffnung, es möge sich am Ende all das brav bestätigen, was man sich erwünscht. Ob ein verletztes Gefühl immer so alles rechtfertigt. Aber das ist leicht gesagt. Wem ist es nicht passiert, dass man sich in ein Bild verliebt, das man sich eben gemacht. Aber das wirklich nur am Rande. Ich bin da nicht betroffen oder involviert und es ist immer leicht aus der Entfernung zu betrachten.
Ach, Internet. Tanztees wie früher waren da irgendwie unkomplizierter.

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roland, Mi, 20.04.2005, 22:13

ich kannte das gar nicht. wars denn interessant zu lesen?

btw: gerade ein horrorfoto von mir da im flickr von dir entdeckt.


mark793, 20. April 2005 22:28:13 MESZ

"Unverzeihlich"

ist ein hartes Verdikt, das mit Blick auf ein paar nähere Umstände meines Erachtens anfechtbar ist. So gesehen bin ich fast ein ganz kleines bisschen froh, dass Sie nicht Papst geworden sind, Monsignore Dahlmann.


don alphonso, 21. April 2005 16:35:42 MESZ

Wer die reine Wahrheit will, soll ins Bordell - dort bekommt man, was man erwartet, zum Fixum

Alles andere: Wer mit ein paar Lügen leben kann, kann auf dieser Welt seinen Spass haben. Si no e vero, e ben trovato. Und es war sehr gut erfunden. Schön!

Wer keine Lügen mag, mag auch keine Frauen.

Wer das bisserl Realitätskonstrukt dann zwangsoutet und rumerzählt, ist in der Regel aufmerksamkeitsgeil. Erinnert sich noch jemand an Dave-Kays versuchtes Outing von Belle de Jour? Beim Tanztee war es einfacher: Da hatte man dem Sebas eine geschmiert, dass er die Scheuerleisten geküsst hätte.


kurgast, 21. April 2005 16:45:42 MESZ

id est, donA.


supatyp, Mi, 20.04.2005, 22:34

um was und wen geht's?


sebas_hh, 20. April 2005 22:51:18 MESZ

Um was es geht, weiß bislang erst eine Handvoll Menschen. Die anderen kommentieren nur schon mal.


ellelabelle, 20. April 2005 23:23:02 MESZ

Was haben Sie erwartet, Herr Sebas? Blogs sind doch sowas wie die Yellow Press der Privatleute - und Sie haben da ja bisher auch gern mal die eine, mal die andere Perspektive gehabt. ;-) Wird schon. ;-)


isabo, Mi, 20.04.2005, 23:11

Das Problematische daran ist ja nicht, ein literarisches Ich als Blogidentität zu etablieren, sondern diese Identität, diese ROLLE auch dann weiterzuspielen, wenn man jemandem in der Kohlenstoffwelt sehr, sehr nahe kommt.


argh, 21. April 2005 00:09:00 MESZ

das ist eigentlich auch das einzige, das ich daran shocking finde. nichts gegen fake-blogs, nichts gegen kunstfiguren, im gegenteil. aber die grenzen dazwischen so sehr wie in, hüstel, "diesem fall" verschwimmen zu lassen - von dem kindergartenquatsch ("online") ins echte leben rüberschwappen zu lassen - da denk' ich mir doch seit heute früh nur noch "weia". creepy. tragisch, möchte man da fast sagen.

(aus der reihe "nix neues".)


benedikt der allerletzte, Mi, 20.04.2005, 23:41

guck ma

schwult um seine leser und is dann entzetzt und empört bei katastrophen
/sacht auch zitterwolf


muhtiger, Do, 21.04.2005, 04:31

x


wasweissich, 21. April 2005 09:26:23 MESZ

Ich hatte mitgelesen und finde es darum auch sehr creepy. Und sehr deprimierend.


wortschnittchen, 21. April 2005 10:01:31 MESZ

Traurig. Ich finde, da entwickelt sich gerade eine doppelte Demontage. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Herr Dahlmann, übernehmen Sie in klerikaler Verantwortung! (ach nee, die wollten Sie ja nicht, tsss)


wasweissich, 21. April 2005 14:08:38 MESZ

@Wortschnittchen: mich stört, dass Anne als Erklärung die Verdrängung anführt. Verdrängung und Überforderung durch zu viel Verantwortung, deren Grund u.a. schwere Lebenskrisen seien (Tod des Freundes, Tod des Bruders). Erfinden um zu verdrängen kann ich nachvollziehen, kein Problem. Das Weitertragen des Erfundenen ins Leben ist problematisch. Denn genauso wie Verdrängung ein Teil des Umgangs mit Lebenskrisen ist, gibt es andere, sensibilisierende Teile. Dass man beispielsweise behutsamer wird im Umgang mit Menschen, dass man mehr Mitgefühl entwickelt. Und das steht in genauem Gegensatz dazu, Menschen zu verletzen. Ich empfinde Annes Erklärung deshalb als unpassend dem (vielleicht auch fiktiven?) Schicksal gegenüber. Ich kann das schlecht ausdrücken, weiß nicht, ob man das so verstehen kann, ich will auch nicht zu moralinsauer klingen, aber ich finde die Erklärung des Ganzen irgendwie ungünstig, deplaziert, whatever.


wortschnittchen, 21. April 2005 14:59:33 MESZ

@wasweissich: Wir wissen nicht, was wirklich hinter der Erklärung von Anne/Marie für Gründe stecken. Sie sind mir ehrlich gesagt auch egal. Fakt ist: Verdient hat niemand eine solche Demontage. Solche Dinge kann man auch offline klären. Zudem ich diese Veröffentlichung auch als Selbstdemontage von Herrn Sebas empfinde.


embe, Do, 21.04.2005, 10:05

Ich weiß, dass ich nichts weiß
Vielleicht bin ich nur deswegen lediglich amüsiert, weil ich mich nicht so sehr darauf eingelassen habe. Ich könnte jetzt behaupten, dass das wohl Instinkt war; ehrlicher ist wohl, dass mich das "drumrum" eher abgeschreckt hat.
Vielleicht würde ich jetzt auch anders reagieren, wenn ich mal diese Telefonnummer angerufen hätte...


mcwinkel, Do, 21.04.2005, 11:05

Marie. Anne. Anne-Marie, man hätte es wissen müssen.
Frauen.

Tanztee oder Sektbar - ich bin froh, unelektronischer aufgewachsen zu sein.


soljanka, 21. April 2005 12:26:56 MESZ

es erklärt nicht zufällig jemand genauer, was passiert ist??


saoirse, 21. April 2005 14:42:49 MESZ

ach so

@soljanka
das "nun ja" am textanfang kann man anklicken. hab auch erst überlegt, was don papone uns eigentlich sagen will.

@don
da du mittlerweile dank der faktumschaffenden allmacht von you-fm, kombiniert mit deinem katholischen glauben und rheinischen humor, zum bekanntesten blogger deutschlands aufgestiegen bist, solltest du dir allmählich ein paar mehr gedanken über den unterschied zwischen artikel (bzw. demonstrativpronomen) und konjunktion im deutschen machen. wollte ich dir schon immer mal gesagt haben.

@anne-marie (oder wie auch immer)
ich habe neulich post von der BfA bekommen, da man der frau, die ich erfunden habe, eine sozialversicherungsnummer verpassen wollte. sie hatte ja bisher ein eigenes handy, eine eigene e-mail-adresse, ein giro-konto, ein namensschild... und jetzt habe ich es wohl etwas übertrieben, indem ich unter ihrem namen eine nebentätigkeit aufgenommen habe, die nichts mit meinem privatleben zu tun hat... ich kann in dem zusammenhang nur auf leute wie gerd postel verweisen. das hilft.


kid37, Do, 21.04.2005, 21:26

Und ich fürchtete schon, auf dem Blogmich gäb's kein Thema. Ich habe früher gerne bei Mimi/Miriam gelesen und mich rühren lassen, haha. Anne-Marie habe ich dann nicht mehr so verfolgt. Ihre Erklärungen sind mir daher auch eher egal. Sie kann in und mit ihrem Blog machen, was sie will. Und ihr reales Leben dürften die wenigsten hier kennen. Oder?


luise, Do, 21.04.2005, 22:47

Ach, hört doch auf,

als ob es euch wirklich so schockieren würde, als ob es euch alle aus den Schuhen hauen würde, als ob ihr nicht alle genau dasselbe tun würdet, nur eben nicht ganz so ausschweifend, nicht ganz so rigoros. Ein jeder der bloggt, setzt sich in Szene, schmückt sich selber aus, schmückt sein Leben aus, macht sich interessant und lebt sich aus, auf die eine oder andere Art und Weise. Schockschwerenot und uiuiui, jaja, ein neuer Skandal im Bloggerdorf. Mir tun alle beide leid, sie und er, und ich kann alle beide verstehen und wenn ich ehrlich bin, finde ich ihre Konsequenz, erst die, mit der sie sich das Zweitleben aufbaute und dann die, mit der sie es abbaute, bewundernswert. Endlich mal was ehrliches.


clic, 21. April 2005 23:28:06 MESZ

finden Sie das auch noch konsequent, wenn diese verlogene Identität in die Realität überführt wird und Sie bei Verabredungen sitzengelassen werden, mit niedrigsten und dämlichsten Entschuldigungen? Ja? Wer virtuelle Welten aufbaut, sollte sie auch virtuell lassen. Wenn andere Menschen, lebende Menschen hineingezogen werden, die hintergangen, betrogen, verarscht werden, dann sieht die Sache anders aus.


luise, 21. April 2005 23:45:10 MESZ

Es ist nicht in Ordnung, nein, das ist es nicht. Es ist schmerzhaft, für wen schmerzhafter, vermag ich nicht zu sagen. Aber darum geht es mir gar nicht, damit muss sie fertig werden, sie und er und ich glaube kaum, dass Empörungsschreie hier hilfreich sind. Mir geht es gerade eben um die Empörungsschreie, wobei ich die ja noch verstehen kann, immerhin kann es ja jeden treffen, nicht wahr? Führe ein Blog, präsentiere dich im Internet, zeige dich, führe dich vor und finde dich im Glashaus wieder. Und dasselbe kann man getrost mit ins "echte Leben" nehmen. Ach, wie würden wir uns alle wundern, würden wir einen Blick hinter all´ die Fassaden derer werfen, die wir zu kennen glauben, nur weil wir ihnen täglich tatsächlich begegnen. Aber ich fürchte, auch das will niemand wahrhaben, mit der Wahrheit ist das sowieso so eine Sache, jeder hat seine eigene.


syberia, Fr, 22.04.2005, 01:00

Hm. Das klingt alles sehr dramatisch: ihr wird gedroht, sie wird erpresst, deshalb outet sie sich. Mit Bild.
Vier oder fünf Jahre lang hat sie jemand anderes sein wollen. Nur nicht sie selbst. Besorgniserregend. Unfassbar einsam. Wenn es stimmt. Ich weiss nicht, ob ich es glaube, denn auch dies kann erfunden sein.

Ich bin grundsätzlich sehr, sehr vorsichtig, was Internetbekanntschaften betrifft. "Wer virtuelle Welten aufbaut, sollte sie auch virtuell lassen." Sehr richtig. Nett ist, wenn man sie auch solche kennzeichnet. Für die Bilder, die dann in fremden Köpfen entstehen, ist man nur sehr bedingt verantwortlich. Will man jedoch einige der Menschen persönlich kennenlernen, die einen lesen, sollte man keine solche Phantasiefigur erschaffen.

Traurig, das alles.


kathleen, 22. April 2005 01:33:58 MESZ

Ist nicht jede Realität letztlich eine einzelne Realität?
Nach dem, was ich sehen kann, hat sie sich in der Virtualität verheddert. Zuviele Teile gab es, zuviele Kontakte, die sie gern auch in ihrem ganz und gar realen Leben gehabt hätte - jedenfalls nehme ich das so wahr.
Und das könnte man auch als Kompliment sehen...
Die Geradlinigkeit jedenfalls, mit der sie jetzt den Vorhang wegriss, nötigt mir Bewunderung ab.

Die Vorsicht gegenüber Internetbekanntschaften befremdet mich in ihrer Begrenztheit. Der sympathische Typ an der Bar, der mir sonstwas darüber erzählt, wer er ist und was er tut, ist für mich genau so wenig überprüfbar - vielleicht sogar weniger - Internetrecherchen können da wesentlich ergiebiger sein.
Im Kontakt kräftig auf die Fresse legen kann man sich hier wie dort, eine schrittweise Prüfung und neugierige Vorsicht empfiehlt sich grundsätzlich.
Und den Stab über andere zu brechen ist sicherlich etwas, mit dem man mehr als behutsam sein sollte. Wieviel weiß man denn wirklich über die Gedanken, Gefühle, Beweggründe des anderen, selbst wenn er aufrichtig zu sein bemüht ist? Ist es nicht logisch, daß Mensch gemocht werden möchte - niemand geht in Sack und Asche zu einem Rendevous.
Muß man sich nicht vielleich auch fragen, warum man selbst - if so - in einem solchen Fall so extrem reagiert, so verletzt, so verbittert, so unversöhnlich...


stattkatze, 22. April 2005 06:42:38 MESZ

worum es hier vor allem geht, ist, dass jemand stück für stück öffentlich demontiert wird. mit worten, gezielt inszeniert, auf dramatische entwicklung angelegt, als mehrteiler.

ein messer ist ein messer ist ein messer. eine waffe wird es erst, wenn es einer in die hand nimmt.
und was herr sebas da wortreich zelebriert, ist verletzte eitelkeit. die verständlich ist. aber würdelos in der aufmachung. zwei sätze hätten gereicht. hey, da stimmt was nicht. vorsicht. man muss niemanden öffentlich zerlegen, und der fleischgier des publikums vorführen, der vermutlich eher professionelle hilfe braucht. was da im hintergrund abgelaufen ist, an täuschungen im realen leben, denn darum geht es, nicht um das geschriebene wort einer annemarie, ist sicher schmerzhaft. und falsch. bis gefährlich.

was da jetzt als öffentliche reaktion kommt, ist an der grenze zur existenzbedrohung. noch ein zwei details, noch ein zwei hinweise, und der ein oder andere leser wird glauben, sich an der hetzjagd beteiligen zu müssen.
und dann?

menschen sind gefährliche tiere.

und mir macht das angst. was der herr im weißen anzug da treibt. und ekelt mich an.

ich fühl mich ebenfalls getäuscht. ich habe gefühle und zeit in diese frau investiert. versucht zu helfen. eingeladen. zu weihnachten. um ihr ein treffen mit jemandem zu ermöglichen. einen warmen platz anzubieten.

enttäuschend. wenn das, was sie in unseren kontakten inszeniert hat, nicht stimmte.
verletzend. traurig.

so traurig, dass ich hoffe, dass sie das hier liest, und zum arzt geht. zu einem guten.

krank ist keine entschuldigung für verletzungen anderer. ebensowenig wie liebe.

aber verletzte eitelkeit, enttäuschte projektion, ist auch ein armseliges motiv.

it takes two to tango.


sebas_hh, 22. April 2005 07:55:00 MESZ

Ich verstehe sehr gut, was Sie schreiben. Und wäre es so, wie sie annehmen, gäbe ich Ihnen uneingeschränkt Recht. Vor all dem, was jetzt passiert, stand das persönliche Gespräch mit ihr. Und das Angebot, zu helfen. Reaktion waren weitere Lügen. Irgendwann muss das ein Ende haben.

Was ist Bloggen? Manchmal gewöhnliche, manchmal außergewöhnliche Geschichten erleben und aufschreiben. Nichts anderes. Ich habe eine irre Geschichte erlebt und schreibe sie nun auf. Exakt so, wie ich sie erlebt habe. Mit den Unsicherheiten und Zweifeln an jedem Tag. Zugegeben mit dem Nebeneffekt, dass jemand beschädigt wird. Aber wer? Jemand, der nie existiert hat.

Schöner Text zum Thema:
misscaro.blogspot.com


blue sky, 22. April 2005 08:46:14 MESZ

Offenbar ist sie wesentlich gesünder, als Sie sie darstellen wollen, Hr. Sebas. Sonst hätte sie nicht auf Ihre "Hilfe" verzichtet.


praschl, 22. April 2005 09:06:30 MESZ

erbarmen, auch eine aus der mode gekommene tugend.


luise, 22. April 2005 09:07:50 MESZ

Treffer. Danke dafür.


luise, 22. April 2005 09:12:56 MESZ

Erstens macht der Ton die Musik und zweitens frage ich mich, in wie weit Sie selbst daran mitbeteiligt waren. Ich wäre genauso enttäuscht, aber ich würde mir diese Frage stellen.

[Der Beitrag, auf den sich diese Antwort bezieht, hat sich soeben verflüchtigt, schade.]


luise, 22. April 2005 09:54:22 MESZ

Und schreiben ihr E-Mails und schicken ihr Fotos und bitten um Fotos und haben sie gedanklich bereits in allen möglichen Stellungen gef*t. Halten sie für die Verheissung, die ihnen alle Wünsche erfüllt, für die Göttin, die direkt ihren Träumen entsprungen ist. Und dafür muss man als Frau gar nicht in einschlägigen Chats unterwegs sein, man muss als Frau nur andeuten, Frau zu sein, alleinstehend, unter vierzig.


stattkatze, 22. April 2005 09:54:43 MESZ

nein, herr sebas

"Ich habe eine irre Geschichte erlebt und schreibe sie nun auf. Exakt so, wie ich sie erlebt habe."

Sie haben keine irre Geschichte erlebt. Sie haben einen zerrissenen Menschen erlebt. Und den schreiben Sie auf. Schonungslos. Gnadenlos. Herzlos.

Das ist der Unterschied.

Dass Sie hier geantwortet haben, rechne ich Ihnen an.

Aber was Sie da tun.
Ist. Nicht. Gut.

Für niemanden.


middle_of_nowhere, 22. April 2005 09:58:58 MESZ

Read the book, buy the T-shirt.

Na schau. Nun auch der Inquisitor himself; der Herr im weißen Anzug, der auch ansonsten die Wirkung eines Mehrteilers wohl zu schätzen weiß.

Ich frage mich, wie es in einem aussehen muss, der es schafft, ohne erkennbare Skrupel die Befriedigung verletzter Eitelkeit und das Aufjazzen seiner Zugriffszahlen zu verbinden - und das Ganze dann auch noch mit dem Mäntelchen der Entrüstung zudeckt: "Irgendwann muss das ein Ende haben."

Nur mal so, als hässliches Gedankenspiel.

Ich kenne jemanden, der jemand kennt, der Nachname und Adresse zu dieser ohnehin kaum anonymisierten Geschichte hat.

Wenn irgendwann ein ebenso gelangweilter wie inkompetenter Journalist aus zwei halben eine ganze Geschichte macht und die Geschichte in den Mainstream hinüberschwappt, wenn sich zu viele Leute düpiert fühlen und ihr Hexenjagd-Gen spüren, wenn sich dann eine Klage seitens der Unternehmerfamilie und/oder eine Kündigung durch die Agentur anschließt, wenn der Lore-Roman in einem Suizid endet:

Machen Sie dann Ihr kleines Hormonschaufenster dicht; für drei Betroffenheitstage?

Verkaufen Sie Ihr "Spiel" zwei Monate später als Book on demand, mit Freiexemplaren für die Presse?

Und werden Sie für die folgenden Interviews dann schärfere Fotos zur Hand haben?

Pathetic.


febo, 22. April 2005 11:20:25 MESZ

Krank!

Der Realitätsverlust einiger scheint wirklich allgegenwärtig zu sein. Augen zu und dursch würde ich da mal sagen.

Ist euer Leben wirklich so armseelig das Ihr so viele Gedanken an wahre und erfundene, an gelogene und zusammengeschusterte Geschichten verschwendet. Ich sach mal einfach mal puppenlustig drüber wegschauen, dann passt dat schon.

In diesem Sinne! Einfach immer weitermachen.


DonDahlmann, 22. April 2005 17:35:26 MESZ

Das ist ja alles gar nicht eine Frage von Recht oder Unrecht oder Auge um Auge etc. Das ist eine Frage, wie man sich verliebt. Selbst wenn die Frau, in die ich mich verliebt habe, bei Ihrem Namen und ihren Lebensumständen lügt, bedeutet das ja noch lange nicht, dass die Liebe deswegen betrogen worden ist. Ich verliebe mich in einen Menschen, in eine Seele, nicht in ein Bild. Natürlich ist es unschön, wenn ich feststelle, dass ich belogen worden bin. Aber das wird man ja nun dauernd. Auch wenn ein Unterschied darin besteht, ob sich eine Frau die Brüste hat verändern lassen, die Haare gefärbt und Teile ihrer schmutzigen Vergangenheit blumig ausgeschmückt hat, oder ob jemand eine völlig andere Person vorgibt zu sein. Aber in was verliebt man sich?
Schwärmt man für einen Menschen, weil er oder sie vorgibt reich und berühmt zu sein? Oder verliebt man sich in Augen, Haare, Stimme, Haut und vor allem den Kopf mit all seinen Wirrheiten, Gedanken, Lüsten, Abgründen und Humor? Verliebt man sich in das Lachen, die Wärme, die Geborgenheit, die Ahnungen, auf der gleichen Welle zu schwingen, oder in das Auto das sie fährt? Und warum hört die Liebe auf, wenn man feststellt, dass alles Äußere, außer dem Kopf, gelogen war? Die Liebe ist ja immer so absolutistisch und das ist auch gut so, weil sie vielleicht eines der höchsten Güter ist, die es gibt. Das merkt man meist dann, wenn man selbst mal mir der Liebe umgesprungen ist, als wenn es sie jeden Tag um die Ecke im Sonderangebot gäbe. Ich nehm mich da gar nicht aus, ich hab auch schon Liebe verbrannt. Sie benutzt um mir ein Stück Halt zu geben. Und es am Ende bitter bereut, denn das Leben ist ja am Ende doch irgendwie gerecht und das, was man austeilt., das bekommt man oft doppelt wieder. Zum Glück. Damit man irgendwann dann mal merkt, wie einzigartig Begegnungen, auch virtuelle, sein können. Es ist wohl alles nicht nur eine Frage der Lüge, sondern auch eine Frage, wie man Liebe sieht, mit ihr umgeht. Ob Liebe eine Ergänzung der Lebensumstände, oder der Seele ist.


syberia, 22. April 2005 18:19:18 MESZ

"Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann." (Khalil Gibran)


middle_of_nowhere, Fr, 22.04.2005, 19:02

Yes.

Souverän diagnostiziert, Doktor Dahlmann. Denn das tut insbesondere den männlichen Korrespondenten (ich will mich da nicht ausnehmen) wohl am meisten weh: Nicht der (empfundene) Betrug, sondern die Frage, wer da nun mit wem korrespondiert hat. Die eine schöne Seele mit der anderen? Der Flaneur mit der kosmopolitisch agierenden Dame von Welt, an deren Parfum man(n) doch zu gerne einmal geschnuppert hätte? Oder doch nur der innere Hormonsee mit diesen großen blauen Augenspiegeln?

Die Liebe (wenn wir schon so weit gehen) will’s nicht wissen; sie will das Absolute, das Ende der Vernunft und die Auflösung jeder Ordnung.

Und dann dieser hässliche kleine Spagat, das Landen-und-sich-erklären-müssen: Was wollte ich denn nun; von wem und warum? Darf sie denn auch braune Haare haben und vielleicht ein Kilo mehr um die Hüften, kann ich zurücktreten, oder habe ich mich schon verloren? Und gehe ich als Romeo oder begossener Pudel von der Bühne?

Man greift sich also an den Kopf und rückt vielleicht auch das eine oder andere weich gewordene Körperteil zurecht. Ende der Vorstellung, und der Enthüller von eigenen Gnaden geht mit dem Klingelbeutel rum.

Resteverwertung, nach einer mehrjährigen, komplizierten Aufführung, in der man schnell vom Zuschauer zum Nebendarsteller werden konnte.

Es gibt eine Stelle im Doktor Faustus, als sich der geheimnisvolle Autor eines Erfolgsromans - man vermutete einen brasilianischen Nervenarzt oder noch Glamouröseres - als kleiner Angestellter entpuppt (oder so ähnlich; ’s ist schon eine Zeit lang her). Die oberen Zehntausend sind nicht amüsiert. Aber was ist nun trauriger: Die Tatsachen, oder dass sie uns so berühren?

Wir wollen Inszenierung, wir mögen ein bisschen Glamour, und wir wollen verzaubert werden.

Ich weiß dem betrogenen Knaben, der die Saalbeleuchtung angeknipst hat, keinen Dank.


l9, 22. April 2005 19:35:36 MESZ

Kleines Dorfkino.


stattkatze, 22. April 2005 21:19:00 MESZ

möglich

aber die ersten übergriffe in a.s reales leben sind gerade erfolgt. indem sich einer an einer öffentlichen namensliste zu schaffen machte, mit mehr als zweideutigem bezug auf die ganze sache hier. und das ist kein kino mehr. sondern schmierentheater.

[exit]

der betreffende eintrag wurde wieder gelöscht. immerhin.

it's a strange world.

[final exit]


argh, 22. April 2005 23:35:05 MESZ

ich möchte kein teil dieser jugendbewegung mehr sein.

oder so ähnlich.


unberechenbar, Sa, 23.04.2005, 11:46

tja, auch das netz schafft verbindungen, die man niemals für möglich gehalten hätte. und damit verirrungen, verwirrungen, verlogenheit. ich kenne die geschichte nicht, aber ich kann sie mir gut vorstellen. schon alleine diese tatsache verschafft mir respekt. bisher dachte ich mir immer, bloggen könne ein wundbares spiel mit möglichkeiten und identitäten sein, ein spiegel dessen, was man von sich erträumt oder erträumen lässt - von den lesern. doch dann entpuppt sich dieses spiel im grunde auch nur als ganz normaler bestandteil des um applaus und anerkennung heischenden egos. als leben im leben.


itha, 26. April 2005 00:31:06 MESZ

ein x für ein u

nette diskussion:) das hat ja mal spaß gemacht zu lesen!

ich meine, das internet funktioniert so: wenn man will, kann man dort authentisch sein. aber der leser sollte nach möglichkeit niemals mit authentizität verwechseln, was er dort zu lesen bekommt. grob gesagt, ist das alles, was man hier zu lesen bekommt, literatur. interpretationsbedürftig!

autobiographien sind ebenfalls stets interpretationsbedürftig. das geschriebene wort ist es. immer.

natürlich darf und soll man sich in den autor / die autorin verlieben. ist doch klar!

aber man macht etwas falsch, wenn man das alles mit dem RL verwechselt.

der fehler liegt also nicht beim autor. hinsichtlich der wahrheit entzieht sich literatur des moralischen anspruchs auf eine 1:1 abbildung von wirklichkeit. es sei denn natürlich, man nennt sich selbst einen "realisten":) aber vorsicht! gerade die sogenannten realisten lügen oft am besten. es soll halt alles nur noch mehr impetus haben, wenn man was "realistisch" nennt. und es soll einen noch mehr verliebt machen (oder überzeugt oder fasziniert).

der fehler liegt also beim rezipienten. merke: alle dichter lügen. das ist aber nicht weiter schlimm. man muss es nur behalten.

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