Das schwierige ist ja nicht das miteinander reden, sondern dasselbe meinen. Sprache ist ein blödes Kontrukt, dass immer nur auf der Annahme basiert, dass man dieselben Definitionen im Kopf hat. Das der andere das eigene Selbst lesen kann. Irgendwann verschieben sich die Worte, lassen sich nicht mehr durch das Verständnisgitter pressen. Dann steht man da mit seinen Gedanken, die einen in die Sackgasse geführt haben und die Gedanken schauen einen blöd an und zucken mit Achseln, als wenn sie sagen wollten:"Was können wir denn dafür".

Kommentieren



dampfbadbiber, Di, 08.02.2005, 10:56

Was den Österreicher vom Deutschen trennt ist die gemeinsame Sprache (Karl Kraus)

Und dann fällt mir dazu noch das sozialpsychologische Konzept Symbolischer Interaktionismus ein.


itha, 8. Februar 2005 14:02:16 MEZ

ha!

das ist von den sternen geklaut: "irgendwas gehört und aufgetan / irgendwas zerstört, was ein fehler war / notdürftig repariert / schadensbegrenzung engagiert / und weiter - gefahren / man achtet immer nur auf seinen vorteil / und wenn es kracht / schaut der vorteil nur zurück und sacht / ich hab doch gar nichts gemacht / bin doch abstrakt / bin so abstrakt / man denkt gerne an den eigenen kurzfristigen gewinn / wie gewonnen, so zerronnen und den nächsten schon im sinn / das dauert, bis das auffällt, was da fehlt / hat man die chance es zu besorgen schon verspielt / man denkt ja immer nur an seine zukunft / und wenn es kracht / schaut die zukunft nur zurück und sacht / ich hab doch gar nichts gemacht / bin doch abstrakt / bin so abstrakt / sie läßt sich nicht, sie will sich nicht lassen / ach was soll das, laß mich nur machen / denkt man sich und hat schon viel zu viel verändert / die nacht ist längst vorbei und die augen sind gerändert / man denkt ja immer nur an seine liebe / und wenn es kracht / schaut die liebe nur zurück und sacht / ich hab doch gar nichts gemacht / bin doch abstrakt."


DonDahlmann, 8. Februar 2005 14:29:38 MEZ

Nein, das ist ein abgewandelter Gedanke von Henry Miller, der im "Wendekreis des Steinbocks" sinngemäß schreibt, dass man sich nicht auf seine Gedanken verlassen soll, weil die einen am Ende auch nur in eine Sackgasse führen und dann ebenso ratlos sind.


itha, 8. Februar 2005 15:01:45 MEZ

ja

aha. ja, so ist das mit den definitionen. gute definitionen sind welche, die man in übereinkunft mit anderen festlegt. sozusagen interaktiv. siehe auch symbolischer interaktionismus, wie oben. sehr guter hinweis. "Die Bedeutung eines Dings für eine Person ergibt sich aus der Art und Weise, in der andere Personen ihr gegenüber in bezug auf dieses Ding handeln."


DonDahlmann, 8. Februar 2005 15:52:55 MEZ

Das Problem ist ja nicht die Bedeutung, sondern die Definition, die dahinter steckt. Da funktioniert Sprache eben nicht mehr, weil sie die emotionalen Geflechte nicht tragen kann. Mann kann die Bedeutung von etwas erfassen und in eine Interaktion setzen, rein logisch. Aber das bedeutet nicht, dass dies auch kongruent zu den emotionalen Empfindungen ist. Wenn man Emotionen als losgelöste Empfindung ohne den sprachlichen Ballast wahrnehmen könnte, gäbe es keine Singlebörsen im Internet.


itha, 8. Februar 2005 18:27:00 MEZ

ein gewisses maß an sprachskeptizismus ist schon ok. aber die kunst ist ja gerade, etwas so auszudrücken, dass es auch verstanden wird. und das ist eben schon ziemlich stark auch auf gegenseitige interpretationen angewiesen.


y.s., 8. Februar 2005 18:53:17 MEZ

Emotion als Empfindung ohne Sprache

Aber das kann man doch. Ich kann das. Da sieht man sich gegenseitig beim Leben zu, den Alltäglichkeiten, und irgendwann sieht einer die Emotionen in den Augen des anderen. (Könnte auch was von Aura schreiben, aber das klingt gleich so grauslich. Stimmungen schwingen in Räumen, ist besser.) Dazu muß man sich schon lange kennen und vielleicht viel parliert haben und einzelne Worte stundenlang erklärt.

Ein Baby muß das ja auch können. Und wenn ich bedenke, wie sehr ich mich narzisstisch verrenkt hab anscheinend, dann ist das nonverbale Kommunizieren mächtig mächtig.


y.s., 8. Februar 2005 19:12:36 MEZ

Na gut, ich muß sagen: Bin auch ein einfaches Gemüt. Oder "Hab"?


itha, 8. Februar 2005 19:24:25 MEZ

"Dazu muß man sich schon lange kennen und vielleicht viel parliert haben und einzelne Worte stundenlang erklärt."

ja, für manche dinge muss man das.

nichts übertrifft natürlich das jahrelange zusammenleben in dieser hinsicht. dafür muss man aber eben auch irgendwann mal etwas sprachlich getan haben. abkürzen und weglassen geht erst später, glaub' ich. allerdings ist das ja dann auch nicht immer so das wahre. in vielen fällen muss man doch miteinander reden. auch später noch.

die single-börsen im internet gibt's hauptsächlich, weil die leute selbstbezogen und merkwürdig anspruchsvoll sind. sie suchen nach dem "perfekten match", sozusagen nach etwas von natur aus passendem, etwas, wo der anteil an verhandlung und interaktion von vorne herein nicht so groß erscheint. und genau diese idee wird in solchen börsen ja verkauft. dabei wären fähigkeiten wie zuhören, ausreden lassen und vor allem nicht nur hauptsächlich von sich selbst reden wahrscheinlich welche, die viel eher zum nicht-mehr-single-sein führen würden.

gut, dass man nicht immer baby bleibt. wenn ich mich recht erinnere, war das schreien müssen, wenn was nicht in ordnung ist, und dann aber gar nicht genau sagen können, was nicht in ordnung ist, genau das eher ziemlich doofe daran.


y.s., 8. Februar 2005 19:32:27 MEZ

Das ist wirklich gut.

Aber es wundert mich was Sie über diese Börsen schreiben. Denn gerade wen zu finden mit dem Kommunikation möglich ist, erscheint mir schwierig, ist aber das was ich suche. Und zwar wen, der versucht über Emotionen zu reden gerade weil das am Schwierigsten ist und oft nicht funktioniert oder nicht souverän sein kann, da braucht es Mut, denke ich.

Kennen Sie Six feet under? Da gibt es einen Sohn in der Familie der alles anspricht. Er heißt Nate und ich kenne seine Rolle aus meinem Leben - als Antwort kriege ich niemals nicht Worte sondern Emotionen. Ich mag das nicht. Darum vielleicht verliebe ich mich immer in Journalisten oder Schrifsteller. Aber das ist mir jetzt zu persönlich, ich gehe wieder nach Hause.


wasweissich, Di, 08.02.2005, 22:45

Natürlich kann man Emotionen non-verbal ausdrücken, wie Babys es notgedrungen müssen, oder auch Autisten, die nie sprechen lernen. Doch funktioniert das Leben in einer solchen Situation um ein Vielfaches schlechter. Sprache ist unzulänglich, aber sie ist auch das beste Werkzeug, das wir haben. Man kann die Sprache dafür nicht genug wertschätzen – einerseits. Andererseits, und das ist das Dilemma, das Don formuliert, ist man im Umkehrschluss auch an sie gebunden. Um noch einmal den Vergleich zum Autisten anzuführen, ist derjenige, der nicht an Sprache gebunden ist, womöglich in mancher Hinsicht freier und glücklicher – allerdings um welchen Preis.
Es gibt viele Empfindungen, die sich nicht oder wenigstens nicht überzeugend durch Sprache ausdrücken lassen, als erstes fällt mir da Trauer ein. Gerade deshalb freut man sich ja so, wenn es beispielsweise ein Autor in einem Buch schafft, dem sprachlichen Ausdruck der Empfindungen möglichst nahe zu kommen, oft gar nicht durch eine explizite Verbalisierung, sondern vielleicht durch eine gelungene, handlungsorientierte Darstellung eines Konfliktes, der sich ergibt, weil Sprache in die Tiefe der extremen Empfindung nicht Einzug zu halten vermag. (Ich denke an Siri Hustvedts "Was ich liebte"/ die Auswirkungen, die der Tod des einzigen gemeinsamen Kindes auf ein Ehepaar hat.)


Doloris, 10. Februar 2005 01:13:29 MEZ

Die beste Aussage, die ich dazu je gelesen habe

und die noch jeder verstanden hat, so er sich des Problems überhaupt bewusst wurde:

"Die Wahrheit jedoch ist, daß die übervolle Seele sich bisweilen in eine völlig leere Sprache ergießt,
denn niemand von uns kann jemals das wirkliche Ausmaß seiner Wünsche, seiner Gedanken oder seiner Leiden ausdrücken; und die menschliche Sprache gleicht einem zersprungenen Kessel, auf den wir krude Rhythmen wie für Tanzbären trommeln, während wir uns danach sehnen, eine Musik zu machen, bei der die Sterne schmelzen."
(G.F. "Madame Bovary)

Besser kann man es nicht sagen. Sprache ist ein Hilfsmittel. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.


isa_s, Mo, 21.01.2008, 13:49

Aber irgendwie sind Gedanken doch genauso wichtig wie die Spache. Ich denke es könnte doch oft hilfreich sein sich auf in einigen Situationen auf seinen Verstand zu berufen sich nicht immer nur von seinen Gefühlen leiten zu lassen, oder nicht?
Natürlich ist es wichtig sich ofter mal auf die eigenen Emfindungen zu verlassen, doch immer?
Aber mir gefällt der Satz: Sprache ist ein blödes Kontrukt, dass immer nur auf der Annahme basiert, dass man dieselben Definitionen im Kopf hat.
Ich frage mich nur ob es was bringt über solche Sachen zu diskutieren oder sich mehrere Gedanken darüber zu machen, kennt ihr den Spruch: Selig sind die Dummen?

achso ähm.. wie kann man eigentlich hier ein eigenes "Thema" (sozusagen) starten?

Please login to add a comment