Hallo, Staatliche Lotterie-Einnahme Boesche aus Hamburg,
ich hab mal vor drei Jahren eine Los der NKL bei Dir erworben. Teil weil ich übermütig war und dachte, auch Du, Don, kannst ja mal was gewinnen, teils weil ich betrunken war und das Internet in diesem Zustand eine böse Sache ist. Das Los kam auch prompt, gewonnen hat es natürlich nichts. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn ich gewinne nie etwas bei Lotterien.
Das ist jetzt drei Jahre her. Seit drei Jahren habe ich auch kein weiteres Los bestellt. Zwar war ich zwischendurch das ein oder andermal betrunken, aber ich habe dann höchstens bei Amazon DVDs bestellt oder was bei Ebay erworben, was jetzt im Keller steht.
Offenbar bist aber Du, liebe Staatliche Lotterie-Einnahme Boesche, im Umgang mit Kundendaten ebenso lax, wie nervig. Denn seid dem ich keine Lose mehr kaufe, terrorisieren mich diverse Losverkäuferklitschen mit abendlichen Anrufen. Da Du die einzige Losbude warst, bei der ich jemals etwas gekauft habe, liegt die Vermutung nahe, dass meine Telefonnummer aus irgendeinem, Dir wahrscheinlich völlig unerklärlichen Grund, in die Hände dubioser Adresshändler gelangt ist. Dafür bedanke ich mich an dieser Stelle schon mal herzlich.
Toll wäre es aber, wenn zumindest Du, Staatliche Lotterie-Einnahme Boesche, Deine 14tägigen Anrufe unterlassen würdest. Reicht es Dir nicht, dass ich schon mehrfach gegen über den Callcentertussen Deinen freundlichen Mitarbeitern erwähnt habe, dass ein weiterer Loskauf relativ weit unten auf meiner Prioritätenliste steht? Knapp hinter Zahnwurzelbehandlung und Intimkrankheiten? Reicht es auch nicht, dass ich mittlerweile ungefähr sieben Millisekunden nach der Erwähnung des Namens "Boesche" kommentarlos auflege? Und reicht es Dir auch nicht, dass ich Dir eine Mail geschrieben habe, in der ich es Dir untersage, mich weiter telefonisch wie schriftlich zu belästigen?
Wenn das so weiter geht, Staatliche Lotterie-Einnahme Boesche, dann werde mir wohl einen neue Telefonnummer zulegen müssen. Die alte werde ich versuchen auf eine 0190er Nummer umzulegen. Dann werde ich sehr gerne, und sehr lange mit Deinen Mitarbeitern telefonieren.
Nichts zu danken Don
Wahlplakate und TV Spots aus den letzten 50 Jahren.
Gute Frage.
Hinfahrt Es regnet. Nach ca. 10 Minuten ist es vorbei. Mit der Ruhe. Die Schaffnerin führt eine Frau aus der ersten Klasse in die zweite Klasse, deren Zustand man eventuell gerade noch so als desolat beschreiben könnte. Und setzt sie vor mich. Bewaffnet mit einer Literflasche Weisswein schaut sie mich an und.... singt. Sehr, sehr, sehr laut. 90 Minuten und mehrere Streitigkeiten mit der Schaffnerin und aufgebrachten Zuggästen später singt sie immer noch. Ich beglückwünsche mich zu meinem Entschluss, die Plugin Kopfhörer gekauft zu haben. Sie hat schlechte Zähne. Sag ich ihr aber nicht.
Hotel Es regnet. Die Fernbedienung des Fernsehers ist kaputt! Das ist eine Unverschämtheit, denn immerhin kostet das Zimmer 38 Euro die Nacht.
Party Es regnet. Ich weiß jetzt alles über Totaloperationen, Sterilisation und Sex kurz nach dem Wochenbett. Das lag daran, dass ich bei den Frauen stand. Die Männer haben sich über Gartenhäuser von Obi unterhalten.
Arbeit Es regnet. Die Frau mit dem großen Kopfgeschirr hat so einen großen Mund, dass sie ein Brötchen komplett in der Breite rein bekommt. Verliere die Wette mit dem Kameramann, ob sie das Brötchen auch quer essen kann.
Rückfahrt Es regnet. Mehr nicht. Kann ja nicht immer alles lustig sein.
Dinge ändern sich mit der Zeit, das ist eine Binsenweisheit, ein Partysatz, den man sich eigentlich nur heimlich selber sagen kann. Aber man ist froh, dass sich viele Dinge von alleine verabschieden. Die ganzen Sachen, die einen unruhig haben sein lassen, weil man sie noch ausprobieren musste, weil man Angst hatte, dass man etwas verpasst und man lieber noch die nächsten drei Bier trinkt, weil es könnte ja noch was passieren, diese Sachen sind zum größten Teil weg. Das ist gut, weil man keine Zeit mehr damit verschwendet, sich mit Dingen zu messen. Man findet heraus was man wirklich kann, merkt, dass es keinen Sinn macht, sich mit Dingen zu schmücken, die man nicht wirklich beherrscht.
Man erkennt, dass man nie so schreiben kann, wie Autor X oder Autor Y, weil einem dieser Blick fehlt. Man kann nur versuchen sie zu imitieren, und hoffen, dass man nicht dabei erwischt wird, aber selbst eine gelungene, nie entdeckte Imitation bleibt doch eben auch nur eine Imitation, und die Kraft, die man auf so etwas verwendet, die kann man genauso gut in eigene Projekte stecken. Man beschließt kein Fotograf zu werden. Vielleicht kann man ein wenig fotografieren, vielleicht gelingt einem unter tausend Fotos auch mal ein guter Schuss, aber man ist einfach nicht gut. Man beschließt keine klassische Karriere in einem Büro machen zu wollen. Weil man eingesehen hat, dass man einfach nicht stressresistent ist. Und weil sich permanent fragt, ob das, was man da macht, einen wirklich interessiert. Schlechte Voraussetzungen für eine Karriere. Man beschließt doch keine akademische Karriere zu machen, auch wenn der Politik- und der Geschichtsprofessor einem noch vor dem Magister eine Doktorandenstelle anbieten, weil man Angst davor hat, in einem Reihenhaus in Bonn-Meckenheim zu enden. Man wirft mindesten zwei journalistische Karrieren weg, weil sie einen langweilen und weil man wieder diese vorgefertigte Zukunft nachts vor Augen hat. Und so folgt ein Ding nach dem anderen.
Eine zeitlang habe ich gedacht, dass das schlecht sei, dieser Verlust der unbändigen Kraft, alles tun zu wollen und sich einzubilden und es auch zu können. Am Anfang fühlte sich das bei mir so an, als würde ich versagen. Ich konnte mir doch vorstellen, dieses oder jenes zu tun, aber ich konnte es nicht umsetzen. Führte am Ende zu einer merkwürdigen Lethargie, in der ich gar nichts mehr gemacht habe, weil ich dachte, dass wenn ich das eine nicht kann, es auch keinen Sinn macht, andere Sachen zu tun. Klingt komisch, Melancholiker werden mich verstehen.
Natürlich kann man nicht einfach alles beiseite schieben, weil viele Träume oder Wünsche oder Ideen am Ende schlimme Wunden hinterließen. Manche Verletzungen, gerade jene, die aus Liebe entstanden sind, bleiben hängen, andere perlen an einem ab. Am schlimmsten sind natürlich die Verletzungen, die aus heiterem Himmel kamen. Jene, die einem Erdbeben gleich, alles auseinander gerissen haben, und einen verstört in rauchenden Trümmern haben stehen lassen. Und man nicht mal eine Erklärung hatte, und so monatelang torkelnd durch die Gegend ging, nur aufrecht erhalten durch das Korsett des Alltags mit all seinen grausamen Verpflichtungen wie Miete, Strom, Wasser, Gas. Manchmal war das gut, weil man Zeit hatte und beim durchstöbern der Reste festgestellt hat, dass man bei der Statik ein paar grundlegende Fehler begangen hatte. "Aha", dachte man, "wie dumm, das machen wir aber das nächste Mal anders." Und ganz bewusst schließt man ein Ding nach dem anderem aus seinem Leben aus. Manche aus Angst, manche aus mangelnder Kraft.
Eine Zeit lang hat mir dass richtig Spaß gemacht, diese Reduktion. Alles rauswerfen, das Leben entkernen, wie ein altes Haus, bis man nur noch das nackte Mauerwerk sieht, bis alles Überflüssige weg ist und man erleichtert aufatmen kann und denkt "Das bin ich, ganz ohne alles. Das ist sehr schön." Aber irgendwo klebt immer noch eine Erinnerung, an die man nicht ran kommt, denn genauso, wie man nicht alles perfekt können kann, genauso wenig gibt es die perfekte Reduktion. Ein Phänomen, das man im Übrigen in manchen Blogs beobachten kann. Wenn das Layout im Laufe der Zeit immer mehr reduziert wird, bis am Ende fast nur noch die nackten Buchstaben auf dem einfarbigen Hintergrund stehen, bis der Autor den Gedanken bekommt, das selbst die Buchstaben zuviel sind, und eigentlich eine komplett weiße, grüne, rote oder schwarze Seite reichen würde, und man froh wäre, wenn die Leser einen so gut kennen könnten, dass sie erspüren könnten, was man an dem Tag gerade sagen will.
Ich hab in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht. Warum ich manches weggeworfen habe, warum ich manches einfach nicht (mehr) kann, warum ich die Reduktion von Gefühlen und Lebensumständen bis auf ein solches Maß getrieben hatte. Die Antwort war verblüffend einfach: Damit ich wieder anfangen kann. Etwas maßvoller, mit dem Auge dafür, was ich kann und was ich tun will. Mit dem Bewusstsein, wo meine Grenzen liegen und welche ich besser nicht mehr überschreite. Damit ich sehen kann, wann etwas schön und wert ist, in meiner Erinnerung zu verbleiben. Wann es sich mal wieder lohnt Kraft zu investieren. Damit man die falschen von den richtigen, machbaren Träumen unterscheiden kann und man sie leben kann, anstatt nur über sie nachzudenken.
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