Montag, 16. Oktober 2006

Es ist ja wirklich unglaublich, wie schnell sich doch alles verändert. Wenn man sich einfach nur mal vier Wochen ausklinkt, keine Blogs liest, was anderes macht, andere Dinge sieht, ißt, fühlt und tut, dann ist er plötzlich da, der Abstand. Und dann kommt man wieder und hat das Gefühl, das sich zwischen dem, was man mal vorher gemacht hat und dem wie man sich jetzt fühlt, eine Schlucht liegt, die mindestens so breit ist, wie der Grand Canyon. Und man hat keine Lust, die Schlucht wieder zu schütten. Am liebsten würde man alles, was vorher war, einfach auf der anderen Seite liegen lassen und mit einem Schulternzucken in eine neue Richtung gehen. Das geht natürlich nicht. Ein paar Sachen wollen schon mühsam rüber geholt werden. Meist weil man sie braucht um Geld zu verdienen.

Interessant ist der Abstand aber, was Blogs angeht. Ich habe tatsächlich vier Wochen nix gelesen. Nur einmal bei Felix reingeschaut und gestaunt, wieviel er geschrieben hat. Während ich irgendwo in Utah dei Tage lang sehr schöne Steine angeschaut habe, waren ihm offenbar (ich meine das nicht böse oder negativ) einige Sachen so wichtig, dass er sie in sein Blog geschrieben hat. Mir war in der Zeit wichtig, welche Steine... naja. Ein Blick in meinen RSS Reader (siehe zwei Einträge weiter unten) offenbarte das Elend das mich bei der Rückkehr erwartete. Dabei war das nur die Zahl Einträge der Blogs, die ich täglich lese. Dazu kamen noch mal ungefähr gleich viele Einträge von Flickr Seiten und anderen Blogs. Das ist also die Menge, die ich jeden Monat konsumiere, dachte ich nach meiner Rückkehr. Ich lese, bzw. überfliege also rund 5000 Blogeinträge, werfe einen Blick auf ein paar tausend Flickr Bilder und scanne vielleicht 6000 News. Dazu schreibe ich in diversen Blogs mind. einen Eintrag pro Tag und kommentiere sicher auch irgendwo. Das ist eindeutig zu viel. Ich werde das kommentieren einschränken.

Nein, ernsthaft, es ist schon erstaunlich, was man alles so konsumiert. Dazu kommt ja häufig abends noch Fernsehen und/oder Radio. Ein ziemlicher Overkill, den ich in den USA nicht vermisst habe. Abends mal ne Stunde TV mit Nachrichten und einer Late Show, oder mal die ein oder andere Serie reichten völlig aus. Und dann kommt man wieder, und es erreichen einen gerade noch die Auswirkungen dieser Edelmann Nummer, die ich auch nach dem ich etliches gelesen habe, immer noch nicht so ganz verstehe. PR Firmen setzen darauf, Listen zu erarbeiten die sie Kunden oder potentiellen Kunden zeigen können. Diese Listen sollen belegen, dass mit minimalem Aufwand, maximale Reichweiten erlangen können. Nichts anderes ist die Edelmann Liste. Eine Liste für eigene Zwecke und das Geschrei der deutschen Blogszene und der daraus resultierenden Technorati Verlinkungen bringt Edelmann nur eine weitere Seite in der Powerpoint Präsentation für angehende Kunden, in der dann steht, wie toll man die Blogszene in Deutschland angekommen ist. Letztendlich ist die Liste nix anderes, wie die "Top Ten" irgendeines beliebigen Counters. Austauschbar, vernachlässigbar und ohne qualitative Aussage über die Inhalte oder die Menge an Multiplikatoren unter den Lesern. Die Liste, so nett die Intention auch gewesen sein mag, belegt auch die Verzweiflung der PR Strategen, was Blogs angeht. Man versucht verzweifelt etwas greifbar zu machen, eine Form für etwas zu finden, was sich ständig neu erfindet. Das kommt mir vor, als würde ein Biologe versuchen eine im Zeitraffer ablaufende Evolution zu klassifizieren. Kaum ist es aufgeschrieben, ist es schon wieder veraltet.

Und diese Edelmann Nummer belegt dann auch das Gefühl, dass ich hatte, als ich in den USA war: es ist unglaublich, wie laut und oft in Deutschland geschrieen wird. Quasi jeder brüllt einen an. Um Aufmerksamkeit zu haben. Offenbar. Denke ich mir. Vielleicht liegt das Gebrüll daran, dass man hier zu eng aufeinander hockt. Vielleicht ist das so, wie im Tierreich mit der Hektik. Je enger Tiere zusammen leben (Ameisen, Nacktmulle) desto hektischer rennen sie rum und versuchen irgendwelche Sachen zu machen, von denen niemand weiß, warum sie sie eigentlich machen. Tiere, die eher für sich alleine leben (Koalas, Wale) scheinen diese Hektik nicht zu kennen. Warum auch, sie müssen sich nicht dauernd neu erfinden. Und vielleicht ist das auch so in Deutschland, bzw. Europa. Weil hier alle so eng aufeinander hocken, schreien alle laut durcheinander. Wie in einem Sandkasten. Wenn in den USA, aber vermutlich auch in Russland, Argentinien oder sonst wo, wo die Leute nicht so eng zusammen leben, durch die Gegend fährt, verlieren sich die Stimmen und auch das Interesse für Leute die sehr schreien. Stattdessen sagt man zu seiner Begeleitung: "Oh, schau mal, ein schöner Stein, den fotografier ich."

Wie dem auch sei: mein Urlaub war lang, erholsam, schön und hätte gerne noch ein paar Wochen weiter gehen können. Und deswegen will ich mich jetzt mal bedanken: beim wunderschönen Mädchen wegen allem, beim Wortschnittchen fürs Pflegen der Katze Karla und bei der wundervollen Dreasan für die Blogvertretung und die schönen Geschichten. Ich hab ihr gerade per Mail vorgeschlagen, dass sie das ruhig ab und zu hier wiederholen kann. Dann muss ich nicht mehr so viel schreiben und kann schöne Steine fotografieren.

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Sonntag, 15. Oktober 2006

Mehr gibt es hier.

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Freitag, 13. Oktober 2006

Ein paar Notizen aus dem Urlaub. Ich ergänze das noch, wenn mir was einfällt.

Albuquerque War mir bisher nur aus einer "Frasier" Folge bekannt, in der es den Satz gibt "Ihr Hintern ist so groß wie Albuquerque". Stimmt. Aber die haben da a) sehr, sehr nette Menschen b) einen sehr schönen Berg, c) einen sehr schönen Zoo und die Route 66, die ich zu Fuß abgegangen bin. Zu Fuß!

Budget Überraschenderweise nicht überzogen.

Busfahren / Fußgänger Es gibt nicht mal Menschen, die auf dem Weg zum Auto sind, weil sie um die Ecke vom Restaurant geparkt haben, weil man sein Auto nicht selber parkt, sondern es vor dem Restaurant abstellt und von anderen Menschen parken lässt, die es auch (meist) wieder vor das Restaurant stellen, wenn man fertig gegessen hat. Also sind Menschen, die am Straßenrand stehen entweder Verbrecher oder irre Umweltaktivisten oder Leute, die so arm sind, dass sich kein Auto leisten können. Dass es in einer Stadt wie Albuquerque überhaupt Busse gibt, wo eigentlich jeder einen dieser unfassbar riesigen Pickups fährt, ist schon erstaunlich genug, dass ein Ticket aber nur 1,50 Dollar kostet und ca. sechs Stunden gültig ist lässt einen angesichts der Kosten in Berlin (umgerechnet 2,70 Dollar, 2 Stunden, nur eine Richtung gültig) dann schon denken: Ach schau, es geht also auch preiswert.

Der lustigste Mann der Welt Der lustigste Mann der Welt. ( Siehe -> Fernsehen)

Duschen Irgendeine Umfrage hat ergeben, dass der Amerikaner an sich nicht so gerne badet, sondern lieber duscht, weswegen die Hotels jetzt anfangen alle Badewannen aus ihren Zimmern zu reißen um dafür größere Duschen einzubauen. Das können die Amis ja halten wie sie wollen, aber dann sollten sie sich endlich mal auf ein System einigen, wie eine Dusche funktioniert. In den 48975945034 Hotels in denen ich morgens das Bad betrat, gab es 48975945033 Varianten, wie man die Dusche zum Leben erwecken konnte. Mal hatte man zwei Hähne und irgendeinen Nippel den drücken, ziehen oder schrauben musste, mal hatte man einen Hahn, den man abwechselnd ziehen, drücken oder schrauben musste, mal hatte man einen Haken, an dem zerren konnte. Am besten gefiel mir die Variante, bei der man einen Haken erst ziehen musste um ihn dann in irgendeine Richtung zu drehen. Um dann das Wasser aus dem Duschhahn kommen zu lassen, musste man versteckt unter dem Wasserhahn an einem Ring ziehen.

Eintritt Erstaunlich, wo und für was man überall Eintritt zahlt. Wirklich absurd: 3 Dollar Eintritt für eine Geisterstadt namens "Shakespeare" wo sich nach Zahlung des Eintritts herausstellte, dass in der alten Western-Stadt in einem neuen Gebäude noch Leute leben. Noch absurder: 21 Dollar Eintritt für den Antilope Canyon, in dem man sich nur ein paar Minuten aufhält.

Fastfood Einmal bei McDonalds gefrühstückt, einmal bei Dennys, einmal bei Burger King einen riesigen, voll mit Testosteron aufgepumpten Angus Burger gegessen, der mich hat breitbeinig gehen lassen. Ansonsten abwechselnd bei Subways und Starbucks gefrühstückt. Während ich um die Ladenkette "Subways" in Deutschland einen weiten Bogen mache, weil mir deren Verwendung von mit Backtriebmitteln aufgeblasenen Broten und diesem Formfleisch, dass die Schinken nennen einfach zu ungesund erscheint, war es in den USA die einzig gesunde Alternative. Wie sehr man sich doch über drei Fitzel Salat freuen kann.

Fernsehen Siehe -> der lustigste Mann der Welt. Ansonsten laufen dort halt auch nur die Serien, die hier mit einem Jahr Verspätung auch laufen. Extraservice für Frau Gröner: die neue Serie "Brothers & Sisters" könnte was für Dich sein. Den lustigsten Mann der Welt und viele andere USA TV Programme kann man auch über dieses Programm live sehen. Letterman und Jay Leno laufen gegen halb neun morgens, der lustigste Mann der Welt auf CBS um halb zehn. Leider bisher nicht für Mac.

Fotos Ich kopiere gerade 2,8 GB Fotos vom Laptop auf den anderen Rechner. Das dauert noch was.

Hotel Da folgt eine Auflistung in den nächsten Tagen.

Las Vegas Reeperbahn in teuer, allerdings ohne Nutten. Dafür mit Menschen, die Flyer verteilen, auf denen Telefonnummern von Nutten stehen. Und das Bellagio ist wirklich wunderschön. Und die Springbrunnennummer vor dem Bellagio auch. Egal wie kitschig. Natürlich auch gespielt. Acht Dollar gewonnen.

Menschen So wahnsinnig freundlich wie alle USA Reisende mir das vorher geschildert hatten, fand ich die meisten Menschen jetzt auch nicht. In den Restaurants waren sie einen Tick netter, weil man dort bekanntlich nicht vom Lohn, sondern vom Trinkgeld lebt. Aber im Großen und Ganzen war man immer sehr hilfsbereit und freundlich. Bis auf, und es tut mir wirklich leid, dass so schreiben zu müssen, weil es vermutlich so pauschal nicht stimmt, also bis auf die indianischen Ureinwohner. Die waren alle sehr ruppig, unfreundlich, lahm, desinteressiert und gelangweilt. Schienen alle den Charakter eines schlecht gelaunten Berliner Busfahrers zu haben.

Navigation Mein Batterietelefon kann navigieren und für die USA bekommt man von TomTom auch Kartenmaterial. Das war außerordentlich hilfreich, vor allem in L.A. und in San Francisco, und ganz besonders für das wunderschöne Mädchen, die dank des Navis jeden Juicy Couture Laden im Südwesten der USA ausfindig machen konnte, weswegen sie mir ewige Dankbarkeit geschworen hat. Der letzte Satz entstammt natürlich nur meiner Phantasie.

Planung Wenn das wunderschöne Mädchen nicht so wunderschön geplant hätte, wäre es chaotisch geworden. Wie auch bei Reisen in Europa empfiehlt es sich aber spätestens ab 18.00 ein Hotelzimmer zu suchen. Nach 19.00 Uhr wird es teuer und es kann auch schon mal passieren, dass man keins mehr bekommt. Wenn man nix geplant hat in den USA aber jemanden kennt, der Mitglied bei AAA ist, sollte man den bitten, doch mal bei AAA vorbei zu schauen und sich eine Routenplanung machen zu lassen. Dann bekommt man viele Karten und vor allem Kiloweise Reiseführer mit ganz guten Hoteltipps für umsonst und muss nicht Bücher aus Deutschland mitschleppen.

Radio Problematisch. Es gibt entweder 80er Jahre Musik. Oder 60er Jahre Musik. Oder Talk Radio. Fährt man durch Gegenden, in denen man nichts außer sehr toten, weil platt gefahrenen Eichhörnchen sieht, kann man davon ausgehen, dass die einzigen beiden Sender, die man in den nächsten vier Stunden wird hören können, die folgenden sein werden: ein spanischer Sender, der nur jammerige Liebeslieder spielt, wobei alle zwei Lieder ein 15 minütiger Werbespot folgt und ein merkwürdiger Speed Metal Sender. Aber alles immer noch besser, als nach Deutschland kommen, und als erstes von einem "Die besten Hits von heute" Jingle angebrüllt zu werden, dass von einem Lied von diesem Jammerlappen Naidoo gefolgt wird.

Rauchen Ich bin seit zwei Monaten Nichtraucher. Mal wieder. So haben mich die strengen Auflagen in den USA nicht gestört. Auf der anderen Seite ist es auch ein wenig lächerlich. Rauchen wird zu einem Ding der Unterschicht gebrandmarkt. Nur arme Leute rauchen, weswegen sie auf er Strasse rumlungern müssen. Da in USA, gerade in Großstädten wie L.A. offenbar niemand freiwillig auf der Straße rumläuft oder steht, sind Menschen, die sowas machen automatisch verdächtig. In Kalifornien gibt es wohl Überlegungen, das Rauchen in der Öffentlichkeit völlig zu verbieten, so dass man nur noch zu Hause rauchen darf.

Restaurant Folgt auch später, darunter etwas über das Thema "scharf essen".

Supermarkt Riesige, meist menschenleere Läden, deren Stellfläche zu 50% von Tiefkühlware belegt wird. 20% Getränke in lustigen Farben, 10% Gewürze (davon dann 60% scharfes Zeug, 30% Knoblauch), Rest gemischtes Zeug. Ich bin stundenlang mit einer Mischung aus Faszination und Angewidertheit durch die Gänge gelaufen und habe mir Inhaltsangaben auf den Verpackungen durchgelesen. Es ist mir ein völliges Rätsel, warum der Durchschnittsamerikaner nicht implodiert. Oder darmseitig explodiert. Wenn die Amerikaner klug wären, würden sie nicht ihre Armee, sondern ihre Nahrungsmittelindustrie in den Nahen Osten schicken.

Tankstellen Mit Tankstellen verhält es sich so wie mit den Duschen. Jede hat ein anderes System. Mal muss man den Nuzzle outtaken und irgendwas anderes upliften, mal muss man erst wählen, was man tanken will, dann den (der? die? das?) Nuzzle outtaken. Auf jeden Fall muss man immer seine Kreditkarte erst irgendwo reinstecken, dann rapide removen um danach entweder soviel und lange rumnuzzlen zu können wie man will, oder man muss eine Postleitzahl eingeben. Mit der Eingabe der Postleitzahl, an der die Rechnung der der Kreditkarte gesendet wird, will man "Missbrauch" vermeiden. Klar. Einen sehr weiten Bogen sollte man um alle Chevron Tankstellen machen. Die akzeptieren keine ausländischen Kreditkarten. Da muss man rein gehen, um Verzeihung bitten, seine Kreditkarte und einen Pass zeigen und dann bekommt man vielleicht Sprit.

Telefon Wenn man nicht erreicht werden möchte, ist Arizona definitiv der richtige Platz. Und New Mexico. Und Utah. Und Colorado. Und Nevada.

Verkehr Hatten wir auch. Auf der Straße war es dann so, dass ich den amerikanischen Autofahrer an sich als sehr netten, angenehmen, entspannten Zeitgenossen erlebt habe. Außer in L.A. dort waren alle schlichtweg wahnsinnig. Völlig irre. Bescheuert. Wie kleinschwänzige Autofahrer, die gerade von ihrer Traumfrau verlassen wurden, die darauf ganze Nacht RedBull/Wodka getrunken haben um sich morgens mit einer Mischung aus Tavor und Speed bürofein zu machen. In Anbetracht der Tatsache, dass dort jeder bewaffnet sein könnte, empfiehlt sich eine buddhistische Heransgehensweise.

Wasser Es gibt dreifantastrilliarden Varianten von stillem Wasser, unter anderem auch von Coca Cola und Pepsi, die es tatsächlich schaffen, einer simplen Sache wie Wasser Inhaltsstoffe zuzustetzen um das Wasser dann "purified water" zu nennen. Mineralwasser (also mit Blubber) zu bekommen, ist schwer. Supermärkte haben es manchmal, Tankstellen so gut wie nie. Mir ein Rätsel, warum die Amis kein Mineralwasser trinken. Da mit das Leitungswasser nach einiger Zeit zum Hals raus hing, habe ich immer zu Coke gegriffen. Coke war tatsächlich das noch am wenigsten süße Getränk dass man an Tankstellen kaufen konnte.

Zeitung Die beste Zeitschrift in den USA.

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Donnerstag, 12. Oktober 2006

So.

Hab ich irgendwas sehr wichtiges verpaßt? Kann ich eine Zusammenfassung bekommen? Gibt es neuen Blogklatsch? (Wer schläft mit wem usw.)?

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Samstag, 7. Oktober 2006

Einkaufen war früher besser. Da gab es in der als Denkmal geschützten Markthalle noch alles zwischen Antipasti und Zwetschgen. Jetzt steht die Hälfte der Flächen leer, die Biobäckerin und der Schokoladenhändler werden wohl auch bald aufgeben, und wie lange der Fischmann noch durchhält, bleibt abzuwarten. Vom Fischmann erzählen sie sich hier immer noch andächtig, wie der damals immer die Gattin des Bundespräsidenten („welcher dit nu wieder war..., ooch ejal...“) beraten und bedient hat.

Ich weiß nicht viel über Legendenbildung, hoffe aber, dass das mit dem blühenden Geschäftsleben und der stetig steigenden Lebensqualität (ein Versprechen, mit dem sie hier in den 90ern mengenweise runtergerockte Mietshäuser an Westdeutsche verkauft hatten; hey, ho, Nähe zum Regierungsviertel und Hauptbahnhof und Tegel, Spitzeninfrastruktur, das kommt, das kommt ...) hier im Viertel doch noch hinhaut. Sonst hat der Fischmann mittelfristig schlechte Karten, so oder so.

Der massenhafte Zuzug von betuchter Boheme, Politikern oder wenigstens Lehrerfamilien lässt nämlich auf sich warten. Stattdessen Horden unterbeschäftigter Halbwüchsiger der zweiten oder dritten Einwanderergenerationen sowie Rudel einheimischer Alkoholiker und Durchgeknallter. Die eignen sich zur Erhaltung des Feinkosthandels ebenso wenig wie für die Pflege lokaler Legenden. Dafür sind sie überall und man kommt ihnen einfach nicht aus, egal welchen Weg man zum Bäcker/Gemüsehändler/Postamt man nimmt. Max Goldt hat die Gegend hier mal als „Hölle“ bezeichnet. Da hat er natürlich übertrieben der Herr Goldt, und lange her ist es auch, aber schön ist tatsächlich anders:

Vorhin, auf dem Rückweg von Einkaufen. Das übliche Spießrutenlaufen durch die Jungtürkengang (die den Gehsteig vor der Zockbude annektiert hat und immer nur soviel beiseite geht, dass man gerade mal´so an ihnen vorbei kommt und das Zischen und Raunen voll ins Ohr kriegt) ist lässig heute. Die Jungs sind müde und bei Nieselregen stehen sie sowieso lieber enger an den Schaufensterscheiben und im Eingang. Bin schon fast an meiner Haustür, als ich diesen Mann am Boden liegen sehe, vor einer Bank. Hier stehen zwischen den Parkbuchten überall Bäume mit Bänken darunter. Könnte nett sein, ist es aber nicht. Wer länger hier wohnt, greift nicht mehr automatisch zum Mobiltelefon und wählt den Notruf, wenn er auf den Bänken mal wieder einen Menschen im Schnaps-Stupor herum liegen sieht.

Dieser hier sieht schon von hinten überhaupt nicht gut aus, jedenfalls nicht wie die übliche Schnapsleiche. Dieser Ist offenbar von der Bank gefallen und liegt jetzt verkrümmt auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Könnte was richtig Ernstes sein. Während ich das Handy rauskrame, trete ich näher an ihn heran. Der Körper krampft und zuckt. Jetzt stehe ich direkt vor ihm. Okay, der Kerl hat zwar alle möglichen Probleme im Leben, aber Epilepsie ist wohl keines davon ist. Breche den Notruf ab. Was hätte ich auch sagen sollen? Hier liegt ein Penner im Regen vor meiner Haustür und masturbiert wie ein Weltmeister.

Klaus Wowereit hat neulich mal gesagt „Berlin ist arm, aber sexy“. Das mit dem sexy kann ich gerade so nicht sehen. Echt nicht, Herr Wowereit.

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