Warum Blogs in Deutschland (noch) nicht funktionieren

Kurze Fassung. (nur fünf Punkte)

  1. Ich halte die momentane Schwäche der deutschen Blogszene für eine temporäre Erscheinung. Der Konsolidierungsprozess der Verlage/Zeitungen hat noch nicht mal richtig eingesetzt, wir sehen nur die ersten Risse im Fundament (Montogomory, Berliner Zeitung, Auflagen- und Anzeigenschwund). Die daraus resultierenden Probleme führen zu Punkt 2.

  2. Die zunehmende Verdichtung und Vereinheitlichung der Nachrichtenindustrie spielt Blogs in die Hände. Viele freie Journalisten werden/sollten Blogs als Medium entdecken und somit auch die Qualität der Blogs anheben. Auch die Leser werden Alternativen suchen.

  3. Um in die Lücke springen zu können, braucht es mehr gute Autoren und Teile der Blogszene müssen sich professionalisieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Das gilt auch für die Autoren.

  4. Blogs und Blogger müssen konzentrierter zusammenarbeiten um ein gezielteres Agendasetting zu betreiben. Das alte Lied vom Blogportal.

  5. Die Diskussionskultur und Medienkompetenz muss angeschoben werden.

Sehr lange Langfassung (dafür viel mehr Punkte! Plus Remix!)

  1. Zu wenig Blogger

Man kann sich schon wundern, wenn man sich die Zahlen so anschaut. Es gibt, zumindest wenn man Technorati glaubt, rund 115 Millionen Blogs weltweit. Davon sind rund 1% deutschsprachig. Schaut man beim blogcensus rein, sieht man, dass ca. 204.500 Blogs in den letzten sechs Monaten aktualisert worden sind (Stand 02/08). In den letzten acht Wochen neue Einträge erhielten lag bei 132.500. Wenn man es auf eine Woche runterbricht, dann landet man vermutlich bei einer Zahl von schätzungsweise 20.000. Dabei muss man sich auch noch fragen, wie viele dieser Blogs tatsächlich unter den klassischen Blogbegriff fallen (privat geführt, keine Agentur- oder Firmenblogs usw.) Das dürften noch ein paar weniger sein. Dabei sind von den rund 82 Millionen Deutschen laut ARD/ZDF Onlinestudie 2007 65.8% der Erwachsenen online. Macht also 42,7 Millionen. 204.500 führen regelmäßig ein Blog. Die Zahlen reichen um festzustellen, dass die Begeisterung für Blogs sich in sehr engen Grenzen hält. Das sieht man auch an den insgesamt sinkenden Verlinkungszahlen der Top 100 Blogs, die aber nichts über die Gesamtzugriffe aussagt. Wie sich die Leserzahl entwickelt hat, ist leider nicht bekannt, da die nicht gemeinsam erfasst werden. Von verschiedenen Seiten ist die Vermutung ausgesprochen worden, dass die Leserzahlen insgesamt gestiegen sind, auch wenn viele Top 100 Blogs verloren haben, da die Zahl der aktiven Blogs insgesamt zumindest nach den letzten bekannten Zahlen zugenommen hat. Die Leser sind also nicht weg, sondern nur zu anderen Angeboten gewandert. Das berührt aber am Ende nicht das Argument, dass es (noch) zu wenig Blogger gibt.

  1. Zu wenig gemeinsame Anstrengungen

Wenn es wenige Blogs gibt, dann müssten sich die wenigen doch eigentlich enger zusammenschließen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Es gibt seltenen Kooperationen in inhaltlichen Dingen, noch seltener kommt es vor, dass zwei Blogger gemeinsam eine/n Geschichte/Story/Artikel schreiben oder sich die Recherche teilen. Es gibt Blogs, die von einigen Autoren betrieben werden, die auch eine Art redaktionelles System durchlaufen (spreeblick.de). Meist ist es so, dass jeder vor sich hinschreibt und eine gegenseitige Unterstützung nur über Kommentare oder Trackbacks stattfindet. Jeder kocht sein Süppchen und will oft dabei auch nicht gestört werden. Es gibt dabei aber doch einige positive Erlebnisse, wie bei der gemeinsamen Anstrengung in Sachen "Vorratsdatenspeicherung" im letzten Jahr. Es ginge also. Das so wenig gemeinsam passiert, hat auch etwas mit der Unübersichtlichkeit der Blogszene zu tun. Selbst alten Hasen und RSS-Fanatikern fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Robert Basic stellte (u.a.) in seinem Artikel über die schwindenden Linkzahlen der deutschen Blogszene die These auf, dass Twitter auch eine Mitschuld tragen würde. Ich sehe das Problem eher in den Versuchen, Blogs zu monetarisieren. Wer viel Werbung auf seiner Seite, der will auch viel Besucher und mag die nicht über Links wegschicken. Einige Blogs haben da sicherlich in Sachen Verlinkung nachgelassen. Tatsache scheint mir, dass die Blogszene sich untereinander von einander weg entwickelt, statt aufeinander zuzugehen.

  1. Zu wenig Beachtung durch die Medien / Einseitige Berichtersstattung

Blog werden in vielen anderen Ländern ernst genommen. Nicht nur von irgendwelchen heavy usern, sondern durchaus auch von den Medien. In vielen Bereichen der Medienlandschaft in den USA, sind Blogs von den Medien nicht als Konkurrenz wahrgenommen, sondern als Bereicherung begrüßt worden. Gastkommentare etablierter Medienstars in Blogs sind nicht üblich, kommen aber vor. Blogs werden zitiert, es wird zu ihnen verlinkt, die Autoren werden zu Gastkommentaren eingeladen, oder ganz aufgekauft. Man redet miteinander und es soll zum Beispiel im Fall von Dan Rather (dem CBS Moderator wurde von Bloggern eine fehlerhafte Berichterstattung nachgewiesen, die dann zu seiner Ablösung führten) so gewesen sein, dass der Tipp nebst etlicher Informationen von einem anderen Journalisten kam, der selber aber nicht drüber schreiben konnte/wollte. Blogs haben sich den neben den klassischen Medien etabliert (Interessanter Text zum Thema)
Wie die Situation hier ist, sollte bekannt sein. Blogs werden hier entweder als "Schmutz" bezeichnet, die meiste Zeit jedoch einfach ignoriert. Mitunter schauen Journalisten mal bei Blogs nach, was es so für neue Themen gibt, aber Hinweise oder gar eine Verlinkung auf den Themengeber oder Ideenfinder gibt es selten. Auch der Informations-Austausch ist praktisch nicht vorhanden, da der Graben zwischen Bloggern und Redakteuren weiterhin sehr groß ist, wie man auf jeder beliebigen Diskussionsveranstaltung sehen kann. Tatsächlich ist es so, dass sich beide Seiten sehr ablehnend gegenüber stehen. Die Blogger misstrauen (oft zu Recht) dem herrschenden redaktionellen Systemen, die Redakteure sehen Blogger (oft zu Recht) als Belanglosigkeiten verbreitende Internet User. Mögliche Synergien werden von Redaktionen wie Bloggern nicht erkannt. Theorethisch wäre es denkbar, dass zum Beispiel ein Blogger die Teile einer Geschichte veröffentlicht, die ein Journalist in seinem redaktionellen Umfeld nicht veröffentlichen will/kann/darf.

Auf Grund der komplexen und neuen (technischen wie inhaltlichen) Struktur von Blogs sind die aber auch darauf angewiesen, dass die klassischen Medien über sie berichten. Um es klar zu sagen: Die "alten" Medien brauchen die Blogs nicht besonders dringend, wohl aber die Blogs die Medien als Zugriffsaggregatoren. Zumindest im Moment. Blogs, jedenfalls jene, die sich mit Politik, gesellschaftlichen Veränderungen und Zuständen oder sonstigen aktuellen Dingen beschäftigen, die in Konkurrenz zu den klassischen Medien stehen, ziehen ihre Besucher entweder aus der Verlinkung eines anderen Blogs oder aus einem Google-Treffer. Das hat zwar den Vorteil, dass man tatsächlich Leser hat, die sich für das Thema interessieren, aber auch den Nachteil, dass das Wachstumspotential eines Blogs schnell einigermaßen erschöpft ist. Wer nicht gezielt sucht, der wird bestimmte Blogs auch nicht finden. Tatsächlich brauchen Blogs aber mehr Leser, wenn sie als Alternative zu den klassischen Medien ernst genommen werden wollen.

  1. Schlechte Diskussionskultur

Mal ehrlich - wenn man mal sehr, sehr viel Zeit hat und sich die Kommentare unter den Artikel der "SZ" oder der "Welt" anschaut, kann man schon das Grausen bekommen. Ein nicht unbekannter, erfolgreicher Blogger meinte mal in einem Gespräch, dass er nicht nur einmal darüber nachgedacht hat, die Kommentare zu schließen, wenn er sich so die "Qualität" der Kommentatoren anschaut. Kurz gesagt: es fehlt den Deutschen an Diskussionskultur. Aber wo soll sie auch her kommen? Als Deutscher lernt man ja nur meist widerspruchlos aufzunehmen. In der Schule, in der Ausbildung, in der Universität. Diskussionsrunden im Fernsehen werden so zusammen gestellt, dass sich die Teilnehmer gegenseitig ihre PR-Mitteilungen vorlesen, und wenn im Netz zu kritische Töne auftauchen, greifen Personen oder Firmen schnell zur Abmahnkeule. Auch wenn es langweilig ist, lohnt hier ein Blick in die USA. Debattierklubs gibt es wie Sand am Meer, in vielen Highschools gibt es einen Speech & Debate Kurs und ganze Vorwahlen werden einfach ausdiskutiert, statt dass man einen Wahlzettel ausfüllt.
In einer Diskussion geht es ums Zuhören, es geht um den Austausch und das Abwägen der Argumente. In Deutschland geht es darum Recht zu haben. Viele Kommentatoren kotzen ihre Meinung einfach irgendwo rein. Es geht ihnen nicht um die Diskussion, sondern nur darum etwas zu schreiben. Sie lesen weder die anderen Kommentare, noch setzen sie sich damit auseinander. Wer gegenteiliger Meinung ist, wird nieder gebrüllt.
Aber woher soll die Kultur auch kommmen? Denn neben den erwähnten Mängeln in der Jugend, haben auch die Medien in Deutschland nie den Austausch mit den Lesern gesucht, sieht man mal von den Leserbriefseiten ab. Auch in Parteien sind Diskussionen ja eher unerwünscht. Wahllisten werden selten nach persönlichen Fähigkeiten zusammengestellt und wenn eine Partei mal auf einem Parteitag lange und hart diskutiert, quittieren die Medien das mit Worten wie "chaotisch", "uneinig" oder sonstigen negativen Begriffen. Freie Meinungsäußerung ist etwas, was am Stammtisch unter Freunden stattfindet, nicht aber in der Öffentlichkeit. Was die erstaunlich hohe Zahl von anonymen Kommentaren vielleicht teiweise erklärt.
Seine Meinung öffentlich äußern, dafür mit seinem Namen gerade zu stehen und sie den Mitteln einer Diskussionskultur zu verteidigen gehört nicht gerade zu den Stärken der deutschen Kultur, was die Entwicklung von Blogs fürderhin schwächt.

  1. Fehlender politischer und sozialer Druck

Blogs entwicklen sich in den Ländern gut, die entweder über eine historisch gewachsene Diskussionskultur verfügen, oder in denen Blogs die einzigen Vermittler neben den meist staatlich kontrollierten Medien sind. In einem repressiven Umfeld haben Blogs einen besseren Nährboden, als in einer, zumindest nach Außen hin, Kultur der freien Meinungsäußerung. Das Blogs in den USA so gut laufen, hat sicher auch etwas mit den Eigenarten des poltischen Systems zu tun und der Tatsache, dass das Land politisch, religiös und wirtschaftlich eher zweigeteilt ist. Hier gibt es also eine relativ große Reibungsfläche und es werden alle Kanäle zur Informationsverteilung auch genutzt. Das fehlt in Deutschland, zumindest vordergründig. Denn obwohl die letzten Jahre dank Hartz IV, Vorratsdatenspeicherung, Beschneidung der Bürgerrechte, Stromkartelle etc. schon genug an Themen zur Verfügung hatte, hat das nicht dazu geführt, dass sich dementsprechend die Blogszene entwickelt hätte. Das liegt aber auch am mangelnden Angebot, womit man ein wenig vor dem Henne/Ei Problem steht.

  1. Zu wenig qualitativ gute Blogger

Schon ein Blick in die deutschen Blogcharts offenbart, dass die viele Blogs der Top 100 von Leuten gemacht werden, die entweder selber als Journalist sind oder aber aus einem Medienumfeld kommen. Das beste Beispiel, dass sich sich Qualität auch in Blogs durchsetzt, ist das Blog von Stefan Niggemeier, der als "late adopter" 2006 dazu gestossen ist, sich aber schnell in den Top 5 etabliert hat. Es fehlt in Deutschland nicht an guten Journalisten, aber die wenigsten nutzen Blogs als eine publizistische Möglichkeit, weil Blogs in den meisten Redaktionen einen schlechten Ruf haben. Unterhält man sich mit Kollegen über Blogs, kommt als erstes Argument immer wieder "Aber warum soll ich etwas umsonst ins Netz stellen, dass ich auch verkaufen könnte?". Es ist schwer gegen dieses Argument vorzugehen. Wenn man sagt, dass man am Ende vielleicht mehr verdient, wenn man in Blogs veröffentlicht und man aufgrund seiner Storys dann andere und mehr Anfragen bekommt, wird dies meist mit einem skeptischen Blick beantwortet. Um die guten Journalisten ins Netz zu bekommen, müssen wohl erst die finanziellen Anreize da sein. Oder die Entlassungswelle noch größer werden.

  1. Keine Vermarktungsplattform / Kein Interesse der Werbewirtschaft

Die Agenturen interessieren sich nicht für Blogs. Sei es, weil sie sie nicht verstehen, sei es, weil ihnen der Aufwand für ein paar Klicks zu groß erscheint, sei es, weil sie sie einfach nicht kennen. Robert Basic berichtete auf der letzten re:publica, dass er seine Werbepartner selber ansprechen würde. Und das auch müsste, weil es sonst keiner machen würde. Johnny Häusler und Sascha Lobo versuchen mit Adnation eine Verwertungsplattform aufzubauen, mussten aber auch schon feststellen, dass es a) schwierig ist und b) sehr viel Zeit und Überzeugungsarbeit kostet. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist, aber es ist klar, dass die Agenturen eher zu den großen sozialen Netzwerken schielen, als zu Blogs. Die Arbeit, die man in ein gut geschriebenes und gut geführtes Blog stecken kann, ist aber endlich. Irgendwann klopft halt der Vermieter an die Tür.
Allerdings - ich sage auch immer, dass das bloggen nie allein dazu benutzt werden sollte, um Geld zu verdienen. Bei den meisten Blogger, die ich kenne, und die damit ein wenig Geld verdienen, passiert das über den Umweg, dass jemand das Blog liest und den dahinter steckenden Autor verpflichten möchte. Tatsächlich sind Blogs das erste Instrument, das zeigt, dass man mit Open Source Geld verdienen kann. Das ändert aber nichts an dem Problem, dass man irgendwie Geld verdienen muss. Die Sitution wird sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen, vor allem für freie Journalisten, denn die Verlage werden die schrumpfenden Gewinne vor allem mit Einsparungen beim Personal und bei den gezahlten Honoraren aufpäppeln. Da muss man auch nicht lange warten, die WamS hat das schon gemacht.

Zusammengefasst:

Blogs haben weiterhin ein ungeheures Entwicklungspotenzial. Es reicht aber auch nicht, wenn sich jetzt 40 Blogger zusammenschließen und ein Blogportal gründen, wenn es nicht genügend qualifizierte Blogger gibt, die auch die Themen beackern können, die entweder von den Medien zur kurz oder gar nicht angefasst werden. So gibt es zum Beispiel kein mir bekanntes Blog über die Energiewirtschaft. Weder über Öl (da muss man schon zum Oil Drum) noch im Bereich der Stromwirtschaft. Das liegt auch daran, dass hierfür einfach keine Autoren gibt, die ein Blog als vertiefendes Medium nutzen. Doch die sich zuspitzende Lage in Sachen Auflage und Anzeigenschwund bei den Zeitungen/Zeitschriften wird in Zukunft einiges ändern. Es scheint mir im Moment, als sei der Druck in der Zeitungs- und Journalistenbranche noch nicht hoch genug, während es aber auf der anderen Seite ein Vermittlungsproblem der Blogszene gibt. Aus meinen Schulungen habe die Erfahrung mit genommen, dass man Blogs wohl registriert hat, aber dass die wenigsten Lust dazu hatten, sich mit dem unübersichtlichen Wirrwarr zu beschäftigen. Gibt man aber Einstiegshilfen, ändert sich die Sichtweise schnell. Die sich im Anfangstadium befindliche Krise der Zeitungen wird ihren Teil dazu beitragen, das Blogs als alternative Informationsquelle wichtiger werden.


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