Montag, 13. Aug 2007, 13:28 - Topic 'Dieses Blogdings von man so viel hoert'
Im ersten Moment wollte ich mich ja ein bisschen empören über diesen SZ-Artikel, in dem mal wieder das aufgekocht wird, das in "Qualitätsmedien" halt gerne über die Blogszene so geschrieben wird. Von wegen: selbstgefällig, sind ja doch nur Strickblogs und "wo bleibt denn die Medienrevolution?". Aber ich habe, wie viele andere auch, schon so oft über das Thema geschrieben, dass ich keine Lust mehr habe. Irgendwann fühlt man sich entmutigt und als Sonderpädagoge habe ich noch nie getaugt. Zudem ist es auch langweilig, immer reflexhaft in die gleiche Kerbe zu hauen. Von wegen: "Aber wir sind doch gar nicht so doof! Ihr seid selber doof!".
Was mich immer wundert, ist die Tatsache, dass man Blogs immer so isoliert betrachtet. Allenfalls wenn es darum geht, Sätze zu schreiben, in denen die Begriffe "Blogs, Dreck und Terrorismus" vorkommen, findet man eine Verbindung zu anderen Dingen im Netz. Dass Blogs nur ein Teil einer Revolution sind, die seit einigen Jahren schleichend vor sich hinarbeitet, wird völlig vergessen. Man schimpft über Blogs, stellt seine Bilder aber weiter fleißig bei Flickr rein und nutzt p2p Börsen. Man freut sich darüber, dass das Netz ein riesiges Rechercheinstrument ist, verdammt aber die Arbeit, die Blogs dazu beitragen, in dem sie irgendwelche Archive anlegen oder mittels Links bei Google überhaupt erst bekannt machen. Es sind nicht (nur) die Blogs, die die Medien verändern, es ist das Netz. Und das Netz greift viel tiefer in unser Leben und Denken ein, als sich das so mancher Journalist offenbar vorstellen mag. Ohne das Netz, das wiederhole ich gerne immer wieder, hätte wir nicht mal den Ansatz einer Diskussion über die sog. "Sicherheitsgesetze" von Schäuble & Co. Ohne das Netz würden Ideen, wie die des Bürgergeldes nicht so schnell eine breite Öffentlichkeit gefunden haben. Blogs sind nur das momentane Transportmittel für solche Dinge. Und sie sind mittlerweile, im Vergleich zu social networks wie "Twitter" oder Bookmarkmaschinen wie "reddit" träge. Manchmal wirken Blogs in diesem Vergleich schon behäbig, wie eine Tageszeitung. Aber dann schaut man sich eine Tageszeitung an, und man kommt sich vor, als wäre die Dampfmaschine gerade erfunden worden.
Irgendjemand hat neulich mal geschrieben, dass das Internet eine genau so große Revolution darstellt, wie der Buchdruck. Als dieser im 15. Jahrhundert auftauchte, sorgte er vor alle dafür, dass Informationen weiter gegeben konnten. Vorher hab eigentlich nur wenige "Gelehrte", die Abschriften erstellten. Die meisten von ihnen saßen zudem in einem Kloster und waren ein wenig einseitig in ihrer Berichterstattung. Der Buchdruck veränderte den Informationsfluss. Ohne den Druck hätte es keinen Luther gegeben. Keine französische Revolution. Keine Aufklärung.
Das Internet ist nichts anderes. Es ist wie der Druck nur ein Instrument um Informationen zu verbreiten, aber das scheint bei vielen einfach noch nicht angekommen zu sein. Wie damals die Mönche sitzen viele Redakteure offenbar fassungslos vor dem Netz und müssen sehen, wie ihr Informationsmonopol langsam zerbröselt. Neuigkeiten verbreiten sich per Twitter schneller, als jede Webseite es könnte, Bilder sind weltweit schneller verfügbar und für Analysen gibt es mittlerweile (zumindest in den USA) brillante Autoren auf allen Seiten des politischen Spektrums. Redaktionen sind zumeist weit, sehr weit davon entfernt, überhaupt das grundlegende System des Netzes zu verstehen. CNN und die BBC haben einen eigenen Twitter Account, durch den sie "breaking news" blasen. Warum? Weil die Leute automatisch nach einer Meldung auf ihre Seite gehen. In Deutschland macht man sich über Blogs lustig und ist vermutlich zu arrogant sich mit so etwas wie Twitter zu beschäftigen.
Viele Redakteure und Journalisten sehen den Weltuntergang vor sich. Oder, wie Mario Sixtus in einer Kolumne im "medium magazin" (nicht online, haha) schreibt:
Was mich immer wundert, ist die Tatsache, dass man Blogs immer so isoliert betrachtet. Allenfalls wenn es darum geht, Sätze zu schreiben, in denen die Begriffe "Blogs, Dreck und Terrorismus" vorkommen, findet man eine Verbindung zu anderen Dingen im Netz. Dass Blogs nur ein Teil einer Revolution sind, die seit einigen Jahren schleichend vor sich hinarbeitet, wird völlig vergessen. Man schimpft über Blogs, stellt seine Bilder aber weiter fleißig bei Flickr rein und nutzt p2p Börsen. Man freut sich darüber, dass das Netz ein riesiges Rechercheinstrument ist, verdammt aber die Arbeit, die Blogs dazu beitragen, in dem sie irgendwelche Archive anlegen oder mittels Links bei Google überhaupt erst bekannt machen. Es sind nicht (nur) die Blogs, die die Medien verändern, es ist das Netz. Und das Netz greift viel tiefer in unser Leben und Denken ein, als sich das so mancher Journalist offenbar vorstellen mag. Ohne das Netz, das wiederhole ich gerne immer wieder, hätte wir nicht mal den Ansatz einer Diskussion über die sog. "Sicherheitsgesetze" von Schäuble & Co. Ohne das Netz würden Ideen, wie die des Bürgergeldes nicht so schnell eine breite Öffentlichkeit gefunden haben. Blogs sind nur das momentane Transportmittel für solche Dinge. Und sie sind mittlerweile, im Vergleich zu social networks wie "Twitter" oder Bookmarkmaschinen wie "reddit" träge. Manchmal wirken Blogs in diesem Vergleich schon behäbig, wie eine Tageszeitung. Aber dann schaut man sich eine Tageszeitung an, und man kommt sich vor, als wäre die Dampfmaschine gerade erfunden worden.
Irgendjemand hat neulich mal geschrieben, dass das Internet eine genau so große Revolution darstellt, wie der Buchdruck. Als dieser im 15. Jahrhundert auftauchte, sorgte er vor alle dafür, dass Informationen weiter gegeben konnten. Vorher hab eigentlich nur wenige "Gelehrte", die Abschriften erstellten. Die meisten von ihnen saßen zudem in einem Kloster und waren ein wenig einseitig in ihrer Berichterstattung. Der Buchdruck veränderte den Informationsfluss. Ohne den Druck hätte es keinen Luther gegeben. Keine französische Revolution. Keine Aufklärung.
Das Internet ist nichts anderes. Es ist wie der Druck nur ein Instrument um Informationen zu verbreiten, aber das scheint bei vielen einfach noch nicht angekommen zu sein. Wie damals die Mönche sitzen viele Redakteure offenbar fassungslos vor dem Netz und müssen sehen, wie ihr Informationsmonopol langsam zerbröselt. Neuigkeiten verbreiten sich per Twitter schneller, als jede Webseite es könnte, Bilder sind weltweit schneller verfügbar und für Analysen gibt es mittlerweile (zumindest in den USA) brillante Autoren auf allen Seiten des politischen Spektrums. Redaktionen sind zumeist weit, sehr weit davon entfernt, überhaupt das grundlegende System des Netzes zu verstehen. CNN und die BBC haben einen eigenen Twitter Account, durch den sie "breaking news" blasen. Warum? Weil die Leute automatisch nach einer Meldung auf ihre Seite gehen. In Deutschland macht man sich über Blogs lustig und ist vermutlich zu arrogant sich mit so etwas wie Twitter zu beschäftigen.
Viele Redakteure und Journalisten sehen den Weltuntergang vor sich. Oder, wie Mario Sixtus in einer Kolumne im "medium magazin" (nicht online, haha) schreibt:
Das Internet hat die einstige Superkraft des Publizierens nun in rücksichtsloser Weise zum Allgemeingut degradiert. Und die vormaligen Superhelden, Journalisten und Medienmacher, reagieren auf diese für sie ungewohnte Situation mit Unverständnis, Überheblichkeit und Drohgebärden, immer wieder gerne angereichert mit einer großen Portion Kulturpessimismus: Hilfe, die Barbaren kommen!Und deswegen rege ich mich über so Artikel nicht mehr auf. Es macht keinen Sinn mehr, gegen ein Denken anzurennen, das sich in schöner Regelmäßigkeit wiederholt. Ob Jörges oder Boie, die dahinter liegenden Ängste und Gedanken sind sich gleich. Warum also noch mal diskutieren? Die Journalisten und Redakteure, die sich gegen die Veränderungen der Gatekeeping Funktionen stellen, befinden sich in der guten Gesellschaft islamischer Schriftgelehrten im 15. Jahrhundert. Die versuchten die Drucktechnik in arabischer Schrift zu verbieten und so wurde das erste Buch in arabischer Schrift erst rund 50 Jahre nach der Gutenberg Bibel gedruckt. Islamische Werke durften erst noch später gedruckt werden. Bis dahin waren schon abertausende von Bibeln hergestellt und verteilt worden.
matidio,
Mo, 13.08.2007, 23:36
"Ohne das Netz, das wiederhole ich gerne immer wieder, hätte wir nicht mal den Ansatz einer Diskussion über die sog. "Sicherheitsgesetze" von Schäuble & Co."
Moechte ich nicht unbedingt so unterschreiben. Diskussionen gab es frueher auch schon, sei es Rasterfahndung, Volkszaehlung, Natobeschluss usw. Ich weiss auch nicht, ob sie qualitativ schwaecher gefuehrt wurden, vielleicht nur nicht so ganz oeffentlich. Aber die Diskussionen waren da, und meiner persoenlichen Meinung nach hitziger. Ich seh im Moment viel mehr Resignation als frueher. Es laesst sich aber auch nur schwer vergleichen, weil erstens die Umstaende anders waren und zweitens die Vergangenheit grundsaetzlich verklaert.
Aber ich bin nicht der Meinung, dass ohne Netz vieles nicht stattfinden wuerde. Es hat das Gleiche Jahrhunderte lang stattgefunden, vor Gutenberg, nach Gutenberg, vor dem Netz und auch nach ihm. Es aendern sich nur die Mittel.
Die Art und Weise wie diskutiert wird ja, aber nicht das.
Moechte ich nicht unbedingt so unterschreiben. Diskussionen gab es frueher auch schon, sei es Rasterfahndung, Volkszaehlung, Natobeschluss usw. Ich weiss auch nicht, ob sie qualitativ schwaecher gefuehrt wurden, vielleicht nur nicht so ganz oeffentlich. Aber die Diskussionen waren da, und meiner persoenlichen Meinung nach hitziger. Ich seh im Moment viel mehr Resignation als frueher. Es laesst sich aber auch nur schwer vergleichen, weil erstens die Umstaende anders waren und zweitens die Vergangenheit grundsaetzlich verklaert.
Aber ich bin nicht der Meinung, dass ohne Netz vieles nicht stattfinden wuerde. Es hat das Gleiche Jahrhunderte lang stattgefunden, vor Gutenberg, nach Gutenberg, vor dem Netz und auch nach ihm. Es aendern sich nur die Mittel.
Die Art und Weise wie diskutiert wird ja, aber nicht das.
DonDahlmann,
Di, 14.08.2007, 13:28
Die Sache mit dem Netz ist, die, dass man mit einem Schlag mehr Menschen schneller erreicht, als mit einem oder einer Zeitung. Und mehr Menschen mit Informationen füttern kann, als das früher der Fall war. Deswegen tut sich meiner Meinung nach mehr in Sachen Widerstand gegen die Sicherheitsgesetze.
Das es in den 70er und 80er Jahren mehr Anteilnahme der Bevölkerung gab, hatte auch etwas damit zu tun, dass sich die Zeitungen kritisch mit den angesprochenen Themen auseinandergesetzt haben. Heute passiert so was ja nur noch in Ausnahmefällen.
Das es in den 70er und 80er Jahren mehr Anteilnahme der Bevölkerung gab, hatte auch etwas damit zu tun, dass sich die Zeitungen kritisch mit den angesprochenen Themen auseinandergesetzt haben. Heute passiert so was ja nur noch in Ausnahmefällen.
textkoch,
Di, 14.08.2007, 16:29
Der Journalismus ist in der Krise, aber nicht weil die Journalisten plötzlich unfähig geworden sind, und schon gar nicht wegen der Blogs, sondern schlicht weil die Verleger gierig wurden. Guter Journalismus kostet Zeit: Zeit für Recherche, Zeit um Info-Netzwerke zu pflegen, Zeit um treffende Formulierungen zu finden. Und Zeit kostet Geld. Kurz gesagt: Guter Journalismus ist teuer und Bedarf eine ökonomischen Basis. Da ist es atürlich tragisch, dass sich die Gier der Verleger auch noch mit ihrer Unfähigkeit paart, Geschäftsmodelle im Netz zu realisieren. (Da könnte ich jetzt noch viel mehr zu schreiben..)
Viel billiger ist es hingegen, ein wenig mit Ex-Geliebten von Gesundheitsminstern zu plaudern und damit ein Blatt zu füllen, zumal das Publikum eher solchen Themen zuneigt, als der aufwändig recherchierten, investigativen Story. Vor diesem Krisen-Hintergrund werden Profi-Journalisten natürlich reizbar.
Und zusätzlich kratzt die Gemeinde der Blogger und Forenbetreiber auch noch am Meinnungs- und Deutungsmonopol der etablierten Journaille. Aber das ist wirklich nur ein "auch die noch".
Und deshalb äußern gerade erfahrene und wie man sagt „gestandene“ Journalisten vor allem dummes Zeug über das Internet im Allgemeinen und Blogs im Speziellen. Es ist eine Abwehrreaktion auf einem Nebenkriegsschauplatz, weil die ökonomische Hauptschlacht offenbar schon verloren gegangen ist.
Schade.
Viel billiger ist es hingegen, ein wenig mit Ex-Geliebten von Gesundheitsminstern zu plaudern und damit ein Blatt zu füllen, zumal das Publikum eher solchen Themen zuneigt, als der aufwändig recherchierten, investigativen Story. Vor diesem Krisen-Hintergrund werden Profi-Journalisten natürlich reizbar.
Und zusätzlich kratzt die Gemeinde der Blogger und Forenbetreiber auch noch am Meinnungs- und Deutungsmonopol der etablierten Journaille. Aber das ist wirklich nur ein "auch die noch".
Und deshalb äußern gerade erfahrene und wie man sagt „gestandene“ Journalisten vor allem dummes Zeug über das Internet im Allgemeinen und Blogs im Speziellen. Es ist eine Abwehrreaktion auf einem Nebenkriegsschauplatz, weil die ökonomische Hauptschlacht offenbar schon verloren gegangen ist.
Schade.
DonDahlmann,
Di, 14.08.2007, 18:19
Gute Zusammenfassung, ich sehe das auch so. Das fing ja schon in den 80er an, als man die Lokalredaktionen zusammen gestampft hat. Und jetzt überlegt man, was da machen kann, weil "hyperlocal" als das nächste große Ding gehandelt wird. Da schmeißt man erst die Leute raus, zerschlägt Verbindungen, die man seit Jahrzehnten hatte, und wundert sich jetzt, dass die Leser scharenweise in Lokalportale abwandern.
