Ich hatte vor ein paar Tagen, ebenso wie Johnny auf eine Abmahnung hingewiesen, die Christoph Boecken erhalten hat. Jetzt ist eine Pressemitteilung aufgetaucht, die sich zwar nicht zum Thema der Abmahnung äußert, aber die tolle virale Kampagne der Band NIN zum Thema hat. Zur Erinnerung: Christoph war abgemahnt worden, weil er ein mp3 Stück, dass vermutlich vom Band Gründer Trent Reznor selber im Rahmen einer komplexen viralen Kampagne ins Nezt geleakt wurde, auf seinem Server als Stream angebiten hatte. Universal schreibt:
So wurden z. B. auf einer Toilette der Konzerte in Lissabon ein USB-Stick mit einem Song des neuen Albums gefunden, letzte Woche dann sogar das Video zur ersten Single „Survivalism“ - ebenfalls auf einem Konzert und auf einem USB-Stick – und das alles bevor es irgendwo auf einem Musiksender zu sehen oder zu hören war. Bleibt abzuwarten, ob den deutschen Fans ein ähnliches Vergnügen auf der am Mittwoch startenden Tour vergönnt ist.
Ich weiß nicht, was ich gerade unverschämter finden soll - die Tatsache, dass man einen Blogger dafür abmahnt, weil er sich freiwillig zu einem Teil einer viralen Kampagne macht, oder den Fakt, dass es Label und Band offenbar bewußt in Kauf nehmen, wenn Kunden und Fans in einen Abmahnhagel geraten, nur weil man massenweise USB Sticks dem Volk unterjubelt. Und das dann auch noch stolz per Pressemitteilung rausgibt. Das ist in etwa, als würde man an Karneval nachträglich dafür bestraft, dass man die Bonbons aufgefangen hat, die von den Karnevalswagen runtergeworfen wurde. Da hilft vermutlich nur das, was die Berliner getan haben, als sie mit dem ersten Karnevalsumzug in ihrer Stadt konfrontiert wurden - sie haben die Bonbons zurück geschmissen. Dummerweise scheinen große Teile der Musikjournaille da nicht mitmachen zu wollen.

Ich bin immer wieder erschrocken, zu was für einem widerlichen Haufen sich die Musikindustrie in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entwickelt hat. Und zu welchen Mitteln die Urheberrechtsmafia greift. Und ich warte auf den ersten, wirklich großen Künstler, der sich von der Industrie mit einem lauten Knall verabschiedet oder mal in einem Interview sagt, dass er von der Politik in seinem Laden auch nichts hält. Wunschdenken, vermutlich

Danke an thenoise für den Hinweis und das Einstellen Pressemitteilung

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thenoise, Do, 15.03.2007, 14:33
Zu Deinem letzten Abschnitt:
Der Musikindustrie fehlte (und fehlt) es offensichtlich an Visionen. Schon vor Jahren haben wichtige Künstler gemerkt, dass sie die Labels nur als Vertriebsmaschine brauchen (die Toten Hosen, Fanta4 oder R.E.M., um nur einige Beispiele zu nennen). Einige Künstler wurden wegen zu niedriger Verkäufe rausgeschmissen und haben festgestellt, dass sie mit geringeren Verkäufen mehr Geld verdienen, wenn sie die ganze Verwertungskette selbst in der Hand haben (Kelly Family). Das haben auch andere gemerkt und auf die Dienste der Major Labels verzichtet (Einstürzende Neubauten oder gelegentlich Prince). Das sind natürlich herbe Verluste, wenn man plötzlich nur noch Päckchen packen darf und nicht mehr an den Einnahmen beteiligt ist. Und plötzlich gab es auch noch Filesharing ...

Offensichtlich hat die Industrie nicht gemerkt, dass radikales Umdenken angesagt ist. Seit Jahren merkt sie schmerzlich, dass die Pumpe nicht funktioniert und schlägt um sich. Dummerweise verbessern sie dadurch nicht ihre Lage, sondern treffen damit die Musikliebhaber.

Es gibt also schon Künstler, die sich von der Plattenindustrie verabschiedet haben - wenn auch aus anderen als aus Urheberrechtsgründen. Nur laut haben sie es nicht gemacht. Aber das ist auch nicht in deren Sinn. Warum Energie verschwenden um jemandem nachzutreten, der auf dem Boden liegt. Da schaut man lieber nach vorne und investiert in die eigene Fanbase ...

DonDahlmann, Do, 15.03.2007, 15:07
Das stimmt. Die Fanta 4 waren da ja relativ weit vorne. Ich kann mich daran erinnern, das man bei Sony Music damals alles andere als erfreut über den Schritt war.

Und ja - man könnte das alles differenzierter darstellen, aber ich habe das Gefühl, dass viele Leute immer noch nicht begriffen haben, dass es gerade die Musikindustrie ist, die via Interessenvertretungen an der Gesetzesschraube dreht. Beispiel Audkunftsrechte bei Providern, die in einer Gesetzesänderung jetzt vom Bundesrat nachgefordert werden. Viele wissen, dass die Industrie Raubkopierer verfolgt, die meisten wissen aber nicht, das der Schaden, der druch Raubkopien entsteht, höchst umstritten ist, und das die Urheberrechtskonzerne ihr Geschäftsfeld weiterhin mit allen Mitteln verteidigen. Selbst wenn der Künstler nichts davon hat. Selbst, wenn man dafür Grundgesetze aufheben muss.

thenoise, Do, 15.03.2007, 15:53
Dazu kommt, dass nicht nur die Plattenfirmen und ihre Verbände agitieren. Filmindustrie, Computerspielehersteller, deren Verbände und die Verwertungsgesellschaften (Gema, Suisa, etc.) kämpfen auch kräftig mit. Auch wenn die untereinander nicht wirklich vernetzt zu sein scheinen, gibt das eine hübsche Lobbying-Macht, der m. E. keine adäquate gegenübersteht.

diestimmeausdemhintergrund, Fr, 16.03.2007, 11:16
ich hör ja nur Radio...

kleinesf, Fr, 16.03.2007, 13:26
Zu viele Bonbons werden mit Schwimmringen bestraft.

dr.nemo, Fr, 16.03.2007, 15:34
denen gehts um geld ,musik findet woanders statt ,die angebotene musikrichtung heisst mainstream damits ins radio und fernsehn passt ,musik an der das herz hängt ,findet nicht bei bertelsmann sony universal statt ,sondern da wo die kein zugang finden ,oder meinen das lohnt nicht für die grossverbreitung.

DonDahlmann, Fr, 16.03.2007, 16:38
Jein - die Industrie hält sich schon noch kleine Labels, auf denen rumexperimentiert wird, finanziert diese aber nur noch mit einem Bruchteil der Summen, die man mal zur Verfügung gestellt hat. Es rechnet sich zudem mehr, in Casting Shows zu investieren, weil da ein kurzfristiger Erfolg gewährleistet ist.

thenoise, Fr, 16.03.2007, 16:59
den einen geht es ums geld, den anderen um die kunst? das finde ich sozialromantisch - und nicht differenziert genut. alle label sind wirtschaftsbetriebe, alle wollen überleben. nicht nur die fans von nirvana, sonic youth (oder sind die beiden mainstream, weil die platten bei geffen erscheinen?) und cake hängen ihr herz an die musik, sondern auch die von hansi hinterseer oder britney spears.
musik, an der das herz hängt, findet also sehr wohl bei sony & co statt - nur unsere herzen hängen offensichtlich nicht daran.

unterschiedlich sind nur die gewinnchancen. aber bloss weil sich jemand auf eine geringere renditeerwartung einstellt, ist er doch nicht gleich der retter der musik.
ich bin auch der einschätzung, dass die grossen labels fehler gemacht haben - und machen. ich kann mir vorstellen, dass es auch kleinen labels schlechter geht als noch vor zehn jahren. gibt es dazu untersuchungen?

DonDahlmann, Fr, 16.03.2007, 17:09
Nicht das ich wüßte, aber ich sage mal so: man hört auch nicht mehr soviel von kleinen Labels. Aber ich denke, dass die ordentlich unter Druck stehen. Was sicher etwas mit P2P zu tun haben kann, auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass das Interesse der meisten Jugendlichen an Musik arg überschaubar geworden ist. Da gibt es eben mit Computerspielen usw. ganz andere Indentifikationsmöglichkeiten. Und Kostenfaktoren, die das Budget eines Teenagers sprengen. Erfolgreich scheinen Labels zu sein, die auf einen normalen Vertrieb erst einmal verzichten und nur über Netz gehen. Da sind die Gewinnmargen logischerweise größer, allerdings braucht man auch weiterhin, will man ganz nach vorne, die Labels mit ihrer Infrastruktur.

creezy, Fr, 16.03.2007, 17:21
Naja, wir könnten uns ja mal die Mühe machen und Herrn Trent Reznor per E-Mail (haha!) erklären, warum uns (aufgrund dieser Geschichte) der Spaß am Kauf der neuen NIN-CD so sehr gründlich vergangen ist?

Womöglich ist ihm gar nicht bewußt, wie kontraproduktiv seine „engeren“ Geschäftspartner agieren?

DaveKay, Fr, 16.03.2007, 17:26
@thenoise
ich vermute mal, es waren nicht die Herzen der Konsumenten gemeint, aber auch da stimmt das zum Teil. für die Kids heute ist Musik ganz sicher weniger Herzenssache als für uns im gleichen alter. Musik ist Massenware geworden, die Halbwertzeit liegt gefühlte 95% unter der aus den 80ern (nur auf den mainstream bezogen). Wir haben nioch Läden aufgesucht und stundenlang Vinyls vorgehört.
oder tagelang auf einen Song im Radio gewartet um ihn dann fein säuberlich aus den Moderatorkommentaren auf die Cassette zu schälen.
Tonköpfe wurden gereinigt und justiert.Die Ansprüche stiegen, die Ausgaben für HiFi-Equipment ebenfalls.
Und heute?
Versuch mal heute im Saturn stundenlang Tonträger vorzuhören!
Heute zieht man das File zusammen mit 20 anderen aus dem Netz und lässt seine Umgebung im Zug an der Multimedihandyvorstellung teilhaben
Wie also soll den Kids heute ähnlich am Herzen liegen wie uns damals?

Was der Herr Dr. wohl aber meinte, ist, dass die wenigsten Produzenten(heute sind es eher selten Musiker), Herzblut in ihre Produktion stecken, das nicht auf die Kohle schielt.

thenoise, Sa, 17.03.2007, 01:20
Mit den Herzen der Musiker ist es, so denke ich, nicht anders. Wieso sollte Christina Stürmer weniger mit dem Herz dabei sein als Chris Cutler, die seligen Oberkrainer (übrigens Innovatoren) weniger Herzblut in ihre Sache gelegt haben als die Biermösl Blosn? Eine Mainstream-Zielgruppe oder andere Verkaufsziele zu haben, heisst ja nicht, sich zu verkaufen, alles "ohne Herz" zu machen. Das gilt nicht nur für Musiker, auch für deren Produzenten. Auch die Lagos und Kitty-Yos (und ihre Bands) müssen das Marketing im Griff haben.

Die Ursachen für den Rückgang orte ich wie Du an anderen Orten: Musik ist ein allgemeineres Gut geworden, es gibt viel mehr Angebot und mehr Möglichkeiten für die überwiegend jugendlichen Musikkäufer (Computerspiele, Ausgansmöglichkeiten, Mobiltelefon, ...) das Geld loszuwerden.
Früher haben die Leute Minigolf gespielt, jetzt gehen die Clubs ein, weil der Nachwuchs lieber in Kletterhallen geht.
Die Zeiten ändern sich, und manche verlieren ihr Geschäft. Dass sie das abwenden wollen ist so gut wie verständlich. Dass in der Musikindustrie dabei Fehler gemacht wurden (und werden), ist offensichtlich und nicht zu beschönigen. Ich finde es jedoch falsch, einer Seite grundsätzlich Profitgier, Herzlosigkeit und Idiotie zu unterstellen, und der anderen den Kampf um das Wahre, Schöne, Gute. Ich bin sicher, dass es auch bei den Alternativlabels unfaire Verträge und unkorrekte Abrechnungen gibt.
Die ganze Schwarzweissmalerei funktioniert doch längst nicht mehr, weil die Grenzen doch viel zu sehr verwischt sind: Das Fant4-Label Four Music und das Unternehmen Tote Hosen sind Indie-Projekte - oder doch nicht? Herbert Grönemeyer hat sein eigenes kleines Label. Eigentlich ganz sympathisch. Doch was ich über ihn gelesen habe, ist es nicht - im Gegenteil.

mutant, Sa, 17.03.2007, 02:07
die ex-indies, die dann auf grossen labels landen (gibt es noch, warum auch immer), trauen sich dann nicht, vom kuchen gross abzubeissen und minimieren die kosten der multis, indem sie vieles eben immer noch ueber die vertrauten DIY-wege laufen lassen, wo seltenst geld fleisst. dumm.
wenn da geld ist, dann sollen die typen das rausruecken und die kuenstler oder so das unter ihren supportern verteilen, ohne die waeren die nie beim multi.
ich geb ja meinem sklaventreiber nicht auch noch geld dazu, das ich da arbeiten darf.
naja, kuenstlerseelen, ne.
if you seel out, get the hell out, hiess es mal.

lokalreporter, So, 18.03.2007, 00:18
abmahnung
abmahnung in der arbeitswelt bedeutet: du darfst nochmal! diese möglichkeit sollten die abgemahnten nutzen und den abmahnern ihre abmahnung genaudahin stecken. go guerilla!

goetzeclan, Mo, 19.03.2007, 09:44
Ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, dass die letzte CD der Beatles "Love" ohne Kopierschutz daherkommt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich kaufte einige CDs nicht, weil diese "Künstler" nicht auf den Schwachsinn verzichten wollten.

Übrigens hat sich der Kopierschutz einiger Hersteller gegenüber der Kombination iTunes 4 und Windows Vista als Wirkungslos erwiesen. Auf diese Weise hat der liederliche Curse seinen Weg auf meinen iPod gefunden ...
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