Ich habe mir mal die Zeit genommen, und versucht hinter die Arbeit von Transparency (TI) International zu schauen, was gar nicht so leicht ist. Zum einen redet niemand gerne über Korruption, zum anderen arbeitet TI selber lieber hinter den Kulissen, als das man selber im Vordergrund stehen mag. Das macht eine Recherche enorm schwer. Wie mir beim Artikel des Spiegel schon aufgefallen war, läuft man irgendwann quasi vor eine Wand und verheddert sich schnell in einem Wust aus Spekulationen und unbewiesenen Behauptungen. Sehr hätte mich der Vorwurf interessiert, dass TI nur deswegen im Ausland so aktiv ist, weil sie dort ihren Mitgliedern Vorteile bei öffentlichen und meist gut geschmierten Ausschreibungen verschaffen will. Um diesen Komplex zu recherchieren fehlen mir aber einfach die Zeit und die Mittel.
Wer nach den Geschehnissen der letzten Woche eine generelle "Abrechnung" mit TI erwartet, braucht gar nicht erst weiter zu lesen. Die gibt es in diesem Artikel nicht. Auch der Fall "Moni" wird nicht mehr erwähnt, da darüber nun wirklich genug geschrieben wurde. Es ging mir einzig und allein darum zu verstehen, wie TI eigentlich arbeitet und warum sich so manche Kritik an TI entzündet, während Organisationen, die sich gegen Korruption wenden, davon verschont bleiben. Dazu werden die Vorwürfe, TI sei nur ein Deckmantel der Industrie für gemeinsame Absprachen, unter die Lupe genommen. Am Ende des Artikels folgt ein Interview mit der Geschäftsführerin von Transparency, Dagmar Schröder, die mir einige Fragen per Mail beantwortet hat.

Unter dem langen Artikel habe ich die Kommentare abgeschaltet, da dieser nicht auf der Frontseite des Blogs erscheint. Anmerkungen, Ergänzungen und Kritik also bitte hier drunter klemmen.

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stollentroll, Mi, 05.04.2006, 16:56
"Mit einem Jahresbudget von unter 200.000 Euro sind unsere finanziellen Ressourcen sehr begrenzt."
Ich verstehe das jetzt mal so, dass TI ein ernstes Finanzierungsproblem hat, und als zahlkräftige Stiftung sicher besser fahren würde. Das Legitimationsproblem liegt wohl va. auch darin, dass man als eine Art Selbsthilfegruppe korruptionskranker Unternehmen bzw. Organisationen staatlichen Aufgaben nur unbefriedigend erledigen kann. Das soll kein Vorwurf an TI sein, es fehlt meiner Meinung nach einfach eine internationale, demokratisch legitimierte und finanziell unabhängige Anti-Korruptionsbehörde. Das wäre ein Bereich, wo die Staaten aktiv werden müssten, aber die wollen derzeit lieber privatisieren.

DonDahlmann, 5. April 2006, 17:03
Die 200.000 Euro beziehen sich auf TI-Deutschland. Weltweit nehmen alle, komplett eigenständig operierenden Chapter, angeblich insgesamt um die 6 Millionen ein.

stollentroll, 5. April 2006, 17:34
Was eindeutig zu wenig ist für die weltweite Korruption. Wen TI dann einen Bereich oder eine Firma oder ein Gesetz kritisiert, wird sie anfällig für den Vorwurf, andere Dinge zu übersehen, und es blühen neue Verschwörungstheorien. Da bleibt ihnen fast nichts anderes übrig, als "verdeckt" zu operieren. Das ist nicht mal mehr ein Tropfen auf dem heißen Stein, eher eine H2O-Verbindung.

jbw, Mi, 05.04.2006, 19:33
Wenn Christian de Brie davon ausgeht, dass einige Firmen, die hinter TI stehen, in bestimmten Einzelfällen in eigenem Interesse aktiv zu werden versuchen, dürfte das ein internes Problem von TI beschreiben, da Dagmar Schröder ja betont, TI würde sich nicht mit Einzelfällen beschäftigen.

sonderschüler x, Mi, 05.04.2006, 19:56
also:
der input is geldwertes wissen und der output nich nachvollziehbar. das is bedenklich.

wasweissich, 5. April 2006, 21:05
Es ist ganz interessant, dass die Struktur des deutschen Chapters anscheinend nicht der Struktur der Dachorganisation entspricht. Will heißen: international bezahlt man seine Mitarbeiter meines Wissens schon normal, nur in Deutschland hat man diese Schiene gewählt: "wir haben so wenig Geld, deshalb können wir nicht anders als Praktikanten für fast kein Gehalt anzuheuern und Mitarbeiter auszutauschen, wenn wir jemand Billigeres bekommen". Wäre auch mal interessant gewesen, das bei Frau Schröder nachzufragen, aber darauf hat sie bisher ja noch niemandem geantwortet, von daher hätte es wahrscheinlich eh nichts gebracht. Ich habe den Eindruck, man benutzt das, was man bei anderen anprangert, als Rezeptbuch für sich selbst: der sozialen Verantwortung, die man woanders einfordert, entzieht man sich selbst aus finanziellen Gründen (Hallo: Verantwortung ist ein Konzept, das sich nicht nach finanziellen Rahmenbedingungen abstecken lässt!) und Mitarbeitern, die das kritisieren, droht man mit der Interna-Abmahnungskeule (die man im Abschnitt Whistleblowing explizit als schlimm deklariert hat). Und nötig ist das jedenfalls, wie man zu rechtfertigen nicht müde wird, auf keinen Fall. Ich kenne eine gemeinnützige Kinderhilfsorganisation, die auch sehr wenig Geld hat und sehr von ehrenamtlicher Mitarbeit abhängig ist, aber sie bezahlt die wenigen Angestellten trotzdem normal und verhält sich ihnen gegenüber sozial.

Die große Frage ist: Warum also hat das deutsche Chapter eine solch fragwürdige Struktur, die anderen aber nicht?

sonderschüler x, 5. April 2006, 21:16
dahlmann hat doch ausgeführt,
"dass TI von dem ehemaligen Weltbankdirektor Peter Eigen 1993 ins Leben gerufen wurde."

was willste von einem macher der globalisierung erwarten? der wird sich natürlich als verfechter des freien marktes den marktgesetzen verpflichtet fühlen und nicht der wohlfahrtsverbände.

maternus, Do, 06.04.2006, 03:13
Die TI-Mitgliedschaft von Siemens scheint tatsächlich nicht mehr aktuell zu sein, zumindest erscheint das Unternehmen nicht auf der TI-eigenen Mitgliederliste.

auch-einer, 6. April 2006, 09:00
die eigentliche frage ist doch, ob das mit der bekämpfung der korruption nicht so etwas ähnliches ist, wie die bekämpfung des frauenhandels zu seiner zeit: viel aktionismus, zu allem übel noch gut gemeint, in der sache völlig verkehrt und zu nichts anderem gut, als noch ein paar vorstansdspöstchen zu besetzen. nun war zur damaligen zeit ein ehrenamt nur mit der ehre verbunden, heute sind wir weiter, indem das gemmeinnützigkeitsrecht unverhältnismäßig hohe vergütungen untersagt, recht so, verhältnismässig hohe reichen schon zu.

oder ganz anders: was, wenn korruption eine der grundlage sozialen verhaltens wäre? dem, den ich kenne, wende ich eine vorteil zu, um selbst wieder von ihm einen vorteil zu erlangen?

inwieweit ist nicht das verhalten von transparency selber korruption: man schiebt sich selber vorteile zu, man deckt sich selber gegenseitig, man hat da eine nette kleine geldmaschine am laufen, und wenn man selber nicht gar so gierig wäre, wäre das noch lange so gegangen.

wer eigentlich ist der bund der steuerzahler?

dr. jo, 6. April 2006, 10:24
TI macht es sich zu einfach: Beispiel Gesundheitswesen. Das Nutzen fremder Versichertenkarten ist Betrug. Wird aber bei TI als "Korruption" verkauft. Wir haben ein solidarisches Gesundheitssystem. Solange mehrere 100.000 Ausländer, die bei uns ohne Aufenthaltsrecht praktisch als "Illegale" wohnen, von jeglicher elemantarer Gesundheitsversorgung ausgeschlossen sind, ist dieser Missbrauch der Versichertenkarte vom ethisch-moralischen Standpunkt nicht so einfach in schwarz-weiss-Manier zu bewerten.

Wer sich heir als Beurteiler hinzustellt, braucht ein ziemlich hohes Mass an Unangreifbarkeit und muss diese Ansprüche auch im eigenen Handeln durchsetzen. Da hat TI sicher einige Defizite.

DonDahlmann, 6. April 2006, 11:17
Das Gesundheitswesen leidet auch weniger am Missbrauch durch die Kranken, denn mehr an den Kungeleien der Pharmabranche mit Ärzten. Auch "Vertreterwahnsinn" genannt.

kleinesf, 6. April 2006, 11:42
Womit sich dann der Kreis schließt und die Frage des Stollentrolls beantwortet wird, warum es keine internationale Behörde gegen Korruption gibt: Weil das einzelne Unternehmen bzw. die Wirtschaft insgesamt sie nicht will. Wenn schon die Weltbank sich nicht da herangetraut hat, wer soll es dann machen?

I. ü. stellt sich die Frage, was eine Behörde tun könnte. Die weltweite Moral verbessern wohl nicht. Das System ändern auch nicht. Hier sind eher die nationalen Strafverfolgungsbehörden gefragt, denn das Strafrecht ist stark genug. Die Politik könnte hier für ausreichend Personal sorgen, wenn sie es wollte.

DonDahlmann, 6. April 2006, 12:30
Die Problematik ist ja auch: Wo fängt Korruption an? Ich kann mir gut vorstellen, dass es zu meist nicht Geld ist, dass durch die Gegend geschoben wird. Ich kenne das von meinem Vater, der lange in der Baubranche unterwegs war. Da wird zum Beispiel bei kommunalen Ausschreibungen ein Unternehmer bevorzugt, der dem Bürgermeister den neuen Swimmingpool etwas günstiger in den Keller baut. Bei so einem Fall, würde man wohl von Korruption oder zumindest Vorteilsnahme sprechen.
Wie ist es aber, wenn meine Freundin in einer Redaktion sitzt, und mir ab und zu als freien Journalisten einen Auftrag verschafft? Auch Vorteilsnahme?

Ich denke, dass das Problem der Korruption in Deutschland vorhanden ist, aber wie viele Korruptionsfälle zeigen, geht es oftmals um Schmiergeld, dass im Ausland gezahlt wurde. Fälle, wie der Kölner Müllskandal sind ja eher selten. Oder kommen selten raus.

negativ, 6. April 2006, 12:33
zu kurz...
... kommt mir der Aspekt, dass TI die "Aufmerksamkeit" der Medien besetzt. Egal was man von TI hält. TI hat einen hohen Aufmerksamkeitsbonus und eine hohe Glaubwürdigkeit und drängt so die anderen engagierten "Medienmarktteilnehmer" heraus. Hinweisen wollte ich auch noch auf Siemens, denn die haben auch vor 2004 massive Korruptionsfälle gehabt. Meine persönliche Theorie ist, dass die Siemensskandale 1992/93 zur Gründung von TI geführt haben (TI wurde ja in Deutschland gegründet).
Edit:
Siemens hat angeblich 50 Millionen an Südkoreas Präsident fließen lasse, und hier ist ein Artikel bei dem es um die Beteiligung von Daimler und Siemens an Korruptionsfällen im Irak geht. Unter anderem spricht dort auch der "Transparency-Experte Elshorst ":
"Bessere Gesetze (zur Korruptionsverfolgung, Anm.) seien dazu nicht notwendig, betonte der Experte"
oder:
Elshorst wies darauf hin, dass in der Regel ein Unternehmen "nicht von hier aus" Schmiergelder zahle, sondern dies "über irgendeine Struktur vor Ort" tue
oder:
Elshorst nannte es "besonders wichtig", dass die Ermittlungsbehörden auch die kleineren Unternehmen unter die Lupe nehmen, "obwohl es viel Arbeit machen wird". Bisher kämen die kleinen Firmen bei Korruption "so gut wie ungestraft" davon, so Elshorst. Seine Organisation hoffe, "dass endlich mal auch gegenüber kleineren Firmen Exempel statuiert werden, dass Korruption nicht straffrei ist".
Der Link:
www.n24.de

timanfaya_, Do, 06.04.2006, 14:44
als teil einer geradezu korruptionsverschrieenen branche kann ich nur sagen: hoffnungsloses unterfangen, korruption massiv unterbinden zu wollen. letztes jahr erst hat mir jemand 25.000 eur [international also echter kleinscheiß] auf den tisch gelegt um einen auftrag zu bekommen [ich kann nur jedem versichern: man denkt nach. es hätte definitiv niemand bemerkt, andere menschen bekommen sowas als "provision". und bei einer noch höheren summe denkt man wahrscheinlich noch länger nach. und bei einer gewissen summe - die allerdings den auftragswert überstiegen hätte - wäre das denken irgendwann zu ende gewesen. ich schätze 99,5% aller menschen haben einen preis. insbesondere, wenn es niemandem schaden zufügt.]. aber das ist die sehr platte variante und - sofern sie nicht über ausländische konten läuft - gefährlich einfach nachvollziehbar. für die richtigen kracher eignen sich wesentlich subtilere methoden, die nur sehr schwierig und mit einem hohen prüfungsaufwand nachzuweisen sind. wenn überhaupt. da ich selbst mal in der internen revsion eines dax konzernes gearbeitet habe, weiß ich wieviel personen es bedarf, um ein einziges unternehmen nur intern halbwegs sauber zu halten. wie man sowas international mit einem einstelligen millionenbudget bewerkstelligen soll bleibt mir daher ein echtes rätsel ...

sonderschüler x, 6. April 2006, 14:49
wie is das denn in china?
das is doch offizielle korruption in einer diktatur oder?

DonDahlmann, 6. April 2006, 15:23
In der heutigen Zeit hat fast jeder seinen Preis, sei denn er hat soviel Geld, dass er es nicht braucht. Den eigenen moralischen Standart hoch halten zu können, wird immer schwerer. Ich weiß von Kollegen, die ein paar tausend Euro bekommen haben, damit sie dieses oder jenes nettes schreiben. Aber das ist wirklich die Ausnahme. Normalerweise läuft es ja dann eher so, dass ein paar Jahre wohlfeiles Verhalten nicht direkt mit Geld, sondern mit einem gutdotiertem Posten belohnt wird. Ist nicht nachweisbar und kommt auf das gleiche heraus. Diese Art der Einflußnahme findet man ja bis ganz weit nach oben.

Und wie sieht es denn auch aus? Ohne Ex-Bundeskanzler Schröder etwas unterstellen zu wollen, aber erst eine Pipeline eintüten, dann einen gut dotierten Vertrag ausgerechnet in der Firma erhalten, deren Geld um ein paar Ecken die Pipeline mitfinanziert und am Ende kommt auch noch raus, dass es für das Geschäft einen Milliardenzuschuss gegeben hat. Das mag alles rechtlich seine Richtigkeit haben, aber es sieht nicht schön aus. Und dererlei Beispiele kann man dank Vodafon, Deutsche Bank etc weiterführen. Selbst wenn, wie gesagt, alles rechtlich nicht weiter angreifbar ist, bleibt am Ende bei den meisten Beobachtern doch der Gedanke, dass jeder alles nimmt, was er bekommen kann.

sonderschüler x, 6. April 2006, 15:31
nur der zitterwolf is unbestechlich!
er war grad voll des lobes wegen den steuber und seine schulpolitik.
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