Liebe Musiker,
1. Die bequeme Lage von Musiker,
2. Künstler sein ist kein Angestelltenjob. Das geht anderen Künstlern genauso. Man schreibt und malt jahrelang, machmal jahrzehnte lang umsonst und/oder am Rande des Existenzminimums. Das ist Teil des Schaffensprozesses. Akzeptiert das, oder laßt es und studiert was anderes. Ich male, arbeite, musiziere nicht für Geld, sondern weil ich es will und weil ich Spaß daran habe. Und diesen Spaß hab ich auch, wenn ich auf der Bühne stehe, egal ob ich dafür Geld bekomme, oder nicht. Der Rest der Welt ist mir wurscht. Punkt. Dazu gehört auch, dass ich mich bewußt dafür entscheide, dass ich halt anders leben muss, wenn ich meine Sache durchziehen will. Und ja, man kann gleichzeitig Musiker/Autor/Maler sein und mit was anderem sein Geld verdienen.
3. Die bequeme Förderung durch die Musikindustrie in den 70er und 80er Jahren hat vieles im Bewußtsein der Musiker verändert. Lest Euch bitte mal die Biografien der Musiker durch, die vor der Förderungspolitik der Labels bis in die 70er Jahre hinein mit der Musik angefangen haben. Von mir aus von Beatles, den Stones, Pink Floyd oder wem auch immer. Wenn man das macht, stellt man fest, dass die Bands teilweise jahrelang unter verschiedenen Namen durch die Gegend getingelt sind, umsonst gespielt haben, kein Geld hatten und in den letzten Löchern wohnten. Lest Bukowski, Miller oder Stephen King. Sie alle haben teilweise Jahrzehnte hinter sich, die frustrierend, scheiße und völlig erfolglos waren. Lest über Picasso, und ihr werdet feststellen, dass er jahrelang hoch verschuldet in einer unbeheizten Pariser Wohnung lebte. Der Fall, dass einer wirklich so richtig gut war und sofort von seinen Sachen leben konnte, ist so selten, dass mir gerade nicht mal ein Beispiel einfällt.
4. Die Musik hat heute Vertriebswege, von denen man vor 40 Jahren nicht mal träumen konnte. Die muss man nur nutzen.
5. Die Musiker nutzen die Vertriebswege nicht. Ein Bekannter von mir, ehemaliger Chef der deutschen Abteilung von "Mute", arbeitete mal für einen Laden, der Ende der 90er die Idee hatte, all den A&Rs dieser Welt ein Portal aufzubauen, in dem sie nach neuer Musik stöbern können. Ausgesucht von den Portalbetreibern, mit einer Liste, was ihnen selber so gefallen hat. Da stellt sich mir 10 Jahre später die Frage: Warum macht ihr das nicht selber? Organisiert euch. Schafft ein Portal, und zeigt, wenn ihr denn unbedingt zu den Labels wollte, dass es Euch genau an der Stelle gibt.
6. Der Niedergang der Labels in den letzten Jahren hat offenbar zur Folge dass es a) mehr Schrott gibt und b) man nicht mehr einfach mal ne Platte machen kann und schon ist man im gelobten Land. Auch gezielte Provokation haut nicht mehr hin, wenn sie keine Substanz hat. Der Manager von "Rammstein" ist knapp zwei Jahre mit einem Demotape durch die Gegend getingelt und es passierte nichts. Tim Renner hat sie genommen, weil er das Ding gut fand und weil man ihm ein schlüssiges Konzept vorgelegt hat. Erst dann hat man sich die Musik noch mal angehört, die Band in ein Studio in Schweden gesteckt, das musikalische Konzept geglättet und veröffentlicht. Jeder hat erwartet, dass Rammstein nach einer CD den Bach runtergehen, aber die Band war gut und klug genug die Schiene weiterreiten zu können und jedesmal ein wenig anders zu klingen. Dass sie letztlich zu 80% aus Ideen von Laibach und den Krupps bestanden hat eine andere Sache, aber sie haben es eben geschafft, es als ihre zu verkaufen. Noch ein Beispiel gefällig? H.P.Baxxter von "Scooter" hat lange in der Vertriebsabteilung bei "Edel" gearbeitet und Päckchen gepackt. Vorher hat er in Hannover mit Rick J. Jordan erfolglos Musik gemacht. Er hat jahrelang erfolglos Musik gemacht, nicht nur ein paar Monate. Baxxter hat mit seinem Tapes den damaligen A&R Jens Thele dann so lange genervt, bis sie eines Tages halt mal ne CD gemacht haben. Man kann von Scooter halten, was man will - sie sind auf ihre Weise unverkennbar und sich treu geblieben. Und haben 14 Millionen Alben weltweit verhauft. Was wollte ich eigentlich sagen? Achja, das war Zufall. Verlasst euch nicht auf den Zufall. Macht selber was und macht vor allem das, was ihr wollt. Nicht das, was vielleicht andere gut finden würden.
7. Macht gute, orignäre Musik. Die US Band "Hayseed" hat kein Label, die machen alles selber. Und rufen ihre Fans auch noch dazu auf, dass sie auf Konzerten unbedingt Mitschnitte machen sollen, die sie dann bitteschön frei übers Netz verteilen sollen. Man kann darüber streiten, ob das, was die da machen, künstlerisch wertvoll ist, aber es ist a) orignell, b) handwerklich gut und c) interessiert es sie einen Scheiß, was andere machen. Sie machen halt ihr Ding. Feierabend.
8. Es gibt seit Anbeginn des Radios grob geschätzt einen 10 Jahreszyklus, in dem sich Musik erneuert. Mitte der 40er Jahre war es der Swing, Mitte der 50 der Rock 'n Roll, Mitte der 60er der Beat/Rock, Mitte der 70er der Punk, Mitte der 80er Techno, Mitte der 90er HipHop. Es ist also mal wieder Zeit, dass was neues kommt. Bedeutet: seid kreativ. Und fangt wieder bei Punkt Eins an zu lesen.
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Dabei war das Kopieren von Musik seit Erfindung der Kompakt-Cassette ein weit verbreitetes Ding. In den 80er Jahren schossen CD-Verleihgeschäfte wie Pilze aus dem Boden. Man ging rein, lieh sich für ein paar Stunden oder Tage eine CD aus und kopierte die auf eine Cassette. Das Prinzip funtionierte bestens und nicht wenige hatten ganze Wände von Cassetten zu Hause neben der Stereoanlage. Cassetten waren perfekt. Meist passten auf eine 90er knapp zwei Alben drauf und es gab die hübschen "Doppel Tapedacks" mit denen man die Cassette dann auch noch weiter kopieren konnte. Niemand (außer den Schwarzhändlern in Touristenstädten) kam auf die Idee, damit einen schwunghaften Handel zu betreiben. Es war ein gutes Tauschgeschäft. Du hast die neue "Bauhaus", ich die neue "Kraftwerk" - vielen Dank. Ohne die Tauschgeschäfte, ohne die netten "Kennst Du nicht? Nehm ich dir mal auf!" hätte ich meinen Musikgeschmack vielleicht nicht so entwickeln könne, wie ich es gemacht habe. Und ohne die kopierten Tipps von anderen Menschen, hätte ich viele CDs nicht gekauft. Denn Cassette hin, Cassette her, die CD zu Hause im Schrank zu haben, ist doch noch eine andere Sache. Vielleicht bin ich da konservativ, vielleicht höre ich auch komische Sachen, vielleicht höre ich aber auch einfach zu viel Musik und archivier eben manche Dinge erst einmal, die ich mir dann später anhören möchte. Vielleicht mag ich es auch einfach mit meiner Sammlung anzugeben. Jedenfalls habe ich immer gerne CDs gekauft und viele stehen deswegen in meinem Schrank, weil mir irgendjemand mal eine Mix-Cassette gemacht hat. Und ich würde gerne mal wissen, wie viele Künstler aus den 80er Jahren ihren Aufstieg den Menschen verdanken, die voller Enthusiasmus dem halben Schulhof das damals neue Album kopiert haben.
Ich bin nicht stehen geblieben. Ich habe meinen Musikgeschmack erweitert, ausgebaut und verändert. Gerade in den letzten Jahren, seit dem es im Internet Blogs von Menschen gibt, die die Musik, die sie mögen, vorstellen. Ich würde das auch gerne machen. Vor allem bei den Perlen aus den Easy Listening der 60er und 70er Jahre. Ich verlinke seit ein paar Wochen die You Tube Videos, die ich finden kann, aber es gibt aus dem Bereich eben wenig. Gern würde ich hier einzelne Stücke reinstellen. Um die Künstler und ihre Musik vorzustellen. Um zu sagen: "Das ist so toll, da musst Du mehr von hören." Allein es geht nicht. Während ich Ausschnitte von Texten von anderen Autoren hier vorstellen kann und dann sage: "Lies da oder dort mehr..." darf ich hier nicht mal den Auszug einer mp3 vorstellen. Nicht mal, wenn ich die Qualität runterdrücke. Ich müsste mir für jedes Stück, dass ich schön finde, und von dem ich denke, dass es auch andere Leute interessieren könnte, eine Genehmigung einholen. Was bei Sachen, die es teilweise nicht mehr auf CD gibt, aber deren Rechte von irgendwelchen Verlagen gehalten werden, gar nicht so leicht ist. Was ich machen könnte wäre bei einem anonymen Hoster ein anonymes Blog aufzumachen.
Mit anderen Worten: ich müsste in den Untergrund gehen. Ich müsste mich verstecken wie ein Krimineller, was ich den Augen der Musikindustrie ja auch wäre, nur weil ich einmal pro Woche ein Stück eines Künstlers vorstellen möchte, in der Hoffnung, ein paar Leser folgen meinem Geschmack und schauen sich diesen oder jenen Künstler mal genauer an. Ich hab schon ein paar Mal darüber nachgedacht, ob ich so etwas nicht machen soll, aber ich habe dazu keine Lust. Ich bin kein Dieb - man macht mich nur zu einem. Ich empfinde es als eines der menschlichen Grundrechte, dass man Kultur weitergeben kann. Warum also sollte ich mich ducken, nur weil mir jemand droht und weil dessen Geschäftsmodell darauf aufbaut, ein menschliches und jahrtausende altes Grundrecht der Zivilisation nur gegen Bezahlung zugänglich zu machen? Man hat eine wunderschöne Geste und für Entwicklung der Kultur ungemein wichtige Sache kriminalisiert und zerstört: die des Austauschs und des Weitergebens von Kultur.
Der massive Eingriff der immer weiter ausgebauten Copyright- und Vermarktungsgesetze in das kulturelle Leben zerstört aber nicht nur meinen kleinen privaten Spaß, sondern behindert auch das Entstehen neuer Zweige der Kunst. Mashups wie das brilliante "Revolved" Album des Künstlers "CCC", existieren nur noch im Untergrund, weil die Rechteinhaber gegen die Veröffentlichung vorgegangen sind. Auch Machinima Künstler wissen ein Lied (haha) davon zu singen.
Und deswegen gibt es heute ein Video, dass schon etwas länger in meinen Bookmarks rumlungert und das ich heute in einem anderen Zusammenhang mal wieder gesehen habe. Es ist ein Vortrag von Lawrence Lessig bei der letztjährigen TED Konferenz in Monterey über Copyright und alles, was dazu gehört. 20 Minuten, die sehr unterhaltsam klar machen, was wir dank der Musikindustrie gerade im Begriff sind zu verlieren, und was sehr wichtig für uns alle war und ist.
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Wenn ich so die Berichterstattung in den Blogs, zum Beispiel bei Herrn Knüwer lese bin ich ja sehr beruhigt, dass ich nicht da war. Und das wird auch für die LeWeb 3 '07 gelten. Selbst wenn ich umsonst da reinkommen würde, wüsste ich absolut nicht, was ich da soll. Die Lister der Sprecher besteht zum einem nicht unerheblichen Teil aus Menschen, deren Namen ich noch nie gehört habe. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn diese Menschen arbeiten in Branchen mit denen ich auch noch nie was zu tun haben wollte. Die Konferenzen sind mehr oder weniger langweilig, bietet nur noch selten wirklich Neues und drehen sich darum, wie man aus Web 2.0 Geld machen kann. Ein schönes Beispiel dafür, wo der Begriff Web 2.0 gelandet ist folgendes Panel: 10h45 - 11h00. Evolving innovation. Dave Winer in conversation with Loic Le Meur. Ganze 15 Minuten auf einer zweitägigen Konferenz hat RSS Pionier Dave Winer um sich vom Le Meur ein paar Fragen stellen zu lassen. Jenem Le Meur, der letzes Jahr unter massiven Protesten der Webgemeinde die letzte Ausgabe der LeWeb 3 für einen unangekündigten Besuch des damaligen französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy genutzt hatte. Le Meur war/ist Berater im Team von Sarkozy für Internet PR. Seine Arbeit scheint gut angekommen zu sein, denn wie Le Meur (der mittlerweile in San Francisco lebt) in den letzten 24 Stunden per Twitter nicht müde wurde zu verlautbaren, war er zum Dinner beim ersten offiziellen Staatsbesuch des französichen Präsidenten in den USA im Weißen Haus eingeladen. Und erlebte ein paar Überraschungen (French minister of economy Christine Lagarde just kissed me oops [Twitter]).
Ich hab Loic vor ein paar Jahren mal in Berlin bei irgendeiner Präsentation gesehen und mich auch mit ihm unterhalten. Ein wirklich netter Mensch, der sich auf eine angenehme Art und Weise sehr begeistern kann und dem man die Begeisterung für neue Möglichkeiten und Technologien auch abnimmt. Aber sein Engagement für Sarkozy sagt eigentlich schon alles über das, was "Web 2.0" mittlerweile ist.
Ich glaube, dass der Begriff (nicht der Inhalt) Web 2.0 ebenso mausetot ist, wie es die Begriffe "New Media" und "dot com" ca. Ende 2001 waren. Web 2.0 war mal eine Idee, mittels Open Source und Schwarmintelligenz ein komplett neues Medium zu schaffen. Sehr viele "social" Applikationen machten das Internet zu dem, was die Medien gerne etwas linkisch mit "Mit-Mach-Web" umschreiben. Was so klingt, als würde man versuchen einen Seniorenabend im Pfarrhaus zu bewerben und zeigt, wieviel die Medien von der ganzen Sache verstehen.
Web 2.0 hat fast alle Firmen komplett überrascht. Die Musik- und die Verlagsbranche waren nur zwei Bereiche, die sich plötzlich massiv unter Druck sahen und immer noch sehen. Während die Musikbranche lieber ihre Kunden kriminalisierte und sich somit ihr eigenes Grab schaufelte, ist man in den Verlagen schlauer gewesen und hat sich die Geschichte erst einmal angeschaut. Es gab viele Versuche, die von vorn herein zum Scheitern verurteilt waren (Hallo, Holtzbrinck Verlag) und man hat sich lange gefragt, warum die Verlage eigentlich nicht jemanden für ihre Onlineaktivitäten holen, der sich damit auskennt. Die zwei besten Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man jemanden mit Online-Kompetenz holt, sind der Online Auftritt des "Tagesspiegels" durch Mercedes Bunz und die neue Plattform "DerWesten" der WAZ durch Katharina Borchert. Vor allem "DerWesten" hat eine unedliche Anzahl an Web 2.0 Applikationen auf der Seite, und soweit ich weiß, werden das nicht die letzten sein, die man einführen will.
Inhaltlich gesehen hat sich das Internet aber sowieso schon vom Web 2.0 hin zum "mobile web" entwickelt. Dienste wie "Twitter", "Jaiku" oder "Pownce" sind erst der Anfang einer ähnlichen Revolution, wie sie das Usenet in den 90ern und die Blogs seit 2000 losgelöst haben. Wenn das Google Handy kommt, wird der Dienst "Jaiku" vermutlich im Telefon integriert sein (Google hat den Laden noch in der Betaphase gekauft) und social networking nebst Microblogging werden es richtig los gehen. Und wenn denn in ein bis zwei Jahren die UMTS Verbindungen einigermaßen flächendeckend sind und mit der Internet/Telefonflat kostengünstig abgedeckt sind, wird das Netz sowieso seine dritte Revolution erleben. Dafür braucht man aber eine Expo und keine Le Web3 mehr, sondern kleine, dichte Konferenzen und Tagungen wie die von der ZKM in Karlsruhe organisierte "Ich, Wir & Die Anderen".* Wenn man sich zum Beispiel den Abschlussvortrag von Prof. Weibel (Bio) anhört(ganz unten), bekommt man eine Ahnung, welches Potential im Netz und dem social networking steckt.
*Ja, im mp3 hört man mich, denn ich hab die Konferenz im September moderiert.
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Was ist die nächste Idee der Musikbranche? Noch einmal 10 Cent mehr, weil es Stereo ist?
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Sehr geehrter Herr Obermann, Herr Höttges und Herr Welslau,Via Boo
sehr geehrte Herren in den Vorstandsetagen
durch Ihre wiederholten Mitarbeiterbriefe verschiedenen (und
letztlich doch gleichen) Inhalts haben Sie mich zum Schreiben dieses
Briefes motiviert.
Letzter Auslöser war ihre wiederholte Forderung, bei uns Mitarbeitern
eine größere Bindung zum Unternehmen zu erzeugen. Dazu kann ich ihnen
nur erwidern, dass ich und die meisten meiner Kollegen im kleinen
Finger mehr Unternehmensbindung haben, als ihre ganze Führungsriege
zusammen. Ich werde ihnen auch sagen warum.
Diese Telekom ist und war immer mein Leben. Ich habe mein Berufsleben
hier begonnen und wollte es auch hier beenden. Ich habe gesehen, wie
aus der Post die Telekom und aus Teilnehmern Kunden wurden, aber
leider auch, wie aus unserer Firma, in der jeder für jeden da war,
ein Unternehmen geschaffen wurde, in dem jeder nur noch an sich denkt
(denken muss); wo jeder Unternehmensteil nur noch versucht, den
eigenen Bereich sauber zu halten und aus den anderen Teilen so viel
wie möglich abzuschöpfen, auch wenn dort viel größere Lücken gerissen
werden, als jemals wieder zu stopfen wären. Ich habe erlebt, wie aus
uns Mitarbeitern Humankapital wurde und wie wir alle nur noch als
Kostenfaktoren angesehen werden, von denen man sich – so schnell es
nur geht – trennen muss und will.
Sie und ihre Vorgänger jedoch geben sich im Vorstand die Klinke in
die Hand; sie kommen und gehen. Von Unternehmensbindung kann hier
wohl kaum die Rede sein.
Sie kommen, strukturieren um, und das mit einer Arroganz und
Selbstherrlichkeit, ohne auf warnende Hinweise zu hören, dass sich so
die Qualität und die Zuverlässigkeit nicht mehr halten lassen kann,
geschweige denn besser wird. Es kümmert sich auch niemand von ihnen
um die Folgen ihrer Entscheidungen. Sie ziehen mit vollgestopften
Taschen weiter, um im nächsten Unternehmen das Gleiche zu tun und sie
hinterlassen skrupellos einen immer größer werdenden Scherbenhaufen.
Wenn wir, die wir immer gute, kompetente und hochmotivierte Arbeit
geleistet haben, immer die Wünsche der Kunden zu erfüllen wussten und
wir lange Zeit das mit Abstand beste Kommunikationsunternehmen waren
und uns dann von ihnen sagen lassen sollen, dass wir zu schlecht, zu
teuer, nicht motiviert, faul und unproduktiv seien, dann steigt ob
dieser Unverschämtheit eine ungeahnte Wut in uns auf.
Doch als wenn es ihnen nicht reicht, uns so zu beleidigen, verbreiten
sie das auch noch in aller Öffentlichkeit und fügen so unserem
Ansehen und somit natürlich auch unserem Aktienkurs einen immensen
Schaden zu. Sie beschmutzen rücksichtslos das eigene Nest, nur um
kurzfristig ihre (oder wessen auch immer) Abbau- und
Auslagerungspläne durchsetzen zu können und von den Fehlern ihrer
Vorgänger abzulenken. Das ist eine Unglaublichkeit sondergleichen und
ein Vertrauensbruch, der durch nichts zu entschuldigen und wieder gut
zu machen ist.
Sie vermissen Respekt in diesem Brief? Wem gebührt denn Respekt? Uns
Mitarbeitern, die wir uns unser Leben lang für die Telekom und unsere
Kunden engagiert haben, die wir immer und immer wieder unser
Privatleben den Interessen der Telekom und der Kunden untergeordnet
haben und dies noch tun? Uns, die wir die Telekom zum besten,
kompetentesten, kundenfreundlichsten und leistungsfähigsten
Kommunikationsunternehmen gemacht haben?
Oder erwarten sie allen Ernstes Respekt dafür, was sie und ihre
Vorgänger uns und unserer Telekom angetan haben?
Sie und ihre Vorgänger haben uns im Laufe der letzten Jahre immer
mehr Fesseln angelegt, sie haben uns funktionierender Werkzeuge
beraubt und uns blind gemacht, indem sie uns Systeme aufgezwungen
haben, die nicht die Arbeit erleichtern, sondern nur die Kontrolle
verbessern, dafür aber massiv die Effektivität einschränken. Sie
haben die interne und die externe Kommunikation zerstört, indem sie
funktionierende Rufnummern und Hotlines rigoros abgeschaltet und
durch nicht funktionierende Sammelnummern und unsinnige
Überlaufkonzepte ersetzten, und sie haben so die interne und externe
Erreichbarkeit gegen Null gefahren. Sie haben massiv Wissen,
Kompetenz und Arbeitsplätze an Stellen vernichtet, wo das alles
unverzichtbar war, indem sie durch Umstrukturierung hochqualifizierte
Mitarbeiter in gänzlich neue und unbekannte Arbeitsbereiche oder nach
Vivento versetzt haben oder sie zum Vorruhestand, zur Altersteilzeit
oder einer Abfindung „überredet“ haben.
Ihre Vorvorgänger haben (natürlich wieder entgegen aller Warnungen
der Fachleute) durch die Schließung hunderter T-Punkte und den Abbau
tausender qualifizierter Mitarbeiter diese kompetenten Schnittstellen
zum Kunden vernichtet und unsere Kunden so in Scharen in die Arme
unserer Konkurrenz getrieben und jetzt rühmen sie sich mit der
Schaffung neuer T-Punkte und der Einstellung von ein paar Hundert
neuen Kräften, jetzt wo das Kind längst in den Brunnen gefallen ist,
wo wir viele Kunden längst verloren haben. Halten Sie uns wirklich
für so dumm, dass wir ihnen dafür Anerkennung zollen?
Es wurde weiter (mit der gewohnten Überheblichkeit und wieder gegen
alle Warnungen) an der Serviceannahme – der zweiten direkten
Schnittstelle zum Kunden – Personal in Größenordnungen abgebaut,
sodass die Abfragewerte auf die schlechtesten Werte sanken, die
jemals zu verzeichnen waren. Die billige Lösung war, unmotivierte und
unwissende externe Kräfte mit keinerlei Firmenbindung (!) an Stelle
der vorher gründlich „entfernten“ Kollegen zu setzen und sich dann
über das immer größer werdende Chaos und immer unzufriedenere Kunden
zu wundern.
Nun wollen sie mit dem Service auch noch die dritte direkte
Schnittstelle zu unseren, noch verbliebenen Kunden kastrieren, auch
hier wieder massiv Personal reduzieren und den Rest mit weniger
Gehalt und längeren Arbeitszeiten zu besserem Service motivieren.
Wo das hinführt, liegt wieder einmal auf der Hand, doch da in ihrer
Etage Entscheidungen grundsätzlich nie zurück genommen werden, selbst
wenn man weiß, dass man einen großen Fehler begeht, werden der
Service und die Leistungsfähigkeit ein weiteres Mal, mit dem schon
schrottreifen Wagen gegen die Wand gefahren. Auf die Einzelteile, die
sie dann hinterlassen, warten schon die Geier, die den dann noch
verbliebenen Mitarbeitern den Todesstoß versetzen! Aber das erleben
sie sicherlich nicht mehr hautnah, da sie dann schon auf dem Weg zur
nächsten Firma sind ...
Sie ziehen immer wieder gerne das „marktübliche Lohnniveau“ als
Vergleichsgröße heran und vergleichen uns mit meist ungelernten
Hilfskräften, mit Dilettanten, die weder diesen Beruf gelernt haben,
noch irgendeinen Bezug zur Telekom oder zu unseren Kunden haben. Mit
viel Glück sind das ehemalige Elektriker, uns sind aber auch schon
Rollrasenverleger (keine Lüge) und ähnliche „Spezialisten“ im HVt
begegnet.
Das ist, als wenn sie einen Mercedes besitzen möchten, bezüglich des
Preises aber einen Trabbi als Vergleich heranziehen und diesen auch
nur bezahlen wollen.
Wir würden lieber heute als morgen die Telekom wieder an die Spitze
bringen! Wir wissen auch, wie es geht und was verändert werden muss!
Wir sind für Veränderungen, die den Service und die
Kundenfreundlichkeit verbessern! Wir wissen, was die Kunden wollen
und wie wir es ihnen bieten können! Wenn sie es ernst meinen mit der
Forderung, wieder das beste Kommunikationsunternehmen zu sein, reden
sie mit uns! Ideen haben wir genug, Motivation auch! Wir kennen die
Kunden und die Firma und wir wissen, wo es knackt im Gebälk! Wir
wissen auch, wo viel zu viel Geld verschwendet wird, wo Personal
falsch eingesetzt wird und Wissen sinnlos verpufft oder Prozesse
angepasst werden müssten! Nehmen sie uns mit auf dem Weg zu einer
besseren Telekom! Nutzen sie unsere Ideen, unser Engagement, unsere
Bereitschaft für Veränderungen und unsere Flexibilität!
So lange ihre Zielvorgaben für Führungskräfte auf
Personalabbauzahlen, Entstörindex und schnelle Abfragewerte aufsetzen
und nicht auf Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, Generierung neuer
Geschäftsfelder (z.B. TK goes IT) und damit auf Steigerung der
Einnahmen und Sicherung der Arbeitsplätze, so lange wird es keinen
wirklichen Fortschritt bei uns geben und keine Chance, am Markt zu
bestehen.
Ich bin mir jedoch (leider) ziemlich sicher, dass das gar nicht ihr
Ziel ist, dass alle ihre schönen Sprüche nur Worthülsen sind, um die
Ausgliederung vorantreiben zu können und dass sie für sinnvolle
Vorschläge gar nicht offen sind, da sie die nächsten und übernächsten
Schritte schon in der Schublade haben und auch, dass sie niemals
einmal getroffene Entscheidungen überdenken oder gar rückgängig
machen wollen oder können.
Sie hören lieber auf externe Berater wie z.B. McKinsey, die nicht das
geringste Interesse an der Telekom haben und jeder Firma den
gleichen Mix aus Zerteilung und Personalabbau überstülpen und immer
wieder frustrierte und arbeitslose Mitarbeiter hinterlassen. Wenn das
also so ist, dann haben sie wenigstens den Mut, mit offenen Karten zu
spielen. Verkaufen sie uns nicht weiter für dumm und stehen
wenigstens, so lange sie noch unsere Firma leiten, in der
Öffentlichkeit hinter uns Beschäftigten, und treten sie bitte nicht
auch noch mit Füßen nach uns.
Als Vorstand und Führungsmannschaft dieses Unternehmens haben sie
nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Aktionären (der sie mit
ihren angekündigten, kontraproduktiven Maßnahmen auch nicht
nachkommen) sondern auch eine soziale Verantwortung uns Mitarbeitern
gegenüber! Wir Mitarbeiter sind das Unternehmen! Wir haben den
Zustand der Telekom nicht zu verantworten. Uns darf man nicht eiskalt
in den beruflichen, sozialen und finanziellen Abgrund treiben, dass
verbietet das soziale Gewissen! Ich befürchte aber, dass dieser
Appell bei ihnen und erst recht bei McKinsey verhallt.
Wundern sie sich aber nicht, wenn sie, nachdem sie das immer
schneller sinkende Schiff Telekom – wie ihre Vorgänger sicherlich mit
einer großzügigen Abfindung für ihre hervorragenden Verdienste für
die Telekom – verlassen haben, beim Blick in den Spiegel eine
Heuschrecke sehen.
Ich könnte noch lange so weiterschreiben, da mir noch viel am Herzen
liegt, doch ich möchte diesen Brief nicht mit bösen Worten beenden.
Deshalb biete ich ihnen zum Schluss noch einmal meine/unsere
Unterstützung bei der Bewältigung der vor uns liegenden
Herausforderungen an. Nutzen sie unsere Kompetenz und unseren
Überlebenswillen, um uns am Mark wieder zu etablieren, wir haben
daran ein weitaus größeres Interesse als sie, da auf uns keine neuen
Vorstands- oder Aufsichtsratsposten, sondern Existenz bedrohende
Niedriglöhne und/oder Arbeitslosigkeit warten.
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