Mittwoch, 6. August 2008
Nachtrag zu diesem Eintrag.

Ein sehr interessantes Zitat aus dem Kölner Stadtanzeiger. In dem Artikel, der unter der Überschrift "Justiz kapituliert vor Raubkopierern" läuft, wird u.a. dargelegt, dass die Entscheidung vieler Staatsanwaltschaften, Anzeigen der Musikindusttrie, bzw. durch deren Anwälte, nicht mehr zu bearbeiten, die Industrie vor Probleme stellt. Christine Ehlers von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) wärmt die Idee auf, dass die Provider in Zukunft den Datenverkehr ihrer Kunden überwachen sollen. Wenn sie den Download einer durch ein Copyright geschützten Datei feststellen, sollen sie eingreifen. Die Industrie verlangt von den Providern Polizist, Staatsanwalt und Richter zu sein. Vermutlich nur, weil man es (noch) nicht selber machen kann. Es gibt ja durchaus den Versuch den Gesetzgeber in die Richtung zu schubsen, dass auch privatwirtschaftliche Auskunftsgesuche von den Providern beantwortet werden müssen/sollen. Dabei sieht auch die GVU offenbar, dass man gegen illegale Downloads kaum etwas unternehmen kann.
„Die echten Kriminellen werden wir dadurch nicht erreichen, aber die Laien, die sich in der Anonymität des Internets bisher sicher gefühlt haben.“
Das macht dann auch deutlich, um was es einigen Firmen offenbar geht. Es geht nicht mehr um die Eindämmung, es geht nicht darum, gewerbsmäßige Downloader zu erwischen. Es geht um die kleinen Fische. Diejenigen, die über illegale Plattformen Musik unrechtmäßg veräußern, also ohne das Industrie und Künstler ihren Anteil bekommen, sind in den meisten Fällen sowioso nicht zu ermitteln. Der einzelne Torrent/Esel User allerdings schon. Und so liegt der Verdacht nahe, dass die Industrie "die Laien" als Teil der Einnahmepolitik betrachten. Wer zehntausende von Abmahnungen rausjagt, die alle mit einer Kostennote zwischen 200 und 1000 Euro verbunden sind, scheint damit zu verdienen. In Zeiten, in denen von Unternehmen nicht mehr nur jährliche, sondern Quartals-basierte Erfolgsmeldungen bei Umsatz und vor allem Gewinn erwartet werden, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Einnahmen aus kostenbewehrten Unterlassungserklärungen schon als unverzichtbarer Teil des Umsatzes gewertet wird.

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Dienstag, 5. August 2008
Wilmersdorf
Sie haben eine Oma abzugeben? In Wilmersdorf ist bestimmt noch eine Wohnung frei irgendwo. Da stirbt ja ständig wer, beispielsweise aus Langeweile.
Frédéric Valin über die Berliner Stadtteile, drüben auf der anderen, merkwürdigen Seite der Spree beim Spreeblick

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Montag, 4. August 2008
One Goal
Es gibt so Dinge, von denen man weiß, ganz, ganz sicher und tief im inneren weiß, dass sie falsch sind. Cola mit grünem Tee zum Beispiel. Man will es nicht gut finden, aber dann... irgendwo scheint es im Hirn Rezeptoren für schlechten Geschmack zu geben. Sie mögen beim ein oder anderen schwächer ausgeprägt sein, aber da sind sie doch. Und so kann ich mich nicht entscheiden, ob ich nachfolgendes Video nebst der Musik nun sehr, sehr schlecht finden soll, oder ob es so schlecht ist, dass es schon wieder gut ist, oder ob ich tatsächlich gut gemacht finde, so tief in mir drin, da wo, keiner hinschauen sollte.



Es handelt sich, dass muss ich mit der gebotenen Vorsicht sagen, wohl um ein internes Motivationsvideo von Mercedes, das bei You Tube aufgetaucht ist und neben dem üblichen "Wir fassen uns alle an die Hand und sind glücklich" Pathos Geschwurbel, insgesamt an einer schweren 80er Jahre Schmalzigkeit leidet. Immerhin, dass muss man dem Schreiber des Textes lassen, hat man es geschafft, in nur vier Minuten die gesamte restliche Automobilwelt zu beleidigen, inkl. Erwähnung der "Japs", was, wenn mich nicht alles täuscht, ein wenig politisch korrektes Wort für den Japaner an sich in den USA ist. Aufgefallen ist mir, neben der Musik, für die U2 und die Simple Minds eventuell mal Tantiemen einfordern könnten, dass es wohl zu Kernkompetenzen eines Mercedes Verkäufers gehört, den Wagen innig zu polieren. Und wichtig zu schauen.

So... und jetzt alle: "Oooooonnnne Goal...."

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Samstag, 2. August 2008
Ich mag übrigens auch gerne den “Kommissar” mit Erik Ode und bekomme dann glasige Augen, wenn die im VW Käfer und natürlich in schwarzweiß auf Gangsterjagd gehen. Daraus abzuleiten, das Fernsehen wieder schwarzweiß zu machen und den Sendeschluss neu aufzulegen, würde ich deswegen nicht kommen.
cjakubetz über die immer noch herrschende Realtitätverweigerung in manchen Verlagen.

Die kann ich auch bestätigen und zu meiner großen Überraschung fand ich diese Verweigerung häufig auch bei Journalistenschülern. Ob nun bei in der Axel-Springer-Akademie, wo ich mir mal zum Thema Online-Journalismus/Blogs den Mund fusselig geredet habe, oder bei den regelmäßigen Schulungen, die für die DAA mache - die Onlinekompetenz der meisten Leute, die sich für das Thema Journalismus interessieren, hält sich in sehr engen Grenzen. Auch und vor allem in Sachen Online-Recherche. Das Google eine Zwangsumleitung auf die deutschen Seiten ist den meisten noch bekannt, dass man die mit google.com/ncr umgehen kann schon nicht mehr.

Dazu kommt häufig eine ungeahnte Arroganz. Man sei schließlich Journalist und habe eine Ausbildung erhalten, um auswählen zu können, welche Nachrichten und in welcher Form man diese an die Leserschaft weitergibt. Eine Schüler meinte zu mir mal in großer Runde: "Die [gemeint sind die Leser] haben doch keine Ahnung. Denen muss man alles auf niedrigen Niveau erklären." Meinen Einwand, das Internet würde die oft einseitige und flache Berichterstattung allein dadurch verändern, weil die Leser mehr und bessere Informationen dort finden würden, wischte der Kollege mit dem Satz vom Tisch, dass die doch gar keine Zeit hätten, sich mit sowas zu beschäftigen.

Die neue ARD/ZDF Onlinestudie zeigt deutlich, wo die Reise hingeht. Dabei sind es nicht mal die Zahlen bei den 14 bis 20jährigen, die mich als Printmensch nervös machen würden. Dass dort über 90% mittlerweile online sind, ist wohl eher normal. Aber das bei den über 60jährigen, ich sag mal der Kernzielgruppe der Tageszeitungen, die Zahlen sich dramatisch verändert haben, sollte den Verlagen zu denken geben. 2000 waren gerade mal 4,4% online, 2008 sind es schon über 25%. Wenn die anfangen, ihre Informationen online zu suchen, dann dürfte das die Verlage erst recht schmerzen.

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Donnerstag, 31. Juli 2008
Tja, Musikindustrie
Wir in Berlin lehnen jedoch als eine der ersten Staatsanwaltschaften die Ermittlung der Person hinter einer IP-Adresse grundsätzlich ab. Seit Herbst 2007 fragen wir nicht mehr beim Provider nach, wenn uns die Musikindustrie eine Anzeige übermittelt, sondern stellen das Verfahren sofort ein.
Sagt eine Oberstaatsanwältin aus Berlin in der Süddeutschen und bestätigt eine Herangehensweise, die so auch schon von anderen Staatsanwaltschaften umgesetzt wird. Und offenbar suchen die Staatsanwälte da bundesweit den Schulterschluss und versuchen eine einheitliche Regelung zu finden. Ein Vorschlag lautet wohl, dass man erst eingreift, wenn die Musikindustrie, bzw, deren Anwälte nachweisen können, dass mehr als 100 Dateien angeboten, bzw. runtergeladen worden sind. Wíe sie das machen wollen, ist dann wieder eine andere Frage. Normalerweise schaffen sie es gerade eine oder zwei Dateien nachzuweisen.

Die wachsende Ablehnung der Staatsanwaltschaften in Deutschland gegenüber geringfügigen Copyright Verletzungen treibt die Industrie auch immer häufiger zu wirren Ausfällen. So geistert in Brüssel die Idee rum, dass die Provider den Datenstrom ihrer Kunden überwachen sollen und wenn eine Copyrightverletzung festgestellt wird, mögen sie die Daten an die jeweiligen Rechtsabteilungen übermitteln. Irgendwie könnte man das Gefühl bekommen, dass die Musikindustrie mit aller Macht an ihrem Geschäftsmodell festhalten möchte, selbst wenn das bedeutet, dass man grundlegende Bürgerrechte komplett über den Haufen wirft.

Nur mal zur Erinnernung - das Problem der Tauschbörsen ist seit 1999 bekannt, also bald zehn Jahre. In der Zeit ist der Musikindustrie nicht gelungen, einen eigenen, vernünftigen Onlineshop zu errichten. Das musste Apple 2001/2002 übernehmen. Aber selbst nach diesem Erfolg passierte nichts. Stattdessen versuchte man sogar, Itunes auszutrocknen, was kläglich gescheitert ist. Dazu die Katastrophe mit DRM verseuchten CDs, die sich teilweise nicht mal mehr in Autoradios abspielen ließen. Man hat so gut wie nichts unternommen, um den Kunden die Musik ins Haus zu liefern und man könnte, wenn man es böse meinen würde, angesichts der Zahlen in Sachen Abmahnungen fast auf die Idee kommen, die Industrie habe die Abmahnungen als erfolgreiches Geschäftsmodell entdeckt, auf dem man sich bequem ausruhen kann. Wie die Dame im Interview zu bedenken gibt, laden viele Menschen ein Musikstück auch runter, um mal zu hören, wie es ist. Wenn es nicht gefällt, wird es wieder gelöscht. Ob hinter dem Download eine vereitelter Kauf steht, kann nie bewiesen werden.

Aber das sind vermutlich nur letzte Zuckungen einer sterbenden Industrie. Wenn ich lese, dass Sony gerade mal 600 Millionen für die restlichen 50% an BMG Music auf den Tisch legen will, reicht mir das eigentlich. BMG hat einen riesigen Backkatalog, der alleine schon einiges Wert ist. Und nur mal so zum Vergleich. Microsoft hat letztes Jahr für gerade mal 1.6% Facebook Anteile immerhin 240 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt. Oder anderes Beispiel: für 500 Millionen Euro bekommt man gerade mal drei Jahre das Recht, die Bundesliga auszustrahlen. Das zeigt deutlich, auf welchem Platz die Musikindustrie in der Werteskala angekommen ist.

Immerhin: zu einer Sache taugt die Musikindustrie noch. Als schlechtes Beispiel hat sie die Film- und vor allem die TV Industrie gezwungen, etwas klüger zu sein.

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