Montag, 6. März 2006
Liebe Leser, wenn Sie nicht wissen wollen, wer beim Oscar was gewonnen hat, weil sie sich alles heute Abend ausgeschlafen ansehen wollen, lesen sie weiter, dann wissen Sie, ob es sich lohnt.

So - erste halbe Stunde Oscar. George Clooney bekommt einen für seine Nebenrolle in "Syriana", was ich angesichts des Themas (böse Ölkonzerne, korrupte Politiker, naher Osten, CIA etc) schon bemerkenswert finde. Ebenso bemerkenswert wie die totale Abwesenheit von Humor bei Jon Stewart. Das war die langweiligste, unkomischste Einleitung einer Oscarshow, die ich jemals gesehen habe. Offenbar hat man Stewart vorher eine 500seitige Unterlassungserklärung unterschreiben lassen, in dem alle nur denkbaren Witze verboten wurden. Dann kam Dolly Parton, deren Lippen offenbar proportional zu ihren Brüsten wachsen und hat gesungen. Ich geh jetzt kurz meine Katze suchen, die muss irgendwo unter dem Bett sein.

Wieder eine halbe Stunde vorbei, Jon Stewart wird ein bisschen lustiger, so ungefähr wie Heinz Rühmann, wenn er zwei Cognacs getrunken hat. Dabei fällt mir ein, dass die Frau Schwadroneuse immer zu mir sagt, dass ich einen "Heinz Rühmann Blick" habe, und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich damit beleidigen will, oder ob sie heimlich eine große Heinz Rühmann Filmkollektion zu Hause hat. Und ein Heinz Rühmann Poster über dem Bett.

Frances McDormand sieht dagegen aus wie Janis Joplin heute wohl aussehen würde, nachdem sie eine zwei drei meherererere Entziehungskuren hintern sich gebracht hatte.

Oh, Rachel Weisz gewinnt einen Oscar für die beste weibliche Nebenrolle. Und sie ist schwanger. Mit wem ist die eigentlich zusammen? Ich bekomme so was ja nie mit, weil ich so selten beim Friseur bin, bzw. der 10 Euro Friseur, zu dem ich immer gehen, nur die "Zitty" und das Schwulenmagazin "Siegessäule" hat. Dafür weiß ich, in welche Sauna man in Berlin gehen kann.

Lauren Bacall kommt auf die Bühne, was wirklich ein Erlebnis ist, wenn man bedenkt, dass diese Frau mal mit Humphrey Bogart verheiratet war. Was genau sie auf der Bühne macht oder ankündigen will, weiß ich aber auch nicht und für einen Moment hatte ich den Eindruck: sie auch nicht.

Wieder eine halbe Stunde rum. Das ist sehr zäh, dieses Jahr. Ebenso wie all die langweiligen Filmen, die nominiert sind. Ausgenommen natürlich "Good night and good luck", der faszinierend ist, und tatsächlich auch schon völlig unbemerkt in Deutschland läuft.

Guess what! Wieder eine halbe Stunde rum. Wieder nichts passiert. Außer das Selma Hayek aufgetreten ist, die ich nicht mehr leiden kann, seitdem es heißt, dass sie mit Penelope Cruz zusammen ist. Und außer der Tatsache, dass Steven Spielberg immer deprimierter schaut, weil er immer noch keinen Oscar für "München" oder "War of the worlds" bekommen hat. Aber er macht noch lange nicht das Gesicht, das Bill Murray vor ein paar Jahren gemacht hat, als er nicht den Oscar für "Lost in translation" bekommen hat.

Lebenswerk Oscar für Robert Altman, was angesichts seines Alters (81) auch ziemlich kurz vor knapp war. Er macht auch den Gag, den alle Lebenswerk Oscar Empfänger beim Empfang ihres Lebenswerk Oscar machen: "Als ich hörte, dass ich Lebenswerk Oscar bekomme, dachte ich, dass jetzt mit mir vorbei ist." Großes Gelächter. Aber gute Wahl, dieser Oscar. (M.A.S.H., Short Cuts, The Player, Kansas City, Gosford Park).

Bester ausländischer Film ist.... nicht Sophie Scholl, sondern irgendwas Ausländisches.

So, das ist jetzt der letzte Oscar, den ich mitnehme. Ich muss schließlich eine Katze ernähren und kann mir nicht die ganze Nacht um die Ohren schlagen.

Ah, beste männliche Hauptrolle. Muss die Katze eben hungern. Mein Favorit: Philip Seymour Hoffman für "Capote" obwohl ich es David Strathairn für "Good Night and Good Luck" auch gönnen würde. Und es wird.... Hoffman. Und nicht Heath Ledger für diesen Cowboy Film. Das ist ja mal ne gute Wahl. Ich verstehe diesen Film sowieso nicht. Wie ist das entstanden? Saßen da zwei Produzenten zusammen, die sich gedacht haben: "Wir müssen mal was völlig anderes machen. Vielleicht einen Weltraumfilm, in dem sich der Hauptdarsteller in einen große Affen von einem anderen Planeten verliebt? Oder eine Frau, die ein glibberiges außerirdischen Wesen in sich trägt das sie irgendwie liebt? Oder einen Western, mit zwei Schwulen?" Aber hey...da ist doch...

...John Travolta kommt auf die Bühne und sieht sehr gesund aus, im Gegensatz zu Tom Hanks vor zwei Stunden, der mich immer mehr an Elvis erinnert. Vielleicht haben die Scientologen sich mit dieser andern Sekte verbündet, die dauernd sagen, dass sie irgendwas klonen. Travolta gibt den gefühlten 27. Oscar an diesen Geisha Film für beste Kamera.

Und weiter geht’s mit dem Oscar für die beste weibliche Hauptrolle. Ich denke es wird Rees Witherspoon, trotz ihres komischen Namens. Und es wird... die Witherspoon. Weint sie? Ja. Nein. Oder? Nein. Doch jetzt ein wenig. Oder? Doch nicht. Keine zweite Gwynth Paltrow. Was haben Eltern eigentlich, dass sie ihren Kindern so komische Namen geben? Jetzt weint sie doch.

Woody Allen bekommt...keinen Oscar fürs Drehbuch. "Crash" bekommt ihn. Nicht gesehen. Woody Allen hat ja auch schon drei. Und der Lebenswerk Oscar kann bei seinem Alter auch keine 10 Jahre mehr weg sein.

Beste Regie... geht überraschenderweise an Ang Lee für "Brokeback Mountain". Ganz schön kurzer Weg von "Hulk" zu "Brokeback Mountain". Was heißt das eigentlich auf Deutsch, dieses "Brokeback Mountain"?

Bester Film des Jahres wird sicher auch "Brokeback Mountain" und nicht "Good Night and Good Luck", was ich ja mal mutig finden würde. Und natürlich habe ich... nicht recht. Es wird "Crash". Sagte ich, dass ich den noch nicht gesehen habe? Spielberg hat die Mundwinkel mittlerweile auf Höhe seines Bauchnabels.

Das war ganz schön zäh, dieses Jahr. Ob man Jon Stewart noch mal als Host für die Verleihung nehmen wird, wage ich mal zu bezweifeln. Auf der anderen Seite war er so zahm, dass er sich geradezu ausgezeichnet hat, es noch mal zu machen. Immerhin sind alle Oscars schön verteilt worden. Die politisch unkorrekten um Clooney haben ihren Oscar, die netten, harmlosen um Geisha und die guten Geschichtenerzähler um "Capote" auch. Das "Brokeback Mountain" nicht so viele Oscars gewonnen hat, wie man vorher noch vermutet hat, ist eine kleine interessante Geschichte. Aber so unfassbar revolutionär ist der Film nun auch nicht. Immerhin konnte "Midnight Cowboy" der das Cowboy Bild auf eine sehr abgewandelte Art aufnahm schon 1969 drei Oscars gewinnen. Damals war das Bild des Cowboys noch lange nicht so aufgebrochen, wie es heute auch dank etlicher Spätwestern von Clint Eastwood ist. Dass Spielberg mit "München" völlig leer ausgegangen ist, hat mich mehr überrascht, als die Tatsache, dass "Walk the line" nicht mehr Oscar gewinnen konnte.

Auf jeden Fall war es gut, dass "Good Night and Good Luck" wenigstens nominiert war. Das Clooney die McCarthy Ära und die damalige Hexenjagd auf echte und vermeintliche Kommunisten gerade in einer Zeit thematisiert, in dem die US Regierung mit dem "Patriot Act" die Blaupause für viele Regierungen schafft, um Bürgerrechte abzuschaffen und ganze Bevölkerungen unter den Generalverdacht stellt, ein Terrorist zu sein bis der Bürger dem Staat das Gegenteil beweist, ist wichtig. Der Film stellt eigentlich geschickt nur eine Frage: "Was ist eigentlich der Unterschied, zwischen den mittlerweile anerkannten Fehlern der McCarthy Zeit und heute?" Das der Film drei Nominierungen und "Syriana" am Ende einen Oscar bekommen hat, das man mit Robert Altman einen Mann ausgezeichnet hat, der sich politisch in seinen Filmen oft deutlich geäußert hat, ist ein schönes Zeichen, das Hollywood da setzt.

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